Über das Reisen

Essaouira, 31.12.2025


Nun, ich gebe zu. Über mein Reisen, unser. Viel unterwegs. Neujahr 24/25 Taghazout, Marokko. Dann Porto, Portugal. Rom, Paris, Korsika – auf dem Weg Livorno, Nizza, Lyon. Dunkerque, Basel, Schiermonnikoog und aktuell Essaouira, wieder Marokko. 

Das Jahr über habe ich mich gefragt: Weshalb? Was ist das?

Zunächst dachte ich, Flucht. Und ja, so hat es begonnen während Corona. Da hat mir dieses Land so gar nicht gefallen. Die Teilung, das Gemotze, die Vorwürfe. Radikal, laut, überzeugt, aus- und abgrenzend. War nicht schön.

Max und Freunde haben die Chance genutzt und haben sich davon gemacht. Venedig, leere Stadt, ein Palazzo. Fand ich cool, den Umgang. Während geschimpft, gemeckert, verurteilt wurde, haben sie sich davongeschlichen.

Viveka und ich auch. Nach Kroatien. Paris. An die Amalfi-Küste. Kalabrien. Ans Meer, in die Städte der Sehnsucht. Neapel. Das war der Anfang. Und dann waren wir auf Spur, in Abhängigkeit des Fernwehs geraten. Schauen, entdecken, buchen. Flüge, Fähren, Orte.

Schöne Orte. Besondere Orte. Besondere Airbnbs. Viveka hat gefühlt Wochen damit verbracht. In unserem Bett, in dem Raum, den wir Frankreich nennen. Es gibt auch eine Schweiz unterm Dach und Tibet nebenan. Dort steht der Buddha.

Ja, zunächst war es Flucht. Heute ist es das nicht mehr. Wäre auch komisch, das so zu nennen, angesichts der Menschen, die tatsächlich fliehen. 

Mittlerweile ist es einfach das unglaublich schöne Gefühl, an diesen Orten zu sein. Ein Luxus. Das Musée d’Orsay in Paris entdecken. Die Orangerie. Das Yves Saint Laurent Museum in Marrakech, die Medina, den Souk, wohnen in einem Riad.

Das schafft Erinnerungen, bewegt, inspiriert. Manchmal liegen Viveka und ich am Sonntagmorgen im Bett und lassen den Blick schweifen. Über die Zeit, über die Reisen, zu den Orten und Geschehnissen.

In Basel, als wir zufällig in die Ausstellungseröffnung von Luciano Castelli platzen. Eröffnung 11 Uhr, 11:45 Uhr betreten wir den Raum. Werden empfangen, durch die Ausstellung geführt, neben uns steht Luciano und gibt ein Interview. Als wir gehen, hören wir: „Ich habe da noch etwas für sie!“ Die nette Dame, die uns durch die Ausstellung geführt hat, überreicht uns den Ausstellungskatalog. Baff. Äh? Danke.  Merci.

Man kann im Leben die Ruhe finden, die Heimat, die Verwurzelung. Den Ort, von dem man sich nicht wegbegibt. Das wollte ich immer, nachdem ich ständig umgezogen war. Von hier nach dort. Ein Zirkusleben. Die Zelte. Abbrechen, aufbauen. Ich wollte so sehr eine Heimat, ein eigenes Zimmer, eine Ordnung. Ich bin Pedant. Akribisch, ohne es offen zu sein. Da wirke und bin ich anders. Im Innern ordne ich. Manchmal erwische ich mich, wie ich Dinge zähle. Wenn ich Holz stapele: 44, 45, 46 … Weiß dann nicht, wie ich zur 44 gekommen bin. 10x bin ich im Leben umgezogen. Habe die Sachen gepackt, versucht die Wurzeln unter der Erde hinweg mitzunehmen. Und habe doch immer wieder neu angefangen. Die einzige Konstante: Ich. Das, was ich bin, fühle, denke. Meine Gedichte sind ohne Ort. 

Was das mit dem Reisen zu tun hat? Aus der Gewohnheit ist Methode geworden. Offen sein, neugierig. Sich fordern, konfrontieren, entdecken wollen. Gewiss bin ich kein Abenteurer. Risiken wäge ich ab, und doch nicht so, wie ich es manchmal vielleicht tun sollte. Ich möchte sehen, was hinter der nächsten Ecke wartet. Noch bleiben, harren, schauen. Fühlen.

Manchmal ist es zu viel, wie in Marrakech. Ich sehe die Schönheit und Fülle im Trubel und Trudel des Tags. Der Souk. Laut, animalisch. Die Metzgerschaufenster mit baumelnden Tierteilen. Die Hoden eines Hammels strecken sich in den Weg. Eselskarren, Pferdefuhrwerke, Motortransporter, Mopeds schieben sich vorbei. Gehupe, Gerufe, Gedrängel.

Es zieht mich an, ich nehme es mit. Alles. Im Gepäck, in den Gedanken, im Ich. Es verändert.

Mittlerweile reise ich, weil ich nicht anders kann. Will. Nächstes Jahr Nazaré, Kuba, vielleicht spät im Jahr Sizilien. Aller Urlaub verplant. Weil ich zwei Tage freiberuflich arbeite, gibt es verschiebbare Masse. Möglichkeiten. Wieder weg zu kommen.

Wir haben ein schönes Zuhause. Ich fühle mich dort sehr wohl. Lebe bald 10 Jahre dort. Wie die Zeit vergeht, sagt man. In dem Haus leben die Reise. Nicht wegen Andenken, da gibt es nur einige wenige. Wegen der gemeinsamen Erinnerungen. Weil all die Reisen in Viveka und mir leben. Weil wir sie gemeinsam erinnern. Weil wir sie gemeinsam planen. Sie uns wünschen, sie wollen, sie angehen. Machen.

Heute ist Silvester 2025. Wir sitzen in Essaouira auf unserer Dachterrasse. Die Möwen fliegen, schreien, landen. Das Meer rauscht, auf den Felsen vor der Küste stehen die Angler. Wie immer sie dort hingekommen sind.

Ich denke an die Kleider von Yves Saint Laurent in Marrakech. Der Muezzin ruft. Das orangerote Kleid als Auftakt. Leuchtend. Sonne, am Abend, am Morgen. Solche Kleider entstehen aus einem Leben heraus. Nur YSL konnte sie so entwerfen und schneidern lassen. Jede Naht, jede Falte. Die Trägerinnen sollten sich fühlen. Man muss selbst fühlen, um fühlen lassen zu können. Das ist ein menschliches Geschenk, eine wunderbare Gabe. Talent ist zu wenig. Gott gegeben passt eher. Aus Zeit und durch Welten verdichtet und hinübergerettet. Zum Licht getragen, zur Blüte gebracht.

Es sind solche Gedanken, die auf Reisen entstehen. Wenn man durch die Landschaft Marokkos fährt, auf den schneebedeckten Atlas schaut, auf die kargen Landschaften, die dann plötzlich zu grünen Feldern und Olivenhainen werden. Arganbäume am Wegesrand. Und dann wieder Steinwüste, Felsen, ödes Land. Rottöne, beige. Durch die Städte, entlang der Ortsstraßen voller Menschen, Mopeds, Karren. Du fährst langsam, willst niemanden anfahren, hinter dir hupt das Taxi. Ein Hund, eine Katze, ein Mensch, der langsam die Straße quert.

Reisen, andere Welten, andere Gedanken. Alltag löschen. Alles in Relation setzen. Die Koordinaten verschieben. Des Ichs, des Seins, des Gewöhnlichen, des Ungewöhnlichen.

Mal wieder schreiben. Einen Grund haben, das zu tun. Eine Liebe. Ein Gefühl, eine schöne Emotion.

Reisen, weil es guttut. Befreit, inspiriert. YSL hat das Besondere geschaffen. Das tue ich auch, ohne mich mit ihm zu vergleichen. Dieses Jahr hatte ich Schiss, der KI unterlegen zu sein. Sie wurde so schnell so gut. Overwhelming. Ich dachte: Du hast noch ein Jahr, dann kannst du einpacken. Finito. Das war’s.

Habe viel gelernt, Onlinekurse absolviert, Zertifikate gesammelt. 26 werde ich eine 150-stündige Ausbildung machen. Aber ich weiß jetzt, keine KI ist YSL. Und keine KI ist Jens Schönlau. Wir Kreativen sind im Moment. Leben, was wir sind, was uns geprägt hat. Ich kopiere nicht. Das ist mir ein Graus. Ich koche nicht nach Kochbuch, ich schreibe nicht, wie andere schreiben. Ich trete an, mein Bestes zu geben. Die Summe all dessen, was ich gelernt und erfahren habe. Die Summe meines Ichs. Vollgas. Konsequent. Manchmal zermürbend, immer neu.

Das Reisen ist ein Teil dieses Ganzen. Kein Fliehen vor Irgendwas oder Irgendwem. Ein Trip. Farben, Gerüche, Impulse. In meiner Asche wird einmal all das enthalten sein.

Hier nun sitze ich am Meer. Blicke auf ein Jahr, die letzten Jahre, ein wenig ein Leben zurück. Ich habe es nicht geschafft, reich und berühmt zu werden. Berühmt war lange ein Plan und Antrieb. So wichtig war es mir dann scheinbar doch nicht. Als ich es hätte werden können, habe ich mich davon verabschiedet. War mir dann doch wichtiger, bei mir zu bleiben. Den kleinen Ruhm aber suche ich noch immer. Freue mich über Postings mit Likes und Aufrufen. Zuletzt sind es oft hunderte Aufrufe, manchmal Tausende. Das streichelt, ganz ehrlich, mein Ego. Mehr nicht.

Schöner ist es, durch die Insta-Bilder zu scrollen. Die Zeiten, die Reisen. Die Schönheit. Das Andere blende ich aus, weil ich es nicht mitnehme. Einer meiner Antriebe: „Es gibt immer alles auch in schön.“ Danach suche ich auf Reisen, danach lebe ich. Das ist mein Antrieb. Nun freue ich mich auf 26. Und besonders auf Kuba. Flug, Mietwagen, Unterkünfte gebucht. Der Rest ist Abenteuer. Wir werden sehen. Vielleicht wird dann eines unserer Zimmer Havanna heißen. Wer weiß. Das Schöne am Reisen: Alles ist möglich. Du weißt es einfach nicht. Plötzlich ist es da. Wie ein Strand, der nicht aufhört.