Mama!

Gestern wurde sie, haben wir sie. Beerdigt.

Ich möchte darüber schreiben, weil ich lieber schreibe als rede. Die Geschichte erspare ich euch. Wer von euch seine Mutter verloren hat, kennt das. Was, wie, wann, wo. Die Fakten sind ein sicheres Terrain und ein guter Weg, überhaupt sprechen zu können.

Letzten Sonntag, heute vor vor einer Woche ist sie am Morgen gestorben. Sie war krank, hat sich über eine lange Zeit Stück für Stück verabschiedet. Es war schmerzhaft. Aus dem Mosaik der Hoffnung lösten sich die Steinchen. Am Ende ging nichts mehr und wir mussten akzeptieren, was kein Kind akzeptieren möchte.

Es folgt das Procedere. Der Bestatter. Die Regularien. Wie bei meinem Vater habe ich die Traueranzeige getextet. Schreiben unter erschwerten Bedingungen.

Abschied nehmen in kleinen Schritten. Es durchsickern lassen.

Dort liegt sie im Krankenbett, atmet nicht mehr, ihre Wangen, die du küsst, sind noch warm. Deine Augen möchten den Moment halten, weil er der letzte ist. Das war es nun also. Mama.

Meine Brüder, ihre Frauen. Wir waren da, an diesem Wochenende. Haben sie gestreichelt, die Hand gehalten. Wollten es, konnten es nicht glauben. Zwischendurch das Zimmer verlassen, weil es zu viel wird. Komm damit klar. Versuch das mal.

Die letzten Küsse. Ein letzter Kuss auf die Stirn, ein letztes Mal die Hand gehalten. Und sich dann in ein Auto setzen und wegfahren und den Bestatter anrufen und die Formalitäten klären. Tagelang. An alles denken.

Alles ist egal. Alles funktioniert. Und in deinem Kopf, in deinem Körper, in deinem Herz ist ein Gefühl, dass du nie zuvor gefühlt hast. Es ist das ich-habe-gerade-meine-Mutter-verloren-Gefühl. Es hat etwas von Betäubung und davon, dass ein Nebel zudeckt, was fehlt. Neben der Spur. Nicht bei der Sache. Abwesend. Verletzt.

Auf dem Weg zur Beerdigung habe ich lange mit Viveka gesprochen. Über all das Fühlen, Spüren. Sie hat beide Eltern in kurzer Zeit verloren. In den letzten Jahren. Ich konnte es nur mit einem profanen Wort ausdrücken. Nabelschnur. Die Frau, mit der du verbunden warst. Von der du entnabelt wurdest. Mehr Nähe geht nicht. Ein System, ein Atem.

Letztlich bin ich unendlich traurig.

Nun.

Ein Trost ist alles, was nach ihrem Tod geschah. Die Nähe zu meinen Brüdern, meiner Familie. Der Zusammenhalt, das gemeinsam Durchstehen. Und die Beerdigung. Die kleine evangelische Kirche im Dorf voll. Die Pfarrerin, die sie hat lebendig werden lassen. Das Lied zum Ausgang, dass sie sich gewünscht hat. Und draußen vor der Kirche noch mehr Menschen und eine lange Reihe vor der Urne.

Die Kränze, die Gebinde, die Schalen. Und so viele Menschen.

Dann kamen wir aus der Friedhofskapelle und der Himmel öffnete sich und die Sonne schien auf unserem Weg zum Grab. Auf Mamas letztem Weg schien die Sonne. Später flogen Wildgänse über das Grab. Frühling. Unsere Tante, ihre Schwester, trug die Urne.

Alles war schön und unendlich traurig zugleich. Und ich bin weiter wie benommen. Funktioniere, kann alles machen und tun und bin trotzdem vom Realen getrennt.

Ich freue mich, dass so viele Menschen ihr Wertschätzung gezeigt haben. Ich bin glücklich über die Kraft meiner Familie und das pralle Leben, auf das wir zurückgeblickt haben. Viele Erinnerungen habe ich in den letzten Tagen gehört.

Nun muss ich, müssen wir sehen, wie wir ohne sie klar kommen.

Ihre Liebe trägt. Sie war eine besondere Frau. Ich liebe sie immer.

Cabaret Cöln und die wilde Welt der neuen Roaring 20’s

Was für eine Nacht!

Kann man nicht kaufen, nicht bestellen. Muss man hineinfallen.

Norbert van Ackeren hatte uns zum Geburtstag eingeladen. Nach Nippes, Köln. Später. Den Beginn des Abends hatte er in die Palmstraße unweit des Rings gelegt. Das schon jetzt legendäre Cabaret Cöln mit Cultfaktor 1.000 gab seine Fastelovend-Show.

Palmstraße, die Modemanufaktur von Fenja Ludwig, die Heimat des Cabarets Cöln, der Ort des Geschehens. WAS FÜR EINE SHOW! Was für eine Power auf dem Schneidetisch, der an dem Abend zu den Brettern wurde, die die Welt bedeuten. Tanz, Gesang, Musik, Burlesque. Hingabe, Leidenschaft, Lust. Kostüme, nackte Haut, Verwandlungen, Tempiwechsel. Besinnlich in jenem Moment, frech, komisch im nächsten.

Profis, die den Abend gerockt haben. Songs geschmettert, fein intoniert, Körper bewegt, inszeniert. Man darf froh sein, wenn man dabei war. Das Leben macht Geschenke und verteilt manchmal Pralinen. Einfach so.

Die dritte Show der Cabaret Cöln-Kompanie. Zwei Abende für je 40 Glückliche. Dann ist voll. Intimer geht nicht, näher dran geht nicht und so ist man mitten im Geschehen und das Herz schlägt höher und die Bilder überschlagen sich und wollen nicht mehr vergessen werden. Die Bilder einer Revue, wie man sie sich vorstellt. Unbändige Künstler*innen, die alles geben. Die ihre Energie auf die Bühne schmettern. Ganz leise, fein, innerlich konzentriert und wild und bunt und extravagant. Die pure Lust der Bühnenkunst. Eingefügt in diesen exzellenten Charme des Raumes. Absolute Professionalität ohne sterile Perfektion. Raum für Lebendigkeit.

Jede/r hilft jeder/m. Singen, tanzen, Stagehand sein. Requisiten abräumen, das Musikpult bedienen, den Song bringen, den Tanz, den anderen beim An- und Ausziehen helfen. Eine echte Showtruppe, die man nur lieben kann und küssen möchte für das, was sie können, machen, tun, bieten. So leicht und schön kann Leben sein.

Ich freue mich auf die nächste Show. Und die übernächste.

Meine Liebste und ich haben uns dann zu Fuß auf den Weg zur Geburtstags- und Aftershow-Party in Nippes gemacht. Mitten durch die Karnevals-Samstagnacht. Diese Stadt ist herrlich verrückt. Schauspiele allerorten. Bilder, Bilder, Bilder. Und ein rauschendes Fest bei Norbert. Tanzen bis in den Morgen. Die Stars des Cabarets treffen, das Gefühl haben, am schönsten, richtigsten Ort der Welt zu sein.

Der ganze Abend war für mich so eine Art Heimkehr. 1994 am Ring um die Ecke, unweit der Palmstraße. Theater Kaiserhof. Ich war gerade aus Mannheim vom Nationaltheater gekommen und bei Wally Bockmayer als Regieassistent der Rocky Horror-Show gelandet. Irgendwann im Januar, Februar ließen die Kräfte der Stars nach. 6x die Woche spielen. Die Krankmeldungen rauschten rein. Anfangs besetzten wir morgens um, brachten Schritte und Songs bei. Dann wurde es zu viel und plötzlich stand ich auf der Bühne als Janet. Unter anderem.

Wer Wallys-Inszenierungen kennt, weiß was getragen wird. Ich hatte mich in ein schwarzes Lacklederkleid gezwängt. Schwarze Langhaarperücke und Highheel-Lacklederstiefel. So kam ich zum Schlusssong die Showtreppe runter. Der Saal tobte, jeder wusste, dass ich eigentlich nichts konnte. Playback. Der Auftritt und Applaus meines Lebens. Irgendwo gibt es in einer Kiste noch ein Video.

In der Pause baute ich zusätzlich die Bühne um, gab Gigi Herr ihre Requisiten. Halb angezogen für den nächsten Auftritt gab ich dann per Telefon der Technik das GO für die zweite Hälfte. Ich stand am Telefon, sprach kurz mit den Jungs und dann plötzlich hing meine Unterhose auf den Knien. Ein Joke der Tänzerinnen, die ihre Spiegel neben dem Telefon hatten. The same procedure as every evening. Technik: „Haben Sie es wieder gemacht?“, „Yep, haben sie. Wir können dann.“ Licht an, Einsatz der Band, the show must go on…

Über den Ring rüber ist Pauls südafrikanisches Restaurant. Mit Paul habe ich 92 bei den Händelfestspielen im Goethetheater Bad Lauchstädt Alcina inszeniert. Später waren wir damit auch in Potsdam im Schloss Sanssouci. Paul treffe ich ab und an in seinem Restaurant. Was ich sagen will: Das Viertel um die Palmstraße herum ist für mich ein wenig Heimspiel.

Mein Herz ist von der Bühne niemals losgekommen. Wenn ich im Theater sitze und der Vorhang aufgeht, sehe ich mich hinter der Bühne stehen. Lichtstimmung 1, der Inspizient ruft die Schauspieler*innen für die nächste Szene, die Requisite räumt, die Maske steht bereit… Hach.

Was für ein Abend das war. Wie früher, nur anders. Wild und schön im Heute.

Danke Norbert, danke Cabaret Cöln, danke Leben:)

Das Cabaret Cöln und die Künstler*innen findet Ihr überwiegend auf Facebook (https://www.facebook.com/cabaretcoeln/) sowie auf Instagram unter folgenden Hashtags:

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#fenjaludwig #livianeador #felipegonzales #konradbohley #chang13 #borispolonski #barbaraschachtner #camilascholtbach
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10 Jahre fiftyfiftyblog

18. Februar 2010, Start des fiftyfiftyblogs.

Nun. Kein großes Tam-Tam mit Kapelle und Kuchen.

Kurz gesagt: Viel passiert. Könnt ihr ja alles nachlesen. 1.066 Beiträge.

Ich feiere still – jedes Jahr ein Foto.

Das schöne, ganz normale Leben

Kaltstart. Lange nicht gebloggt.

Dabei steht bald ein Jubiläum an. Am 18. Februar 2010 schrieb ich meinen ersten Blogbeitrag. 10 Jahre.

Angefangen hatte alles mit diesem Gedicht. Aber dazu vielleicht mehr am Tag des Jubiläums.

Kirschblütenblättersehnsucht

noch

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

jens schönlau, januar 2010

Und nun, heute?

Ein sonniger Tag Anfang Februar 2020. Alles um mich herum ist anders. Ich muss feststellen, dass außer meinen Kindern und meiner Familie nur ich die eeinzige Konstante meines Lebens bin. Ist wohl so.

Heute. Sitze ich in der Küche an meinem alten kleinen Tisch aus Abizeiten. Ein Erbstück quasi. Buchenholz, braun gebeizt, gedrechselte Füße, ein Schublade mit Furnier und gedrechseltem Knopf zum Öffnen. Gebrauchsspuren, einige Wurmlöcher, in denen niemand mehr Zuhause ist.

Ein Termin hat sich verschoben. Eigentlich hätte ich für einen Kunden, den ich schon lange betreue, an einer Strategie arbeiten wollen. Gestern habe ich mich lange eingearbeitet, heute hätte ich die Dinge zusammengefasst. Das ist aufwendig. Eine Präsentation mit Herleitung, Hinführung, Belegen, Beispielen. Das wäre einiges an Geld für den Kunden gewesen. Also habe ich ihn angerufen und vereinbart, dass wir uns treffen und über meine Sicht der Dinge sprechen. Denn am Ende des Tages geht es um Weichenstellung und Veränderung. Change. Muss man wollen, können, die Zeit muss reif sein. Ihr kennt das. Manches begegnet einem, man lehnt es ab, um es irgendwann für sich zu entdecken.

Wir haben uns am frühen Nachmittag verabredet. Ist nicht weit, um die Ecke, fast in der Nachbarschaft. Ein Traditionsunternehmen auf dem Weg. Nichts bleibt wie es ist.

Was also tun mit der Zeit bis dahin? Es stehen Renovierungsarbeiten im Flur an. Schleifen und ausbessern von Wänden. Der Hausflur ist nicht geheizt, da stecken wir kein CO2 rein. Also sagte mein Inneres: Fliehe mein Sohn vor dem, was dich draußen erwartet. Eine andere innere Stimme sagte: Du solltest mal wieder bloggen. Über das Leben.

Gut.

Es ist schön. Weil die Sonne gerade hereinscheint, weil mich eine Zufriedenheit angefallen hat. Eine schöne Ruhe. Die Kinder sind aus dem Haus, wie man so schön sagt. In Australien und Köln. Sie sind in ihr eigenes Leben gestartet und machen das gut, so weit ich das mitbekomme. Bei allem Vermissen ist es schön, sie so selbständig und stark zu sehen. Sie machen ihr Ding. Das war irgendwie das Ziel. Ich habe keine Sorge. Das ist ein gutes Gefühl.

Gleichzeitig fühle ich mich nicht alleine oder zurückgelassen. Es ist jetzt viel Raum für Beziehung. Ein Leben zu zweit. Irgendwie normal. So hatte ich das noch nicht. Wir gehen beide arbeiten, treffen uns am nachmittag oder Abend, gehen Einkaufen, kochen, essen, schauen uns Filme an, lesen, trinken Tee, lachen, streiten, renovieren, planen, fahren in den Urlaub, machen Pläne, besuchen Freunde, schauen uns Kunst in Köln an, planen im Garten. All diese normalen Dinge im Leben von Menschen.

Mir gefällt das. Es ist schön, vieles nicht mehr machen zu müssen. Kinder erziehen. Elternabende. Zum Musikunterricht bringen. Überzeugungsarbeit leisten – Paprika hat noch niemanden umgebracht!!! Raum haben. Für sich. Keine Hetze, weil das Mittagessen auf dem Tisch stehen muss. Das Leben durchtakten, den Plan B, C, D abrufen. Ruhiger leben, mit all den feinen Erinnerungen, die mit dem Gedächtnis aller Sinne da sind. Babyduft, ankuscheln, neben einem einschlafen. Bitten. „Bitte, Bapu!“ Oh. Alles da. Und dann kommt Max hier rein, besucht uns oder Pella meldet sich per FaceTime und ich bin plötzlich in Sydney.

Das war der Anfang dieses Blogs. Fifty-fifty. Jens Schönlau als der erziehende Vater, der tatsächlich 50 % übernimmt. Den Vormittag mit den Kindern oder den Nachmittag. Viel Zeit habe ich mit den beiden verbracht, wir waren viel unterwegs und haben viel erlebt. Zwergenwohnungen bauen im Wald. Aus Zweigen, Moos, Blättern. Drachen steigen lassen, im Weiher schwimmen, durch den Wald stromern, Bobbycar-Rennen. Alles abgespeicherte Filme, ein unbezahlbarer Schatz. Familienkino im besten Sinne.

Und jetzt sitze ich hier und habe ein angenehmes Gefühl, im Leben schon etwas erreicht zu haben. Viele Flausen sind weg, nicht mehr gegen alle Windmühlen anreiten, sich auch mal zurücknehmen, nicht jede Diskussion führen, nicht unbedingt überzeugen wollen. Die Fahnen sind kleiner geworden.

Im Beruf darf ich mittlerweile andere Dinge machen. Nicht nur Text. Man fragt mich nach meiner Meinung. Was ich glaube, wie es sein sollte. Die Agentur hat mir das Rüst- und Handwerkszeug vermittelt. Fundiert arbeiten, recherchieren, herleiten, den weiteren Zusammenhang sehen. Es ist immer auch ein wenig Wissenschaft. These, Antithese. Checken. Denke ich das nur, ist das mein Wunsch oder Glaube, oder ist das Wirklichkeit?

Jetzt mache ich mir einen Cappuccino und genieße ein wenig die Sonne, bevor ich mich auf die Socken mache. Der liebe Gott schenkt mir jetzt manchmal Zeit, die ich gerne nutze. Momente für mich. Raum für irgendwelche Gedanken. Sich treiben lassen in den Weiten der Welt. Ich liebe das (den Satz darf man sich nicht von dieser – Zitat Rolf Schönlau, mein Vater – „amerikanischen Fressdiele für Proleten“ rauben lassen).

Einen schönen guten Tag und beste Zeiten wünsche ich euch. Und wenn ihr mögt, könnt ihr gerne kommentieren und vielleicht kurz beschreiben, wie es euch in eurem Leben geht.

Stiller Kämpfer:)

Das Leben ist wundervoll und schön. Es ist reich und prall. Ich liebe es. Aus dem Vollen schöpfen. All die wunderbaren Dinge, die geschehen. Das neue Jahr beginne ich mit Demut und Dankbarkeit.

Gerade sitze ich in der Küche, der Ofen bollert, ich muss mit dem Heizöl sparsam umgehen. Wenn alles gut läuft, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und das Denkmalamt zustimmen, werden wir dieses Jahr auf regenerative Energien umsteigen. Also muss das restliche Öl bis zum Frühjahr reichen. Wenn nicht, muss es der Ofen schaffen. Für uns ist der Umstieg ein großer Schritt. Wärmepumpe plus Pellets für die richtig kalten Tage. Unser schöner Holzofen wird umziehen müssen, in eine andere Etage.

Das Klimapaket der Bundesregierung macht es möglich. 45 % Förderung. Wenn der Antrag durchgeht. Das Gesetz wurde kurz vor Weihnachten durch Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Es gilt seit dem ersten Januar und schon am Sonntag konnte ich den Antrag einfach online stellen. Genial. Respekt, liebe Verwaltung. Respekt. Kein Chaos. Das Gesetz tritt in Kraft und ist praktisch anwendbar. Jetzt bin ich auf den Ablauf und vor allem das Ergebnis des Procederes gespannt.

Und sonst? Hinter mir liegt ein fettes Jahr. Meine Mutter, die Familie, die Brüder. Mein kleiner Bruder, wie ich ihn seit jeher nenne, hat geheiratet. Meine Tochter Abitur gemacht. Sie lebt jetzt für eine Weile mit ihrem Freund bei einer Familie in Sydney und kümmert sich um das wunderschöne Baby Charlie. Die beiden haben gerade das Vergnügen, Essentials zu lernen. Wickeln, füttern, beruhigen, beschäftigen, ins Bett bringen.

Wir stehen in Kontakt. Facetime, WhatsAPP, Wahnsinn. Infos von der anderen Seite, Gespräche über die Brände, Gedankenaustausch über den Plan B. So weit weg und doch so nah.

Mein Junge, unser Junge. Er hat seine Ausbildung abgeschlossen, lebt nun in Köln in einer WG mit alten Freundinnen aus der Schule. Seit der Einschulung kennen sie sich. 13 Jahre in einer Klasse. Nun lernt er in einem neuen Studiengang. Luxus pur. Er ist glücklich, macht genau sein Ding. Programmiert, lernt darüber hinaus im Kontext. Macht das, was er immer wollte und was er kann. Denken. Sein Gehirn einsetzen. Input aufnehmen und umwandeln. Er ist im Wonderland. Ich konnte ihn in der Uni besuchen. Nun weiß ich, das er am richtigen Platz ist. Vaterglück.

Viel rumgekommen bin ich, sind wir in 2019. Silvester in Paris, Blick auf die Stadt vom Montmartre. Im Frühling Gardasee, Verona und fünf Tage Venedig. Mein Geburtstag auf den Treppenstufen von San Giorgio Maggiore. Portugal, Estoril, Lissabon im Sommer. Eine lange Auszeit, dreieinhalb Wochen. Weg. Raus. Weihnachten mit den Brüdern bei meiner Mutter im Haus unserer Kindheit. Weihnachtsbaum, Weihnachtsessen, bollernder Ofen. Zuhause habe ich eine Weihnachtskarte bekommen, die mich weinen ließ. Manchmal summiert sich Vergangenheit in einem Moment. Ich mag es, wenn das Leben mein Herz ergreift. Dann macht es Sinn.

Jahresausklang, Jahresstart auf Schiermonnikoog. In anderer Besetzung. Zu siebt. Spannende Tage, die wunderschöne Insel, Strand. Über die Sandbank bei Sonne und wirbelndem Sand. Der Strandspaziergang bei Dunkelheit. Das Licht des Leuchtturms, kein Mensch außer uns. Blau das Meer, die Luft. Vogelgeräusche, Wellen, das Knirschen unter den Schuhsohlen.

Nun sitze ich in der Küche an dem kleinen Holztisch, den ich 1984 im Internat von einem Flurnachbarn geschenkt bekommen habe. An ihm habe ich für das Abitur gebüffelt, nun ist er unser Küchentisch und oft mein Arbeitstisch, wenn ich frei oder im Homeoffice arbeite. Ein guter Kollege. Zwischen Kaffeemaschine und dem warmen Ofen im offenen Wohnzimmer. Um 11 Uhr habe ich eine Telefonkonferenz, morgen einen Termin in Köln. Ein Briefinggespräch in einem Café. Das Jahr läuft ruhig und entspannt an.

Meine Seele hat die Flügel ausgebreitet und schwebt. Ich habe mir die Haare abgeschnitten, bin im Modus eines stillen Kämpfers der Klarheit:) Ups. Yep. Es ist ein schönes Gefühl, in der Konzentration zu sein mit Raum über den Dingen. Das Haar hat irgendwie eine größere Bedeutung. Als meine Abi-Löwenmähne bei der Bundeswehr geschoren wurde, erwachte im Spiegel ein anderer. Seither schneide ich ab und an meine Haare ab. Lasse alle Eitelkeit gehen und sehe aus wie ein frisch entlassener Häftling. Oder ein gerade eingezogener Rekrut. Dann kommt die Frage: Hä, was ist mit dir los? Bleibt mir nur ein Lächeln. Und ein inneres „Ist mir doch egal“, wie sie sagen würde. Manchmal ist es gut, einen Schritt zurückzutreten und das Äußere außen vor zu lassen. Ups, gefällt mir der Satz. Das Äußere außen vor lassen.

Das Leben ist schön, es ist wundervoll. Ich liebe es.