Amour

Die Liebenden

Liebend

Lebend liebend

Liebe

der Liebenden

Liebe lebend

All die Liebe

Leben

Liebe

Der Liebe wegen

des Lebens

wegen

Leben

Liebe

Liebend leben

liebend

lebend

Liebe lieben

lieben

lieben

aPRIL 2022

Leben in Zeiten von Krieg, Klimawandel, Pandemie…

Alles auf einmal. Anfang des Jahrtausends fielen die Türme. Für Deutschland wurde der Neue Markt zum Desaster. Dann brauchte es bis zu den Lehmann Brothers einige Jahre, um mit einer Weltwirtschaftskrise wieder in die Knie zu gehen.

Aber jetzt? Alter Schwede, da wird die Luft dünn.

Gar nicht so einfach, nicht komplett auszuticken.

Lande mal!

Sagt Viveka gerne zu mir. Wenn ich abdrifte, wenn. Ihr wisst schon. All der Schlamassel. Ein schönes Wort. Man könnte abdrehen in diesen Zeiten, in denen man ganz normal lebt in einer verrückt gewordenen Welt. Man geht ja nicht nicht zur Arbeit. Morgens steht man auf, steigt auf dem Weg zum Bad über den Klimawandel, greift an Putins-Ukraine-Aggression vorbei zur Kaffeemaschine und umkurvt bis zum Schreibtisch all die Omikrons.

Leben als mentaler Hindernislauf. Jeden Tag 5.000 m Hürden plus Wassergraben. Könnte man verrückt werden, wenn man wollte.

War gerade einige Stunden mit dem wunderbaren Commander Mountainbiken. Wie die Kinder und Wahnsinnigen durch Wälder und Pfützen und über die Höhen und Stock und Stein. Dann ist das plötzlich so, als ob nichts wäre. Selbst all die Kahlschlagflächen im Wald sind einfach nur “freie Sicht”.

Ich denke, man muss mit Tricks arbeiten. Mein bester: Sich ab und an entlastend belügen. “Aber nachts schlafen die Ratten doch”. Heute Abend eine Party. Hänge am Fallschirm und fast ist da sicherer Boden unter den Füßen…

Ich liebe die Songs von doc Axel f.

Der Sturm, die Stürme, ließen nach. Mit dem Commander habe ich mich endlich wieder ins Abenteuer gestürzt. Auf die Mountainbikes und durch die geschüttelten Wälder, die umgestürzten Bäume auf dem Weg.

In einem Nebensatz sagte er, dass Michaela und Jens 10-jähriges haben. 10 Jahre ist das nun her. An einem Montag im März. “Jens, ich muss mit dir reden.”

Jens kam mit dem Rad und gab mir den Umschlag von doc axel f. Er hatte mir seine neue CD gesendet, an die Adresse von Michaela. Man bleibt verbunden, es löst sich niemals.

Singer, Songwriter, der Mann, der mir meine neuen Zähne gab. Beim Skateboarden mit Achtzehn zerstört, eine Motorrad hatte mich erwischt, durch die Luft muss ich geflogen sein. Als ich auf der Intensiv aufwachte, waren meine wieder eingesetzten Zähne verdrahtet. Geschichten fangen nicht plötzlich an, sie haben Vorgeschichten.

Ich habe über ihn geschrieben, über doc axel f., im September 2010. Ein Text, der zu meinen Favourites hier im Blog gehört. Wenn ihr den Text lest, seid ihr gebrieft. Fucking Gitarrenladen.

Nun also die CD in meinen Händen. Sie heißt Pflasterstrand.

Seit gestern läuft die Platte hier rauf und runter. 12 Songs.

Erst einmal der Sound. Yes. Vom Feinsten. Klingt die Scheibe, da haben Leute an Reglern gedreht und in die Tasten und Saiten gehauen, die wissen, was sie tun. Drabenderhöhe. artfarmstudio. Das ist hier auf dem Land, aber nicht irgendein Studio. Axel hat was von Dave Grohl erzählt, wenn ich mich recht erinnere. Und da ist was mit Fury in the Slaughterhouse, weil einer der Wingenfelder-Brüder hier wohnt. Sorry, keine Ahnung. Egal.

Auf jeden Fall ist der Sound fett. Die Gitarren klingen fein, die Instrumente setzen goldrichtig ein. Das Akkordeon, französisch, Chanson.

Wie auch immer.

Was mich berührt, ist Axel. Die Stimme, die Texte.

Einer, der über das Leben und die Liebe singt. Sein erster Song – Leben ist Liebe. Seine Stimme ist Liebe, seine Texte sind Liebe.

Ich höre die Songs. Lese parallel im Booklet und freue mich. Schöne Zeilen, schöne Botschaften.

Alles unangestrengt, mit einer feinen entspannten Art. Klingt so, als sei jemand angekommen. Einer, der macht, was er liebt.

Was ich daran liebe?

Die Zartheit, das wirklich Gefühlte dessen, was er schreibt und singt.

Manchmal klingt er wie Dylan, dann wie BAP, dann wie er selbst.

Pflasterstrand ist ein Album, das aus einem Leben kommt, das nicht erfunden ist, sondern für etwas steht. Für etwas, das ich mag, das mich berührt.

Danke, Axel, für dein Vertrauen. Für deine Musik, deine Gefühle. Das ist ein besonderes Album.

doc axel f. findet ihr auf Facebook oder hier.

Wie Leben eben so läuft

Manchmal glaube ich, ich bin das einzige Einhorn auf dieser Welt. Dann bin ich so weit entfernt von allen Realitäten. Es ist. Nun. Es ist.

Ich möchte es hier in meinem Tagebuch festhalten, nachtragen.

Es war vor rund 6 Jahren, als wir die Alte Schule in Nosbach verkauft haben. Ich dachte, es würde ein Jahr oder länger dauern, jemanden zu finden. Wir haben sie im März offeriert, im Mai war sie weg, im August musste ich ausziehen, ohne zu wissen, wohin.

Ich war lost.

Ehrlich? Abgrundtief verzweifelt und einsam. Da waren Optionen und Möglichkeiten, die waren so weit weg. Mein Innerstes hat geschrien.

Zur Arbeit bin ich gegangen, am Schreibtisch habe ich gesessen. Geliefert. Indianer weinen nicht.

Ein Leben der Normalität, den Kindern gegenüber, allen.

Innerlich bin ich gestorben.

Wie sollte ich zwischen Mai und August mal eben eine neue Bleibe finden? Wo sollte ich hin?

Dann kam das Steigerhaus wie ein Geschenk Gottes. Als wäre ich erwählt und würde irgendwer eine Hand über mein Schicksal legen.

Ich bin dann eingezogen, Max mit mir. Pella ist zu ihrer Mutter gezogen, zwischendurch ist sie mit ihrem Freund eingezogen. Ich hatte Platz, Raum. Die Kids haben rauschende Partys gefeiert.

Dann ist Viveka eingezogen.

Lange habe ich um die Alte Schule getrauert, um das Familienleben dort mit Hund. Bullerbü. Niemals hätte ich gehen wollen. Lost Paradise.

Nun liebe ich das Steigerhaus. Pella und Max leben ihr Leben in Köln, sie sind nah. Das ist so schön. Und Viveka und ich leben unser Leben hier. Leider ohne den Herrn Cooper.

Mein ganzes Leben ist immer schon viel zu intensiv. Ich weiß nicht, was ich mache. Weshalb das so ist. Immer wollte ich eine Heimat haben, und dann, nächste Gelegenheit. Scheiß drauf. Weg.

Wenn mich einer fragt, wo ich herkomme, dann sage ich: Geboren in Meppen an der Ems, dann nach Recke und Kaisersesch, in Cochem zur Schule gegangen, in Montabaur im Internat gewesen, in Koblenz bei der Bundeswehr, dann nach Aachen zum Studium, anschließend ans Nationaltheater Mannheim, zurück ins Rheinland nach Köln, erst Mülheim, dann Ehrenfeld, dann in den Reichshof nach Nosbach in die Alte Schule und dann nach Wiehl Mühlhausen ins Steigerhaus. Meine nächste Adresse möge ein Haus in Italien am Meer sein.

Was ich will? Das Schöne. Das Gute. Das Sinnhafte. Sinn soll es machen, der richtige Ort soll es sein. Das möchte ich erreichen. Das ist das, was auf der Agenda steht. Das ist meine Sehnsucht.

Bis dahin genieße ich mein pralles Leben hier. Hier. Ich liebe es, aber es nicht das Ende…

19

Damit wir es nicht vergessen

wie es sich angefühlt hat

Wie ein Zaun

der neu gespannt wurde

mittendurch

von jetzt auf gleich

Eine Hecke

die wächst

wie Unkraut

wie Löwenzahn durch Beton

durchs Herz

durchs Hirn

Natostacheldraht

antiseptisches Leben

die Hände

die Finger

waschen

kräftig unter den Nägeln

Ich würde dich küssen umarmen wollen

nur zu gerne

Wem sag ich ein Wort

in dessen Füßen

das Echo wohnt

vorprogrammiert

ich weiß schon

was jetzt kommt

was du sagen wirst

Kirre wird man

Fliehen

abhauen

den Rücken kehren

Im Homeoffice

der Bürostuhl in der Küche

Golgatha

Spüre

wie das Trauma

als Möhre in uns wächst

Wir werden Zombies

ohne es

zu wissen

Die Augen

blutunterlaufen

Die DNA

neu codiert

alles anders

Wer wir waren

werden wir nicht mehr sein

fEBRUAR 2022