#schoenesWort

So heißt eine Twitteraktion der Seelenfreuden. Das Netz kann nicht nur aufdecken, vor sich her treiben und stürzen, es kann auch Seelenbalsam liefern. Das finde ich momentan sehr wichtig. Bei all dem, was auf den Bühnen der Welt augenblicklich los ist, muss es Gegengewichte geben, damit der entstehende Zorn nicht zu mächtig wird. Nur all zu gerne lassen wir uns in Polarisierungen treiben, in Feindschaften. Dabei müssen wir aufpassen, uns nicht in den Fallstricken der Gehässigkeit zu verfangen. Nicht nur für Verteidigungsminister gilt das Prinzip von Ursache und Wirkung, es gilt für uns alle. Was wir tun, was wir sagen, bestimmt, was mit uns geschieht. Schlagen wir mit Worten über die Maßen auf andere ein, werden diese Worte zurückkommen. Wir ernten, ernten, ernten, was wir säen, säen. Singen die Fantastischen Vier, die wahrscheinlich wissen, wovon sie singen. Wir wissen es alle, lassen uns dann aber doch gerne wieder mitreißen. Natürlich muss gesagt werden, was wahr ist. Aber: Unseren eigenen Frust und Zorn sollten wir dabei nicht übermäßig in die Welt schwappen lassen.

Deshalb: Werft doch mal einen Blick auf die auf die schönen Dinge. Bewusst. Ganz entspannt, auch wenn die Welt gerade Kopf steht oder es vielleicht bei euch momentan nicht so gut läuft. Wie hier: „Always Look on the Bright Side of Life“.

Vielleicht seht ihr euch heute einmal die schönen Worte der Aktion #schoenesWort an. Die ist auf Twitter über ein 140 Zeichengespräch zwischen @pundp (Gesine von Prittwitz) und @tiniaden (Jost Renner) entstanden. Beide sind durch ihre Leidenschaft für Buch und Kultur mit den schönen Worten der Welt eng verbunden. Jost Renner verehrt sie nicht nur, er weiß sie auch anzuwenden und sanft ineinanderfließen zu lassen. Wer seine Lyrik liest, weiß, was ich meine. Hier der Link zu seiner Seite LiebesEnden, den ihr auch in der Blogroll rechts findet.

Seit Januar nun wächst die #schoenesWort-Liste. Täglich kommen neue hinzu. Eine gute Sache, dass sich Menschen quer durch die Republik Gedanken machen, welche Worte schön sind. Dass sie nachfühlen. Sprache ist Denken, behauptete der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein. Schnell gegoogelt, um richtig zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Ludwig Wittgenstein, „Tractatus logico-philosophicus“, 1921. Unsere Sprache, unsere Welt. Ursache und Wirkung. Was geben wir in unseren Kopf hinein, in unser Sprachzentrum, was lassen wir dort wirken?

Ich empfehle: Schöne Worte. Damit das Gleichgewicht bleibt. In der täglichen medialen Wortflut kommen sie eher weniger vor. Wir müssen sie uns selbst in unsere Speicher des Schönen downloaden. Gedichte lesen, Theater besuchen, schöne Bücher lesen. Denn: Schöne Worte sind wie Handschmeichler. Seelenschmeichler, die leider in ihrer Wirkung unterschätzt werden. Die dunklen Worte wirken stärker, kräftiger, energiegeladener. Aber: Das weiche Wasser besiegt den harten Stein, zitiert Brecht Laotse. Das ist doch sehr hoffnungsvoll und hoffnungsfroh. Hier der Link zu der langen, langen Liste der Aktion #schoenesWort. Möchtet ihr auf Twitter welche hinzufügen, weil sie euch gerade zufliegen oder sie euch schon immer wertvoll und wichtig sind, dann schreibt das Wort ins Twitterfeld und fügt #schoenesWort hinzu. Das wird dann automatisch erkannt und von Gesine von Prittwitz der Liste hinzugefügt. So könnt ihr heute mit eurem schönen Wort ein kleines Stück Unsterblichkeit erlangen. Viel Spaß dabei.

19 Antworten auf „#schoenesWort“

  1. Schöne Worte
    für
    die Schatzkiste
    unseres Lebens
    für graue Tage
    zum Auffrischen
    zum Beleben
    zum Schenken
    zum Wiederentdecken
    gegen die Traurigkeit
    gegen die Resignation
    für Dich
    für mich
    für die Welt.

    1. Oh, wie schön. Worte als Schätze der Schatzkiste. Vielleicht in einer schönen Schrift auf einen Zettel schreiben und immer wissen, es ist da. Danke.

  2. Lieber Jens,
    ich liebe sie, die schönen Worte, nur manchmal kommen sie mir abhanden, wenn da jemand anderer ist, der ihnen die Unschuld nimmt. Dann leide ich wie ein Hund. Mein Lieblingswort war einst „nimmermehr“ und ich hab mir überlegt, mit ihm am Wettbewerb um das schönste deutsche Wort teilzunehmen (Damals gewann das Wort „Habseligkeiten“), dann aber den Abgabetermin verpasst.

    Und was geschah später? – Da las ich doch tatsächlich, dass einer der gruseligsten Menschen der letzten Jahre, Josef Fritzl, sinngemäß sagte: „Das alles kann ich nimmermehr gut machen“. Aus, vorbei, mein Lieblingswort ist beschmutzt.

    Liebe Grüße

    Eva 2

    1. Hi Eva,

      kann ich gut verstehen, dass dir da etwas abhanden gekommen ist. Allerdings: Vielleicht lohnt es sich zu kämpfen. Wir können nicht alles Preis geben, weil dunkle Kräfte etwas versuchen zu anektieren. Was haben die Nazis nicht alles besudelt. Und doch müssen wir sagen: Ihr konntet es nehmen, benutzen, ihm aber nicht seiner Kraft berauben. Vielleicht ist es genau deine Aufgabe, des Weltenlaufes zum Trotz, das Wort nimmermehr dem Schlund des Drachens zu entreißen und neu zum Leuchten zu bringen. Aus deiner Feder geschrieben kommt es mir gut, schön, klingend, wohlwollend und sprechenswert vor. Weshalb sollten wir dieses Wort in seiner dunklen Stunde allein lassen und es bei jemandem belassen, dem es nicht gehören sollte. Nimm es dir zurück. Lass es dir nicht nehmen, nehme es in die Hand, hülle es, halte es warm und gut, damit es heilen kann.

      Nimmermehr ist das große Wort der Sehnsucht. Es beschreibt in den Wellen seines langen Klangs das Verflossene, nicht zurückkehrende. In ihm wohnt die Sehnsucht, das Verlangen nach dem Schönen der Vergangenheit. Nimmermehr werde ich diesen Weg gehen. Nimmermehr werde ich diesen Duft wahrnehmen. Nimmermehr werden wir zusammensitzen und uns eins fühlen. Es ist ein poetisches Wort, das schon so viel enthält.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,
    es ist schon erstaunlich, wie ähnlich Du das in Worte gefasst hast, was ich auch empfinde bei „nimmermehr“, diesem Ausdruck für zurückgewandte Sehnsucht.

    Ehrlich gesagt, ich lasse es mir ja auch nicht gänzlich nehmen von einem wie diesem gruseligen Menschen. Aber für mich hat es die Unschuld verloren, denn immer dann, wenn ich an es denke, tritt auch er in meine Gedanken. So meine ich das.

    Mal ein anderes Wort als Beispiel: In meinem Gedicht „Anderwelt“, das ich seinerzeit ja in Deinen Blog stellen durfte, ist es in der Überschrift genannt. Anderwelt bedeutete für mich genau das, was ich darin beschrieb, als das Gedicht entstand: mystischer Ort.
    Unmittelbar nachdem es entstanden war aber las ich in einem Bücherjournal, das jemand einen Roman unter genau diesem Titel geschrieben hatte. OK, dachte ich, gut so. Nur merkte ich dann, dass er damit was ganz anderes beschrieb, nämlich die knallharte Welt der Finanzen u.ä und die war seine „Anderwelt“.

    Ist natürlich alles kein Beinbruch, aber ein interessantes Phänomen und mehr wollte ich eigentlich auch nicht sagen.

    Liebe Grüße Eva 2

    1. Hi Eva,

      das ist die Krux. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Menschen. Wir haben alle unseren eigenen Blick – und immer ist es ein wenig der Turmbau zu Babel, weil wir einander nicht verstehen oder aneinenader vorbeireden.

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Hi Jens,

    das hast Du Recht. Über Dein Beispiel mit der Nazizeit hab ich mir auch so meine Gedanken gemacht. Ja, sie haben so vieles besudelt und in der Tat sollte man sich die Wörter wieder zurückholen und sie „zum Leuchten bringen“ (Wie schön Du das ausgedrückt hast!). Ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, in einer Geschichte, in einem Gedicht das Wort „Buchenwald“ – eigentlich doch auch ein schönes Wort – zu verwenden. Ich glaube, ich würde immer versuchen, es zu umgehen.

    Liebe Grüße Eva 2

    1. Vielleicht sollten wir das Wort Buchenwald gerade deshalb verwenden, um es reinzuwaschen. Nicht um Erinnerung zu unterdrücken. Ich glaube, die ist für die, die hinsehen wollen, in diesem Land bis heute omnipräsent. Es besteht nicht die Gefahr des Vergessens, sondern des Verdrängens. Wir haben hier in Waldbröl ein altes Nazigebäude mit Nazikunst. Vietnamesische Buddhisten haben das Gebäude übernommen. Sie lassen die Kunst und geben ihr einen neuen Sinn. Sie nehmen das Böse heraus, ganz bewusst. Es ist nicht die Kunst, die die Ideologie in sich trägt, es ist nicht das Werk, sondern die Lesart. Die Buddhisten dort nehmen es einfach anders, reinigen. Finde ich gut. Ich moechte mich auch einfach in vielem dem boesen Blick verweigern und nicht mit den von den Nayis gew[nschten Augen sehen.

  5. Hi Jens, wir könnten hier sicherlich noch endlos weiter diskutieren. Das Thema ist wirklich aufregend und ich danke Dir für die Gedankenanstöße.

    Das, was Du da von den vietnamesischen Buddisten erzählst, finde ich genial: Dinge reinigen, sie erlöschen von einer Art Fluch. Schöne Idee!

    Ich jedenfalls werde jetzt mit meinem geliebten Nimmermehr auf die von Dir genannte Seite gehen und es als schönes Wort hineinstellen.

    Liebe Grüße Eva 2

    1. Hi Eva,

      das freut mich, das nimmermehr doch noch zu Würden kommt. Falls du nicht bei Twitter angemeldet bist, kann ich es gerne für dich einstellen.

      Liebe Grüße

      Jens

  6. Oh, das wäre lieb! Ich bin nicht angemeldet und hatte das nur als Kommentar abgegeben. Kannst Du bitte auch noch mein zweites Wort hineinstellen?

    Danke!

    Liebe Grüße Eva 2

  7. Hallo Jens,

    schöne Worte: wie Handschmeichler, das ist der Vergleich, der es für mich am besten trifft. „Handschmeichler“ führt mich direkt zu einem meiner Lieblingsworte: „einschmuigeln“. Einschmuigeln gibt es eigentlich nicht: es ist einrollen wie ein kleines Tier, an jemanden… und dort ganz geborgen sein…

    Vielleicht kannst du „einschmuigeln“ auch für mich dort in die Liste stellen. Die Diskussion zwischen dir und Eva habe ich sehr sehr spannend gefunden. Wert hinterher zu denken. Und sich (mir) zu Herzen: besser: in meinen Alltag zu nehmen…

    Viele Grüße
    filo

  8. Ein wunderbarer Gedanke… gerade wenn man in Twitter beobachten konnte, mit welcher Inbrunst (#schoenesWort) ein Großteil der dortigen Menschen ihre gesamte kreative Energie darauf verwendet haben, immer neue Beschimpfungen, Schmäh, Namensverdrehungen und Veralberungen in der Affäre Guttenberg zu ersinnen (mag man zu den Tatsachen stehen wie man will!) – diese Energie auf etwas Positives gerichtet hätte wahrhaftig (#schoenesWort) die Welt bewegen können…

    Die Bemerkung zu dem Wort Buchenwald hat mich sehr erschüttert, denn eigentlich ist ein Buchenwald wirklich ein ausgesprochen schöner Wald und ich habe mich dabei ertappt, selber das Wort zu vermeiden… wegen Buchenwald eben.

    Grandios (#schoenesWort) finde ich, dass die Buddhisten das Nazigebäude so annehmen wie es ist… schon immer galt: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Annehmen was ist, nicht verdrängen, nicht totschweigen, nicht übertünchen, sondern dem, was ist, einen neuen Sinn geben.

    Grüße! Claudia

    1. Das Netz verleitet dazu, vieles im Zorn, in der Aufregung mal eben so schnell in die Tastatur zu hämmern. Teilweise entsteht da eine zweifelhafte Netztkultur. Ist das Netz ein Ventil? Dann hat es zumindest den Sinn und Zweck, dass der Frust raus ist. Sofern er sich nicht multipliziert und auf andere überträgt. Ein wenig mehr Stil und Achtsamkeit wäre da teils schon schön. Dieses laute Herumbrüllen und aufeinander einschlagen bringt letztlich niemendem etwas Gutes. Es trennt nur.

      Ich mag Buchenwälder sehr, weil sie so hell sind und die Bäume mit ihren großen Elefantenfüßen sind so mächtig. Deshalb lasse ich mir das Wort ungern nehmen. Und schon gar nicht von Nazis. Die sollen ihre bösen Wörter nehmen, die guten bekommen sie nicht. Da haben die Buddhisten in Waldbröl schon recht: Was kümmert uns das! Ist doch schön! Eine konstruktive, befreiende Sicht, die den Wind aus den Segeln nimmt. Den Druck rausnehmen. Find ich auch eine gute Idee.

      Liebe Grüße

      Jens

  9. Das aber genau ist passiert. Der Druck und Frust war herausgeschrien und hat andere, schlafende, geweckt und polarisiert. Somit wurde es multipliziert und potenziert und das ist für mich die Stelle, an der Social Media zur Hetzjagd wird. Stil und Achsamkeit passen leider nicht zu Vorverurteilungen.
    Vielleicht ging es darum, wieder eine Lebendigkeit zu spüren, und sei es nur indem man sich infizieren lässt von den Erschütterungen anderer. Wenigstens überhaupt wieder einmal vibrations spüren und wenn es auch bad vibrations sind?

    1. Ich hoffe, das vieles dem jungen Medium Social Media geschuldet ist und sich mit der Zeit ein wenig mehr Gelassenheit durchsetzt. Sonst könnte man da durchaus von einer Mitläuferkultur sprechen. Die Grenzen des guten Geschmacks sind dann schnell überwunden und es bleibt eine verletzende Häme, die letztlich wieder zurückkommt. Irgendwann trifft es einen Menschen einer anderen Partei, dann gibt es Rache und sofort. Das macht nicht wirklich Sinn, wenn sich die Anwerfungen hochschaukeln.

  10. Eine sehr schöne Aktion. Ich habe mich auch schon mit drei Worten beteiligt und es macht Spass, die Worte dort zu lesen und so manche Perle der Sprache zu entdecken.

    Viele Grüße

    Raoul

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