Mittwoch habe ich meinen Botox-Tag!

Gestern Nachmittag habe ich Jim aus der Schule abgeholt. Er hatte noch Gitarrenunterricht und danach fährt kein Schulbus mehr. Er probt für Jugend musiziert ein Stück von Metallica und eines von Pink. Also 25 Kilometer bis zur Schule und zurück. Landleben. Weil wir ein sehr schönes, zeitlich aber enges Wochenende hatten, waren wir nicht zum Einkaufen gekommen. Und weil ein Supermarkt auf der Strecke liegt, der neben dem Bioladen zu unseren Einkaufsquellen gehört, bin ich da kurz rein. Einmal durch, alles reingeworfen und wieder raus. Im Düsenjäger-Modus. Gibt es das Wort Düsenjäger noch?

An der Kasse war ein junger Mann vor mir, der für 1,21 € ein Brot und eine eingeschweißte Salatgurke gekauft hat. Guten Appetit! Hinter mir standen zwei Frauen, die sich ziemlich laut unterhalten haben. Eine meinte: Ne, Mittwoch kann ich nicht. Da hab ich meinen Botox-Tag. Botox, Botox, Botox? Gut, das ich so überhaupt nicht neugierig und an menschlichen Zusammenhängen interessiert bin. Botox ist doch dieses Zeug, das man/ frau sich spritzen lässt. Gegen Falten oder so? Die andere Frau meinte: Klar, wenn du vorher Botox spritzen warst, kannste abends nicht turnen.

Mein Kopf wollte sich drehen, wollte der Frau ins Gesicht sehen, um die im Gehirn eingeströmte Message zu untermauern. Braucht sie wirklich Botox? Sind die Falten so tief? Und wenn sie Mittwoch hin muss, dann hat wohl gerade die Wirkung nachgelassen. Oje, wie mag sie nur aussehen. Grusel. Quatsch, habe ich mir dann gedacht. Das geht dich ja mal gar nichts an. Kannste dich mal bitte um deinen Kram scheren und die Frau in Ruhe lassen. Tatsächlich habe ich nicht geguckt, habe mich um meine Einkäufe, das Bezahlen und Verpacken gekümmert. Muss ja an solchen Kassen immer schnell gehen, seit die Preisschilder aus schwarzen Balken bestehen, die gescannt werden. Kein Aufkleber mehr – 1,49 €. Was ist nur aus den Herstellern von kleinen Klebepreisschildchen geworden? Wahrscheinlich verkaufen die jetzt Balkenscanner. Dann is’ ja gut.

Heute Morgen musste ich dann doch mal nachsehen, was Botox so macht. Kurz gesagt: Das lähmt Muskel für längere Zeit. Das verhindert Mimikfalten wie Krähenfüße, Stirn- oder Zornesfalten, weil die Muskeln die Haut nicht mehr in Falten legen. Botox ist übrigens ein von Bakterien hergestelltes Nervengift. Gift. Tja, wer schön sein will. Allerdings. Also. Kleine Einschränkung, von wegen Schönheit. Ich habe immer das Gefühl, wenn ich Frauen sehe, die all zu glatt im Gesicht aussehen – also nicht altersgerecht -, dass da was nicht mit rechten Dingen zugeht. Oft wirkt das plastic, wenn da so eine Art Spannung im Gesicht steht. Wenn’s da zieht und zerrt. Zu wenig Haut. Da stimmt was nicht. Ich hab dann mal im Internet recherchiert und bin auf eine Seite mit Vorher-Nachher-Fotos gestoßen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Ich find’s gruselig. Nun, muss jeder/ jede selber wissen. Vielleicht ist es für mich als Mann im mittleren Alter auch nicht so relevant – Krähenfüße, Schlupflider, was soll Mann machen? Cremes? O.K. Botox? Also ich geh‘ Mittwochs lieber zum Sport…

Könntet ihr mir einen Gefallen tun? Könntet ihr euch bitte für einen Augenblick schön fühlen? Oder auch für länger? So, wie ihr seid. Lächeln? Ich sehe euch gerne an. Mag kleine Falten. Das bischen Bauchspeck? Egal. Leuchten, nicht betäuben. Ciao.

Romantic Days!

Ewa hatte gestern im Brigitte Woman Blog auf meinen Darling und Bjørnstad Artikel reagiert und in einem Kommentar wunderbar beschrieben, wie sie die letzten sechs Wochen des Jahres entspannt, genussvoll und frei angeht. Hundertprozentig genau so, wie sie sich das vorstellt. Ganz ihrer Stimmung entsprechend. Alles kann, nichts muss. Aber: Kein Stress. Hat mich schwer beeindruckt dieser Kommentar.

Als ich dann am Nachmittag am Rechner saß und mir über einen komplizierten Text das Hirn zermarterte, ging mein Telefon. Im Display die 13. Interner Anruf aus dem privaten Sektor unseres Lebensprojektes Alte Schule. Zoe. Klar, wer sonst. Zwischendurch mal anklingeln und wichtige Fragen stellen. Die typische Eröffnung, ein langgezogenes Paapaa. Ja, Kind. Also… Was sie wollte, war: Kuchen. Nö, Zoe, keine Zeit. Komplizierter Text, Arbeit, Geld verdienen, selbst verwirklichen. Brumm, brumm. „Ja, aber Papa, ich hol den doch. Die Mama fährt mich runter zum Bäcker. Die muss zur Druckabnahme und anschließend nach Köln. Ich komme dann mit Cooper zu Fuß wieder hoch.“ O.K., Kuchen-Lieferservice. Silberstreif am Horizont. Kleine Unterbrechung später. Zoe legt auf, ich höre Getrappel im Haus, ein Tschüss von Ela bis später auch und Jim kommt rein, um sich in den Wald zu verabschieden, er will da was bauen. Alle und alles in Bewegung, ich muss mich nur um mein Hirn kümmern, selbst Cooper ist unterwegs, um Kuchen zu holen.

Später kommt Zoe rein. Rote Wangen, großes, stolzes Lächeln. Ich mach uns Kakao sagt sie und rufe dann an. Drei Minuten später die 13 im Display. Kuchen-Alarm bei Cobra 11. Wie kriegt man kalte Milch aus dem Kühlschrank so schnell in warmen Kakao verwandelt? Egal, ich werde bewirtet, verwöhnt, da darf man nicht meckern. Ich komme in die Küche, der Tisch für Zoe und mich gedeckt. Ela in Lindlar, Jim im Wald, Cooper pennt auf seinem Kissen – hat sich auf dem Rückweg, Zoe ist über den Mühlenberg gegangen, verausgabt. Ich stelle drei Kerzen auf den Tisch, um es noch gemütlicher zu machen. Augenleuchten im Kerzenschein.

Paapaa. Als ich über den Mühlenberg gekommen bin, habe ich den Cooper frei laufen lassen. Der hat auf mich gehört und ist nicht weggelaufen. Ja, Zoe, du warst seine Rudelführerin. Er hat dir vertraut, dass du ihn führst und nach Hause bringst. Echt? Klar, der kennt dich doch. Och Papa. Ne, ehrlich. Und als ich dann da oben auf dem Mühlenberg war, konnte ich auf unser Dorf runtergucken und die alte Schule sehen. Ich liebe diesen Blick. Ja, Zoe, ich liebe diesen Blick auch. Da wird einem warm ums Herz, ne! Ja, Papa. Richtig warm.

Für mich hatte sie ein fettes Stück Bienenstich mitgebracht. Mit viel cremigem Pudding. Lecker. Gemütlich. Ländlich romantisch verklärt. November. Vorweihnachtszeit. Einfach mal mitmachen. Kann so schön sein.

Euch einen schönen Tag und angenehme Gefühle und Erlebnisse. Vielleicht mit netten Menschen, vielleicht allein. Was auf jeden Fall hilft, sind Kerzen. Ciao.

Schmetterling, Cooper, Fischrettung

Seid ihr schon einmal von einem Schmetterling geweckt worden? Gestern Morgen flatterte einer bei mir am Schlafzimmerfenster und wollte raus in die warme Novemberluft. Zuvor hatte er wochenlang in einer Zimmerecke gehangen und uns war nicht ganz klar, ob er schläft oder gar nicht mehr lebt. Er lebt. Ich habe ihn dann ganz vorsichtig genommen, ohne mit den Fingern an seine Flügel zu kommen, und habe ihn dann draußen fliegen lassen. In einen schönen blauen Novemberhimmel mit weißen Wolken.

Jim, Cooper und ich sind dann raus in die Natur. Runter zu den vom Hochwasser des Bachs überschwemmten Wiesen. Cooper ist rumgejagt wie ein Irrer – immer wieder rein in die Suppe, Stöcke holen. Jim und ich haben uns dann Stück für Stück das Tal runtergearbeitet. Ich hatte keine Gummistiefel an und musste alle möglichen Feuchtgebiete umgehen. Die gibt es nicht nur in Büchern, sondern auch in der Natur. Als ich gerade über eine Riesenpfütze springen wollte, sah ich einen Fisch. Der lag im flachen Wasser auf der Seite. Ich dachte, er wäre tot. Dann habe ich Gras beiseite geschoben, das seinen Kopf bedeckt hatte, und sah sein lebendiges Auge und sein sich bewegendes Maul. Er atmete. Jim hat ihn dann genommen und in den Bach gebracht, wo er sich gleich berappelte und los schwamm. Hat der ein Glück gehabt. An der Stelle, hinter so vielen Zäunen, ist normalerweise nie ein Mensch. Und heute Morgen war da schon kein Wasser mehr. Manchmal muss man einfach Glück haben.

Das wünsche ich euch für heute und die ganze Woche. Vielleicht mal Lotto spielen oder doch lieber auf die eigenen Talente und Fähigkeiten besinnen? Oder beides. Wie ihr wollt. Ciao.

Sweet Dreams are made of this!

Während ein Sturmtief über Deutschland fegte, um unsere Köpfe frei und unsere Verklemmungen wegzublasen, während in Köln der Bär am Alter Markt tobte (endlich, endlich…), zog in unserem Dorf eine kleine Schar Unerschrockener los, eine alte Tradition zu begehen. „Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…“ Von Haus zu Haus. Die Kinder mit Laternen und Fackeln vorne, die Paps und Mams als grooviger Backround-Chor dahinter. Dieses Mal bei einem Wetter, das einem die Schuhe ausgezogen hat. Wind, Sturm, peitschender Regen. Der Mann am Boden hat nur Lumpen an, Brrrr. Herrje.

Wie ihr oben seht, waren die Menschen in unserem Dorf nur all zu bereit zum Teilen. Es waren diesmal nur 14 Kinder, die Taschen voll Sweets nach Hause getragen haben. Und Geld. Das gibt’s auch immer. Fast 20 Euro pro Kind. Respekt. Die Süßigkeiten sind für die gerechte Aufteilung erst einmal bei uns im Schulzimmer gelandet. Da, wo früher die Kinder des Dorfes von der ersten bis zur achten Klasse von vorne nach hinten geordnet gesessen haben. Eine Nachbarin gab mir ein Foto, das ich nicht veröffentlichen kann, weil ich damit Persönlichkeitsrechte verletzen würde. Wenn unsere Schule 2014 150 Jahre alt wird, werden wir es in einer kleinen Ausstellung zeigen.

Nun liegt da dieser Haufen Sweets. Weil einige Familien das Wetter gescheut haben, war die Zahl der Kinder kleiner als der Berg der Gaben. Das reicht für zwei Jahre bei normalem Konsum. Pst, Geheimscheiß: Wir werden bei unseren Kids Sachen verschwinden lassen… Das freut sonst nur den Zahnarzt mit seinem „Fucking Gitarrenladen“. Der Gute.

Während wir uns durch das Wetter quälten, was zu Mitleidsbekundungen an allen Türen führte, wurden wir Erwachsenen mit Alkohol getröstet. Zum Ende hin gingen die Frauen vor, um die Kinder ins Warme zu bringen. In die warme Blockhütte in der Dorfmitte gleich neben dem Buchenwald mit den 350 Jahre alten Bäumen. Dort gab es Kakao und Waffeln. Große Augen, glänzende Gesichter, großer Hunger. Derweil waren wir Männer beschäftigt, uns mit den Alten zu unterhalten. Die trifft man nicht so oft. Und die wollten gerne die Gelegenheit nutzen, einen gepflegten Schnaps zu trinken. Korn. Pah! Puh! Gestandene alte Kerle. Straßenbauer mit Unterarmen wie… Anstoßen mit einem „Männer“ und einem Lächeln. Rituale des Dorfes. Wie haben die sich gefreut, uns zu sehen. Die jungen Männer. Im Vergleich. Nicht nur wegen des Schnapses. Es war schon ein wenig wie im Western. Whiskeygläser im Saloon. „Männer“. Wir haben die Kurve gekriegt, das Feuerwasser überstanden und sind aufrecht im Blockhaus gelandet. Absprung im rechten Moment. Das nennt man Timing, die Haaresbreite zwischen alles bleibt gut und ihr wisst schon. Alka Seltzer. Raues Dorfleben, alte Zeiten.

Auf jeden Fall ist es immer wieder schön, mal fast alle Dorfbewohner an einem Abend gesehen zu haben. Kurze Gespräche zwischendurch. Die Lieder, die Kinder, der Feuer- und Kerzenschein. Teilen. Zeit teilen. Sankt Martin. Gut. Bis zum nächsten Heiligen. Am St. Nikolaus sehen wir dann viele wieder. Euch wünsche ich einen sturmfreien Tag, an dem ihr vielleicht schöne Zeit mit netten Menschen teilt. Vielleicht nicht gerade bei Schnaps. Ciao.

Übrigens war ich kurz auf Youtube, um die von den Eurythmics geklaute Überschrift, sagen wir mal zitierte Überschrift, live zu erleben. Dort bin ich auf eine Rough-Version des Songs getroffen. Überraschend. seht und hört selbst: Sweet Dreams.

Tolle Truppe, starkes Ensemble!

Shakespeare hatte seine Theaterkompanie. Eine Schauspieltruppe, die die Bühnenwelt verändert hat. Unser Dorf nun geht auch in die Kulturoffensive und öffnet den Vorhang. Nikolaus im Dorf. Die Dorfgemeinschaft und die Feuerwehr arbeiten Hand in Hand. Kinder und die Alten beglücken. Am Samstag vor Nikolaus treffen sich die Alten zum Kaffee. Der Pfarrer kommt, es wird geklönt, die Frauen des Dorfes haben Kuchen gebacken. Normalerweise treten die Kinder auf und spielen ein Nikolausstück. Am Sonntag dann wird die Feuerwehrhalle ausgeräumt. Die drei großen Autos werden raus gefahren, die Biergarnituren der Dorfgemeinschaft aufgebaut sowie die kleine Bühne aus den Brettern, die die Welt bedeuten.

Kerzen brennen, Servietten und kleine Blumengebinde schmücken die zum Saal gewordene Halle. Es wird voll, Eltern und Großeltern kommen mit ihren Kindern. In Körben wird Geschirr mitgebracht und Kuchen für alle. Leckere Sachen. Kakao, Torten, Kinderaugen. Irgendwann kommt der Nikolaus. Wer will, kann ein Gedicht aufsagen. Es wird gesungen. Jedes Kind geht nach vorne und bekommt ein kleines Geschenk. Die Rabauken dürfen sich eine Kleinigkeit anhören – ein funktionierendes System. Eine gute Form, gegenseitigen Respekt einzufordern.

Dieses Jahr nun gibt es eine Neuerung. Nicht die Kinder führen ein Nikolausstück auf, einige Erwachsene machen das. Für die Kinder und Alten. Mich rührt das. Respekt. Miteinander. Füreinander. Ich durfte das Stück schreiben, in dem es um den echten Nikolaus und den Wunsch einer alten Frau geht. Es treten ein Pfarrer, ein Bauer, ein Knecht, eine Nachbarin, die Schwiegertochter und besagte Maria auf. Weil ich die Menschen, die für diese Rollen in Frage kommen, mittlerweile seit zwölf Jahren kenne, haben ich ihnen die Rollen auf den Leib geschrieben. Und: Sie haben sie angenommen. Letzte Woche gab es ein leichtes Rumoren des Bauern, der mit seiner Rolle nicht ganz einverstanden war. Gestern Abend kam er lachend zur Probe. Er hat seinen Text auf Platt umgeschrieben. Wunderbar. Die Alten werden begeistert sein. Wir haben viel gelacht. Gute Stimmung, das Stück entsteht. Auf der Bühne ist hohes Tempo angesagt. Der Knecht hat die Lösung des Problems, der Bauer lässt ihn nicht aussprechen, muss ihm auf Stichwort immer wieder ins Wort fallen.

Die Proben laufen gut. Alle bringen sich ein, liefern Ideen, überlegen sich Kostüme, arbeiten an den Charakteren. Ländliches Method-Acting. Wie bin ich eigentlich? Wer bin ich? Weshalb sag ich das so? Ich gebe vorsichtig Subtext rein. Das Zauberwort, wenn es darum geht, die Bühnensprache für das Publikum mit Figuren zu füllen. Aus Schauspielerinnen werden Bühnenfiguren. Metamorphose. Aufbau einer Aura. Die Zuschauerinnen erleben etwas, was sie nicht sehen können. In Mannheim am Nationaltheater haben wir damit viel rumgedoktert. Bei den Proben unten im Saal der Feuerwehr klappt es auch. Die Texte kommen, alle fangen an zu spielen. Kleine Gesten. Wie plötzlich eine Kaffeetasse genommen oder ein Stuhl gerückt wird. Kleine Sachen, große Wirkung. Das wird gut, das Stück klappt, hat Tempo, Witz. Weiß man ja vorher nicht, wenn man es schreibt und noch nicht auf der Bühne gesehen hat. Immer wieder diese Spannung. Funktioniert ein Text. Tag für Tag. Jetzt auch. Nach sex sells gestern mit absolutem Besucherrekord heute wieder zurück aufs Dorf. Harte Landung im sanften Kontext des Lebens. Worauf kommt es an? Was zählt? Ist tatsächlich alles eins?

Ich freue mich auf die Aufführung des Stückes. Habe die große Bühne verlassen und arbeite nun hier mit einem Bauern, einer Bäuerin, einer Taxifahrerin, einem Achsentester, eine Zahnarzthelferin und einem LKW-Fahrer. Perfekt. Leben auf dem Lande. Heimat im besten Sinne des Wortes. Ich wünsche euch einen schönen Tag mit ein klein wenig weiterem Ankommen in dem, was euer Leben ausmacht. Trippelschritte vorwärts. Freude. Ciao.