du fällst nicht

du fällst nicht

glaubst es nur

die weiche weiche nacht umhüllt dich

wie ein warmes warmes vlies

und wenn du doch fällst

schreibt der wind des falls

dir die gänsehaut

in jeden winkel deines körpers

deine angst treibt

glitzernd bunte schweißperlen

auf die gipfel deiner haut

es ist der weite weite weg

zurück

den du niemals gehst

könnten mich die flügel

heben hoch empor

„Schämt euch!“

Mir blutet das Herz. Gestern saß ich den ganzen Tag am Twitter-Ticker und habe die Geschehnisse in Stuttgart verfolgt. Kürzlich erst hatte ich Brecht zitiert, als ich über Lyrik schrieb. Bertolt Brecht: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist – weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Nun müssen wir über Bäume sprechen, die heute Nacht unter Polizeischutz gefällt wurden. Tausende Menschen harrten in der Nacht vor Ort und skandierten „Schämt euch!“. Darunter, wie Spiegel-Online berichtet, nicht alleine die gerne genannten Chaoten, auf die sich so einfach alle „Schuld“ schieben lässt.

Kirschblütenblättersehnsucht

noch

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

jens schönlau, januar 2010

Nichts als die ganze nackte Wahrheit.

Speed. Anders lässt es sich nicht ausdrücken. Die Welt fliegt mir um die Ohren und zieht mir im Fahrtwind meines bescheidenen Seins einen Mittelscheitel. Ich bewege mich zu Fuß, in Gedanken, virtuell und per Auto durch ein Leben der permanenten Eindrücke. Gestern war wieder Vollgastag. Hund, Blog, Job, Mittags kochen, Job, Jim vom Nachsitzen aus der Schule abholen, twittern, kommentieren, Kunden betreuen, Mails schreiben, telefonieren, Abendbrot, mit Zoe kniffeln, mit dem Nachbarn sprechen und zwischendrin ein Familienleben inklusive Beziehung leben. Waren da noch Freunde? Sorry, Jungs – ich meld mich. Bald.

Stadt, Land, Glück.

Heute Morgen gibt es eine kleine Premiere im Blog. Ich schreibe im Rahmen eines Twitter-Tagesprojektes über das Glück. Gestern habe ich mit der Berliner Autorin Gitta Becker getwittert. Irgendwie kamen wir auf das Thema Glück und sie hatte die Idee, wir könnten beide parallel zum Thema bloggen. Ich war erst ein wenig zurückhaltend, weil ich nicht wusste, ob das am heutigen Tag passen würde, denn beim fast täglichen Bloggen kommt es doch auf Spontaneität an und das, was gerade im Kopf ist und in der Luft liegt. Dann dachte ich mir aber: Warum nicht? Passt eigentlich gut ins Bild – das Glück einmal aus Berlin und einmal vom bergigen Lande aus betrachtet.

Armbrust, sägen, Papa sein

Ich habe einen Sohn. Der heißt Jim und ist 13 Jahre alt. Er geht in die 8. Klasse, spielt Gitarre, macht Judo und liest ein Buch nach dem anderen. Jim ist mittlerweile in dem Alter, wo Eltern schwierig werden. Insbesondere Väter, wenn es sich bei den Pubertierenden um Jungen handelt. Diesen Sommer habe ich einige Male mit voller Wucht erleben dürfen, was es heißt, Vater eines pubertierenden Jungen zu sein. Wir hatten uns teils intensiv in der Wolle, was Ela und Zoe so gar nicht gut fanden. Aber manchmal geht es nicht anders, da müssen Konflikte ausgetragen werden. Allerdings muss ich sagen, dass das ganz schön viel Kraft und Energie raubt.

Essen, beten, lieben. Ich auch.

Ela wollte unbedingt. Sie hatte in der Brigitte Woman ein Interview mit Elizabeth Gilbert zu ihrem Bestseller Eat Pray Love gelesen, anschließend sofort das Buch bestellt und verschlungen und danach Kinokarten gekauft – für sich und mich. Am Samstagabend war es so weit – wir sind nach Siegen ins Kino gefahren. Am Abend vorher waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und auch dort ging es um Eat Pray Love. Tatsächlich scheint das Buch einen Nerv zu treffen. Angeblich haben sich ganze Legionen von Frauen von ihren Männern getrennt, um Liz Gilberts Reise zum Ich anzutreten.

Niemals geht man so ganz!

Ah. Herzschmerz. Gestern Abend. Köln. Theaterpremiere. Alte Welt.

1994 habe ich nach zwei Jahren als Regieassistent am Nationaltheater Mannheim am Kölner Musicaltheater Kaiserhof angeheuert. Wally Bockmayer und sein Produzent und Lebensgefährte Rolf Bührmann waren gerade dabei, das Haus am Ring zu eröffnen. Mir hatten zwei Jahre Mannheim und bürgerliches Theater für Abo-Publikum durchaus gereicht und Ela wollte eh nach Köln. Ergo: Abflug. Kleinlaster gepackt und rheinaufwärts in die Stadt mit Dom, in der viele unserer Freunde nach dem Studium ihr Zuhause gefunden haben. Umschwenken von Gastspiel im Süden auf Heimspiel im Westen.

„From Dusk Till Dawn!“ – Part two

Erinnert ihr euch? 1996 inszenierte Robert Rodriguez den Brutalosplatter „From Dusk Till Dawn“ nach einem Quentin Tarantino-Drehbuch. Ich saß im Kino mit Ela und wir dachten, das würde so was wie „Natural Born Killers“, denn neben George Clooney, Harvey Keitel und Quentin Tarantino spielte Juliette Lewis eine zentrale Rolle. Habt ihr den Film gesehen, wisst ihr, was geschah. Aus einem harmlosen Road-Killer-Movie entwickelte sich bei Eintreffen der ganzen Bagage in einem Betrieb der ländlichen Gastronomie vor den Toren Mexikos (in der Bar Titty Twister – was wird Quentin gelacht haben, als ihm der Name einfiel) ein Splatterfilm mit Monstern und Vampiren. Überall Blut und splatter, splatter, splatter. Ih. War so gar nix für mich, obwohl faszinierend.

„Fucking Gitarrenladen!“

Zahnarztbesuche stehen bei mir auf der Beliebtheitsskala weit oben. Nein, ich bin kein Masochist, aber ich liebe gutes Entertainment. Mein Zahnarzt ist, glaube ich, nicht in erster Linie Zahnarzt. Er ist eine Mischung aus Freak, Hippie, netter Typ und trockenem Humor. Heute Morgen hatte ich das Vergnügen, 90 Minuten mit ihm zu verbringen – einen Aufenthalt in Spielfilmlänge. Als er kam, saß ich schon im Stuhl und hatte erste Abdrücke in irgendwelchen Kaugummimassen hinterlassen. Zwei Minuten mit so ’nem Riesen-Metallförmchen und den Fingern der Assistentin im Mund. Schluck.

Eine Frau

Eine Frau
auf einer Wiese
auf einem Zeh
die Augen
freuen sich

Sie weiß schon
was jetzt kommt

Ihr gerader Rücken
neigt sie den Kopf
leicht nach links
dreht ihre
rechte Schulter ein

Der Flügelschlag der
weit gestreckten Arme

Da hebt sie ab
nimmt ihre Hände vor die Brust
dreht sich
in der Luft

Dann steht sie still
stürzt runter
Kopf voraus

Sie breitet Ihre Arme aus
streift mit der Nase kurz
den Boden

Irgendwie warm ums Herz

Kennt ihr das Gefühl, wenn Tage anders sind. Weicher, verletzlicher. Wenn der Blick auf die Welt durch einen Weichzeichner geschieht, der auswählt, schönt und die Sinne empfindlicher reagieren lässt? Bei mir ist heute so ein Tag. In der letzten Zeit habe ich viele Gedichte gelesen – von Annegret in den Kommentaren, von filomena in ihrem Blog und auf einer neuen Lieblingsseite, auf die ich über Twitter gestoßen bin: liebesenden. Wenn ich das richtig interpretiere, verarbeitet dort ein Mann, ein Lyriker eine zurück gewiesene Liebe. Schön, sehr schön. Sehr gefühlvoll und tief.

Landschaft innen

Kraft
in Unsicherheit

Schwebendes Glück
im Dunkel
Atemlosigkeit
auf dem Weg

Hände
vorsichtig
flirrende Sinne
Gänsehaut

Nicht genug
Wörter

Alleingelassene
Gedanken

Drehen, drehen
fallen
fühlen
stillstehn

Fülle
Fülle
so weit

jens schönlau, september 2010

Tanz im Hochregallager und Fifty-fifty-Weekend

Das Wochenende begann mit dem Blick in den IKEA-Katalog. Ela blätterte Freitagabend darin und ganz so, wie der Katalog das will, entstand in ihrem Kopf eine Einrichtungslösung für unseren Flur. Dort steht das Telefon auf einem weißen Kasten mit Schiebedeckel. Dahinter ist eine weiße Wand, die durch das Anlehnen während des Telefonierens schon seit geraumer Zeit nicht mehr weiß ist. Kommt man in die Wohnung rein, fällt der Blick genau dort hin.

Braeburn

Lächelnd sah er sie an

prall rot und grün

Sie nahm ihn

biss hinein

Braeburn

saftig sauer und süß

Sie tänzelte auf leisen Sohlen

warf das Haar in den Nacken

streckte die Arme

tief in die Sonne

Komm

Komm wir sind frei

gehen hinaus

hinaus in die Welt

und leben

leben

Sein Lächeln

ließ ihn schweben

nun konnte er sein was er ist