Braeburn

Lächelnd sah er sie an

prall rot und grün

Sie nahm ihn

biss hinein

Braeburn

saftig sauer und süß

Sie tänzelte auf leisen Sohlen

warf das Haar in den Nacken

streckte die Arme

tief in die Sonne

Komm

Komm wir sind frei

gehen hinaus

hinaus in die Welt

und leben

leben

Sein Lächeln

ließ ihn schweben

nun konnte er sein was er ist

ein Mann draußen

Hand in Hand

gingen sie

und froh und

sie flüsterte

frei Adam

endlich frei

jens schönlau, februar 2006

Beste Freundinnen, forever!

Zoe hatte gestern Besuch. Eine Freundin aus ihrer Klasse, die über Nacht blieb. Bei den Kindern heute eine Selbstverständlichkeit, die mir sehr gut gefällt. Da sitzen plötzlich kleine, sehr selbstbewusste Wesen am Tisch und sagen „Gib mir mal bitte die Butter“ – in völliger Klarheit, kein wenig eingeschüchtert, sondern direkt und ohne ein Wanken. Hut ab. Übrigens: Zoe ist meine Tochter. Elf Jahre alt, reitet, spielt Klavier, besucht eine Waldorfschule und lacht ziemlich viel und laut. Ihr Bruder Jim meinte mal, die stamme aus dem Lachkatalog.

Nun ist es so, dass die Kinder unserer Schule von der ersten bis zur letzten Klasse zusammen bleiben. Kein Wechsel nach der fünften oder zehnten Klasse. Zoe kennt ihre Freundin nun also seit fünf Jahren, quasi von klein auf. Und so verhalten sich die beiden auch. Gestern hatten sie keine Hausaufgaben auf und sind nach dem Essen – nur Kartoffeln und Möhren mit Ketchup – direkt in Zoes Zimmer verschwunden. Dann hörte ich nur noch Popmusik und Gekicher und Gerede. Ah! So ist das! Jetzt wo ich zuschaue, wie meine Tochter groß und größer wird, da verstehe ich einiges – besser. Das ist weiblich. In die Wiege gelegt. Eine ganz andere Art von Freundschaft als bei uns Männern. Wenn Jims bester Freund da ist, hängen die beiden ab. Versuchen mir Internetzeit abzutrotzen oder Rechnerzeit, um mit Garageband Musik zu erzeugen oder mit Elas Apple Videos zu schneiden.

Ganz anders Zoe & Co. Die beiden haben sich gestern auf den Weg in den Supermarkt gemacht, um Taschengeld in Sweets umzusetzen. Dabei sind sie in einen ziemlichen Platzregen gekommen, weshalb ich sie mit dem Auto aus dem Supermarkt abgeholt habe – zwei klitschnasse kichernde Mädchen mit jede Menge Süßigkeiten. Tütenweise, um sich den Nachmittag zu versüßen. Zurück ins Zimmer, Musik an, Gekicher, Gerede, Gelache. Schön.

Abends wollten sie dann eine Gutenacht-Geschichte von mir. Ich war gerade bis zur Einleitung gekommen, in der ein Junge in der Mühle seiner Eltern eine Art Tür im Keller fand, die… Da waren sie auch schon weg. Seelig entschlummert, mit einem Lächeln im Gesicht. Freundschaft tut gut. Beim Frühstück um halb Sieben saßen sie dann mit ihren Socken auf der Bank in der Küche und sahen mit ihren Tassen in den Händen so aus, als wären sie ganz alte Feundinnen beim gemeinsamen Kaffee. Ein schönes Bild. Leider hätten wir dann fast den Bus verpasst, weil der Aufenthalt im Bad etwas länger dauerte – „Wir müssen uns aber noch kämmen!!!“. Schon klar, aber der Bus fährt um 50, gekämmt oder nicht. Hat ja geklappt. Aber es scheint Dinge zu geben, die sind einfach so. Klischees, die sich erfüllen. Kleine Gesten wie das leichte Zurückwerfen der Haare mit einem sanften Fingerwurf. Mädchen. Schmunzel. Schön.

So Ihr Lieben, jetzt aber mal los hier. Bin spät dran, weil ich mit Ela joggen war. Sie hat heute die Führung übernommen und war Coopers Alphatier – es ist im Fifty-fifty-Modus nicht alles rechts-links, männlich-weiblich festgelegt. Es gibt die wunderbaren Schattierungen und Möglichkeiten der eigenen Entscheidungen. Alles lässt sich so oder so leben. Ich wünsche euch mal, dass ihr euren heutigen Tag genau so lebt, wie ihr es braucht und wie er zu euch passt. Viel Spaß dabei. Jens.

Heinrich, der Gärtner

Heinrich war nicht groß, er war eher ein kleiner Mann. In der Erinnerung sehe ich ihn im abgewetzten Anzug mit kurz geschorenen Haaren. Er ist 1904 geboren und lebt leider nicht mehr. Heinrich ist mein Großvater. Mein Opa mütterlicherseits. Heute Morgen habe ich mit ihm die Autobahnausfahrt verpasst und musste einen Umweg von 25 Kilometern fahren. Manchmal bin ich so in Gedanken, so verstrahlt, dass die Welt draußen von mir unberührt vorbei fliegt.

In der Schule musste ich uns in Listen für den Elternsprechtag Ende des Monats eintragen. Dadurch konnten wir länger schlafen, weil ich die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht habe. Diese Woche bin ich dran mit Kinderdienst am Morgen. An solchen Tagen ist dann von Anfang an alles anders, was sich scheinbar auch in meinem Denken niederschlägt. Ich sollte morgens keine Zeit alleine auf der Autobahn verbringen. War es das Licht? Der Nebel am Horizont im Osten, durch den die Morgensonne hindurch lugte? Ich weiß es nicht. Da saß er irgendwie neben mir und ich war in einer Szene Anfang der achtziger Jahre. Ich war in den Sommerferien zu Besuch in der Gärtnerei meiner Großeltern. Opa saß im Rollstuhl vor dem Gewächshaus (wegen diese Gewächshauses liebe ich Goethes Satz aus Torquato Tasso – Der Gärtner deckt getrost das Glashaus der Orangen und Zitronen zu), ich saß auf der Treppe vor der alten braunen Holztür mit abgewetztem Eisengriff.

Er erzählte, was selten vorkam. Opa und Enkel im Gespräch. Er war ein offener und gleichzeitig introvertierter Mann. Die Morgenstunden verbrachte er in der Natur an seinem Karpfenteich, zu dem er zwei Kilometer lief. Er lief – vor der Arbeit, die um sechs Uhr begann. Ein fleißiger Gärtner, einer, der eine große Gärtnerei nach einem Gartenbaustudium in Berlin aufgebaut hat. Er erzählte vom Krieg. Er ist zum Ende hin eingezogen worden als Flakhelfer vor den Toren Kölns, um die Bombardements der Stadt abzuwehren. Meine Mutter schreibt gerade über ihre Ängste aus jener Zeit, als sie in den Keller musste und als sie ihren Vater im Krieg besuchte. Hier im Dorf haben mir die Menschen erzählt, dass der Feuerschein des brenenden Kölns 1944 bis hierher zu sehen war.

Er erzählte ruhig und es ging nicht um Schrecken. Er war sehr feinfühlig, wenn er gegenüber seinen Söhnen auch ziemlich aufbrausend sein konnte. Mir hat er von seiner Zeit in der Gefangenschaft berichtet, als er in Andernach auf den Rheinwiesen lag. Er spielte Fußball gegen ein Team der Alliierten, obwohl er nicht Fußballspielen konnte und es eigentlich auch nicht mochte. Dann kam ein Tag, an dem Männer entlassen wurden. Alle drängelten, er stand abseits und ließ das Schicksal gewähren. Ein Soldat, ein Engländer oder Amerikaner, zeigte auf ihn und ließ ihn gehen. Mein Opa lächelte, als er das sagte. Er hatte ein sehr sympathisches Schmunzeln, das ich bis heute liebe und schätze.

Als ich so mit ihm in Gedanken in Kriegs- und Nachkriegszeiten unterwegs war, sah ich plötzlich die übernächste Autobahnausfahrt. Wie bin da hingekommen? Tempo 150 und plötzliche Rückkehr ins Jetzt. Natürlich mit offenen Augen. 15 Kilometer Autobahn nicht mitbekommen. Im Radio lief der aktuelle Song der Kings of Leon, die nächste Woche ihre neue Platte rausbringen. Da war Heinrich plötzlich weg, verschwunden aus dem Auto, aber mir immernoch ganz nah. Manche Erinnerungen sind lebendiger als das Leben. Merkwürdig. Wie gerne würde ich noch einmal neben ihm sitzen, auf der Treppe vor dem Gewächshaus, die alte Holztür im Rücken und Geschichten hören aus unvorstellbaren Zeiten.

Mir ist gerade warm ums Herz, ich bin mal wieder sentimental. Ts, ts. Aus, Brauner. Ich hoffe, das ist euch nicht zu persönlich. Egal. Was solls? Steht jetzt geschrieben und ist so. Ich wünsche euch einen klaren Tag und dass ihr eure Abfahrten nicht verpasst… Da versuche ich immer, im Moment zu leben, und dann reißt es mich weg in ferne Zeiten und Welten. Kann mir mal jemand einen Anker schenken, den ich in die Erde werfen kann? Liebe Grüße, einen schönen Tag und gute Momente im Realen. Jens.

Wiege der Welt

Ganz unten drin

in der Tiefe

steht die Wiege

des Meeres

der Welt

Niemand hat

sie gesehen

berührt gar

Kein Jaques-Yves

Vasco da Gama

Robby Naish

Wer weiß schon

was ist

da unten

jens schönlau, september 2010

AKROPOLIS AIRPLANE FRANZ

Franz schrieb ihr jeden Tag und sie schrieb zurück und

übersetzte seine Texte um sie in Zeitungen zu veröffentlichen

worüber er sich sicherlich maßlos gefreut hat weil es

seine Welt innen doch zu geben schien und sogar gedruckt auf

rarem Papier eine Wichtigkeit sein und sie hat sich

seiner angenommen hat ihm zurückgeschrieben ihn berührt

in Briefen gestreichelt liebkost die Hand gehalten auf

seine kranke Brust das Husten das Blut aus der Lunge

sein Denken die Angst und kein Schrei war zu hören ein

Freund sagte dem hats zerrissen das Innere – implodiert

und so am Leben gehangen am Lebendigen, Wachsenden wenn

alles kreucht und fleucht sein Hang seine Leidenschaft im

Garten zu arbeiten in der Erde wühlen und die tote

Amsel in das Erdbett legen während der Kur in Meran während

dem Kampf um das eigene Leben – Liege in Athen im Hotel

am Rande der Altstadt am Fuße der Akropolis genieße die

kalte Luft der Klimaanlage während sich die Schichten

des Vergangenen vermischen durchkreuzen verflechten in meinem

Kopf einer Maschine eines toten Apparates das Fremde in

der Geschichte Vergangenheit. Er hat Milena geliebt und

ich liebe M. und er hatte Angst und ich von nichts eine

Ahnung was da passiert um mich herum dieser Lärm draußen

auf der Straße Olivenölverkäufer und Jeanshändler und die

unfassbaren Steine Mykene Olympia der Weg in die Stadt

auf den Berg in der Abenddämmerung heißt es closed zu

spät kein Einlass und am Morgen geht der Flieger und ich

mit ihm nach Frankfurt Deutschland das Land dessen

Zeitungen ich las am Strand auf den Betten in Sorge und

in Gier nach den grausamen Schlagzeilen brennender

Menschen der Sommer zu Hause war ruhig ich denke vielleicht

nur des Regens wegen denn was oder wer soll sie bewegen

damit aufzuhören. Und wieder ist es Geschichte

zurückgelassene Säulen aus Qualm und ich sah die Tempel

der Stadt nur von Weitem vom Zaun aus der

nur Ecken des Tempels der Nike und nur den Giebel

halbierte Säulen des Pantheon mich sehen ließ um mich

zur Rückkehr zu zwingen der verpassten Gelegenheit

wegen der verschlafene Nachmittag im Hotel nach der

Reise und dem Blick auf das Gold der Mykener von einem

Deutschen aus dem Damals herausgegeraben um letztlich

an der Kruste der Griechen zu kratzen die nun Krämer

und Händler sind im Dienste der abertausenden kleinen

Forscher die sich ihr eigenes Bild Geschichte machen vor

Ort wozu sie die Augen und Münder weit aufreißen so wie

es mir Augen und Mund und alle Poren aufreißt durch die

Zeiten zu fliegen vom Vollmond über dem Pantheon mittels

Airline in den Schnellzug da fliegen die Zeitfetzen bis

zur Notbremsung über Lautsprecher wird von Betriebsstörung

gesprochen im nächsten Bahnhof steigen wir aus und der

Zugführer auch der Vollmond trieb die Frau vor den Zug

wir rollten über sie hinweg im Speisewagen über ihr

Innerstes hinweg als sei sie Franz

jens schönlau, august 1993