Ästhetik des Seins.

Über das neue Gedicht war es mir wieder eingefallen. Peter Weiß‘ Buch Ästhetik des Widerstands. Ein Buch, in dem es um die Verbindung von Kunst und Politik bzw. dem Politischen geht. Nun hat hier in den letzten Tagen und Wochen und vielleicht auch Monaten dieser Kampf, sagen wir ein Kämpfchen, um hier nichts hoch zu stilisieren, in mir nicht getobt, aber gewirkt. Auf der einen Seite die Dinge, die stören. Wer den Blog verfolgt hat, weiß, wovon ich schreibe. Auf der anderen Seite die Sehnsucht nach dem Schönen, der Ruhe, dem inneren Frieden.

Der Weg hat mich zuletzt zur mare geführt, die das eine tut, ohne das andere zu lassen. Pure Ästhetik in Wort, Bild und Gestaltung bei gleichzeitigem Einsetzen für die Belange des Meeres. Beides nun zusammengeführt in dem Bericht, auf den ich zuletzt mehrfach hingewiesen habe. Dieser wertvolle Bericht. Wer ihn noch nicht kennt oder von ihm gehört hat, blättere im Blog bitte zwei Tage vor.

Heute Morgen nun saß ich am Rechner und dachte: Wie geht es weiter im Blog? Welche Richtung? Aufrütteln oder Ästhetik? Mir fiel nichts ein, auch, weil ein Kunde anrief und eine Beratung wünschte. Während der Zeit, zu der ich sonst blogge. Deshalb bin ich heute später dran. Danach war ich dann im Arbeitsthema. Keine gute Basis fürs Bloggen. Cooper und ich sind raus an die frische, kühle Luft. Es liegt Schnee. Ich dachte, die Kamera kannst du da lassen, kein schönes Licht. Als ich raus kam, blickte ich auf die dunklen Stämmendes Buchenwaldes über dem Bauernhof. Zwischen ihnen leuchtete es in Orange und Bronzetönen. Sonne. Sonnenaufgang.

Doch Kamerawetter. Wir haben sie geholt und sind ins Dorf rauf gefahren (musste sein), damit wir das Licht nicht verpassen. Also damit ich das Licht nicht verpasse. Oben dann ein schönes Schauspiel. Ästhetik. Die Sonne brach am Horizont durch, die Wolken schimmerten dunkel, hellblau, türkis, orange. An der Stelle, wo die Sonne durchbrach, war das Licht golden. Mein Herz hüpfte, mein Innerstes freute sich. Romantiker. Werther sagt, als er mit Lotte am Fenster steht und in dieser berühmten Szene das Gewitter heraufzieht: Klopstock.

Klopstock, aus dem Messias:

Mitten in dieser Versammlung der Sonnen erhebt sich der Himmel,
Rund, unermeßlich, das Urbild der Welten, die Fülle
Aller sichtbaren Schönheit, die sich, gleich flüchtigen Bächen,
Um ihn, durch den unendlichen Raum nachahmend, ergiesset.
Also dreht er sich, unter dem Ewigen, um sich selber.

Ich sagte heute Morgen: Klopstock. Dachte an Werther, die Szene und die Ästhetik des Widerstands und den Pergamon Altar in Berlin und so viele andere Dinge. Schönheit. Als Gegengewicht. Als Ruhepol. Auch als Entlastung. Brechts Anmerkung zu den Zeiten, in denen man nicht über Bäume schreiben sollte. Ich merke, Photographien und Gedichte tun mir gut. Sie schaffen ein Gegengewicht. Seht hin, es gibt auch die andere Welt. Die Welt des Klangs, in der es schwingt. Die verbotene, Skepsis erweckende Harmonie. Alles auf dieser Welt kann es auch in schön geben. Auch Energiegewinnung. Auch Landwirtschaft. Die müssen kein hässliches Anlitz haben. Alles lässt sich in Einklang gestalten. Die Möglichkeit ist da. Deshalb ist es wichtig, Ästhetik zu schaffen, zu leben. Immer wieder zu präsentieren. Im Klang der Worte, in Bildern. Klingt pathetisch, ich weiß. Vor allem im Vergleich zur Nüchternheit der Welt. Aber für mich ist es: Ästhetik versus Sachzwang. Das finde ich, um das Unwort des Jahres zu entlasten, alternativlos.

Euch einen schönen Tag. Vielleicht begegnet euch ein wenig Ästhetik, die euch entlastet. Die für euch ein Gegengewicht schafft. Wünsche ich euch. Heute und immer. Wobei ich jetzt hier mal ordentlich Gas geben muss, um dem Sachzwang des Geldverdienens nachzukommen. Aber ich hatte heute schon eine kräftige Portion Ästhetik. Mit Sahne, äh Schnee.

4 Klicks, Zoe, Jesus, mamapower, fünf Jahre!

Heute ist großer Bauchladentag im Blog. Von allem ein wenig. Arbeite ich doch die Head einfach ab. Zacki die zacki. 4 Klicks. So oft wurde gestern der Bestell-Link zum World Ocean Review geklickt. Ups. Hab‘ ich wohl nicht gut geschrieben. War es die langweilige Head, die Schwere des Themas oder war mein Text einfach zu wenig motivierend? Vielleicht ist nach der Schwere der Themen der jüngeren Vergangenheit aber auch eine Müdigkeit entstanden. Nein, nun nicht auch das noch. Oder war es der Name der Studie: World Ocean Review. Klingt nach viel Arbeit. Ist was für Wissenschaftler/innen. Who knows…

Zoe. War vorgestern Abend in Tränen aufgelöst. Lag schluchzend in ihrem Bett. Was war geschehen? Sie hatte am Morgen erfahren – von mir erfahren -, dass Jim und ich an ihrem Geburtstag im Sommer nicht da sein werden. Familie geht ihr über alles. Mama, Papa, Bruder, Hund. Sind nicht alle zusammen an einem solch wichtigen Tag, stimmt da was für sie nicht. Tja, wo sind Jim und ich. In Frankreich. Jim ist auf Klassenfahrt an der Ardeche. Abgestimmt, gebucht. Und ich bin als Betreuer dabei. Hab‘ ich schon einmal gemacht. Für Jim ist das in Ordnung und es finden sich nicht immer sehr viele Eltern, die das machen wollen. Hab ich „Ja“ gesagt. Richtig trösten konnte ich Zoe nicht. Find‘ ich ja auch schön, dass ihr das so wichtig ist. Aber manchmal laufen die Dinge im Leben anders – auch für Zoe. Das ist Sozialisation. Und letztlich, im Vergleich zu dem, was andere Kinder plagt, ein Luxusproblem. Und: An dem Tag hat sie ihre Mama ganz für sich…

Jesus. Gott. Ist in letzter Zeit hier ja öfter vorgekommen. Gestern Abend war ein Treffen zur Vorbereitung von Jims Jugendfeier – die freichristliche Alternative zur Konfirmation in seiner Waldorfschule. Es war ein sehr schönes und intensives Treffen. Die Religionslehrerin – eigentlich schon lange pensioniert aber immer noch äußerst aktiv in der Schule – hatte uns Eltern unsere jeweilige Glaubensgeschichte erzählen lassen. Das erinnerte mich stark an die Diskussion hier im Blog rund um den Beitrag „Wo wohnt Gott in Deutschland?“. Diesmal nur live. Auge in Auge. Ein sehr lebendiges Gespräch. In kann nur sagen: Glauben lebt. In veränderter Form, aber er lebt.

mamapower. Ein Twittername, der für eine alleinerziehende Mutter und ihre vier Kinder steht. mamapower ist aktuell in finanziellen Nöten. Ihr Haus soll zwangsversteigert werden. Zwei Frauen haben nun eine Spendenaktion ins Leben gerufen, die 30.000 € einbringen soll. Bis Ende des Monats. Bislang sind rund 1.600 € eingegangen. In 24 Stunden. Die ganze Geschichte und das Spendenkonto findet ihr hier: Hilfe für mamapower.

Bleiben die fünf Jahre. Eine Art Geburtstag. Stiller Geburtstag. Für mich. Nein, 46 werde ich erst im April. Heute vor fünf Jahren habe ich das erste Mal meditiert. Es war ein kühler, schneefreier Januarabend. Ich hatte eine Freundin zum Buddhismus befragen wollen. Sie hat mir einiges erzählt, meinte dann aber: Du willst eigentlich meditieren oder? Ich sagte ja. Wir gingen in dieses wunderbare Retreathaus im japanischen Stil mit wunderbaren Buddhafiguren und Thangkas. Wird meditierten. Ich fuhr nach Hause und wurde erleuchtet. Vom Blitzer in unserem Nachbardorf. Dort, wo ich normalerweise bremse. An dem Abend nicht. Es wurde taghell und ich musste lachen. So schnell kann es gehen. Eine lustige Religion…

Euch einfach viel Spaß und Vergnügen heute. Nehmt es nicht zu schwer, lasst die Puppen tanzen und strahlt.

World Ocean Review – der Zustand der Meere.

Die letzten Abende war ich damit beschäftigt, die letzten drei Ausgaben der mare – Die Zeitschrift der Meere – zu lesen. Ein schönes Unterfangen. Durch die Intensität des Lesens von gleich drei Ausgaben an einem Stück, stellte sich in meinem Kopf ein allabendlicher Zustand von Meer, Meer, Meer ein. Es schwappt, es brandet, es tost, es säuselt, es erzählt. Während des Eintauchens traf ich auf eine Nachricht: Der World Ocean Review ist erschienen.

So. Erst einmal zur Seite gelegt, irgendwo neben die schönen Fotos und guten Texte (die können schreiben!). Wie das bei vorwitzig neugierigen Textern ist, ließ mir diese Marginalie keine Ruhe. Ich folgte den Spuren ins Internet und klickte mich bis zum Ziel. Dort fand ich, was ich suchte: Den World Ocean Review zum Download und Bestellen. Hab ich gemacht. Denn da steht einiges drin, was mich sehr interessiert.

Die mare hat gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Kiel in dreijähriger enger Zusammenarbeit einen allgemein verständlichen Bericht über den Zustand der Meere und über die Rolle des Meeres im globalen Zusammenhang geschrieben. Ein Weckruf. Ein „Schaut hin!“. Das Meer ist so groß, so weit. 70 % unseres Planeten Erde nimmt es ein. Vom Weltall aus gesehen macht es die Erde zum blauen Planeten. Doch leider ist einiges faul im Staate Dänemark. Ein paar Dinge, ihr ahnt es längst, laufen ziemlich schief. Wir alle gemeinsam drohen zu kentern, weil wir in die falsche Richtung navigieren.

Nikolaus Gelpke, Mitgründer und Chefredakteur der mare, hat das Projekt initiiert. Nach dem Abitur war er in Kanada bei Elisabeth Mann Borgese, Tochter von Thomas Mann, gelandet. Sie kämpfte von dort für das Meer. Ja, man muss für es kämpfen, weil es so angreifbar ist wie ein riesiger schutzloser Wal. Sie forschte, kümmerte sich, arbeitete an der Ausarbeitung eines internationalen Seerechts mit. Sie machte, tat. Nikolaus Gelpke schickte sie von Kanada nach Kiel, um Meeresbiologie zu studieren. Das machte er, um etwas für das Meer zu tun. Wie ein Delfin am falschen Ort verstrickte er sich im Netz der Wissenschaft. Zu eng das Korsett, zu träge der Trawler. Er brachte mit Freundinnen – u.a. Zora del Buono – die mare heraus. Um konkret etwas zu tun. Um den Menschen die Schönheit des Meeres zu zeigen. Um ihnen vor Augen zu führen, womit sie so achtlos umgehen. (Hier ein Video von einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung des Berichts, in dem Nikolaus Gelpke zusammen mit dem Wissenschaftler Martin Visbeck die Zusammenhänge erläutert.)

Wir sprechen von Verklappungen, von Mülleintrag, von Überfischung und vor allem: Von Übersäuerung durch CO2. CO2 im Meer? Nicht in der Atmosphäre? Das Meer ist gut zu uns. Es versucht zu helfen. Es nimmt CO2 in riesigen Massen auf. Bindet es. Leider entsteht dabei Kohlensäure, wodurch das Meer übersäuert. Auswirkungen auf das Ökosystem? Mit Sicherheit keine guten. Zusätzlich schluckt es auch überschüssige Wärme. Allerdings heizt es sich dabei auf. Langsam. Stetig. Wer jetzt denkt, och schön, besser zum Baden, der… Alarmstufe Rot. Der Unsinn, dass es solche Klimawandel immer schon gegeben hat, ist eine selbstbetrügerische Ausrede. Dann muss ja niemand was tun! War ja schon immer so.

Dass dem nicht so ist, davon erzählt der World Ocean Review, den ihr doch bitte kostenlos bestellt und abends in Ruhe durchlest. Ist wichtig, um zum Beispiel den Gesamtzusammenhang des Klimawandels zu verstehen. Das Meer spielt hier eine große Rolle. Wie wir in diesem Winter gesehen haben. Eisschmelze im arktischen Meer, Windrichtungswechsel, Nordwind, Schneechaos und wie die Bild-Zeitung wahrscheinlich liebend gerne sagt: gefährliches Blitzeis. Müsste nicht sein. Könnte vielleicht noch anders ausgehen, unsere Geschichte mit dem CO2 und dem Klimawandel. Wenn wir in einem ersten Schritt die 240 für ein nicht wissenschaftliches Publikum geschriebenen Seiten durchackern, damit wir wissen, wovon wir sprechen und was zu tun ist. Macht mal. Bitte. Hat die mare bestimmt schön gestaltet und formuliert…

Erinnerungsflash, Midlife

1976, im Sommer
Randalierend im Knast von Renesse
Gegen Laternen getreten, Handschellen
Blaulicht
Am Nachmittag, Sport blau gemacht
Geschlafen mit der Tochter der Sportlehrerin
Immatrikuliert, demonstriert gegen die Schließung
Ästhetik des Widerstands gelesen, zwei Jahre
Frauen, jung
Am Theater Wolokolamsker Chaussee
Heiner Müller in Leipzig, gesehen
Seinen weggeworfenen Zigarrenstummel in der Hand
In Goethes Theater Bad Lauchstädt wegen Paul geweint
VERKOMMENES UFER MEDEAMATERIAL LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN
Champagner im Garten, Erdbeeren
Blut und Sperma auf dem Bild aus Öl
Auf der Bühne, Berlin, Jerofejew – ich Kolja
Franz, oh Franz, inszeniert im Untergang
Heinrich, Erna, Aenne, Sabine, Büse, Beatrix, Gunnar gestorben
Gelacht
Geschrieben Gedichte, vier Stücke
Verzweifelt
Old School, nicht geheiratet
Familie, Anfang, Geburt
Nerven
Immer wieder Italien
Italienische Reise
Das Meer
Neu
2011

jens schönlau, januar 2011

Romantik auf dem Rothaarsteig.




Ela und ich. Ohne Kinder, nur mit Hund. Was für ein schöner Tag gestern. Ich musste morgens aufstehen und Jim in die Schule zur Sonntagshandlung fahren, zum Gottesdienst, weil er zur Jugendweihe, zur freichristlichen Konfirmation geht. Ich hatte Cooper dabei und hab mir mit ihm die Zeit im Wald vertrieben und bin einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgegangen: Bäume fotografieren. Ein antiquiertes Hobby. Menschen, Städte, pralles Leben – nein, Bäume, Landschaften. Caspar David Friedrich, nach Wikipedia Maler und Zeichner der Früh-Romantik.

Nun steht der Begriff Romantik bei uns mittlerweile für das Apolitische und Kitsch. Ein Romantiker ist in der Umgangssprache ein Spinner, der den Schuss nicht gehört hat. Einer, der nicht mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Einer, der sein Geld nicht verdient, der sich nicht nährt. Bin ich da draußen, sehe ich das Licht und die Wolkenformationen, die Bäume, ihre Kronen, den Himmel, dann fasziniert mich die Schönheit. Da sind Dinge, die wachsen und gedeihen, die einfach aus sich heraus schön sind.

Wir hatten wegen des schönen Wetters und der Sonne eh vor, wandern zu gehen. Als ich die Sonne am Horizont aufsteigen sah, war mir nach einer besonderen Wanderung. Ich hab Ela gefragt, ob sie Lust auf den Rothaarsteig hat. Revierwechsel. Der liegt so rund 40 Kilometer von hier und führt aus dem Hochsauerland bis ins Siegen-Wittgensteinische. Auf einem Bergkamm zwischen 400 und 800 Metern hoch. Wir sind bis in das Dorf Lützel gefahren, haben unsere Wanderschuhe geschnürt und sind los in Richtung Ederquelle, Siegquelle, Lahnquelle. Ohne Kinder konnten wir ein hohes Tempo wandern. Natur, Natur, Natur. Irgendwann kam ein Hinweisschild zum Forsthaus Hohenroth. Wir konnten einkehren in ein altes Forsthaus. Es gab eine heiße Suppe. Sehr gemütlich, schon wieder die Erfüllung eines Klischees. Zünftig wandern, deftig einkehren.

Als die Sonne untergehen wollte, waren wir auf dem Rückweg und konnten weit über die Region Siegen-Wittgenstein blicken. Ein wenig Alpenstimmung. Am Horizont überall rund gebogene Hügel, dahinter ein heller Lichtstreifen. Faszinierend. Natürlich kitschig wie eine Fototapete, aber so schön. Und mittendrin Ela und ich. Und natürlich ein Hund namens Cooper. Altes Schlappohr.

Vielleicht habt ihr Lust, heute mal ein wenig ins Romantische abzudriften. So weit es beruflich nicht nötig ist, die Rationalität beiseite zu schieben und ein wenig Rosarot einkehren zu lassen. Ein wenig schweben.