Den kommen die Polen holen

Focus I, 2001
Focus I, 2001

Ups.

Klingt wie ‘ne Drohung. Nein, nein, wir wollen hier mal niemanden verunglimpfen. Aber, ja, letztlich war es tatsächlich so. Hier nun also der vierte Teil der angekündigten Trilogie-Fertigstellung. Hä? Egal. Mann muss auch mal drei gerade sein lassen, oder wie hieß das? Immer diese Konventionen.

Wir haben also fast die ganze Kiste durch. Nur das Verticken der alten Möhre fehlt noch. Hier kommt die ganze Wahrheit. Es war der Dienstag nach dem Montag, an dem ich die hässlichsten aller Felgen mit den schrottigsten aller Reifen für viel zu viel Geld gekauft hatte. An diesem Dienstag hatte sich am späten Nachmittag ein Zeitfenster überraschend geöffnet, dass es mir erlaubte, den Wagen einigermaßen fit für den Verkauf zu machen. Saugen, wischen, putzen, polieren. All das Zeugs, was man macht, um einen alten Wagen in neuem Glanz erscheinen zu lassen. Nein, ich habe nicht mit Tricks gearbeitet. Kein stinkiges Cockpitspray und auch kein Glanzgel für die Reifen.

Nur die Hundehaare raus, den Matsch aus den Radkästen und vor allem die Kaugummis und angelutschten Bonbons unter der Rücksitzbank hervorgepopelt. Auf was für Ideen Kinder so während einer langen Autofahrt kommen. Die glauben tatsächlich, dass alles, was man da so in die Sitzspalten drückt, wie von Zauberhand verschwindet. Das sah nicht schön aus. Wirklich nicht. Mit Saugen war da nichts zu machen. Kratzen. Uah.

Ich habe nun also gemacht und getan und die Kiste aufgebockt und die Alus runter und die anderen drauf und dann fiel es mir auf. ET. Nein, keine Filmfigur aus fernen Welten. Einpresstiefe. So ein… Ja, die Felgen, die ich für den neuen Wagen retten wollte, die Alus, ja, genau die, die passten nicht auf den neuen Wagen. 52,5 statt 47,5. Die ganze Schrottplatzaktion umsonst. Stunden verschenkt, eine Geschichte gewonnen:)

Ich meine, jetzt mal ehrlich, wer denkt denn, wenn alles passt – Reifengröße, Felgengröße in Zoll – an die Einpresstiefe? Das sind diese Zentralfehler, die passieren, weil man einfach nicht an alles denken kann. Nun, mir war es egal. Letztlich.

Da stand er nun bereit für den Verkauf. Mein Schrauber meinte: Versuchs mit 300 Mein Freund, der Ford-Ingenieur, über den wir den Wagen damals gekauft hatten, meinte: 500 kriegste immer. Gut. Zwei Thesen, meine Meinung: Versuchs mal mit 500. Immerhin läuft die Kiste gut, springt an, hat gute Bremsen, noch ein wenig TÜV und die Mängel halten sich in Grenzen. Nur halt: 308.000 Kilometer auf der Uhr. Italien, Elba, Schulbus, Schule, Arbeit, Kundenbesuche… Wo der schon überall war. Viel rumgekommen und im Herzen eine treue Seele. Zoe mochte ihn nie, weil unser weißer Golf damals dafür sterben musste. Der Typ aus Berlin, der ihn abgeholt hatte, hätte nicht von Ausschlachten und Schrottpresse erzählen sollen. Das hat sie dem neuen Auto nie verziehen.

Dienstagabend haben Jim und ich die Kiste online gestellt. mobile. de. Alles offen und ehrlich. Die ganze unangenehme Wahrheit eines in die Jahre gekommenen Gebrauchtwagens. Die Anzeige haben wir ohne Rufnummer eingestellt, nur mit Mail-Möglichkeit. Sonst rufen die Jungs an, die als erstes nach dem Preis fragen. Telefonterror. Hatte ich keine Lust drauf, weil ich Mittwochmorgens arbeiten musste. Da kommt dauerndes Ring-Ring nicht so gut. Mittwochmittag hatte ich dann sieben Anfragen. Überwiegend aus dem ost- bzw. südosteuropäischen Raum. Na, ich wusste nicht. Ein nicht abgemeldetes Auto in die Hände eines rumänischen Gebrauchtwagenhändlers geben? Ich gebe zu, da schwingen Ressentiments mit. Ja, ich sollte mehr Vertrauen haben. Nun.

Das beste Gefühl hatte ich bei der Mail von Bartek. Er hatte mir seine deutsche Handynummer mitgesendet und bat um Rückruf. Hab ich gemacht. Ich musste langsam sprechen, weil er nicht alles verstand. Ein Pole, wie sich später rausstellte. Eine nette Stimme, klang solide. Erst wollte er am Donnerstagabend kommen, dann rief er kurze Zeit später an, ob er vielleicht direkt…

War mir recht. Fünfzig Minuten später stand er mit seinem Abschleppwagen vor der Alten Schule. Was mir als erstes auffiel: Bartek trug Salomon Speedcross 3 in Schwarz. Meine Schuhe! Also so wie meine. Er schaute sich den Wagen an, während Herr Cooper um Streicheleinheiten bettelte und ich weg musste, um Jim vom Bus zu holen. Ich ließ Bartek den Autoschlüssel dort und überließ ihm das Auto für die eingängige Prüfung. Als ich 20 Minuten später kam, bereitete er schon das Aufladen vor. Er gab mir seinen Ausweis für den Vertrag und ich schrieb. Er gab mir das Geld, 500 (Festpreis ohne Verhandlungsbasis war meine starre, eindeutig kommunizierte Haltung), und versicherte, den Wagen am nächsten Tag abzumelden und dann zog er los.

Drei bis vier Autos würde er sammeln, um sie nach Polen zu bringen. Dort lässt er sie reparieren und dann verkauft er sie. Europa, Globalisierung, grenzüberschreitendes Business. Ich fand es auf jeden Fall lustig, dass mein Auto nach Polen geht. In ein Land, das ich bislang nicht kenne. Vor dem ich seit der Solidarnosc-Bewegung Anfang der Achtziger großen Respekt habe und das ich jetzt wirklich mal endlich besuchen sollte. Die Ostseeküste rauf…

Zwei Tage später hat Bartek die Abmeldebescheinigung gemailt. Ein guter Deal mit einem guten Typen. Handfest, ehrlich, ohne großes Aufsehen. Ich dachte: Es freut mich, dass wir Nachbarn sind. In Europa. Ein gutes Land, scheinbar, mit guten Leuten.

So. Das wars. Die vierteilige Autotrilogie hat ihr Ende gefunden. Wenn ich Freitagmorgen mit unserem anderen Auto zum TÜV fahre, wird das dann eine ganz andere Geschichte sein:)

4 Antworten auf „Den kommen die Polen holen“

    1. Liebe Danièle,

      ja, geschafft. Nur die Alufelgen müssen noch weg und morgen Früh muss ich zum TÜV. Ich hoffe, dass die beiden jetzt alt genug sind, die Nummer mit Kaugummi & Co. zu lassen. Jim wird 17 und fängt bald mit dem Führerschein an.

      Der Neue fährt gut und: KOMMT AUS MÜNCHEN. Da ist er vier Jahre lang gefahren, vielleicht hast du ihn mal gesehen:)

      Viele, viele Grüße

      Jens

  1. Hallo Jens,

    das hat ja gut geklappt mit Deinem alten Auto. Jetzt kannst Du Dich voll und ganz Deinem neuen Auto widmen. Viel Spaß dabei!

    LG
    Annegret

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