Über allem und aus allem heraus

Über dem Dorf_Sonnenuntergang

Hinter den sieben Bergen…

Weit vor den Toren der Städte. Im Dreieck Frankfurt, Köln, Dortmund. Oben, oberhalb des kleinen Dorfes Nosbach am Rande der Gemeinde Reichshof, am Rande des Oberbergischen Kreises, am Rande des Landes Nordrhein-Westfalen. Wenn man da ist, oben über dem Dorf, den Berg rauf, gleich neben dem Dicken Stein, der die Grenzen markiert, dann hat man DEN BLICK.

Weitblick. Richtung Süden und Westen. An den Windrädern vorbei Richtung Siebengebirge und Bonn, nach rechts in Richtung Köln. Früher, vor einigen Jahren, war ich dort oben oft ganz allein und hatte den Sonnenuntergang und diese Welt für mich. Mittlerweile gibt es Liegebänke, die von Paaren belegt sind. Eingekuschelt in Decken, aneinander gekuschelt. Romantik.

Es ist die Via del Amore des Oberbergs. Ein kleiner Wirtschaftsweg, der sich am Hang entlang schlängelt und hinter dem es den Hügel hinab geht. Ganz oben, am liebsten sitze ich am Modellflugplatz, führt der Blick über Wiesen und Wälder bis zum Horizont. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte den Dom sehen.

Lummerland nennt eine Freundin meine ländliche Heimat. Sie lacht dann am Telefon und ich erzähle, dass es nicht leicht ist, all die Ländereien zu bewirtschaften und ich müsse gleich los reiten, um am Abend wieder zurück zu sein. Landadel. Nun. Es passiert schon auch, dass ich die Alte Schule hier als kleines Schloss sehe. Weshalb nicht? Das gibt so ein schönes, unbescheidenes Gefühl von Größe und Bedeutung. Habe ich euch schon einmal erzählt, dass ich mit Tricks arbeite? Sicherlich. Sich immer schön aufrecht selbst belügen, wenn es hilft, Dinge besser, schöner, aufregender zu machen. Und wenn es nicht mehr passt, löst der Satz „was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern“ die schnöde Seifenblase einfach wieder auf. Geschichten des Lebens, die dem Alltag ein wenig mehr Würze und Farbe geben. Das ganze Leben ist ein Spiel, und wir sind nur die Kandidaten.

Gerade regnet und stürmt es. Ich habe Feierabend und hänge im Hängesessel ab. Unten im Schulsaal läuft Yoga, Zoe und Jim erholen sich in ihren Zimmern von den Strapazen der Schule. Jims letztes Jahr, heute vier Stunden Bioklausur. Obwohl es so lange her ist, kann ich mich noch erinnern. Bio ist das Fach, das ich am meisten erinnere. Aktionspotenziale, zum Beispiel. Zellkerne, DNA, RNA. Das hat Spaß gemacht. Tja, und Herr Cooper schont sich heute auf seinem Kissen.

Eben habe ich meine Fotos vom Sommer durchblättert und habe ziemlich viele Sonnenuntergänge entdeckt. Dieser hier war einer der klarsten. Vom Licht her. In der Mitte leuchtete die Wiese so hell und grün. Eine Oase, mindestens.

So, jetzt koche ich für morgen vor. Denn eigentlich bin ich dran, bin aber nicht da, weil ich in die Agentur muss, darf, soll. Wir fliegen nächste Woche wieder einen Tag nach München. Strategie, Konzept, Ideen, Realisierungen präsentieren. Flieger, grüß mir die Sonne. Abflug, Punktlandung, Mondlandung. Hä? Sesamstraße, ein Ding ist anders als… Sorry. Das Wort Mondlandung hat mir einfach gerade gefallen. Armstrong. Der kleine große Schritt. Mensch, wenn der auf die Fresse gefallen wäre, was hätte die Menschheit gelacht… Buff. Ich meine, der wusste ja auch nicht so genau, was ihn erwartet. Und dann die dicken Stiefel und so wenig Schwerkraft. Eher Leichtkraft. Mond halt.

Genug des Weitblicks, Rückblicks. Mein Freund Armin meinte heute: In sechs Monaten haben wir Frühling. Das sind doch mal Perspektiven:) Ah, Herr Cooper lebt. Nr. 5. Kommt gerade rein und haut sich neben mir auf den Boden. „Moin, Kumpel, alles fit?“ Sagt nix, pennt schon wieder. Ist der entspannt.

Überm Dorf_Sonnenuntergang 2

Van Ackeren skizziert Schönlau

van Ackeren_Jens

Norbert van Ackeren hat mich skizziert. Die Skizze war die Vorbereitung für ein Bild, auf dem Viveka und ich porträtiert sind. Norbert hat ein halbes Jahr daran gearbeitet. Nun ist es fertig und hängt in seinem Atelier. Zeit für ein Gespräch. Über die Kunst, das Warum, den Antrieb, den Duktus, den Sinn, den Weg.

Natürlich bin ich gespannt wie ein Flitzebogen. Demnächst, gerade ist keine Zeit. Job. Präsentationen. München. Schon wieder. Egal.

Kürzlich waren Barbara und Norbert hier an einem Wochenende. Landpartie. Ein Abend mit Viveka und mir. Wir haben draußen gesessen, in den Sternenhimmel geschaut, die Feuerschale entzündet, geredet, gelacht, ein wenig über Kunst gesprochen. Ein schöner Abend. Leicht. Sommer.

Ein zweiter Abend nach dem, als Norbert uns das Bild präsentiert hat. Mit Tam-Tam. Enthüllt und Viveka und mich dann alleine gelassen, damit es wirken konnte. Puh. Das Bild ist groß, sehr groß. Ich weiß nicht, aber ich denke 1,4 x 1,0 m. Öl. Leinwand. Kupfer. Metall. Oxide.

Da standen wir mit unseren Spiegelbildern konfrontiert, der Blick des Künstlers auf unsere Seelen. Berührend. Nun ist es im ersten Augenblick ein psychologischer Effekt, der rätseln lässt, was die Konfrontation mit sich selbst, die Auseinandersetzung eines anderen mit der eigenen Seele, zu bedeuten hat. Was ist das? Was soll das? Weshalb?

Dreht man die Ich-Perspektive um, verschwindet die Psychologie und wird zu einem Entwicklungsprozess. Da ist ein Maler, der seinen Weg geht, der sich ein Sujet sucht, in dem er sich verliert. Welcher Anteil ist größer im Bild? Die Gemalten, der Malende? Ich habe noch keine Antwort gefunden, obwohl ich sie erahne. Das ist spannend und ich werde ein Ateliergespräch führen, um dem auf den Grund zu gehen.

Als Barbara und Norbert früh morgens gefahren waren, hatten sie die Skizze oben zurückgelassen. Eine Überraschung. Die Vorlage für das große Bild, die Annäherung. Sie hängt jetzt in meinem Büro. Daneben
das Bild meines Urgroßvaters. Der Mann mit dem Hut. Der Photographenmeister mit dem schüchternen, netten Lächeln. Wir begegnen uns dort an der Wand.

So ist dieser Blog jetzt um eine Geschichte reicher, die mir wichtig ist.

Leben unterm Ebertplatz

Labor

Die Kunst ist eine ökologische Nische.

Fernab der großen Museen und Events sucht sie sich Orte, an denen sich atmen lässt. Die freie Szene besetzt die Räume, in denen der Kommerz erstickt. Ökonomische Fehlplanungen. Eine Unterführung aus Beton. Ladenlokale im Souterrain. Unterm Ebertplatz eine Welt für sich, eine Welt mit eigenen Gesetzen. Ein Niemandsland, eine Murakamische Zwischenwelt. Afrikaner, Russen, Galerien, Künstler und ein Copy-Shop.

I like it. So wie damals die besetzten Häuser in Aachen. Provisorische Kneipen, Sperrmülltische, gefledderte Sofas, Flaschenbier, Kerzenschein, Punk-Musik. Manchmal gehen die Regeln flöten und Zwischenkulturen nehmen sich den unbeachteten Raum. Und für eine Zeit lang wird es geduldet.

Dort können Dinge entstehen, die dem System entweichen. Dem System des Funktionierens, das dem Duktus der produktiven Geschwindigkeit unterworfen ist. Hetzen. Erledigen. Abhaken. Produzieren. Kosten senken. Gewinne erwirtschaften. Vorwärts gehen. Bitte nicht stehenbleiben.

Köln, Ebertplatz, die Rolltreppen hinunter oder langsam abfallend aus der U-Bahn kommend am Göddertz’schen Brunnen vorbei. In der Ecke links die Obdachlosen. Manchmal laut, manchmal aggressiv, manchmal Russen. Viel Alkohol. Abstand halten, weil es manchmal kratzig wird, unverständlich, gefühlt unangenehm. Liegenlassen.

Die alten Ladenlokale. Vier Galerien. Eine afrikanische Bar, eine Kneipe. Der besagte Copy-Shop. Lebendig. Pur. Herausgenommen aus dem Kontext Köln. Eine eigene Welt. Ich mag sie. Ein Hauch Anarchie. Unpolitisch. Nichts fordernd, nur sein. Subkultur im wahrsten Sinne des Wortes, und doch nicht. Denn: Hier lebt neben allem eine Kultur, eine Kunst, die sich nicht unterordnet. Die sich nicht unterordnen muss. Lebendig, anspruchsvoll. Kein Schickimicki, keine Nase-hoch-Galerien. Kunst um der Kunst willen.

Im Labor Ebertplatz. Gerd Mies, Michael Nowotny, Norbert van Ackeren. Ein ständiges Arbeiten, ein lebendiges Programm, Überraschungen, Aktionen, gelebte Kunst. Für alle. Gegen Spenden in die Spendenbox. Kein Eintritt, keine Security, keine Jackenabgabe. Anfassbar, ansprechbar.

Die nächste Ausstellungseröffnung am Freitag. Wenn ihr Zeit habt. Wenn ihr der Welt entfliehen möchtet. Wenn euch das Leben in der Normalität oben manchmal langweilt. Nehmt die Rolltreppe…

Mila

Nichts weiter als ein guter Tag

Sonnenuntergang

Morgens aus dem Bett steigen mit dem kleinen Glück an den Füßen.

Deutschland ist gerade bewegt. Flüchtlinge. Die Medien müssen sich um Themen keine Sorgen machen. Ich freue mich, dass es eine Wende gegeben hat. In den Medien. Selbst die Bildzeitung. DIE BILDZEITUNG. Anfang der Neunziger die Stimmungsmache, das Boot sei voll. Da gingen die Streichhölzer an, die Feuerzeuge entzündeten sich.

Gut, gerade auch. Heidenau. Damals waren es Hoyerswerda und Solingen. Heute Aufmärsche mit Kindern an der Hand. Die schweigende Kanzlerin, zunächst. Pfiffe, Gegröle. Es ist ruhig geworden um die, die auf der anderen Straßenseite stehen. Außenseiter sind sie im eigenen Land, das sie nach dem Vater benennen. Ihre Nacken haben sie tätowiert wie ihre Herzklappen – mit Kreuzen, die Haken haben.

Und sie stehen mehr denn je auf der anderen Seite der Straße als einsame Gestalten, die das Echo der Demokratie erleben. Gutmenschen werden sie genannt, die guten Menschen, die jetzt im Rampenlicht stehen, die das Zepter in die Hand genommen haben, die Deutschland vertreten. 700 am Dortmunder Bahnhof. Die Messehallen in Hamburg. Am Bahnhof in München. Kuscheltiere für Kinder auf der Flucht. Begrüßungen. Hilfe. Lächeln. Welcome Refugees. Heidanei, wer hätte das gedacht.

In der Agentur habe ich nun einen Kollegen aus Afghanistan. Er freut sich, hier zu sein. Wir unterhalten uns auf Englisch. Seine Frau ist hier, sein Kind. Die Taliban. In die Schusslinie gekommen. Es gibt sie überall, diese Menschen der anderen Straßenseite, diese Menschen, die einfach keine Ruhe geben können, die terrorisieren müssen, die keinen Frieden in sich tragen. Unruhige Geister, unzufrieden, nervös, Schuld suchend, Schuldige.

Nun liebe ich dieses Land. Manchmal kommen die Zweifel. Heidenau, die Kinder an den Händen. Marschieren für den Hass. Das Foto des vollgepissten Deutschen im Nationalmannschaftstrikot aus Hoyerswerda. Keine schönen Bilder.

Klar, da ist noch die mahnende CSU. Die Richtigmacher, die als einzige wissen, was richtig ist und wo das alles hinführt. Fast so schlimm wie Jan Fleischhauer, der scheinbar gerne in Heidenau dabei gewesen wäre. Der jetzt schon weiß, wo das alles hinführt und am Ende seines schwarzen Kanals das dunkle Ende sieht. München ist München, nicht Bayern. Aber selbst die CSU ist nicht Ungarn, und Fleischhauer nicht Orban. O.K.

In Deutschland wird gemacht, getan, gesorgt, umsorgt, begrüßt, zusammengerückt. Das ist gut für unser Land, weil es sich anders erlebt. In einem anderen Kontext des Funktionierens. Mitfühlend, gebend, großzügig, offenherzig.

Und die von der anderen Straßenseite, die Schreienden, die haben dazu beigetragen, dass dieses Land sein Herz entdeckt hat. So funktioniert Demokratie, das sind Anstöße, Impulse. Aktionen und Reaktionen, die den Hass in den Schatten stellen. Sie sehen, die dunklen, gestiefelten Gestalten, sie im Blick halten, aber nicht beachten. Stattdessen die beachten und achten, die es jetzt brauchen. Ein guter Demokratie-Deal, der dieses Land heller macht.

Heute Abend bin ich mit dem Trecker und Zoe auf die Höhe über dem Dorf gefahren. Von dort sieht man weit ins Land hinein. Die Sonne ging unter, alles lag friedlich und still. Gute Nacht Ahmad, gute Nacht Alima. Schlaft gut. Mögen eure Träume gut sein.

Sonnenuntergang2

Heartbeat

Leiter hinunter
Stirnlampenschein
Windungen, Fluss

Beschwerlich
glitschige Wände

Herabgelassen
am Seil
tief

Inmitten
meines Herzens

Die Gefangenen
im Käfig
schlafen

Tattoos
an den Wänden
gebrochenes Herz
Anker
Glaube, Liebe, Hoffnung

Die Strichliste
Narben
das eine Kreuz

Im Licht der Film
grelle Bilder
Super 8

Geburt, Fall
Inri
Immerwiederauferstehung

Das FUCK YOU
Graffiti
sorry

Die Sonne
durch die Brust
die Halle
rotglühend

Auf die Matratze
in der Ecke
zu dir

Kalaschnikow
Sonnenbrille
Dollarschein
die Kette
mit den 108 Perlen

sEPTEMBER 2015