Essen, beten, lieben. Ich auch.

Ela wollte unbedingt. Sie hatte in der Brigitte Woman ein Interview mit Elizabeth Gilbert zu ihrem Bestseller Eat Pray Love gelesen, anschließend sofort das Buch bestellt und verschlungen und danach Kinokarten gekauft – für sich und mich. Am Samstagabend war es so weit – wir sind nach Siegen ins Kino gefahren. Am Abend vorher waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und auch dort ging es um Eat Pray Love. Tatsächlich scheint das Buch einen Nerv zu treffen. Angeblich haben sich ganze Legionen von Frauen von ihren Männern getrennt, um Liz Gilberts Reise zum Ich anzutreten.

Niemals geht man so ganz!

Ah. Herzschmerz. Gestern Abend. Köln. Theaterpremiere. Alte Welt.

1994 habe ich nach zwei Jahren als Regieassistent am Nationaltheater Mannheim am Kölner Musicaltheater Kaiserhof angeheuert. Wally Bockmayer und sein Produzent und Lebensgefährte Rolf Bührmann waren gerade dabei, das Haus am Ring zu eröffnen. Mir hatten zwei Jahre Mannheim und bürgerliches Theater für Abo-Publikum durchaus gereicht und Ela wollte eh nach Köln. Ergo: Abflug. Kleinlaster gepackt und rheinaufwärts in die Stadt mit Dom, in der viele unserer Freunde nach dem Studium ihr Zuhause gefunden haben. Umschwenken von Gastspiel im Süden auf Heimspiel im Westen.

„From Dusk Till Dawn!“ – Part two

Erinnert ihr euch? 1996 inszenierte Robert Rodriguez den Brutalosplatter „From Dusk Till Dawn“ nach einem Quentin Tarantino-Drehbuch. Ich saß im Kino mit Ela und wir dachten, das würde so was wie „Natural Born Killers“, denn neben George Clooney, Harvey Keitel und Quentin Tarantino spielte Juliette Lewis eine zentrale Rolle. Habt ihr den Film gesehen, wisst ihr, was geschah. Aus einem harmlosen Road-Killer-Movie entwickelte sich bei Eintreffen der ganzen Bagage in einem Betrieb der ländlichen Gastronomie vor den Toren Mexikos (in der Bar Titty Twister – was wird Quentin gelacht haben, als ihm der Name einfiel) ein Splatterfilm mit Monstern und Vampiren. Überall Blut und splatter, splatter, splatter. Ih. War so gar nix für mich, obwohl faszinierend.

„Fucking Gitarrenladen!“

Zahnarztbesuche stehen bei mir auf der Beliebtheitsskala weit oben. Nein, ich bin kein Masochist, aber ich liebe gutes Entertainment. Mein Zahnarzt ist, glaube ich, nicht in erster Linie Zahnarzt. Er ist eine Mischung aus Freak, Hippie, netter Typ und trockenem Humor. Heute Morgen hatte ich das Vergnügen, 90 Minuten mit ihm zu verbringen – einen Aufenthalt in Spielfilmlänge. Als er kam, saß ich schon im Stuhl und hatte erste Abdrücke in irgendwelchen Kaugummimassen hinterlassen. Zwei Minuten mit so ’nem Riesen-Metallförmchen und den Fingern der Assistentin im Mund. Schluck.

Eine Frau

Eine Frau
auf einer Wiese
auf einem Zeh
die Augen
freuen sich

Sie weiß schon
was jetzt kommt

Ihr gerader Rücken
neigt sie den Kopf
leicht nach links
dreht ihre
rechte Schulter ein

Der Flügelschlag der
weit gestreckten Arme

Da hebt sie ab
nimmt ihre Hände vor die Brust
dreht sich
in der Luft

Dann steht sie still
stürzt runter
Kopf voraus

Sie breitet Ihre Arme aus
streift mit der Nase kurz
den Boden

Irgendwie warm ums Herz

Kennt ihr das Gefühl, wenn Tage anders sind. Weicher, verletzlicher. Wenn der Blick auf die Welt durch einen Weichzeichner geschieht, der auswählt, schönt und die Sinne empfindlicher reagieren lässt? Bei mir ist heute so ein Tag. In der letzten Zeit habe ich viele Gedichte gelesen – von Annegret in den Kommentaren, von filomena in ihrem Blog und auf einer neuen Lieblingsseite, auf die ich über Twitter gestoßen bin: liebesenden. Wenn ich das richtig interpretiere, verarbeitet dort ein Mann, ein Lyriker eine zurück gewiesene Liebe. Schön, sehr schön. Sehr gefühlvoll und tief.

Landschaft innen

Kraft
in Unsicherheit

Schwebendes Glück
im Dunkel
Atemlosigkeit
auf dem Weg

Hände
vorsichtig
flirrende Sinne
Gänsehaut

Nicht genug
Wörter

Alleingelassene
Gedanken

Drehen, drehen
fallen
fühlen
stillstehn

Fülle
Fülle
so weit

jens schönlau, september 2010

Tanz im Hochregallager und Fifty-fifty-Weekend

Das Wochenende begann mit dem Blick in den IKEA-Katalog. Ela blätterte Freitagabend darin und ganz so, wie der Katalog das will, entstand in ihrem Kopf eine Einrichtungslösung für unseren Flur. Dort steht das Telefon auf einem weißen Kasten mit Schiebedeckel. Dahinter ist eine weiße Wand, die durch das Anlehnen während des Telefonierens schon seit geraumer Zeit nicht mehr weiß ist. Kommt man in die Wohnung rein, fällt der Blick genau dort hin.

Braeburn

Lächelnd sah er sie an

prall rot und grün

Sie nahm ihn

biss hinein

Braeburn

saftig sauer und süß

Sie tänzelte auf leisen Sohlen

warf das Haar in den Nacken

streckte die Arme

tief in die Sonne

Komm

Komm wir sind frei

gehen hinaus

hinaus in die Welt

und leben

leben

Sein Lächeln

ließ ihn schweben

nun konnte er sein was er ist

Beste Freundinnen, forever!

Zoe hatte gestern Besuch. Eine Freundin aus ihrer Klasse, die über Nacht blieb. Bei den Kindern heute eine Selbstverständlichkeit, die mir sehr gut gefällt. Da sitzen plötzlich kleine, sehr selbstbewusste Wesen am Tisch und sagen „Gib mir mal bitte die Butter“ – in völliger Klarheit, kein wenig eingeschüchtert, sondern direkt und ohne ein Wanken. Hut ab. Übrigens: Zoe ist meine Tochter. Elf Jahre alt, reitet, spielt Klavier, besucht eine Waldorfschule und lacht ziemlich viel und laut. Ihr Bruder Jim meinte mal, die stamme aus dem Lachkatalog.

Heinrich, der Gärtner

Heinrich war nicht groß, er war eher ein kleiner Mann. In der Erinnerung sehe ich ihn im abgewetzten Anzug mit kurz geschorenen Haaren. Er ist 1904 geboren und lebt leider nicht mehr. Heinrich ist mein Großvater. Mein Opa mütterlicherseits. Heute Morgen habe ich mit ihm die Autobahnausfahrt verpasst und musste einen Umweg von 25 Kilometern fahren. Manchmal bin ich so in Gedanken, so verstrahlt, dass die Welt draußen von mir unberührt vorbei fliegt.

Wiege der Welt

Ganz unten drin

in der Tiefe

steht die Wiege

des Meeres

der Welt

Niemand hat

sie gesehen

berührt gar

Kein Jaques-Yves

Vasco da Gama

Robby Naish

Wer weiß schon

was ist

da unten

jens schönlau, september 2010

AKROPOLIS AIRPLANE FRANZ

Franz schrieb ihr jeden Tag und sie schrieb zurück und

übersetzte seine Texte um sie in Zeitungen zu veröffentlichen

worüber er sich sicherlich maßlos gefreut hat weil es

seine Welt innen doch zu geben schien und sogar gedruckt auf

rarem Papier eine Wichtigkeit sein und sie hat sich

seiner angenommen hat ihm zurückgeschrieben ihn berührt

in Briefen gestreichelt liebkost die Hand gehalten auf

seine kranke Brust das Husten das Blut aus der Lunge

Sommer 10

Schnüre meinen Midlifecrise geschüttelten Körper

ganz eng in meine japanischen Joggingschuhe

Made in Taiwan

In einem fremden Land

hat Deutschland mal wieder gewonnen

Ghanas Boateng, Deutschlands Boateng

verfeindete Brüder

kurzer Handschlag

Özil

Tor

Foucault

Wahnsinn und Gesellschaft

WM im Carport

Beamer-Breitbild

Deutschland

Sommer 10

Heine

was hättest du gesagt

kommend aus Paris

Bin heute keine Wege

gelaufen

habe Jims Crossover

Atomkraft ist kacke!

Oh, so drastisch, Herr Schönlau? Gar nicht ihre Art, oder? Waren Sie es nicht, der für Klangästhetik und Sprachschönheit in einem freien Sinne eintritt? Schnauze, Herr Schönlau! Jetzt reden wir mal Tacheles! Ich habe hier den guten alten Brecht schon einmal mit seinem Baumzitat erwähnt. „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“ Nun schreibe ich in diesem gemütlichen Landblog gerne über Natur und auch Bäume. Sorry, Bertolt. Ich will nicht sagen „Kommt nicht wieder vor!“, aber doch „Jetzt ist auch mal gut“. Nicht mit dem Schreiben über Bäume, aber mit dem, was der Konservatismus gerade hier in Deutschland anstellt.