Die schönen Pyramiden. Gizeh. Die große Tutanchamun-Ausstellung. Ausgrabungen. Indiana Jones und irgendwelche Bundesladen. Die Faszination der Wüste. Tauchen in Hurghada, Windsurfen und Kiten in Dahab. Nilkreuzfahrten. Und jetzt das. Gestern Nacht ist der Protest in Ägypten eskaliert. Wie Spiegel Online berichtet, hat Mubarak seine Parteianhänger geschickt, zu provozieren. Gewalt zu säen. Dunkles Kalkül der Macht. Soll sich der Mob prügeln, das diskreditiert die Bewegung und zum Beispiel El Baradei, der es jetzt schon nicht schafft, die Masse kontrolliert durch den Protest zu führen. Wie auch? Wenn Molotow-Cocktails von Häusern geworfen werden, wenn die Polizei eine Foltertruppe ist (steht so in Wikipedia, das hoffentlich gut recherchiert hat).
Ich gebe für mich zu, als politisch interessierter Mensch Ägypten nach der Ermordung Saddats aus den Augen verloren zu haben. Anfang der achtziger Jahre war ich 15. Seither regiert Hosni Mubarak per Notstandsgesetz. Ein von 1982 bis heute andauernder Notstand. Wikipedia schreibt von einer „autoritären“ Führung. Auf Spiegel-Online war jetzt die Rede von einem Despoten. Tatsächlich ist Ägypten eine Diktatur. Schock. Asche auf mein naives Haupt. Das habe ich so nicht gewusst, nicht wahrgenommen.
Seit den achtziger Jahren haben die USA die ägyptischen Streitkräfte zur stärksten und modernsten Armee Afrikas aufgebaut. Seit 9/11 dürfte da auch eine Rolle spielen, dass Ägypten radikale Moslems radikal verfolgt. Aber nicht nur die. Wieder Wikipedia, die schnelle Quelle für schnelle Schreiber: Es wird systematisch gefoltert. Das ganze Programm. Oppositionelle werden von der Polizei und vom Geheimdienst gejagt und gefangen und gefoltert. Hier ein Link zu einem Human Rights Watch Artikel.
Dass es in Ägypten schon länger brodelt, beschreibt ein Human Rights Watch-Artikel aus dem Jahr 2006. Der Widerstand gegen das Mubarak-Regime formiert sich im Netz. Deshalb werden kritische Blogger verhaftet, darunter zum Beispiel auch Alaa Ahmed Seif al-Islam, ein „Award-Winning-Blogger“. Es kommt also nicht von ungefähr, dass Mubarak während des aufkommenden Protestes auf den Straßen in den letzten Tagen den großen roten Knopf gedrückt hat – Kommunikation out of order. Internet weg, Handys offline. Trotzdem gehen die Bilder um die Welt und: Die Welt hält den Atem an. Gestern sind Menschen gestorben. Ägypter gegen Ägypter. Der provozierte Bürgerkrieg, die gewünschte Unruhe, um einschreiten zu können. „Welt, sieh selbst. Sie haben sich die Köpfe eingeschlagen. Blanker Hass. Wir mussten einschreiten und dem Treiben der kriminellen Opposition Einhalt gebieten. Als Retter des Friedens, zum Erhalt der ägyptischen Einheit“. So könnte es dann heißen. Am Ende. Wir werden sehen.
Für mich überlege ich die ganze Zeit, was zu tun ist in Ägypten. Szenarien. Das Militär hält wahrscheinlich auf Geheiß der USA still. Ich könnte mir vorstellen, dass die sagen: „Eine demokratische Bewegung darf nicht mit unseren Panzern niedergewalzt werden“. Wie würde das aussehen, ein zweiter Platz des himmlischen Friedens, an dem amerikanisch finanzierte Soldaten mit ihren Panzern gewütet haben. Armer Barack Obama, dem ist wahrscheinlich gerade ziemlich schlecht. Das fiese Gesicht eines treuen Gefährten. Manchmal ist der Preis für Loyalität ziemlich hoch. Die Amerikaner also dürften eine Schlüsselrolle spielen. Nehmen sie sie wahr? Könnte Barack Obama Hosni Mubarak eine Brücke bauen? Obama hat mit Mubarak telefoniert. Nach der großen Demonstration am Dienstag.
RP-Online schrieb zuletzt: „30 Minuten redete US-Präsident Barack Obama auf Mubarak ein. Obama sagte nach dem Telefonat, der Ägypter akzeptiere, dass der Wandel nicht aufzuhalten sei. Aber der Amerikaner ließ dabei Enttäuschung anklingen: Mubarak, so das Gefühl in Washington, habe seine letzte Chance auf einen würdigen Abgang vergeben.“
Die Menschen in Ägypten, die Opposition, brauchen jetzt Rückhalt. Eine starke Weltgemeinschaft, die Mubarak Grenzen setzt. Mit einem blutigen Bürgerkrieg ist niemandem geholfen. Das radikalisiert ein Land und führt in eine von Anfang an destabilisierte Zukunft, weil die Unvernunft zum Steigbügel der Macht wird. An Radikalen wird es sicherlich nicht mangeln, sollte es zu einer Neuverteilung der Macht in einer Zeit nach Mubarak kommen. Wer schafft es, die Opposition jetzt so zu unterstützen, dass Mubarak Einhalt geboten wird? Wer telefoniert jetzt mit Mubarak und findet die richtigen Worte?





