20. Juni 1976

10 Jahre bloggen. Alles erzählt, alles Innere nach außen gekehrt. Über Grenzen gegangen, das es weht tat. Den Menschen, die gelesen haben.

Gerade ist viel los, ich arbeite viel und auch ansonsten beanspruchen mich Menschen, die meine Talente gebrauchen können. Wenn jemand Autos reparieren kann, wird er gefragt, wenn ein Auto kaputt geht. Ganz normal. Sag mal, mein Fiesta mach so komische Geräusche, könntest du mal…

Ich weiß nicht, ich habe zu viele Talente. Irgendeines kann immer irgendwer brauchen. Den Arbeitslosenantrag ausfüllen. Den Webtext schreiben. Mal drauf schauen, wie es im Leben weitergehen könnte.

Ein gefragter Mann bin ich, wer hätte das gedacht.

Es hat mit meinem Kopf zu tun und mit meinen Händen. Beide verstehen sich gut und ich helfe gerne.

Heute war ich müde. Eigentlich hätte ich raus gemusst, raus gewollt. Sonne im Februar, warm draußen, aber ich war müde nach einer intensiven Woche und einem Samstag im Dienste der Familie. Ich kann Küchen aufbauen, Herde anschließen, Stichsägen durch Küchenplatten führen. Gerne. Es war schön. Es hat mir gefallen, da zu sein. Wenn man hilft, ist man nah dran, gerne gesehen und für einen selbst ist es ein schönes Gefühl.

Nur war ich heute erschöpft und habe mich ins Bett gelegt, um Filme zu sehen. Seichtes, sanftes. Ich bin in den Achtzigern gelandet und plötzlich in einem Gefühl der Vergangenheit. Den Ausschlag hat ein Song von den Simple Minds gegeben. Don’t forget.

Da war ich wieder im damals und in diesem alten Gefühl. 1985.

Würde ich die ganze Geschichte erzählen, all die Gefühle, all den Wahnsinn. Ich weiß auch nicht, ob ich an all die Dinge tiefer denken möchte. Es sind einige Leute gestorben. Bei Unfällen, durch Krankheit. Freunde, Schulfreunde. Unter anderem.

Ich kam aus einer Zeit, die wie ein Schleier über mir gelegen hat. Ich weiß bis heute nicht, weshalb all die Dinge geschehen sind. 1974. Ich war 9 Jahre alt, als sich alles änderte. Von einem auf den anderen Tag ging es aus einem behüteten Leben in ein nicht enden wollendes Chaos. Zu der Zeit war ich in einer dritten Klasse irgendwo im nördlichen Nordrhein-Westfalen. Ich sang im Chor, spielte Fußball und war der kleine blonde Junge, den alle mochten. Wir wohnten neben einer Eisfabrik und ab und an lud uns die Tochter ein, am Swimmingpool zu liegen. Und irgendwann gingen wir mit ihr in die Fabrik, uns Eis zu holen. Egal welches. Die dicksten.

Es war ein Paradies. Mein älterer Bruder erwischte mich mit Uschi unter der Bettdecke. Wir feierten Kindergeburtstage, spielten mit allen Kindern der Straße Verstecken, fuhren mit den Rädern durchs Moorgebiet zum Baggerloch. Ich war ein süßer kleiner Junge, ein Clown, ein Racker, ein Abenteurer. Die Welt mochte mich. Wir tranken manchmal bei unserer Klassenlehrerin Zuhause Tee. Sie hatte Batiktücher an der Wand.

Es hätte alles so bleiben können, aber mein Vater war ein unsteter Geist. Ein neues Jobangebot. Er hielt es in der Firma nicht mehr aus, wir mussten weg. Für ihn nur eine weitere Station auf dem Weg. Ein neuer Schreibtisch, eine neue Aufgabe, ein neuer Abschnitt. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden. Ich habe sie nie wieder gesehen. Wir waren nur Kinder, was zählt das schon. „Sagt Auf Wiedersehen.“

Wir landeten in der Fremde. Die Kinder sprachen eine andere Sprache, keine Lehrerin wollte mir mir Tee trinken. Ich wurde angeschrien, einmal geschlagen. Weil mein Vater eine Position in der Fabrik des Dorfes hatte, wollten die Kinder wissen, ob ich was besseres bin. War ich was besseres? Woher sollte ich das wissen? Was hätte ich sagen sollen? „Was hat euer neues Auto gekostet?“ Ich hatte auf keine Frage irgendeine Antwort.

Es war sehr einsam geworden um mich. Plötzlich war ich ein Exot, ohne ein Exot sein zu wollen. Aber je mehr sie sagten, dass ich anders bin, desto mehr fühlte ich mich anders. Und ich war es auch. Ich konnte mit ihnen spielen, dabei sein, aber nicht dazu gehören. Ganz ehrlich? Ich wollte es auch nicht. Irgendwann brachte ich einen Hund mit nach Hause, der eine Hündin war. Jimmy. Mit ihr zog ich los und genoss das Alleinsein im Wald. Keine Fragen, kein sich beweisen müssen. Frei.

Das ist bis heute geblieben.

Es kam der 20. Juni 1976 und es schien, dass meine Familie von einem Fluch getroffen wurde. Von einem Schlag. Uli Hoeneß verschoss am Abend den entscheidenden Elfmeter im EM-Finale und damit meinen Vater ein Stück weit aus dem Leben. Am nächsten Morgen und bis zum Ende seines Lebens war er halbseitig gelebt. Jetzt waren wir nichts Besseres mehr. Das Geld wurde knapp, der Papa durchlief eine zweijährige Krankenhaus-Odyssee und bei mir setzte die Erinnerung aus.

Ich saß Nachmittage stumpf vor der Heizung, machte keinerlei Hausaufgaben und wartete darauf, dass irgendwie alles wieder so sein würde. Das tat ich sechs Jahre lang.

1982 floh ich aus meiner bedrückenden Welt in ein Internat, um mich zu befreien. Es war keine Option mehr, zu bleiben. 17 Jahre alt war ich und es gab keinen Weg mehr zurück. Fortan stellte ich mein Leben auf meine eigenen Füße. Ich begann zu schreiben, weil das ein Talent ist und meine Form der Therapie. Wenn es aufgeschrieben ist, ist es fast, als sei es ausgesprochen. Ich habe viele Gespräche auf Papier geschrieben und später in Rechner gehackt.

Es war eine Flucht und ich landete im Paradies. Ich veränderte mich, fand wieder Tritt, kehrte zurück ins Leben, war wieder einer, den alle mochten. Schönlau. Sie feierten mich, sie mochten meinen Wortwitz, meine Verrücktheit, meine Ideen, mein über Grenzen gehen. Ich verliebte mich in sie, sie verliebte sich in mich. Wir schliefen miteinander, detailliert geplant und in tiefer Liebe. Was habe ich sie geliebt. Wie viel Trost sie war und wie lustig, was für ein schönes Lachen sie hatte. Wir konnten voneinander nicht lassen, schrieben Briefe, wenn wir uns einen Tag nicht sahen. Ihr Vater hasste mich, es war mir egal. Die anderen Jungs wollten sie, es war mir egal. Es war ein Traum.

Wir feierten. Ich tanzte wie verrückt. Ich habe nie aufgehört, wie verrückt zu tanzen. Musik ist eine der Fluchtoptionen, in Verbindung mit Tanz ist sie Droge. Es fühlt sich an, als würden die Augen nach hinten wegklappen.

Genug.

Das Gute, diesen Text wird niemand lesen. Ich werde ihn nicht posten, nicht verbreiten. Er wird hier stehen in meinem Tagebuch und mich daran erinnern, wie es war. Eine Andeutung. All die Facetten jener Zeit. Sie hat mich geprägt. Sie hat mich abgehärtet. Manchmal, wenn es hart auf hart kommt, bin ich ganz ruhig und kein wenig verzweifelt. Es kann mir nichts. Nicht mehr so wie damals.

Heute bin ich ein glücklicher Mann in einem normalen Leben. Was mir fehlt ist ein Hund, mit dem ich im Wald Einsamkeit genießen kann.

Babylon

Letzter Aufruf, Gottfried Eggerbauer und Stadt Köln bitte an Tisch 13!

Auf dem Hof des Deuter Zentralwerks der Schönen Künste während der letzten Zukunft Werk Stadt 2020

Im Hof spielen Kinder. In den Co-Working-Spaces in den Hallen entstehen Videos, Kampagnen. Architekten*innen arbeiten an ihren Entwürfen. Im Fahrradladen schraubt Klara am E-Mountainbike von Jörn, der damit am Wochenende ins Bergische will. In der Softwareschmiede an der Ecke feilen sie an Codes. Was machen die da auf dem Dach? Schon wieder ein neues Solarpanel? Wie sieht das denn aus? Irgendwie wie Raumschiff.

Lisa schlendert über den Hof, sie will zu Paul, wegen der Hausaufgaben. Oder doch Spielplatz mit der Bande?

Im Goldschmiedeatelier schmiedet der ältere Herr Bruns an den Trauringen von Katja und Lisbet. Die beiden haben sich im Cafe an der Ecke kennengelernt, das Bernd betreibt. Der ist aus Berlin hergezogen, nachdem er das Otto-Langen-Quartier für sich kennen und lieben gelernt hat.

Auf der Karte steht Quiche. Zum Mittagstisch kommen einige. Jüngere, ältere. Der Heinrich, der seinen Rollator bei Klara tunen lässt und dem Lisa einen Minion-Sticker auf den Sitz gepappt hat.

Es ist Aufregung im Viertel. Eine Künstlertruppe, verrückte Franzosen, arbeiten seit Tagen in der Möhring-Halle. Keiner weiß nichts Genaues. Schauspiel, Gesang, Performance, Skulptur sagen die Gerüchte. Wenn eines läuft, dann der Hof-Funk. Veedel eben. Irgendwer weiß immer was.

Wenn man fragt: „Und, wie is es?“ „Was?“ „Na, leben hier?“ „Weißte, wo soll ich anfangen. Läuft. Schön. Abends den Weg runter durch den Park auf die Stufen am Rhein Sonnenuntergang gucken. Blick auf den Dom. Gucken, was in den Gärten wächst, den Sound aus den Proberäumen hören, das Motzen vom ollen Meyer, der es dann doch nicht so meint. Die Kinder, die Rasselbande. Kennste ja alle von klein auf, da weißte, wer wer is. Eine ganze Welt, verstehst du. Hier gibt es alles. Im Otto-Langen gibt es nix, was es nicht gibt. Schöner Ort, beseelt. Mit Liebe gewachsen. Kann man nicht erzählen, muss man spüren.“

Alles schon da

Zukunfts Werk Stadt heißt das Zauberwort. In den letzten Jahren hat die Stadt viel investiert, um den Traum eines etwas anderen Viertels entstehen zu lassen. Und zu wahren. Es sind Subventionen geflossen, um eine Vision zu entwickeln und zu formulieren.

Eine Vision, die kein Wolkenkuckucksheim ist, sondern längst durchdachte, geplante, gezeichnete, geordnete und sogar kalkulierte Realität. raum13 hat den Weg frei gemacht, hat Denker*innen, Mitstreiter*innen und insbesondere viele namhafte, ausgewiesene, erfahrene Profis an Bord geholt. Nicht für teuer Geld engagiert, weil das gar nicht finanzierbar gewesen wäre.

Ganz im Gegenteil. raum13 hat es geschafft, zu begeistern, zu involvieren. Es wurde ein Netzwerk, eine Homebase für Menschen geschaffen, die an die Vision einer alternativen Stadtentwicklung glauben. Einer Stadtentwicklung, die auf das Glück von Menschen abzielt. raum13 hat das Kunststück vollbracht, kompetente Ermöglicher zusammenzubringen, die mit Plänen und Entwürfen schon jetzt ein Bild gezeichnet haben, wie das Otto- & Langen-Quartier aussehen könnte.

Das sind keine Luftschlösser, die da gebaut werden. Kluge, ästhetische Lösungen im Bestand.

Flächenaufteilungen. Konzepte für Hallennutzungen. Einklang von Leben, Wohnen, Arbeit. Büro, Gewerbeflächen, Räume für Kunst und Kultur und Wissenschaft. Räume und Flächen für Gemeinschaft. Indoor, Outdoor.

Ein sehr besonderes Viertel. Eine ganze Welt verdichtet auf 6 Hektar Land. Ein Zusammenbringen von Menschen aus allen Schichten, Altersgruppen… Ein Abbild der Stadt, ein Proporz. Weder Reichen- noch Armen-Ghetto. Gemeinschaft, Miteinander. Das, was so oft und von vielen als fehlend beklagt wird.

Unter Nutzung der vorhandenen Bauten und Hallen und in Erinnerung des Geistes dieses Industrieortes mit Weltbedeutung. Ein durchdachtes, ein bewahrendes, ein ermöglichendes Konzept. Nicht komplett fertig, aber schon ganz schön weit ausgearbeitet.

Die Ergebnisse der Zukunfts Werk Städte der letzten Jahre.

Michael Staab, Abrissekstase 2012, Lindlar

Endlich an einen Tisch

Bitte Köln, bitte Gottfried Eggerbauer, setzen Sie sich an einen Tisch. Überwinden Sie alles Störende und machen Sie den Weg frei für Zukunft und Entwicklung. Hier geht es nicht um irgendeine Spinnerei. Hier geht es darum, ein richtig gutes Viertel zu schaffen. Zu zeigen, dass Köln in der Lage ist, den Innovationsgedanken der Vergangenheit weiter zu tragen. Bahnbrechendes zu schaffen.

Ich würde mir wünschen, dass das gelingt. Und ich würde mir wünschen, dass Sie, Gottfried Eggerbauer, ein Teil dieses Projektes werden. Dass Sie sich die von ihren Kollegen*innen entwickelten Gedanken gemeinsam mit raum13 anschauen und Ihren Teil zum Gelingen beitragen. Sie haben in Köln gezeigt, dass Sie Bestand vorausschauend denken und entwickeln können.

Nun ist dieses Viertel aufgrund der historisch entstandenen Besitzverhältnisse tatsächlich für alle Beteiligten eine Herausforderung. Was will man machen, wenn einem nur ein Teil gehört. Grenzen durch Gebäude verlaufen.

Nix.

Da bleibt nur, die Kuh mit gutem Willen vom Eis zu kriegen. Sich hinzusetzen und zu reden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es letztendlich wirklich um Geld geht. Hier steht mehr auf dem Spiel, es geht um einen größeren Zusammenhang.

Hier kann etwas entstehen, was größere Bedeutung hat. Über Köln und die nahe Zukunft hinaus. Es wäre schön, wenn die Stadt Köln, Gottfried Eggerbauer, raum13 und auch das Land NRW es gemeinsam schaffen würden, mit diesem Projekt auf dem Areal zwischen Mülheim und Deutz erneut Geschichte zu schreiben.

Bitte.

Am 4. Dezember 2020 wird nicht nur die Räumungsklage verhandelt, sondern ein besonderes Kapitel Kölner Stadtentwicklungsgeschichte. Muss raum13 tatsächlich raus, geht vieles den Rhein runter…

Trash Treasure, Abrissekstase 2012, Lindlar

In welcher Einheit wird das Glück gemessen?

Zeit, zu reflektieren.

Es waren aufregende Jahre, die durch existenzielle Koordinaten im Kosmos meines Lebens verortet sind. Ich schreibe über mich. Mein Leben, mein Blog, mein Tagebuch, meine durchlebten Jahre.

2012. Das einschneidende Jahr. Der Anruf. Papa ist tot. So nah war in meinem Leben kein Einschlag gekommen. Nicht, dass da keine Ansagen gewesen wären. Von wegen aus heiterem Himmel. Ich hatte schon viel früher damit gerechnet, drei Schlaganfälle muss man erst einmal wegstecken. Hat er gemacht. Rolf Schönlau, geboren am 26. März 1934 in Schötmar. Gestorben am 1. Februar 2012.

Ich fuhr nach London, besuchte einen Sprachkurs im buddhistischen Zentrum, lebte eine Woche in einer WG. Junge Eltern mit Kind, ich auf dem Sofa. Mittendrin sozusagen. Tat, was ich in Städten tue. Theater, Museen. Menschen, Kneipen, auf ein Bier. Reden. Reden.

Sonntagabend landete ich in Köln, wurde abgeholt. Der Papa, Küsschen, Geschenke. Am Morgen das Treffen in der Küche, die Worte, das Aus. Der Schmerz, das Leiden, die Tränen, die Kinder, das Zusammennehmen, Aufbäumen. Es würde nie wieder so sein. Ein Sommerurlaub in Italien mit Kindern und in spezieller Konstellation. Zu fünft, zwei Autos, drei Erwachsene, die neue Familie.

Hatte ich Schiss vor den drei Wochen. Als ich nach durchfahrener Nacht morgens am Meer stand, war ich eigentlich nicht mehr da. Aufgelöst, pulverisiert, Energielevel im Minusbereich. Ich hätte einfach tot umfallen können, es hätte mir nichts ausgemacht. Nun gut. Die Kinder, der Optimismus, das Meer, Italien.

Viveka.

Wir hatten uns im Jahr zuvor kennengelernt, zwei Familien. Sie sollte mich ablenken, mit mir ausgehen. Sie war auf mich angesetzt worden. Kümmere dich um Jens. Man könnte sagen, eine Mitleidsnummer. Sie hatte mir vorher geschrieben, einen Brief. Papier, Tinte, ein Geschenk, ein Buch und ein Zitat aus dem Buch.

Das Zitat lautete „Das Lächeln von den Lippen küssen.“ Ihr Kommentar dazu, „dass dir das einmal passiert, das wünsche ich dir.“

Wie oft seither hat sie mir das Lächeln von den Lippen geküsst. Im Sommer 2012 in Italien habe ich mich in Viveka verliebt und diese Liebe hat in den vielen Jahren seither keinen Deut nachgelassen.

Viveka ist ein polarisierendes Wesen. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Sie ist keine leichte Kost, sagt eins zu eins, was sie denkt. Oft kassiert sie dafür Prügel, die sie einsteckt oder mit einem leidenschaftlichen Zorn pariert. Sie ist ein Wesen, das man nicht von Bäumen pflücken kann. Ihr Herz ist so groß, wie ich selten eines erlebt habe.

Sie hat auf Jamaika gelebt, war lange in Asien. Sie hat alles immer so gemacht, wie sie es wollte. Statt Ausbildung Jamaika, statt Führerschein Flugticket. Ich kenne keinen anderen Menschen, der dem Leben so konsequent und furchtlos begegnet.

Sie treibt mich in den Wahnsinn, fordert mich, weitet mein Denken, meinen Blick auf die Welt. Sie hat mich stärker und in vielem radikaler gemacht. Sie hat einen Teil meiner bürgerlichen Grundfesten aufgelöst. Ich habe Grenzen fallen lassen, habe das Leben tiefer geküsst und geschmeckt.

Viveka ist wie mein Vater am 26. März geboren. Wir beide sind Widder, ich bin Widder mit Aszendent Widder. Unsere Möglichkeiten, aus der Haut zu fahren, sind umfassend. Manchmal müssen wir unserer Intensität aus dem Weg gehen, weshalb es nicht schlecht ist, in einem Haus mit vielen Zimmern zu wohnen. Wir haben beide die Fähigkeit, schnell wieder zu lachen. Und wir verletzen einander nicht. Es bleiben bei aller Intensität keine Kratzer.

In welcher Einheit wird das Glück gemessen?

Ich weiß nicht, wie es bei euch ist. Es ist schwierig. Es gibt keine Skala zwischen 0 und 10. Oder?

Gerade ist es schön. Nach acht Jahren habe ich das Gefühl, Boden unter den Füßen zu haben. Ein Leben jenseits all des Wahnsinns. Wochenendbeziehung, zwei Jobs, zwei Kinder und das ganze Familientrallala im Übergang.

2016. Der Verkauf der alten Schule. Im Mai war sie weg, im August musste ich ausziehen. Wohin? Ich habe das alte Steigerhaus hier in Mühlhausen gefunden. Mir war nicht klar, ob ich es mir würde leisten können. Wir hatten Glück, haben die Schule mit Gewinn verkauft und so hatte ich Grundkapital. Die Zinsen waren niedrig, eigentlich passte alles. Der Verkäufer und ich wurden uns einig, dann rief er an. Doch nicht. Es würde finanziell nicht passen.

Die Zeit lief, der August kam näher, ich suchte nach Optionen. Container für die Klamotten, irgendwo unterschlüpfen. Wollte ich nicht. Manchmal habe ich einen guten Drive und kann Menschen sagen, was sie tun sollen. Ich habe den Verkäufer angerufen und ihm gesagt, dass wir das jetzt gemeinsam durchziehen. Dass ich das Haus kaufe, mich um alles kümmere und ihn von aller Last befreie. Er hat zugestimmt. Ich wusste damals nicht, dass ich das Haus zu einem Spottpreis bekommen habe. Für mich war das viel Geld. Nach vier Jahren ist das Haus fast doppelt so viel wert. Manchmal belohnt ein lieber Gott die Phasen des Leidens.

Nun lebe ich hier. Nun leben wir hier.

Gleich kommt mein kleiner Bruder mit seiner Frau. Seit unsere Mutter am 1. März gestorben ist, haben wir uns selten gesehen. Die Zeit davor ständig. In Krankenhäusern, im Pflegeheim. Drei Brüder.

Acht Jahre voller Veränderung.

Jetzt sitze ich in der Küche, die Desserts sind fertig, alles ist fürs Kochen vorbereitet. Ich weiß, dass es ein schöner Abend wird. Eine gute Zeit.

Das Glück wird in keiner Einheit gemessen. Yep. Es ist ein volatiles Wesen. Man kann froh sein, wenn es da ist. Es kommt, es geht. Man kann ihm Türen öffnen und den Weg bereiten, zwingen und messen kann man es nicht. Ich liebe es, glücklich zu sein. Damit bin ich wahrscheinlich nicht allein. Ich arbeite daran. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Viveka würde sagen „So ist Leben.“

Ja, so ist Leben.

Die Sonne ist nicht nur ein Planet

Ist das Kunst oder kann das weg? Trifft hier wohl besonders zu, weil die alte Miele SPECIAL ELECTRONIC W698 nach 30 Dienstjahren eigentlich den Weg des Gerechten gegangen wäre. Im besten Falle ausgeschlachtet und als Organspender lebensverlängernd für ein baugleiches Modell verwendet.

Anfang der Neunziger entstand ein erstes Bild der gegenständlichen Serie. Eine Kühlschrank-Tür eines Siemens-Kühlschranks, der auf einem tief blauen Untergrund gelandet ist. Zu der Zeit war ich noch Regieassistent und wollte die Welt nicht nur über die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht nur erobern, sondern mindestens auch verändern und natürlich nachhaltig retten. Dass mit dem Gerettetetetet hat nicht so ganz so gut funktioniert. Die damals sich abzeichnenden Herausforderungen der Menschheit haben sich nicht in Wohlgefallen auflösen wollen und auch die Revolution des Guten hat in der Form vielleicht eher in der zweiten Reihe und schleichend stattgefunden.

Ich glaube es war im Jahr 1994, als der Kühlschrank einen Interessenten fand, der ihn mir für 1.000,- DM abkaufen wollte. Nein habe ich gesagt. Da bin ich Egoist. Das sind meine Bilder fernab von Kunst und Kunstmarkt. Mein Geld verdiene ich als Texter und Konzepter – das sind meine Aufgaben in dieser Welt, die ich schätze und die mich beruflich ausfüllen und glücklich machen. Mit Gedanken und Worten spielen, in die Tasten hauen, den Nevenkitzel vor der leeren weißen Fläche vor den Augen spüren. Auch noch nach so vielen Jahren dieses Kribbeln des Scheiterns. Wird das was?

KATHARSIS 2020. Hatte ich auf Instagram und Facebook veröffentlicht, ohne sehr viel dazu zu sagen. Sollte selbsterklärend sein. Wie bei den anderen Exemplaren der Serie – es gibt noch einen Feuerlöscher auf hellgrünem Grund und drei Küchenbeile mit hellgrünem Kopf auf organefarbenem Grund – schien mir doch ein wenig Ratlosigkeit aufzukommen.

Was soll das?

Nichts. Gar überhaupt nichts als ganz allein mir dieses innere Gefühl zu geben, das niemand nachvollziehen kann. Das „Projekt“ trage ich schon seit Jahren im Kopf. So eine Idee der Kategorie „würde ich gerne mache“. Also das, was üblicherweise in der Tonne und Vergessenheit des Lebens vor sich hin schimmelt.

Corona-Coroni war dann der Impuls, es zu tun.

Nun bin ich glücklich. Es war eine Freude, den Weg zu gehen. Die Maschine nach langer Suche bei Ebay Kleinanzeigen zu entdecken, den Transport zu organisieren, sie in die Werkstatt zu schleifen und zu demontieren. Zwei Gedankenebenen in meinem Kopf. Was bedeutet sie für dich? Die Maschine, ihr Antlitz. Wie setzt du das handwerklich um? Die Größe, die Farbe, die Haltekonstruktion im Hintergrund bei rund 30 Kilo Gesamtgewicht.

Schritt für Schritt. Es hat mich ausgefüllt, hat meine Gedanken kanalisiert und kleine Antworten auf die Herausforderungen der Zeit gegeben. Ich verstand und verstehe das alles nicht, was passiert. Tue das immer noch nicht und beziehe keine Stellung mit Worten. Für mich habe ich einen Umgang gefunden, der meiner Seele eine angenehme Ruhe gibt. Ich denke, das kommt nicht von allein und nicht alle Ventile, die der Mensch sich sucht, sind geeignet. Manches ist vielleicht sogar eher kontraproduktiv.

Es ist eine Zeit, in der man das Ich als Labor und Experimentierfeld verstehen kann. Ein wenig wie Mondlandung. Gar nicht so einfach, Ordnung im Ich zu halten. Mit allen Umständen, Zuständen, Impulsen umzugehen.

Im Osten geht die Sonne auf. Jeden Tag. Noch vor Mittag beginnt sie, hier in mein Lebens- und Arbeitsrefugium zu scheinen. Zumindest an Tagen wie diesem. Ich sitze in der Küche an dem alten kleinen Tisch aus Holz, an dem ich im Internat für mein Abi gelernt habe und der mich seither begleitet. Meine ersten Texte im Büro für Grafik und Text in Köln-Ehrenfeld in der Gutenbergstarße sind im April 1996 an diesem Tisch entstanden. Man könnte denken, es hätte sich nichts getan. Nun. Hier sitze ich also weiterhin und schreibe, denke, trinke Kaffee und Tee.

Die Sonnenstrahlen fielen eben ins Zimmer und ich wusste, um die Ecke im Raum nebenan treffen sie auf KATHARSIS 2020. Der Chromring funkelt, das Hellblau leuchtet. Schattenspiele der Fensterkreuze. Das ist Poesie des Alltags, die Freude des einfachen Mannes am Funkeln und Glitzern. Immer schon war ein wenig Elster in mir.

Man möge es nicht glauben oder anders sehen, aber ich denke, es sind gute Zeiten, in denen wir leben. Fundamental bedeutend für das Ordnen der Gedanken, des Denkens, der Seele. Es ist nicht alles Sonne, was glänzt, aber es ist auch nicht alles Schatten, was in der dunklen Tiefe liegt.

Ich gehe in das Zimmer nebenan, lasse den Blick schweifen, schaue auf die Murano-Vasen, Shois Bild an der Wand und gehe weiter bis zur Miele. Waschen, schleudern. 30 Jahre lang. Für mich lächelt sie.