Und wie die Bäume ausschlagen…

Trieb2_red

1. Mai. Tag der Arbeit. Frei. Dann mal ein Hoch auf die Arbeit. Ich habe sie auf einer kleinen Wanderung durch die Landschaften der Umgebung gefeiert. Allein unterwegs. Viveka musste arbeiten. Herr Cooper war heute Morgen bereits familienintern anderweitig gebucht. Zu spät gekommen. Die Nacht war lang, in den Mai getanzt im Dorf unten. Zu Fuß durch die Nacht zurück.

Ei_red

Mittags habe ich mir dann die Kamera geschnappt und bin los. Fernab der Wege. Querfeldein. Über Wiesen, durch Wälder, ein kleines Stück an der Straße entlang. Ich musste feststellen: Wir haben zu wenige Bezeichnungen für all diese Grüntöne. Moosgrün, Grasgrün, Dunkelgrün, Hellgrün… Da war doch die Sache mit den Inuit, die 100 Bezeichnungen für Weißtöne haben sollen. Oder ist das ein Märchen?

Trieb3_red

Die Natur ist gerade so schön. Von den Bildern her für mich die schönste Zeit des Jahres. Alles so frisch, klar, prall, saftig, wachsend, sprießend, jung, optimistisch. Die Wiesen stehen hoch mit vollem Blatt. Jetzt schon. Bald kommt der erste Schnitt, dann ist es Aus mit den vom Löwenzahn gelb leuchtenden Wiesen. Viele Löwenzähne haben sich schon in Pusteblumen verwandelt, von denen ich heute einige weggepustet habe. All die kleinen Fallschirmspringer im Wind.

Trieb4_red

Und die tanzenden Schmetterlinge. Zitronenfalter, Pfauenaugen und so kleine weiße mit stylisch hübschen Flügelspitzen in Orange. Die lassen sich leider nicht fotografieren – fliegen einfach weiter.

Trieb5_red

Zwischendurch habe ich all diese hübschen, zarten Triebe fotografiert. War das schön. So viel Zeit zu haben. Kein Termin, der drängt. Einfach gehen, schweigen, schauen, knipsen. Kurz vor meinem Ziel, einer kleinen Ausflugs-Schankwirtschaft (eigentlich nur eine kleine Holzhütte), bin ich noch in ein Sumpfgebiet geraten, dass zudem von umgefallenen Bäumen schwer passierbar gemacht wurde. Klettern, schauen, wo man hin tritt. Auch wieder so viele Grüntöne. Sumpfgras, Moose.

Gras_red

Jetzt sitze ich auf meinem Bett, bin also nach einigen Stunden wohlbehalten zurückgekehrt, und warte auf einen Hamburger vom Grill, den mir Jim angeboten hat. Bin gespannt, ob er dran denkt. Machts gut, einen schönen Feiertag noch.

Austin_red

Mein neues Revier im Revier

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Maikäfertal. Das ist seit Jahren mein Heimatrevier. Herr Cooper und ich. Ab und an ein Reiter, einmal im Jahr ein Jäger, der Revieransprüche stellt, sein Wild vor mir und Herrn Cooper schützen will. Ansonsten: Jeden Tag anders. Wolken, Sonne, Schnee, Grüntöne, Brauntöne, Vogelstimmen, mal ein Storch, Rehe, kürzlich ein wunderschöner Feldhase, die Wiesen mal so, mal so. Immer im anderen Look. Ein Tal, 1.000 Gesichter. Jeden Tag neu, faszinierend.

Brücke_2_red

Brücke_3_red

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Und nun?

Essen. Wo einen das Leben so hintreibt. Die Woche zuvor hier. Viveka auf dem Lande. Eier suchen, Osterfeuer, Dorfleben. Diese Woche: Herr Schönlau in der großen Stadt. Fast. Essen Werden, Baldeneysee am Fuße der Villa Hügel. Am See entlang. „Hallo Fredo“. Ins Haus am See. Im Liegestuhl sitzen, in die Welt schauen, auf die Segelboote, die Villa, ein Schwatz mit Patrick über Gott und die Welt und Essen und Kultur und Liebesleben und. Anders, als das Maikäfertal. Anders aufregend. Menschen, Gespräche. Veränderung.

Brücke_red

Mit den Rädern um den See. Weite. Schauspiele. Vögel, Kormorane, Enten, Gänse, Reiher in Hülle und Fülle. Und sogar ein Feuchtgebiet mit Schildkröten. Schildkröten! Fehlten nur die Krokodile. Ab 18 Uhr kostenlos in die Gruga. Park, Blumen, Arrangements.

Waggon_red

Zugtür_red

Lok_red

Es ist ein Mindflug, eine Kopfreise zwischen den Welten. Hier, dort. Andere Umstände, Konstellationen. Bilder. Eine Bereicherung, keine Frage. Anders und irgendwie genauso schön. Viele Eindrücke. Bilder. Fotos. Stadt, Land, Liebe. Ein verrücktes Spiel.

Tulpen_red

Tulpen_2_red

Vom Mikrokosmos in die weite Welt

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Wie eine Metapher. Sonntag war ich in der weiten Welt draußen unterwegs, als ich auf einen wunderbaren Mikrokosmos traf. Die Sonne schien wieder, die Wolken zogen weiß und rund und schön am Himmel entlang. Weil in diesem Winter der Westwind vom Atlantik meist nach Norden abgezogen ist, hat er den Südwind hoch gezogen und uns angenehme, lauschige Temperaturen beschert – und viel Licht.

Borner 3_red

Ist das Wetter so, habe ich einen Lieblingshügel. Runter ins Tal, rauf auf die weiten Wiesen. Die schenkten mir ein intensives orangenes Licht, wie ich es dort bislang nicht gesehen habe. Das trockene Sommergras – oder ist es die Winterzwischensaat? – steht hoch. Und es reflektiert das Sonnenlicht Wüstenlicht mäßig. Ist jetzt wahrscheinlich deutlich übertrieben. Ich war noch nie in der Wüste, aber das war meine Assoziation.

Borner 1_red

Cooper schritt voran, bestimmte den Weg, ich ließ mich treiben. Bis zur Weggabelung, wo dieser Wegpfahl mit den Wanderzeichen steht. Ich nahm mir Zeit, hatte Zeit, sah ihn mir an, blickte hinein und konnte es nicht glauben. Ein Dschungel, ein Urwald, Indiana Jones in der grünen Hölle 32. Die Sonne verschwand, aber das Licht genügte. War so vielleicht besser, keine Ahnung. Ich drücke einfach immer nur ab und schaute, was da raus kam.

Borner 4_red

Ein kleiner Kosmos. Leben da unentdeckte Stämme? Und die Farben. Ich konnte kaum glauben, dass das Teil der oberbergischen Landschaft ist. Das sah so ganz anders aus als alles, was ich hier sonst so sehe. Das Kleine im Großen, die Welten, die sich vermischen. Hinschauen, entdecken. Und die Fantasie reisen lassen… Wüste, Weite, Dschungel. Das Leben, ein Film.

Borner 5_red

Borner 2_red

Nun, und zu all dem gibt es dann auch noch was auf die Ohren. Move! Zoe tanzt durch den Raum. Wir sitzen im Ofenzimmer, ich tippe, sie hört Musik per iPod, ich über Spotify, Ela hängt ab, Herr Cooper liegt in 2.000%-Entspannungspose an der kühlen Wand. Der Ofen heizt hier gerade extrem. Zoe mag T-Shirts und legt ständig Holz nach. Und ich sitze dummerweise noch in meinem Wollpulli hier. Wieso eigentlich? Ts.

Die feine Sache mit der guten Kunst – OSTRALE‘ 013

Sebastian Hempel, Rauminstallation, Tor 10
Sebastian Hempel, Rauminstallation, Tor 10

Kunst- und Dresdenwoche hier im Blog. OSTRALE’013.

Nachdem ich nun recht umfassend über DAVIDS Auftritt und die Stadt geschrieben habe, hier nun ein Blick auf die Ausstellung. Ich habe mir erlaubt, sechs Künstler/innen heraus zu picken. Denn die OSTRALE ist ein aus dem Boden gestampftes Museum für moderne Kunst, das 90 zeitgenössische, internationale Künstler/innen präsentiert – und das in einer Form, wie man sie sich nur wünschen kann. Mit viel Raum, Freundlichkeit, Lockerheit und einer sehr schönen Atmosphäre in beeindruckender Kulisse. Letztlich verantwortlich für all das zeichnet Andrea Hilger, die auch diese 7. Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste unter ihre Fittiche genommen hat. Auf dem Ausstellungsgelände ist sie omnipräsent und kümmert sich – zusammen mit den vielen anderen. Man spürt die Menschen, die hinter der OSTRALE stehen. Das tut der Kunst, dem Projekt gut.

Besucherlounge im OSTRALE Café
Besucherlounge im OSTRALE Café

Die Werke der OSTRALE‘ 013 hängen, stehen, liegen, leuchten, klingen, bewegen sich, lassen sich begehen in den Futterställen und Heuböden des von Hans Erlwein vor über hundert Jahren entworfenen Schlachthofgeländes. Das Schöne, das Gute: Fein ausgewählte Kunst trifft auf die atmenden Möglichkeiten der Improvisation. Nichts ist wie aus dem Ei gepellt. Keine Glasfassaden, kein Edelstahl, kein Parkettboden. Alles so, wie es mal war, als hier noch Tiere ihren letzten Weg gegangen sind. Das Überzeugende am Gelände und an den Bauten ist die Abwesenheit von gewollter Perfektion. Das gibt einen subversiven Rahmen vor, der Kunst authentisch präsentiert und ihr die Möglichkeit gibt, fernab von Hochglanz lebendig zu bleiben. Die OSTRALE ist angenehm weit weg von Investitionen, die zum Beispiel die Zeche Zollverein zu einem institutionalisierten, fixen Kunstraum machen. Mit allen umgesetzten, vermeintlichen Notwendigkeiten.

So, nun viel Spaß mit dem, was es zu sehen gibt und was ihr, wenn möglich, live erleben solltet. OSTRALE‘ 013.

Das Titelfoto oben zeigt eine Rauminstallation von Sebastian Hempel aus Leipzig. Metallfäden sind etwa einen halben Meter über dem Boden quer durch den Raum gespannt. Dazwischen sind Leuchtdioden angebracht, die den Raum in blaues Licht hüllen. Yves Klein. Als Sprachmensch kam mir die Assoziation The Big Blue, Luc Besson. Der Raum hat etwas von einem Hallenbad. Als könne man eintauchen, was letztlich auch möglich ist – im übertragenen Sinne. Sphärische Musik begleitet das Licht, nimmt es auf, verstärkt das Leuchten. Ein beeindruckendes Bild gleich zu Beginn der OSTRALE (Tor 10).

Sehr gut gefallen hat mir die Arbeit von Gunda Förster. MURMELN (2013). Sie hat Leuchtkästen mit Glaskugeln gefüllt, tarnsparenten und farbigen. Ein schönes Bild. Leuchtende Kindheit. Das Kribbeln in den Fingern, sie anfassen, die glatten, handschmeichelnden Oberflächen spüren, imaginieren. Sich nähern, die einzelnen Murmeln entdecken, den Lichtreflexionen nachgehen. Eine Arbeit, die lächeln lässt, berührt, umschmeichelt, die den Raum in der Anordnung der murmelgefüllten Leuchtkästen füllt.

MURMELN, 2013, Gunda Förster, Tor 5
MURMELN, 2013, Gunda Förster, Tor 5

Ein Tor weiter zeigt der Japaner Takehito Koganezawa GRAFFITI OF VELOCITY (2008). Lichtprojektionen schwirren durch den Raum. Man steht mittendrin und sucht Halt. Wohin schauen? Wie das Gesehene halten? Die Bilder ändern sich, der Raum ist voller Farben und Formen. Ein Lichtspektakel, das einlädt, auffordert. Sich im Raum zu bewegen, sich einzulassen, aufzunehmen.

Graffity of Velocity (2008), TakehitoKoganezawa, Tor 4
Graffity of Velocity (2008), TakehitoKoganezawa, Tor 4

Tor 6. Rocco Dubbini. Drei alte Kühlschränke. Die Türen leicht, verschämt geöffnet. Aus den Türspalten tritt grünes Licht, orangenes Licht. Wer hat vergessen, sie zu schließen? Was tritt aus? Was ist im Innern? Ein Kopf, im Kühlschrank mit dem grünen Licht. Ein Opferraum. Zu dritt stehen sie dort, die Türen voneinander abgewandt. Alt, rostig, wie vergessen im Keller. Altes Eisen, alte Zeiten. Und doch groß, heroisch, füllend. Die Raumkonstellation, das Verhältnis der Drei untereinander erzeugt Spannung. Die Inhalte erzählen die Geschichte.

Rocco Dubbini, Tor 6
Rocco Dubbini, Tor 6

AND AGAIN (2012) von Katrin Caspar. Fünf Slinkys. Diese faszinierenden Metallspiralen, die irgendwo zwischen Kinderspielzeug, Wohnzimmerdeko und Naturwissenschaftsphänomen rangieren. Dort stehen sie aufgereiht wie die Orgelpfeifen nebeneinander auf dem Betonboden, recken die Spiralen zur Decke und lauschen den Klängen der Lautsprecher. Kabel führen zu ihnen, die ein Gewirr auf den Boden zaubern. Kleine schwarze Plättchen am Ende, die irgendetwas mit den kleinen, filigranen Bewegungen der Slinkys zu tun haben. Sie tanzen. Schüchtern, zurückgenommen. In ihrer Bescheidenheit liegt ein menschlicher Zug. Unaufdringlich sind sie und doch magisch.

AND AGAIN (2012), Katrin Caspar, H2 Ost
AND AGAIN (2012), Katrin Caspar, H2 Ost

Und. Eine Arbeit, die ich mir mehrfach angesehen habe. Mit Anziehungskraft. Olaf Mooij, RELICS OF A BYGONE ERA (2010). Einmachgläser wider des Vergessens. Eingelegte Autos, Reifen, Räder. Wie Pfirsiche, Birnen, Möhren im Kellerregal. Einst werden wir uns erinnern… Zeit, Realität in Formaldehyd eingelegt. Alles sieht sehr schön aus, die Farben sind stimmig und doch verbindet sich im Gehirn die Kunst mit dem Erlebten. Embryo im Glas. Anfang. Ende. Es gibt viel zu sehen in diesem Kellerregal der Kuriositäten einer noch nicht vergangenen Zeit.

Relics of a bygone era (2010), Olaf Mooij, H1 West
Relics of a bygone era (2010), Olaf Mooij, H1 West