P-, P-, Party und Zeche!

Partys mit Mitte vierzig? Hm. Sind das noch Partys oder schon Gesprächsrunden mit gutem Essen und leckerem Wein? Ela und ich waren am Freitag auf die Party einer Freundin in einem Nachbardorf eingeladen. Auf der Terrasse direkt vor der Küche stand ein großes Zelt mit Tischen und Heizstrahlern, das „Wohnzimmer“ war ausgeräumt und mit einer fetten Musikanlage ausgestattet. Tanzen. Wie tanzt man mit Mitte vierzig?

Ein Freund erzählte kürzlich, dass er auf einem runden Geburtstag war, wo sich zuletzt unser Alter mit wirklich jungen Menschen auf der Tanzfläche traf. Er meinte nur: „Welten!“ Ich erinnere mich an die achtziger Jahre und die verschiedenen Diskotheken, in denen wir unterwegs waren. Eine feste Clique aus dem Internat, die sich am Wochenende irgendwo zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz traf. Da gab es die Popper-Discos, in denen möglichst lässig und cool getanzt wurde und die Ökoläden, in denen es mehr auf Ausdruck und Innerlichkeit ankam. Es war manchmal komisch, wenn man das Gefühl hatte, in so einen Laden nicht reinzupassen.

Am Freitag haben wir reingepasst. Tatsächlich gab es das leckere Essen und den guten Wein. Und es gab die Party auf der Tanzfläche. Erst spät, aber dann war es doppelt gut. Zuletzt hatten Ela und ich die Tanzfläche für uns allein. Es war zwei Uhr und wir konnten unsere Songs auswählen und auch als Paar tanzen. Das haben wir vor zwei Jahren in einem Kurs gelernt. Wir hatten beide nie einen Tanzkurs besucht – das war damals spießig. Heute ist es einfach toll. Mal auseinander tanzen, mal gemeinsam. Rumba, Chachacha. Hätte ich nie gedacht, dass mir das mal Spaß macht. Heute ist es so. Und mit Ela in die Nacht zu tanzen, dass war schon ziemlich gut. Ah. Party mit Mitte vierzig? Wie immer: Kommt drauf an, was man draus macht.

Zeche? Wir haben als Paar das Wochenende gestartet und als Familie beendet. Gestern waren wir alle zusammen in Essen im Ruhrmuseum. Da hatten wir vor einiger Zeit die Ausstellung „Entry“ besucht, nun hatten wir mal wieder Lust auf die Zeche Zollverein. Einfach Klasse dieses Ruhrgebiet. In der Ausstellung sind wir in der alten Kokserei tief eingetaucht. Überall die alten Apparaturen aus der „Kohlezeit“ und dazwischen jede Menge skurrile, lustige, interessante Exponate, die eine lebendige Geschichte erzählen. Zoe und Jim waren begeistert – von einem richtig gut gemachten Museum!

Danach waren wir noch in einer Essener Trattoria essen und fühlten uns ein wenig an „Maria ihm schmeckt’s nicht!“ erinnert. Wir wurden von einer kompletten italienischen Familie beköstigt. Im Hintergrund lief im Fernsehen still das 2:0-Duell Dortmund gegen Bayern München. Mittendrin im Pütt. Ein Foto vom Urahn an der Wand, einem Italiener mit Koffer, der da mitten im Ruhrgebiet steht und lacht. Scheint zu passen. Gute Stimmung, richtig leckeres Essen. Ehrliche italienische Küche – ohne Kompromisse und Gott sei Dank ohne deutschen Einfluss. Für mich hört beim Essen Integration auf – das soll mal richtig schön ursprünglich italienisch bleiben.

Euch wünsche ich eine partyreiche Woche, in der euer Leben fröhlich tanzt und in dem es leckere Sachen zu essen gibt. Ciao. „Maria, mir schmeckt’s!“

du fällst nicht

du fällst nicht

glaubst es nur

die weiche weiche nacht umhüllt dich

wie ein warmes warmes vlies

und wenn du doch fällst

schreibt der wind des falls

dir die gänsehaut

in jeden winkel deines körpers

deine angst treibt

glitzernd bunte schweißperlen

auf die gipfel deiner haut

es ist der weite weite weg

zurück

den du niemals gehst

könnten mich die flügel

heben hoch empor

tragen hoch und höher ohne last

würd ich den fall vergessen

die vorhänge wehn ins zimmer

und streicheln meine zehn

trag mich halte mich

ich werde den wind umschlingen

zum freund mir machen

ihn zwingen und quäln

was soll er dann noch tun

als nur noch mich zu tragen

vielleicht wird er entweichen

wolln

das lasse ich nicht zu

der aufwind fängt den fall

nichts sehe ich mehr

als die farben die sich drehn

vor meinem inneren licht

bin ein projektor der

wiedergibt

kann das gemerkte nicht behalten

und wills auch nicht

der ausgang ist nicht klar

niemals

wie soll er auch

die weisheit hab ich nicht gebucht

und wenn es sein soll nehm ichs hin

tret mülleimer und laternen

vielleicht noch

doch dann gehts ab im schnellen

flug herab

dann seh ich meine rosen blühn

die mageriten streicheln mich

der oleander winkt und meine

kirschen verneigen sich ganz tief

so schön es sein mag

so schön die tage mich umhülln

so schön dies alles mehr

ich weiß nichts und kanns kaum halten

die blutgen Hände

lassen alle seile gehn

getragen werd ich dann von

frühlingsluft und aprikosen

es gibt kein schönren tag

als wenn der garten seine augen öffnet

und mich mit seinem duft umschließt

november 2003

„Schämt euch!“

Mir blutet das Herz. Gestern saß ich den ganzen Tag am Twitter-Ticker und habe die Geschehnisse in Stuttgart verfolgt. Kürzlich erst hatte ich Brecht zitiert, als ich über Lyrik schrieb. Bertolt Brecht: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist – weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Nun müssen wir über Bäume sprechen, die heute Nacht unter Polizeischutz gefällt wurden. Tausende Menschen harrten in der Nacht vor Ort und skandierten „Schämt euch!“. Darunter, wie Spiegel-Online berichtet, nicht alleine die gerne genannten Chaoten, auf die sich so einfach alle „Schuld“ schieben lässt.

Nein, es war ein Proporz, ein Abbild der Bevölkerung. Ein Zitat aus einem Spiegel-Bericht vom Morgen: „Die Gruppe ist bunt gemischt. Eine Frau stammelt „oh nein, oh nein“, mit Tränen in den Augen. Wenige Meter weiter stehen Alfred und Ingrid Funkel, ein Rentnerpaar. Sie seien früher nie auf die Idee gekommen zu demonstrieren, sagen beide. „Aber das hier ist eine Sauerei.“ Unter den Protestierenden sind viele ältere Menschen.“ Und sie schreien die ganze Nacht. Pfeifen und skandieren „Schämt euch!“.

Nun schreibe ich wieder über Politik. Eigentlich gegen meinen Willen, weil ich mein Leben in Frieden leben möchte. Gerne erinnere ich mich an die deutschen WM-Bilder – ein Volk in Harmonie und Feierlaune. Aber dann lasse ich mich reinziehen. Höre von Kindern, die mit Schlagstöcken von der Polizei verprügelt wurden. Ich denke an Jim und Zoe, die mit blutigen Köpfen nach Hause gekommen wären. Ja, ich spüre Zorn. Ich sehe einen Ministerpräsidenten Mappus, der am gleichen Tag erst zum Bauerntag geht und sich zur Solidarisierung mit den Agraökonomen ein Maß Bier reinpfeift, um dann zur Attacke zu blasen. Mit aller Härte, um Recht und Ordnung durchzusetzen. Kinder schlagen lässt, um mit einer „Law- and Order-Wahlkampfstrategie“ alles auf eine Karte zu setzen.

Das Demonstrationsrecht gehört zu den zentralen Eckpfeilern einer Demokratie. Wer bereit ist, Kindern, die ihre politische Meinung lautstark kundtun, das „Demonstrationsrecht auszuprügeln“, der überschreitet eine Grenze. Gestern war ein rabenschwarzer Tag für die Demokratie in Deutschland. Gleichzeitig hat das, was in Stuttgart passiert ist, hoffentlich aufgerüttelt. Es ist nur so wenig, was genügt, Demokratie auszuhebeln. Ein Ministerpräsident entscheidet letztlich, das Volk zu verprügeln. Das geht nicht! Überhaupt nicht. Ich rufe laut mit den Demonstrierenden in Stuttgart „Schämt euch!“

Wenn es in einer Demokratie Auseinandersetzungen wie in Stuttgart gibt, dann stimmt an dem politischen Vorhaben etwas nicht. Da ist etwas faul im Staate Dänemark. Demokratie geht sicherlich den falschen Weg, wenn sie Meinungen mit Gewalt durchsetzt. Für mich ist das Projekt Stuttgart 21 gestorben. Einen Bahnhof, an dem Blut klebt, will ich nicht. Einen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, an dessen Fingern Blut klebt, auch nicht. Ich bin froh, dass das Thema im Bundestag besprochen wird und Demokratie hoffentlich zeigen kann, was in ihr steckt. Die Bäume sind gefällt, vielleicht glauben die politisch Verantwortlichen, sie hätten gesiegt. Ich sage, das haben sie mitnichten. Dümmer hätten sie sich nicht anstellen können. Es kommt alles zurück. Nichts bleibt ohne Antwort – im Guten wie im Schlechten.

Heute Morgen hatte ich über einen schönen Abend mit der Familie schreiben wollen. Über einen kleinen Zeitraum Idylle. Ich hatte mir schon alles geistig zurechtgelegt. Aber dann konnte ich es nicht. Ich musste über Stuttgart schreiben und meinen Blog politisieren. Ich hoffe, das muss ich jetzt nicht dauernd. Ich wünsche euch einen Tag, an dem ihr euch für Demokratie einsetzt, eine Meinung kundtut, euch einmischt. Ciao.

Kirschblütenblättersehnsucht

noch

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

jens schönlau, januar 2010

Nichts als die ganze nackte Wahrheit.

Speed. Anders lässt es sich nicht ausdrücken. Die Welt fliegt mir um die Ohren und zieht mir im Fahrtwind meines bescheidenen Seins einen Mittelscheitel. Ich bewege mich zu Fuß, in Gedanken, virtuell und per Auto durch ein Leben der permanenten Eindrücke. Gestern war wieder Vollgastag. Hund, Blog, Job, Mittags kochen, Job, Jim vom Nachsitzen aus der Schule abholen, twittern, kommentieren, Kunden betreuen, Mails schreiben, telefonieren, Abendbrot, mit Zoe kniffeln, mit dem Nachbarn sprechen und zwischendrin ein Familienleben inklusive Beziehung leben. Waren da noch Freunde? Sorry, Jungs – ich meld mich. Bald.

Wie das life aussieht? Vom Schreibtisch in den Garten Zucchini holen für das Mittagessen. Ich hatte die Idee, die Zucchini in Streifen zu schneiden und zu panieren. Mache ich. Was gibt’s dazu? Reis und Möhren-Kohlrabi-Gemüse. Schnippel, schnippel, panier, panier, alles in die Töpfe und Pfannen. Muss Zoe vom Bus holen, Tisch decken und die Garzeiten timen. Passt. Essen. An den Schreibtsich, Mails checken, kurz twittern und gleich ins Auto. Muss Jim von der Schule holen, weil der Silentium hat. So heißt Nachsitzen heute. Die Schule ist 25 km entfernt, ich hetze über die Autobahn. Er hatte seine Geografiemappe in einem Zustand unter aller Sau abgegeben. Try und Error hat zu Error geführt. Mit der Waldpraktikumsmappe hatte er es gerade geschafft und war mit einer „lobenden“ Erwähnung im Zeugnis davongekommen. Diesmal halt Silentium – und tatsächlich hat er gut gearbeitet. Geht doch.

Zu Hause dann Hausaufgabenbetreuung. Wieder Geografie. Gibt es keine anderen Fächer? Die südamerikanischen Hauptstädte. „Papa, wie heißt die Hauptstadt von Bolivien?“ Ela sitzt auch am Tisch und bereitet ihr Formel F-Treffen – ein Unternehmerinnentreffen heute – mit Speeddating vor. „Was sind denn unsere drei zentralen Kernkompetenzen?“ Herrje, die Hauptstadt Boliviens und das Wesen unserer Arbeit in einem Satz. „La Paz. Beratung. Konzeption. Kreation.“ Denkste. „Papa, La Paz hab ich auch gedacht. Steht aber falsch im Atlas. Sucre ist die Hauptstadt und La Paz der Regierungssitz. Musste doch wissen.“ Hätte ich vielleicht auch mal nachsitzen sollen. Zoe kommt rein und meint „Papa, ich brauch Blumen.“ „Wieso?“ „Weil meine Lehrerin morgen Geburtstag hat.“ Süß. „Äh, nicht jetzt, muss runter ins Büro, Mails beantworten. Da wünscht sich eine Kundin Texte von mir.“ „Und die Blumen?“ „Später.“

Ela hat sich ziemlich hübsch gemacht, weil sie mit ihren Mädels in „The American“ geht. Drei wunderbar anzusehende Mitvierzigerinnen. Wow! Lange Ketten, Stiefel, Make up – das volle Programm. Alles für George, der noch nicht mal von der Leinwand runterblinzelt. Küsschen. Wie gut die duften. Abendbrot mit den Kids, Kniffeln mit Zoe, Jim will keine Gitarre üben. „Ich hab die letzten Tage so viel geübt!“ Stimmt, lassen wir die Diskussion und halten jetzt mal den Frieden. „Ab ins Bett, Zoe.“ „Gute Nacht, Papa, und was ist mit den Blumen?“ „Herrje, es ist schon dunkel. Morgen Früh.“ „Aber dann ist es auch dunkel.“ „Klappt schon, ich leg ’nen Zettel hin.“ „Gute Nacht Jim, schlaf gut.“ „Gute Nacht, Papa. Wie heißt die Hauptstadt von Bolivien?“ Smile.

Ruhe, Rückzug, alle weg. Ela im Kino, die Kids im Bett, Cooper vorm Ofen und ich mit Paul Austers „Unsichtbar“ und Yogitee abhängend im Hängesitz. Wunderbar. Heute Morgen dann alle aus den Federn und das übliche „Jim-Beschleunigen“, der morgens so gar nicht aus dem Quark kommt. „Und die Blumen?“ O.K. – Stirnlampe auf und ab in den Garten. Lieber zur Nachbarin? Die hat so einen schönen Bauerngarten mit sehr vielen Blumen! Schönen Blumen! Klar, ne. „Der Nachbar läuft morgens in unserem Garten mit Stirnlampe rum und klaut Blumen.“ Ne, lass ma lieber. Dann eben einen kleinen süßen Strauß mit weniger Blumen und nett Weinblättern drumrum zur Dekoration. Zoe strahlt. Ab zum Bus, Ela auf zum Speeddating. Ich sitze in Ruhe auf meinem Meditationskissen, bringe Ruhe in den Kopf und fliege danach losgelöst mit Cooper ab in den Wald. Nun sitze ich hier. Blogge und warte, was heute alles passiert. Noch 13 Minuten bis 9 Uhr, dann fängt meine selbstgesetzte Bürozeit an. Volles Programm – Texte für einen großen japanischen Elektronikkonzern. Zwischendurch zur Erholung twittern und eventuell kommentieren. Mal sehen, wie „Nichts als die ganze nackte Wahrheit.“ ankommt. Bin gespannt.

Ich wünsche euch einen entspannten Tag. Wie heißt die Hauptstadt von Bolivien? Nicht der Regierungssitz! Sollte vielleicht das Blogwissen mal per Gewinnspiel abfragen. Genießt. Alles. Ciao.