Noch so ein Tag und ich werde auf der Stelle verrückt.

Kulminierende Tage. Ich weigere mich, zu glauben, es wäre keine größere Macht im Hintergrund vorhanden. Alles hat einen Sinn, alles läuft zusammen, es gibt ihn, den größeren Plan. Anders ist dieser Tag in seiner Fülle nicht zu erklären. Ich jedenfalls versteh ihn nicht. Dieser Tag hatte es in sich. 6:00 Uhr – wecken, Spülmaschine ausräumen, Toasts schmieren, Kakao für Jim aufschäumen, für Zoe kalt aufrühren, Pausenbrote schmieren, Elas Cappuccino zubereiten, ans Bett bringen, die schönste Frau der Welt wach küssen, anlächeln, abfliegen, ab zum Bus und anschließend Geld am Automaten ziehen für die eventuell fällige Praxisgebühr später beim Arzt. Uhrenvergleich! Ja, genau, 55 Minuten später.

An diesem Tag bleibt keine Zeit. Um 8:45 Uhr erwartet mich ein Arzt, der davon lebt, Menschen Kameras in den Allerwertetsten zu schieben, um sich das da drinnen auf großem Bildschirm anzusehen. Ein Profi in seinem Metier. Vorher jedoch will das hungrige Tier, der Blog, gefüttert werden. Bitte, Herr Schönlau, jetzt nicht ausufern, im Zeitplan bleiben und auf den Punkt kommen. Was fällt mir ein? Richtig, ihr habt es gelesen, ein delikates Thema. Ein wenig Witz, Humor und Lockerheit reinbringen, damit niemandem der Tag versaut wird.

7:26 Uhr. Cooper schaut mich an, als hätte er verstanden, worüber ich geschrieben habe. Er will raus der Gute, seiner Morgentoilette nachgehen. Sein Blick hat was Zwickendes. Anzeichen von abschließender Verdauungstätigkeit im Nordbereich des Tieres, dort, wo die Sonne nicht hin scheint (im Norden ist sie nie zu sehen). 8:05 Uhr. Cooper ist glücklich. Ich erreiche meinen Rechner, setze einen Twitter-Tweet ab und begebe mich ins Bad. Fix. Ab ins Auto. Erreichen der Praxis um 8:35 Uhr.

Bei Überweisungen wird keine Praxisgebühr fällig. Weiß ich das jetzt auch. Im Wartezimmer unterhalten sich die Menschen über Darmkrebs und abgeschnittene Polypen und die besten Methoden der Darmentleerung. Ich scheine in die jährliche Hauptversammlung der Darmspiegelungs-Fanatiker hereingeschneit zu sein. Mahlzeit möchte ich sagen, belasse es aber bei einem verkniffenen „Morgen“. Ich nehme mir eine Zeitung, weil ich mich nicht als Greenhorn outen möchte. Ja, ich habe keine Ahnung! Einführungsgespräch, wobei diese Bezeichnung mir ziemlich doppeldeutig vorkommt.

Der Arzt ist sehr nett. Führt mit mir ein Gespräch, unterstützt von Zeichnungen, von dem ich jetzt sagen würde: So einige Details hätte er auch weglassen können. Während wir uns also auf männlicher Expertenebene über seinen Dickdarm, meinen Dickdarm, den Dickdarm seiner Kinder (kennt er in- und auswendig) unterhalten, saugt mich seine Kollegin im grünen OP-Gewand so ganz langsam aus. In letzter Zeit sitze ich kaum beim Arzt, da habe ich schon so eine fette Meganadel im Arm und befülle unendlich viele Ampullen. Eine für Mama, eine für Papa und der Opa der Lady ist auch Vampir… Nein, Leberwerte und Cholesterin können wir weglassen, die Inspektion hatte ich gerade.

Ab in die Karre, Flucht. Zu Hause erwartet mich ein Kundengespräch. Live. Muss schnell gehen, denn ich habe Mittagsdienst. Kochen, Zoe vom Bus holen. Verabschiede den Kunden. Es ist 12:45 Uhr. Ela holt Zoe, ich koche. Ela kommt rauf, unten habe gerade ein Kunde angerufen. Kochen, telefonieren, was nun? Erreiche den Kunden nicht, koche weiter. Fisch mit Kartoffeln und Gemüse. Ela kommt rauf, der Kunde habe wieder angerufen und versuche es in 20 Minuten noch mal. Zu Ende kochen. Tisch decken. „Ela, kannst du das Dressing machen?“ Ich hole den Salat aus dem Garten. Salat in Hülle und Fülle. Die Familie isst, ich versuche den Kunden zu erreichen. Nicht erreichbar. Miste. Antworte auf die 10 Millionen aufgelaufenen Kommentare im Blog. Flieg durch den Tag.

Mails kommen rein. Text bis morgen, geht das? Klar doch. Häuptling schneller Finger. Da ich eh gerade warte, haue ich das raus. Mittlerweile steht die Uhr auf 15:46 Uhr. Erreiche den Kunden nicht, der Kunde ereicht mich nicht. Versuche einen anderen Kunden zu erreichen, den ich auch erreiche, der mich aber auf später vertröstet. Schreibe den Text, versende ihn und erhalte postwendend die Antwort: „Hammer! Ich bin beeindruckt.“ Das müsste Kundenpflichtprogramm sein. Immer schön den Herrn Schönlau loben. Ah! Kunde 1 ruft mich an, während ich auf Kunde 2 warte. Telefonieren eine Stunde lang. Intensives Briefing. Mein Kopf rauscht. Ela will mit mir Fahrrad fahren. Super. 18:00 Uhr. Wir fahren am Nachbarn vorbei, mit dem mich Ela heimlich verkuppelt hat. In dem Sinne, dass sie mich mit ihm quasi zu einer weiteren, späteren Radtour verabredet hat. Um 19:00 Uhr?

Ich sage für etwas später zu, weil ich um 19:00 mit zwei Mitbewohnern meines Dorfes zum Buchen zweier Flüge verabredet bin. Nebenbei bin ich hier so eine Art Reisebüro für Menschen, die im Internet nix finden. Zwei Billigflüge nach Rumänien im September. Vorher muss ich aber noch Zoe den Rechner einrichten, damit sie das Länderspiel im Livestream sehen kann. Jetzt sagt die Uhr irgendetwas von 23:01 Uhr. Mit meinem lieben Nachbarn bin ich noch 10 Kilometer Rad gefahren, danach hab ich Rechnungen geschrieben, diesen Text gebloggt und nun bin ich reif für die Heia. Gerade noch im Blog kommentieren… Was für ein Tag. Weshalb bin ich eigentlich immer derjenige, der in meinem Leben stes in erster Reihe dabei ist? Weiß auch nich:)

Und dann: 01.23 Uhr geht der Feueralarm – die große Sirene direkt neben meinem Schlafzimmer. Bei offenem Fester kommt die richtig gut. Stehe senkrecht im Bett, Zoe kommt rein und steht panisch neben mir. Kleine Zugabe des Schicksals zu diesem Tag.

Ready for Darmspiegelung.

Gitta Becker aus Berlin hat in ihrem Blog im März das Thema Darmkrebsvorsorge thematisiert. Da der Vater meines Vaters an Darmkrebs – was für ein in Klang und Anmutung unschönes Wort – gestorben ist, werde ich nun einmal die Möglichkeiten unseres Gesundheitsversorgungssystems (Bitte einmal Gesundheit an Tisch 13…) auskosten. Naja, mal sehen. Eigentlich dachte ich, ich gehe zu meinem Arzt, hole mir eine Überweisung, mache einen Termin und los geht’s. No.

Heute habe ich einen Vortermin. Darmspiegelungsvorgespräch im Rahmen der Krebsvorsorgeuntersuchungen für Männer in den besten Jahren:) Da wird mir wohl so einiges erklärt werden. Was ich faktisch weiß: Dieser lange Schlauch wird irgendwie in mir drin sein. Mit allem, was dieser Schlauch so beherbergt: eine kleine Kamera zum genauen Untersuchen und Hinsehen sowie wohl auch ein Instrument zur Beseitigung übergroßer Erscheinungen (Monster!) und zur Probenentnahme, wenn irgendetwas nicht so aussieht, wie es aussehen soll. Und der Müll wird dann hoffentlich gleich auch entsorgt: Alte Coladosen, McDonals-Verpackungen, Magnum-Stile…

Ich stelle mir die Welt da in mir als eine Art Unterwasserszenario oder Steinkohlestollen vor. Dunkel, feucht und in diesem Fall wahrscheinlich auch mehr als etwas moderig riechend. Eine Freundin, eine Biologielehrerin hat mir erklärt, dass der Darm eigentlich gar kein Innenorgan ist. Zwar liegt das lange verschlungene Teil wie eine pennende Anaconda in uns drin, ist aber de facto wie ein durchgezogener Socken in uns hinein gesogen worden. Biologisch gesehen gehört das Teil zur Außenwelt. Wäre aber halt unpraktisch… Ih!

Geht ihr noch mit oder ist es schon zu eklig? Sind ja wir. Also nicht komplett, aber ein Teil davon. Unser Innerstes. Gestern habe ich mir auf Google Maps den Weg zum Doc rausgesucht und dabei habe ich dann gleich, was für eine mittlerweile crazy, crazy world, Erfahrungsberichte gelesen. Die standen direkt neben der Karte. Ein Frau schieb: lieb! Der Doc soll sehr einfühlsam und vorsichtig sein. Was hätte ich gemacht, wenn da etwas anderes gestanden hätte? „Vorsicht, Berserker, der reißt euch sowas von den *piep* auf…“

Fahre ich also gleich hin und werde mal nett bequatschen, wie wir das denn so hinter uns bringen. Ob mit oder ohne Narkose und überhaupt. Vorher muss ja wohl auch der Darm komplett entleert werden, also nüchtern in Form von „Alles muss raus“. Jetzt, wo es nach zwei Monaten Vorbereitungs- und Terminierungszeit endlich losgeht, wird mir doch ein wenig mulmig. Egal. Geh ich jetzt durch. Ich muss ja eh nur doof rumliegen und der Dinge harren, die da kommen. Oh, oh. War unappetitlich heute? Ich hoffe nicht. Sonst wartet ab, was ich dann beim wahren Termin live und in Farbe aus der Praxis blogge. Uaahhh….

Detailinfos und Fotos zum Thema Koloskopie findet ihr in diesem Wikipedia-Artikel.

Emotionale Entgiftungskur: Ein Erfahrungsbericht von Soniadeluxe

Ein Gastbeitrag von Soniadeluxe (Thanx! Thanx! Thanx!) – Wie ich kürzlich in meinem Blog speaking up! berichtete, hatte ich geplant, versuchsweise einen aufregungsfreien Tag pro Woche einzurichten. Ich wollte herausfinden, ob ich aus freien Stücken die zahlreichen emotionalen Palmen dieses Lebens links liegen lassen kann, auf die ich sonst automatisch klettere. Die Betonung lag auf „automatisch“, das nervte mich und ich beschloss, es mir selbst mal so richtig zu beweisen: Bin ich stark genug, meinen emotionalen Zustand selbst zu wählen? Ich suchte mir den Mittwoch aus, da mich da morgens immer schon die Müllabfuhr nervt hier bei uns.

Ich gehe aus Erfahrung davon aus, dass man eine Menge emotionaler Abgase in die Welt bläst, wenn man sehr negativ unterwegs ist und auch davon, dass man nicht nur sich selbst damit verpestet, sondern auch andere Menschen damit stört und runterzieht. Dies ist einer der Gründe, warum ich mich mit der Thematik überhaupt befasse. Ich selbst bin da hochsensitiv und entwickle sogar dieselben Körpersymptome, wie ein neben mir stehender oder gegen mich gerichteter Wutausbruch. Nur so viel zu meiner inneren Landschaft und meiner Motivation, selbst nach Möglichkeit innerlich immer wieder schön aufzuräumen.
Der physische Körper als Metapher: Ausleitung giftiger Emotionen
Die Herausforderung des aufregungsfreien Tages (aus dem schließlich eine ganze Woche wurde) bestand für mich darin, die gefällte Entscheidung (mich nicht aufzuregen) nicht nur äußerlich durch Selbstbeherrschung umzusetzen, sondern mich SO einzustellen, dass innerlich kein neuer emotionaler Giftmüll mehr entsteht. Womit ich auch schon bei der emotionalen Entgiftungskur angekommen wäre, zu der sich mein Selbstversuch entwickelte. Jens berichtete hier ja dieser Tage von seiner Wacker-Fastenkur und genau in dieser Zeit machte ich grad meinen aufregungsfreien Selbstversuch. Eine Bekannte war übrigens in dergleichen Woche auch auf Rügen zu einer Wellness-Entgiftungskur, irgendwie scheint das so eine Zeit gewesen zu sein.
Mir wurde in der Woche klar, dass es sich mit dem Emotionalkörper ähnlich verhält, wie mit dem physischen Körper. Beim physischen Körper wirft man sich oft allerlei ungesundes Zeug ein mit der täglichen Ernährung und will man mal bis auf die Zellebene entgiften, so lautet Regel Nummer 1: kein Junk Food mehr, eine spezielle Diät, die das Ausleiten fördert, Ausspülen mit viel Flüssigkeit etc. Und so ähnlich ist es auch bei einer emotionalen Entgiftung, wie ich feststellte: keine negativen Emotionen mehr, eine neue Haltung zu den Dingen einnehmen, um emotional mal anders reagieren zu können, viel Lachen und 5 gerade sein lassen, noch viel mehr positive Emotionen zulassen, um das emotionale Giftfass mal richtig durchzuspülen. Und eine extra große Portion Selbst-Achtsamkeit ist quasi das Äquivalent zum Entgiftungstee.
Interessant finde ich, dass sowohl bei einer physischen als auch bei einer emotionalen Entgiftung am Anfang eine bewusst gefällte Entscheidung steht. Ohne diese würde man gar nicht erst loslegen mit einer Diät und dem Entschlacken. Jeder Fastende wird bestätigen können, dass der Japp auf Dreck nicht verschwindet, nur weil man sich entschieden hat, eine Entgiftung zu machen. Man muss auch Willensstärke haben, um standhaft zu bleiben. Ebenso ging es mir in der aufregungsfreien Zeit. An jeder Ecke lagen verführerische Anlässe zum Auf-die-Palme-gehen herum und ich musste durchaus einiges an Kreativität und Selbstdisziplin aufbringen, um emotional nicht auf die Palme zu gehen. Dies schaffte ich ausschließlich dadurch, dass ich meine Haltung in jeder Situation so anpasste, dass es keinen Grund mehr für’s Aufregen gab (ja, meist scheint es nämlich das zu sein, was man über die Dinge so denkt, was einen innerlich ausrasten lässt). Auch Dingen mal einfach ihren Lauf zu lassen, auf das Risiko hin, dass was andres dabei rauskommt, als was wir uns wünschen, hat mir geholfen, anders zu denken. Risikobereitschaft und Loslassen von Ergebnissen waren auch Schlüssel zur aufregungsfreien Erfahrung.
Ich wollte ja keine Aufregung verdrängen, sondern störenden Dingen ins Angesicht sehen, sie mal anders betrachten und dabei emotional locker durch die Hose atmen.
Training für Emotionen und Verstand
Bemerkenswert: unterm Strich ging es mir eine ganze Woche am Stück super. Ich ertappte mich dabei, wie ich sogar als Hintergrundmusik zu meiner guten Laune dieses fröhliche Glucksen in mir hörte, dass ich von den Zeiten kenne, wenn einfach alles stimmt. Weder Bürokram, noch Nachbars Hund, noch blöde Kommentare, noch lange Supermarktkassenschlangen konnte mich nerven. All die kleinen Alltagsnervereien hatten keine Chance.
Mich ließ meine mentale Selbstdisziplin nach ca. einer Woche jedoch erstmals im Stich und ich regte mich wieder über eine Kleinigkeit auf. Und dennoch habe ich jetzt den 3. Aufregungsfreien Mittwoch (denn ein Tag pro Woche sollte es ursprünglich sein) gefeiert und das Gefühl, ein bisschen mehr über meine inneren Vorgänge gelernt zu haben. Eine andere Haltung einzunehmen (die zu anderen emotionalen Reaktionen führt) ist vergleichbar damit, wenn man während einer Fastenkur nicht dem gewohnheitsmäßigen Appetit auf Big Macs folgt (rauf auf die Palme), sondern sich GANZ BEWUSST für was Gesünderes entscheidet (um die Palme rum Blümchen pflanzen z.B. ).
Ich habe für mich erkannt, dass nicht nur mein Emotionalkörper entgiftet hat in dieser aufregungsfreien Zeit, sondern dass ich auch noch meinen Mentalkörper, meine Willenskraft und meinen Verstand trainiert habe, denn Selbstdisziplin und die Haltung, die ich einnehme, sind mentale Geschichten. Bewusst eine andere Haltung einzunehmen ist wie Sit Ups für den Geist. Und die volle Verantwortung für seine Emotionen zu übernehmen ist sowieso ein ganz wichtiger Faktor, finde ich.
Fazit
Während meiner emotionalen Entgiftungskur habe ich mal wieder so richtig meine Seele gespürt, denn es gab keine Wolken an meinem emotionalen Himmel, außer ein paar kleinen Wattewölkchen, die der Wind weiterblies. Außerdem habe ich mich in der aufregungsfreien Woche leicht wie eine Feder gefühlt und einige Situationen haben sich so toll entwickelt, wie lange nicht, einfach, weil ich in der Lage war, den Ball flach zu halten. Rolling with the punshes nennt man das, was ich da für mich wiederentdecke gerade: den Schlägen des Lebens ausweichen, mitgehen und nicht immerzu die Ego-Nase hinhalten. Geht doch!

Die Liebe des Tanztheaters der Pina Bausch.


Copyright terafoto. Danke, dass ich dein Foto hier benutzen darf!

Tanz, Theater. …como el musguito en la piedra, ay si, si, si … (…wie das Moos auf dem Stein…) Gestern Abend in Wuppertal mit Ela und Christiane. Ein Geburtstagsgeschenk, dass ich eingelöst habe. Im Februar hatte ich bereits kurz über Pina Bausch geschrieben, nachdem ich Wim Wenders Film Pina im Kino gesehen hatte. Der Film hatte mich fasziniert und ich wollte gerne eine ihrer Inszenierungen sehen, um selbst zu spüren, was die Faszination ausmacht. Live.

Wuppertal im Juni. Ein warmer Abend, eine merkwürdige Stadt. Deutschland. Paris, Tokio, London, New York. Ein kleines Opernhaus. Ausverkauft. Wie immer, wenn ein Pina Bausch-Stück aufgeführt wird. Das Ensemble ist unterwegs, ist weltberühmt. Ein Blick in den Spielplan zeigt, es ist eine der raren Gelegenheiten, Pina Bauschs Tanztheater zu erleben. Die Komapnie ist viel unterwegs: Oslo, London, Warschau, Budapest, Ottawa…

…wie das Moos auf dem Stein… Vorletzte Woche hatte ich eine Männer-Frauen-Väter-Mütter-Themenwoche. Gestern Abend auf der Bühne – nur ein weißer Tanzboden, eingerahmt von schwarzen Wändern und Vorhängen – 9 Tänzerinnen und 8 Tänzer. Frauen, Männer, die sich im Spiel miteinander, in der Auseinandersetzung untereinander näherter, lockten, stießen, verführten, berührten, bedrängten, entzogen. Fast drei Sunden lang, unterbrochen nur von einer kurzen Pause. Und ich saß da, sog die Bilder auf. Die Frauen in langen Kleidern, barfuß oder in Stöckelschuhen. Sie schwangen ihr Haar, legten es. Männer in dunklen Anzügen, Hemden. Männer unf Frauen in immer wieder neuen Sitautionen. Das ewige Spiel.

Wir waren hier im Blog ind en Kommentaren um das Thema herum gekreist und hatten keine richtige, am Ende fest stehende Antwort gefunden. Das hat der Abend gestern auch nicht. Aber er ist einen großen Schritt weitergegangen. Er hat das Thema, das Menschengeschlecht, das Geschlecht der Menschen in aller Zartheit aufgenommen und mit einer tiefen Feinfühligkeit zelebriert. Jeder Augenblick getragen von Emotion. Jeder Solotanz durchdrungen von Erfahrung, von Annäherung, vom Ausdruck des eigenen Verstehens. Die Männer so männlich und gleichzeitig so verletztlich. In starken, großen Bewegungen. In Kreisen um das Geschenen herum. Kraftvoll, dynamisch. Die Frauen zentrierter, mittiger. Auch voller Kraft und Ausdruck, aber verletzlicher. In einer ganz anderen Körperlichkeit. Der Ausdruck weiblicher Seelen. Es war so spürbar.

Tatsächlich war es die große Liebe der Pina Bausch, die den Abend getragen hat. Die Liebe zu Menschen. Zu den Kleinigkeiten des Lebens, die das Große ausmachen. Es war ein sicherer Raum, diese Bühne, dieses Theater. Es gab so viel Harmonie, ohne der Anbiederung. Das die Geschlechter Trennende, männliche Gewalt etwa, löste sich auf in ein Empfinden. Am Anfang: Zwei Tänzer trugen eine Tänzerin über die Bühne. Berührten sie sie und hoben sie hoch, schrie si. Ließen sie sie los, verharrte sie. Das war auch das Schlussbild. Das kniete die Frau, der Mann entfernte sich ind Dunkel der hinteren Bühne. Wer ist der Stein? Wer das Moos?

Pina Bauschs Tanztheater von der ersten bis zur letzten Minute pure, konsequent inszenierte Emotion. Alles passt perfekt, ohne perfekt zu wirken. Es scheint, als hätten die Tänzerinnen und Tänzer allen Raum der Welt, um auszudrücken, was sie zu sagen haben. Dennoch greifen die Bewegungen wie zahnräder eines Uhrwerks ineinander. Mänr und Frau bewegen sich ineinander, verschmelzen ihre Körper, löen sich aus der Bewegung heraus auf in ihre eigenen Körper. Fließend, leicht. Keine Akrobatik, keine Sensationen – nur stimmige, fließende Bewegungen. Eingerahmt in fantastische Bilder. Der Mann, der sih amHochseil entlanghangelt, während die Frau weder wegkommt, noch sich zu ihm hin bewegen kann. Ein Gurt um ihre Hüfte mit einem Seil, dass sie hält. Gefesselt, angeleint. Oder das ganze Ensemble am Boden, jeweils hintereinander sitzend in langer Reihe und sih, wie bei en Affen, kraulend, untersuchend. Die bunter Kider der Frauen auf dem weißen Boden, die langen dunklen Haare. Oder diue Frau, die ihr Haar auf den Boden legt. Ein Mann legrt seinen Kopf darauf, wie auf in Kissen. Sie rutscht weg, nimmt ihre Haare, das Kissen mit. Diese Sehnsucht nach Aufgehobenheit.

Mein Kopf ist voller Bilder. Ein Fotograf, der die Kompanie während der Arbeit fotografieren darf, kann sich glücklich schätzen. Authentizität, Audrucksstärke, große Bilder in Hülle und Fülle. Das liebevolle Tanztheater der Pina Bausch ist voller großer Momente, die eigentlich so klein sind. Alltag. Pure Begegnungen. Transformierte Realität fernab jedweder Künstlichkeit. Nun wird die Kompanie einige Monate unterwegs sein. Die Welt beglücken. Ich freue mich auf die Heimkehr und darauf, den in den Inszenierungen lebendigen Geist der Pina Bausch wieder zu erleben. Ihre Stärke strahlt weit über ihren Tod hinaus, ihr Können, ihre Kunst, ihre Menschlichkeit, ihre Fähigkeit, Tänzerinnen und Tänzer zu locken, sie weit gehen zu lassen. Über ihre Grenzen hinaus. Vielleicht sind das Offenbarungen. Auf jeden Fall ist es schön, unendlich schön. Anzusehen und zu fühlen.