Landschaft innen

Kraft
in Unsicherheit

Schwebendes Glück
im Dunkel
Atemlosigkeit
auf dem Weg

Hände
vorsichtig
flirrende Sinne
Gänsehaut

Nicht genug
Wörter

Alleingelassene
Gedanken

Drehen, drehen
fallen
fühlen
stillstehn

Fülle
Fülle
so weit

jens schönlau, september 2010

Tanz im Hochregallager und Fifty-fifty-Weekend

Das Wochenende begann mit dem Blick in den IKEA-Katalog. Ela blätterte Freitagabend darin und ganz so, wie der Katalog das will, entstand in ihrem Kopf eine Einrichtungslösung für unseren Flur. Dort steht das Telefon auf einem weißen Kasten mit Schiebedeckel. Dahinter ist eine weiße Wand, die durch das Anlehnen während des Telefonierens schon seit geraumer Zeit nicht mehr weiß ist. Kommt man in die Wohnung rein, fällt der Blick genau dort hin.

Ein weiteres Problem dieses Flures ist seine Kargheit. Wir richten sehr spartanisch ein, weil wir wenig Zeugs rumstehen haben wollen. Viele fragen, wo unsere Sachen sind (Ganz ehrlich? Auf dem Speicher!). Nun hatte Ela am Freitag in besagtem schwedischen Möbelhaus (bei der WM 2006 sangen die deutschen Fans im Spiel gegen Schweden provokativ „Ihr seid nur ein Möbellieferant!“) eine Magnettafel in weiß entdeckt. Format 77 x 37. Daran lassen sich beispielsweise Familienfotos und andere Farbtupfer magnetisch befestigen. Wir haben uns auf den Weg gemacht – nach Siegen. Denn gleichzeitig waren da noch neue Vorhänge für unser „Paradezimmer“ im Katalog. Wir haben uns vorgenommen: Nur die Sachen und dann ist gut!

Im Möbelhaus kam natürlich fast alles anders. Die Vorhänge (solche zum Schieben in einer Aluleiste) hatten die falsche Farbe und für Zoes Zimmer tauchte plötzlich eine Lösung für ihre neue Musikanlage auf. O.K. Dann fanden doch noch, neben den Magnettafeln, wieder ein paar Kleinigkeiten den Weg in den Korb. Naja. Als wir unten ins Hochregallager kamen, brauchten wir einen Wagen für Zoes neues Regal. Regal drauf, Zoe drauf und los. Im Hintergrund spielte ein netter Popsong und Zoe und ich tanzten mit dem Wagen durch die hohen Gassen (da war doch was mit Wilhelm Tell: Durch diese hohle Gasse…). Als ich den Wagen nach einer eleganten Drehung gerade in Fred Astaire-Manier losließ und die Hände nach oben warf, war Ela deutlich zur Seite getreten (die gehören nicht zu mir) und einige andere Besucher/innen starrten uns an. Sie haben wirklich gestarrt. Ich musste dann schnell den rollenden Wagen samt Zoe und Regal vor dem Einschlag in einen Kartonstapel retten. Is noch Mal gut gegangen. Wir haben und ein wenig gehen lassen.

Sonntag war großer Montagetag, nachdem Ela und ich am Samstag rund fünf Raummeter Holz auf Ofenlänge gesägt und in den Keller transportiert haben. Ela an de Kreissäge, ich an der Schubkarre. Fifty-fifty. Sonntagmorgen hat mich Zoe mit Krach in ihrem Zimmer geweckt. Sie hat ihr Regal mit Inbusschlüssel montiert. Ela hat sich dem Flur angenommen und ihn weiß gestrichen, währen Jim und ich Ravioli mit Pfifferlings-Parmesan-Füllung hergestellt haben. Die Pfifferlinge hatte ich morgens im Wald gesammelt. Während Jim die Füllung zubereitet hat, habe ich den Teig gefertigt und die Nudelmaschine aufgebaut. Nach dem Essen war der Flur getrocknet und Jim und ich haben die Magnettafeln angebracht. Ein kulinarisch, brennholz- und einrichtungstechnisch äußerst erfolgreiches Wochenende. Und über die kleine IKEA-Showeinlage werden Zoe und ich wohl noch länger gemeinsam schmunzeln. Hi.

Ich wünsche euch eine konstruktive Woche mit guten Erlebnissen. Viel Spaß und Freude. Jens.

Braeburn

Lächelnd sah er sie an

prall rot und grün

Sie nahm ihn

biss hinein

Braeburn

saftig sauer und süß

Sie tänzelte auf leisen Sohlen

warf das Haar in den Nacken

streckte die Arme

tief in die Sonne

Komm

Komm wir sind frei

gehen hinaus

hinaus in die Welt

und leben

leben

Sein Lächeln

ließ ihn schweben

nun konnte er sein was er ist

ein Mann draußen

Hand in Hand

gingen sie

und froh und

sie flüsterte

frei Adam

endlich frei

jens schönlau, februar 2006

Beste Freundinnen, forever!

Zoe hatte gestern Besuch. Eine Freundin aus ihrer Klasse, die über Nacht blieb. Bei den Kindern heute eine Selbstverständlichkeit, die mir sehr gut gefällt. Da sitzen plötzlich kleine, sehr selbstbewusste Wesen am Tisch und sagen „Gib mir mal bitte die Butter“ – in völliger Klarheit, kein wenig eingeschüchtert, sondern direkt und ohne ein Wanken. Hut ab. Übrigens: Zoe ist meine Tochter. Elf Jahre alt, reitet, spielt Klavier, besucht eine Waldorfschule und lacht ziemlich viel und laut. Ihr Bruder Jim meinte mal, die stamme aus dem Lachkatalog.

Nun ist es so, dass die Kinder unserer Schule von der ersten bis zur letzten Klasse zusammen bleiben. Kein Wechsel nach der fünften oder zehnten Klasse. Zoe kennt ihre Freundin nun also seit fünf Jahren, quasi von klein auf. Und so verhalten sich die beiden auch. Gestern hatten sie keine Hausaufgaben auf und sind nach dem Essen – nur Kartoffeln und Möhren mit Ketchup – direkt in Zoes Zimmer verschwunden. Dann hörte ich nur noch Popmusik und Gekicher und Gerede. Ah! So ist das! Jetzt wo ich zuschaue, wie meine Tochter groß und größer wird, da verstehe ich einiges – besser. Das ist weiblich. In die Wiege gelegt. Eine ganz andere Art von Freundschaft als bei uns Männern. Wenn Jims bester Freund da ist, hängen die beiden ab. Versuchen mir Internetzeit abzutrotzen oder Rechnerzeit, um mit Garageband Musik zu erzeugen oder mit Elas Apple Videos zu schneiden.

Ganz anders Zoe & Co. Die beiden haben sich gestern auf den Weg in den Supermarkt gemacht, um Taschengeld in Sweets umzusetzen. Dabei sind sie in einen ziemlichen Platzregen gekommen, weshalb ich sie mit dem Auto aus dem Supermarkt abgeholt habe – zwei klitschnasse kichernde Mädchen mit jede Menge Süßigkeiten. Tütenweise, um sich den Nachmittag zu versüßen. Zurück ins Zimmer, Musik an, Gekicher, Gerede, Gelache. Schön.

Abends wollten sie dann eine Gutenacht-Geschichte von mir. Ich war gerade bis zur Einleitung gekommen, in der ein Junge in der Mühle seiner Eltern eine Art Tür im Keller fand, die… Da waren sie auch schon weg. Seelig entschlummert, mit einem Lächeln im Gesicht. Freundschaft tut gut. Beim Frühstück um halb Sieben saßen sie dann mit ihren Socken auf der Bank in der Küche und sahen mit ihren Tassen in den Händen so aus, als wären sie ganz alte Feundinnen beim gemeinsamen Kaffee. Ein schönes Bild. Leider hätten wir dann fast den Bus verpasst, weil der Aufenthalt im Bad etwas länger dauerte – „Wir müssen uns aber noch kämmen!!!“. Schon klar, aber der Bus fährt um 50, gekämmt oder nicht. Hat ja geklappt. Aber es scheint Dinge zu geben, die sind einfach so. Klischees, die sich erfüllen. Kleine Gesten wie das leichte Zurückwerfen der Haare mit einem sanften Fingerwurf. Mädchen. Schmunzel. Schön.

So Ihr Lieben, jetzt aber mal los hier. Bin spät dran, weil ich mit Ela joggen war. Sie hat heute die Führung übernommen und war Coopers Alphatier – es ist im Fifty-fifty-Modus nicht alles rechts-links, männlich-weiblich festgelegt. Es gibt die wunderbaren Schattierungen und Möglichkeiten der eigenen Entscheidungen. Alles lässt sich so oder so leben. Ich wünsche euch mal, dass ihr euren heutigen Tag genau so lebt, wie ihr es braucht und wie er zu euch passt. Viel Spaß dabei. Jens.

Heinrich, der Gärtner

Heinrich war nicht groß, er war eher ein kleiner Mann. In der Erinnerung sehe ich ihn im abgewetzten Anzug mit kurz geschorenen Haaren. Er ist 1904 geboren und lebt leider nicht mehr. Heinrich ist mein Großvater. Mein Opa mütterlicherseits. Heute Morgen habe ich mit ihm die Autobahnausfahrt verpasst und musste einen Umweg von 25 Kilometern fahren. Manchmal bin ich so in Gedanken, so verstrahlt, dass die Welt draußen von mir unberührt vorbei fliegt.

In der Schule musste ich uns in Listen für den Elternsprechtag Ende des Monats eintragen. Dadurch konnten wir länger schlafen, weil ich die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht habe. Diese Woche bin ich dran mit Kinderdienst am Morgen. An solchen Tagen ist dann von Anfang an alles anders, was sich scheinbar auch in meinem Denken niederschlägt. Ich sollte morgens keine Zeit alleine auf der Autobahn verbringen. War es das Licht? Der Nebel am Horizont im Osten, durch den die Morgensonne hindurch lugte? Ich weiß es nicht. Da saß er irgendwie neben mir und ich war in einer Szene Anfang der achtziger Jahre. Ich war in den Sommerferien zu Besuch in der Gärtnerei meiner Großeltern. Opa saß im Rollstuhl vor dem Gewächshaus (wegen diese Gewächshauses liebe ich Goethes Satz aus Torquato Tasso – Der Gärtner deckt getrost das Glashaus der Orangen und Zitronen zu), ich saß auf der Treppe vor der alten braunen Holztür mit abgewetztem Eisengriff.

Er erzählte, was selten vorkam. Opa und Enkel im Gespräch. Er war ein offener und gleichzeitig introvertierter Mann. Die Morgenstunden verbrachte er in der Natur an seinem Karpfenteich, zu dem er zwei Kilometer lief. Er lief – vor der Arbeit, die um sechs Uhr begann. Ein fleißiger Gärtner, einer, der eine große Gärtnerei nach einem Gartenbaustudium in Berlin aufgebaut hat. Er erzählte vom Krieg. Er ist zum Ende hin eingezogen worden als Flakhelfer vor den Toren Kölns, um die Bombardements der Stadt abzuwehren. Meine Mutter schreibt gerade über ihre Ängste aus jener Zeit, als sie in den Keller musste und als sie ihren Vater im Krieg besuchte. Hier im Dorf haben mir die Menschen erzählt, dass der Feuerschein des brenenden Kölns 1944 bis hierher zu sehen war.

Er erzählte ruhig und es ging nicht um Schrecken. Er war sehr feinfühlig, wenn er gegenüber seinen Söhnen auch ziemlich aufbrausend sein konnte. Mir hat er von seiner Zeit in der Gefangenschaft berichtet, als er in Andernach auf den Rheinwiesen lag. Er spielte Fußball gegen ein Team der Alliierten, obwohl er nicht Fußballspielen konnte und es eigentlich auch nicht mochte. Dann kam ein Tag, an dem Männer entlassen wurden. Alle drängelten, er stand abseits und ließ das Schicksal gewähren. Ein Soldat, ein Engländer oder Amerikaner, zeigte auf ihn und ließ ihn gehen. Mein Opa lächelte, als er das sagte. Er hatte ein sehr sympathisches Schmunzeln, das ich bis heute liebe und schätze.

Als ich so mit ihm in Gedanken in Kriegs- und Nachkriegszeiten unterwegs war, sah ich plötzlich die übernächste Autobahnausfahrt. Wie bin da hingekommen? Tempo 150 und plötzliche Rückkehr ins Jetzt. Natürlich mit offenen Augen. 15 Kilometer Autobahn nicht mitbekommen. Im Radio lief der aktuelle Song der Kings of Leon, die nächste Woche ihre neue Platte rausbringen. Da war Heinrich plötzlich weg, verschwunden aus dem Auto, aber mir immernoch ganz nah. Manche Erinnerungen sind lebendiger als das Leben. Merkwürdig. Wie gerne würde ich noch einmal neben ihm sitzen, auf der Treppe vor dem Gewächshaus, die alte Holztür im Rücken und Geschichten hören aus unvorstellbaren Zeiten.

Mir ist gerade warm ums Herz, ich bin mal wieder sentimental. Ts, ts. Aus, Brauner. Ich hoffe, das ist euch nicht zu persönlich. Egal. Was solls? Steht jetzt geschrieben und ist so. Ich wünsche euch einen klaren Tag und dass ihr eure Abfahrten nicht verpasst… Da versuche ich immer, im Moment zu leben, und dann reißt es mich weg in ferne Zeiten und Welten. Kann mir mal jemand einen Anker schenken, den ich in die Erde werfen kann? Liebe Grüße, einen schönen Tag und gute Momente im Realen. Jens.