Held der Arbeit.

Der Mann an der Kasse im Supermarkt. Was für ein Wort S-U-P-E-R-M-A-R-K-T. Think Big. Da steht der ältere Herr. 65. Arbeiter. Der Körper verspannt, leichtes Hinken. Immer malocht. „Mit Karte?“ „Nehmen Sie Mastercard?“ Da hatte er mich schon. Im Aldi mit Mastercard. Klar. Die Reihe beginnt zu schauen. Schauspiel. Das würde voll daneben gehen. Einen Vormittag in der Schlange. Die Stones spielen, in Ost-Berlin gibt’s ’79 Bananen. In etwa so. 78 Euro. Zwei Paletten süßer Joghurt. Der mit der Ecke. Schokokugeln und son Gedöns. Naschkatze, dicker Bauch. Wochenendeinkauf. Die Augen nicht mehr so gut. „Nee, nur EC-Karte.“ „Ja?“. Er fragt tatsächlich. Ich meine, hey. ALDI. Quadratisch, praktisch, gut. Da gibt es keine Fragen. Du nimmst die Sachen aus dem Karton, weil dus schnell und billig haben willst. Das ist der Konsumquickie. Aus dem Karton in den Wagen, den Mund. Er sieht nicht mehr so gut. Hat rotblonde Haare, Jeans, eine helle Jacke.Klein, kräftig. Fährt, wie ich später sehe, einen 83er Polo. Coupe. Metallic-Silber, Aufkleber. Klar. Fantasialand oder Sylt oder so ’n Scheiß. Ich habs nicht gesehn. Kein Peace, kein AKW nee, kein Jesus lebt. Er legt seine Geldbörse auf die Kassenablage. Seine Hände sind etwas steif, greifen nicht so, wie sie sollten. Eher so Rückkehr zum ersten Greifen im ersten Lebensjahr. Ich gehe näher ran, will ins Portemonnaie sehen. Ein Foto von ihm auf einem Ausweis. Scheiße, ich kanns nicht sehen. Wie soll ich denn die Story im Kopf zusammenbekommen, wenn die Fakten fehlen. Was arbeitest du, Mann? Jetzt hier Rede und Antwort. Hau rein. Bleibt mir verschlossen. Ich denke, er sieht aus wie ein Ire. Er sieht nicht so gut. Also noch schlechter, als ich gedacht habe. Kramt die EC-Karte aus einem Klarsichtfach. Natürlich in der roten Kreissparkassen-Schutzhülle. Herrje. Weihnachten hab ich was vor. Die müden Hände schieben den Daumen in den Schlitz. Zwei Anläufe. Ich weiß, was kommt. Die Karte ins Terminal. Das ist so eine verfickte 3D-Denksportaufgabe mit Zuschauern. Wer wird Millionär? Na, haben wir die Karte mal wieder falsch rein geschoben? Doof oder was? Haben wir da nicht Icons? Wo gehört der Magnetstreifen hin und wo das Messingplättchen? Können wir nicht gucken oder gar begreifen? Ich sehe das als Meditationsaufgabe. Ruhig bleiben. Hinsehen, umsetzen, reinschieben. Nummer tippen, OK drücken und die Welt ist in Dortmund. Aber wennste nix siehst? Er tut mir leid. Würde ihm ja helfen, aber was würde der denken, was ich von ihm denke? Muss er durch. Ich setze auf ihn, mag ihn. Der hat Charakter, der hat sich nie gedrückt, war immer da, hat alles gemacht. Der Blick seiner Frau erzählt das. Sie liebt ihn, steht zu ihm. Dicht dabei. Die Kassiererin nimmt die Karte, führt sie ein. „Geheimzahl. OK“ Drei mal macht es PIEP. Mir ist klar, das war nix. Die Kassierein löscht. Drückt drei Mal. „Sie müssen vier Zahlen eingeben. Es muss vier Mal Piep machen und dann OK.“ Er lässt es piepen. Drei Mal. Ich habs mir gedacht. The same procedere again. Es ist mucksmäuschenstill. Der Backautomat, die TK-Geräte haben den Dienst eingestellt, lauschen, hinter der undurchsichtigen Spiegelwand lauert der Chef. Die Kassiererin drückt den Rufknopf. Plan B, zweite Kasse. Emergency Case. Auf ihrem königsblauen ALDI-Pullover steht AZUBI. Cool. Hat schon was gelernt. „Noch einmal die Nummer bitte.“ Drei Mal Piep beim Löschen, vier Mal Piep beim Eingeben. „Die Geheimnummer ist falsch.“ Geil. Jetzt fängt es an, richtig gut zu werden. Er bleibt so cool. „Kann nicht sein.“ Klar, kann nicht sein. Das Terminal irrt sich, lügt ihm frech ins Gesicht. Dann eben die gleiche Nummer nochmal. Peng! Bingo! Jackpott! Siehste, das Terminal lügt. War doch klar. Hoffentlich hat er nicht den Code für die atomaren Sprengsätze der US-Force eingegeben. Wo alles vernetzt ist. Bauts. Nee. Er hat gezahlt. Ich würde gerne applaudieren, aus vollem Herzen. Der Mann ist ein Held. Der geht mit Würde durchs Leben. Ich mag Männer. Alte Männer. Gezeichnete Männer. Standhafte Männer, die dem ALDI standhalten, selbst, wenn es Scheiße läuft. Nach ihm bin ich dran. Bar oder Karte? „Karte natürlich, Baby.“ Großes Kino, Highnoon. ICH WILL AUCH STANDHAFT SEIN. Bin noch nicht alt genug. Alles läuft easy durch. Wie langweilig. Wie will man sich im Leben beweisen…

Ein Hobbit in einem Parkhaus in Avignon…

Es ist einige Jahre her, dass ich in dieses Parkhaus in Avignon hineingefahren bin und wieder heraus. Ela und ich hatten uns frei genommen im Frühling, die Kinder waren bei der Oma. Es muss um Ostern herum gewesen sein. Eine kleine Flucht. Mein Geburtstag. Ins Auto, die französische Autobahn an der Rhône entlang bis Lyon, wo wir ein Hotel gebucht hatten und am Abend in der Altstadt essen waren, in einem Viertel, dass uns ein Freund empfohlen hatte. Hoch über Lyon, wir waren mit einer U-Bahn gefahren, die den Gipfel erklommen hatte. Oben gab es viele Treppen, die in die Stadt führten. Wir hatten uns ein kleines Restaurant ausgesucht, spontan. Waren herumgelaufen und dieses hatte gelockt. Authentisch, ist der Punkt, das Kriterium. Drinnen saßen Menschen, in essen und Gespräche vertieft. Es wurde Wein getrunken, gelacht. Fronkreisch. Am Nebentisch saß eine junge hübsche Frau, die einen Teller voller großer Knochen vor sich hatte. Ich musste an Cooper denken und hätte gerne diesen Widerspruch fotografiert. Das sensible, feine Äußere dieser Frau und dieser martialisch anmutende Teller voller Gebein. Sie knabberte und lutschte an den Riesenteilen. Wie ein Francis Bacon Gemälde, nur eben live, was es noch unglaubwürdiger macht, weil in der Kunst alles durchgespielt wird, alle Facetten des Lebens durchleuchtet werden. Was uns ja so fasziniert, weil in Ecken geleuchtet wird, die wir nicht kennen oder sehen. Aspekte des Seins. Unergründlich tief mit dem Geheimnis des Kunstprozesses verhaftet. Eine Freundin hat mir erzählt: „Ich habe dieses Gedicht geschrieben und wusste genau, was da drin stand. Ich fand es toll. Dann habe ich es noch drei Mal gelesen und plötzlich wusste ich nicht mehr, was da steht.“ Prozesse. Momente des Abtauchens, Entstehens. Später das schmerzhafte Lösen, das Zusehen, wie es versinkt. Adieu.

Am nächsten Tag sind wir nach Avignon gefahren, haben mitten in der Stadt in diesem Parkhaus geparkt, das in einem Berg unter der Stadt wohnt. Es war voller Farben und Zeichen. Kommunikation, Leitsysteme und Lightsysteme. Auf dem Boden, an den Wänden. Dort war dieses Foto EXIT entstanden, das nun bei uns im Gästezimmer hängt. Groß in schwarz-weiß. Ich habe viele Fotos gemacht mit Zoes Kompaktkamera, die leider falsch eingestellt war. Auf geringe Datendichte. Die Bilder haben alle nur zweihundert, dreihundert K. Fotos vom Markt, aus Nizza. Zum Beispiel diese weiße Bank mit dem Blick auf das Meer. Die zierte mal unsere Weihnachtskarte. Der Ruheplatz am Wasser, Psalm 23. Und muss ich auch wandern in finstrer Nacht… Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir mangeln. Und so fort.

Da gab es dieses Mittagessen im Hafen. Ein alter Joke von mir. Lass uns im Hafen essen. Dort hat es tatsächlich geklappt. Fisch, Weißwein, Yachten, trubeliges Leben. Schön. Das kleine Bergdorf im Hinterland, mein Geburtstag in einem schönen Zimmer. Wandern, Provence. St. Tropez. Picknick neben einer alten Yacht, die restauriert wurde. Wir waren über Italien zurückgefahren, haben Stunden am Gotthardt-Tunnel verbracht mit „Gut gegen Nordwind“. Die Stunden waren verflogen. Nach Hause, zu den Kindern, zum Hund. Ein anderes Leben.

Weshalb ich das schreibe? Weil mich heute Melancholie umgibt. Ja, ich weiß, ihr denkt jetzt wahrscheinlich „nach alten Zeiten“. Non. Monsieur NON. C’est la vie. Heute kann ich mich nicht gegen eine Sehnsucht wehren. Dieses Wochenende werde ich allein verbringen, weil Jim mit Freunden Harry Potter die komplette Staffel schauen will, Zoe bei der Oma Kekse backt, Ela in Köln ist und ich mit dem Herrn Cooper allein. Was ja auch schön ist, so mit dem Herrn Cooper allein. Quatsch mit Soße. Zeit zu haben. Heute Abend mit der Agentur zusammen zu kochen. Ein Event. Ich werde mir Cloud Atlas anschauen und vielleicht nach Düsseldorf in die Gursky-Ausstellung fahren und lange schlafen und gut essen und… Alles gut. Nur. Schöner wäre, das zu teilen. Wie dieses Parkhaus in Avignon. Damals. Und das geht nicht, obwohl es möglich wäre. Nicht mit Ela, wie ihr jetzt vielleicht wieder denkt. Gegessen. Was ich meine, das ist so bescheuert. Mir fiel heute Morgen auf der Cooper-Tour das Wort „indifferent“ ein. Trauerweide der Sehnsucht. Das lässt sich nicht immer vermeiden. Manche Dinge sind, wie sie sind. Ich würde sie gerne sehen. Sie wohnt 20.000 Meter unter dem Meer. Und ich? Irgendwo im Mittelgebirge. Mittelerde. Ein Hobbit im Parkhaus von Avignon, der seinen Eselskarren parkt.

exhibition store windows 10/10 – free entrance:)

Ihr Lieben, den gestrigen Tag (wenn ihr das lest, ist es schon hell) habe ich genutzt, einige Fotos zu bearbeiten und zusammenzustellen. Eine kleine Ausstellung hier im Blog. Wisst ihr, wenn ich in fremden Städten bin, gehe ich gerne in Museen und Galerien. Da fühle ich mich wohl und willkommen. Heute nun ist die weiße Fläche unter mir (in dieser wordpress-Schreibmaske) die Ausstellungsfläche. Stellt euch weiße Wände vor, die Platz schaffen. Für zehn Schaufenster-Fotos, die diesen Sommer in Köln entstanden sind. Eine Reihe von 10/10. Durchnummeriert. Weil ich Teile der Ausstellung schon heute im Blog hatte, fange ich in umgekehrter Reihenfolge an. 10, 9, 8… Die Fotos sind wunderbar geprinted (imagine!). Sehr gute Qualität, Alu-Dibond, schön groß. Wie es sein soll. Also lade ich euch ein (freier Eintritt) zum Schaufensterbummel. Konsumiert. Schaut. Begehrt. Seht hin.

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Übrigens sind die Fotos auf meiner Jens Schönlau-Facebookseite größer, formatfüllend hinterlegt in einem eigenen Fotoordner: https://www.facebook.com/jens.schoenlau – einfach Freundschaftsanfrage stellen, die ich gerne mit JA beantworte (meistens).

Festplattenstöbern Zeit verstreichen lassen wie schön

Uah.

Ein Durchatmen am Morgen. Der erste Tag seit Monaten, an dem ich nicht schreiben muss, als wäre es der letzte Tag und es müssten noch so viele Dinge gesagt werden. Ruhe. Ein Termin hat sich verschoben. Von ganz alleine im Luftzug der Zeit aufgelöst. Schwupps. Freie Zeit vom Himmel gefallen. Morgen bin ich wieder unterwegs, Köln, Meeting, am Abend eine Agentur hier, Präsentation. Heute, Ruhe. Draußen stürmt es, die Blätter fallen von der großen Eiche. Herr Cooper steht vorm Büro und will raus. Ich will noch nicht. Gleich. Gemütlich. Wie am Wochenende in Köln durch die Keupstraße. Vorher beim Türken an der Ecke etwas gegessen. Es ist so schön, wenn es ruhig ist. Wenn die Lichter nicht blinken und blitzen, kein Alarm, S.O.S., Notfall. An der Ecke die Männer mit dunklen Geschäften in der Hofeinfahrt. „Hast du noch?“

Habe eben in alten Fotos gekramt. Die Festplatte ist voll. Ich habe mir eine zweite gekauft, um die Fotos zu sichern. Ein Crash und alle wären verloren und ich müsste neu beginnen. Was ist das, ein Archiv? Mein Leben? Nur Fotos? Eine Zeit? Kinderbilder. Als sie noch klein waren. Die ersten Jahre kleben in Alben, die weiteren liegen auf der Platte. Auf den Platten und teils im Karton auf dem Speicher. Ein Foto am Rhein. Jim steht dort vor der Rodenkirchener Brücke. Ein besonderes Licht. Zoe auf dem Pferd beim Turnier. Im Kindergarten, in der Schule in ihrem Zimmer mit Freundin. Alte Zeiten, als wir noch eine konventionelle Familie waren.

Es ist schön, all diese Fotos zu entdecken, das eigene Leben in Bildern zu sehen, die oft schon vergessen oder zu tief abgespeichert sind. Auffrischung. Gesichtsausdrücke, Entwicklungsstufen, ach so war das. Der Spaziergang durch Köln im Sommer. SSV. Sommerschlussverkauf. Schaufenster. Eine ganze Serie an Bildern. Lebendig, urban, so anders als die, die ich hier mache. Schieße. Jagd auf dem Land.

Schön, so ein Tag mit Zeit. Erst wollte ich etwas unternehmen, den Augenblick nutzen, die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, mich aufmachen. Gursky in Düsseldorf. Dann dachte ich: Nö. Nicht ins Auto. Morgen wieder. Heute. Heute. Nichts. Nur ein wenig denken, reflektieren, schauen, Revue passieren lassen. Cruisen durch die Zeiten. Sortieren, vielleicht. Versuchen, ein wenig mehr in diesem neuen, verrückten Leben anzukommen. Die letzten Monate waren, als hätte man mir ein neues Malbuch geschenkt. Alles ausmalen, füllen, neue Farben, kein Fleckchen freilassen, die weißen Flächen verschwinden lassen, damit alles schön, bunt, lebendig wird. Kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier. Nina Hagen. Ich glotz TV. „Einen recht schönen guten Abend meine Damen und Herren…“

So. Nun werde ich Fotos raussuchen, die mir heute gefallen. Einfach so. Hier unten kommt das bunte hin. Ich wünsche euch einen schönen, ruhigen, entspannten Tag. Ciao.

Der Tag, als der Krieg begann

„Die ersten Limousinen hielten neben kahlen Bäumen und einem Wald aus Fahnenmasten in Flushing Meadow am Stadtrand von New York und entließen ihre Fahrgäste in ein graues Gebäude, das einmal eine Eisenbahn beherbergt hatte. Draußen hatte sich trotz der kühlen Luft eine Menschenmenge versammelt. Im Innern war ein Saal mit Zuschauern und Delegierten gefüllt. Es war der 29. November 1947, ein Samstagnachmittag.
Das körnige Filmmaterial, das an jenem Tag aufgenommen wurde, zeigt Männer in Anzügen, die in Reihen vor einem erhöhten Podium sitzen, und auf demselben drei Funktionäre mit einem gigantischen Gemälde des Globus im Rücken. Helfer eilen mit Papierbündeln zwischen den Sitzreihen und dem Podium hin und her, und ihr Gesichtsausdruck entspricht dem gewichtigen Anlass: Die Abgeordneten dieser neuen Weltorganisation, der Vereinten Nationen, sind im Begriff, durch eine schlichte Abstimmung den Lauf der Geschichte zu verändern.“ (Matti Friedmann, Der Aleppo Codex – Eine Bibel, der Mossad und das Staatsgeheimnis Israels, Seite 22, erschienen im Herder Verlag.)

Und einen fortwährenden Krieg zu starten. Es ist der Tag, als die Weichen für einen Staat Israel gestellt werden. Die Weichen für das, was immernoch geschieht. Raketen und Gegenraketen. Gerade habe ich das Buch gelesen, aus dem das obige Zitat stammt. Es beschreibt den Weg des Aleppo Codex, der ältesten, genauesten Überlieferung und Deutung der hebräischen Bibel. Ein Blattwerk von äußerster Exaktheit, das die Überlieferungen detailliert kommentiert. Wenn es euch interessiert, lest einmal das Buch von Matti Friedmann. Oder schaut auf die Seite des Ben-Zwi-Istitutes in Jerusalem, das allerdings eine zwielichtige Rolle rund um das Thema Aleppo Codex spielt. Hier sind Teile der Handschrift verschwunden. Weg. Das hat Matti Friedmann aufwändig recherchiert. In den Wirren der Staatsgründung und Kriege des Staates Israel untergegangen. Entwendet. Unwiederbringbar verlorengegangen. Egal? Nein. Wo sind unsere christlichen Wurzeln? Was steht im Alten Testatement? Wer war König David? Wer war Jesus? Das sind gemeinsame Wurzeln. Für uns begann alles in Bethlehem. Und Bethlehem fußt auf der Geschichte des jüdischen Volkes. Wir werden immer gemeinsame Wurzeln haben.

Wusstet ihr, dass es vor diesem Tag im Jahr 1947 überall in der arabischen Welt jüdische Viertel gab? In Aleppo, in Syrien zum Beispiel und auch in Kairo. Nach der Abstimmung begann die Gewalt. Synagogen gingen in Flammen auf, jüdische Nachbarn wurden gejagt und verprügelt. Mit den Siegen der israelischen Armee nahmen die Repressalien zu.

„Während er unauffällig gegenüber der großen modernen Synagoge des Viertels am unteren Ende der Straße stand, beobachtete Isaak, wie Polizisten Randalierer durch die Fenster in das Gotteshaus hoben. Einige hatten Kanister mit Kerosin bei sich. Der angesehenste Weise der Gemeinde, Moises Mizrahi, ein gebeugter Mann in einem roten Fez, von dem jeder glaubte, er sein ein Jahrhundert alt, hielt sich noch im Innern auf. Isaak sah, wie dieselben Polizisten ihn hinausführten. Auf der Straße vor der Synagoge schichteten die Aufrührer einen gewaltigen Stoß aus Gebetbüchern, Torarollen und Talmudtraktaten auf und steckten ihn in Brand.“ (Seite 38)

Die Vertreibung begann, die Feuer brennen heute noch. In Form von Raketen. Von links nach rechts, von rechts nach links. Viele Juden flüchteten. Nach New York, Südamerika und nach Israel, um für den neuen Staat und das eigene Land zu kämpfen. Der Kampf geht weiter. Mit unverminderter Härte. Sechzig Jahre später, immernoch. Unfassbar.

Nun haben wir nach 2008 den Israel-Gazastreifen-Krieg 2012. Wieder sterben Menschen, wieder brennt es. Häuser im Gazastreifen, getroffen von israelischen Kampfbombern. Auf der anderen Seite, im Grenzgebiet und bis nach Tel Aviv heulen die Sirenen, die Raketen der Hamas ankündigen. Wer will so leben? Kein Frieden in Sicht, kein Schalom, kein Salām. Ein Krieg der Religionen. Irland hat es geschafft, Katholiken und Protestanten zu befrieden. Vielleicht… Leider ist am Horizont nichts zu sehen und jeder Krieg bringt neues Leiden und frischen Hass. Rache.

Hier wären die Vereinten Nationen gefragt. Ein Verhandlungstisch. Ein starkes Friedensmandat. Es kann doch nicht sein, dass 2012 Raketen die einzige Antwort auf alle offenen Fragen sind… Klar, ist so. Ende, aus, Mickey Maus. 2008 starben 1.000 palästinensische Zivilisten. Aktuell sind es bereits 90. Drei Menschen starben bislang auf israelischer Seite, was sich gegenrechnen lässt, aber zu keinem Ergebnis führt. Beide Seiten haben ihre Gründe. Ich möchte auf keiner Seite stehen, weil die Schlussfolgerung aus allen Argumenten letztlich dumm ist. Wenn nicht eine Seite anfängt, aufzuhören, hört niemand auf. Ja, ja. Klar? „Wenn du beschossen würdest? Wenn deine Kinder in Gefahr wären?“, „Wenn deine Familie bei Bombenangriffen umgekommen wäre?“. Hilft nix. So kommen wir nicht weiter. Die Welt behält ihren Stellvertreterkrieg zwischen zwei Welten – beide Seiten supported. Mit Waffen, mentaler Unterstützung. Fight for your right. Wer legt den ersten Stein zur Seite?

Jüdische Viertel in arabischen Städten. Zusammen leben. Hat mal funktioniert. Hier steht dann noch einmal deutlich stärker die Frage im Raum: „Wie wollen wir leben?“

Übrigens war es sehr spannend, Matti Friedmanns „Der Aleppo Codex“ zu lesen. Vor allem, weil es Einblicke in die jüdische Geschichte nach 1947 gibt. Der Skandal, den er beschreibt, das Verschwinden von Teilen des Buches und die Vertuschung in Israel ist für uns nicht ganz so aufregend. Hier hatte ich das Gefühl: Es gibt größere Probleme. Dennoch ist das Buch äußerst aufschlussreich und gut zu lesen. Eine Empfehlung meinerseits.

P.S. Das Buch wurde mir vom Herder Verlag über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt.