Der Flieger von Maarten ‚t Hart


Gestern Morgen begegneten mir oben über dem Dorf auf dem Weg zum Mühlenberg diese Stare, die sich als letzte vom Acker machen und nach Mallorca oder sonst wohin abfliegen. Sie saßen oben im Baum und unterhielten sich. Es herrschte eine intensive Stimmung, wie ihr an dem Blau erkennen könnt. Die blaue Stunde gibt es also auch am Morgen. Am Abend dann schnappte ich mir meinen alten niederländischen Freund Maarten ‚t Hart. Besser gesagt, eines seiner Bücher. Ein sehr spezieller Autor, der es einem nicht immer ganz leicht macht. Irgendwann bin ich auf sein Buch „Das Wüten der ganzen Welt“ gestoßen. Es hatte einen elend langen Einstieg, in der es um die Tristesse armer niederländischer, streng religiöser Trödler ging. Hört sich nicht gerade sexy an. Aber das Buch ist so gut geschrieben, das es allein mit der Sprache fesselt und dann noch in eine moderne, ausgesprochen feinfühlig gesponnene Handlung führt. Mittlerweile habe ich alle in Deutschland erschienenen ’t Harts gelesen. Bis auf einen.

Ela hat mir kürzlich ein neues ‚t Hart Buch mitgebracht, das 1998 geschrieben wurde, aber erst seit 2008 in der deutschen Übersetzung vorliegt. Kein Bestseller. Oh. Aber ein tolles Buch. Weshalb ich es hier erwähne? Weil ich auf eine sehr schöne Stelle gestoßen bin. Der Ich-Erzähler, Sohn eines Grabmachers, zitiert aus einem Roman, den er gerade gelesen hat:

„Er sagte, die angenehmste Art, einen heißen Julitag zu verbringen, sei, von morgens bis abends mitten in der Heide auf einem Hügel zu liegen, während die Bienen zwischen den Blumen summen, die Lerchen hoch über einem singen, der Himmel wolkenlos blau ist und die Sonne hell scheint. Das war seine Idealvorstellung von himmlischer Seligkeit. Die meine war, bei Westwind in einem rauschenden grünen Baum hin und her gewiegt zu werden, während die schneeweißen Wolken rasch vorübertreiben.“ (Marten ‚t Hart, Der Flieger, Seite 38.)

Da kann ich nur sagen „Danke, Maarten“. Für mich passt das sehr gut zu dem Foto oben. Was war das gestern Abend für eine Freude, in die ‚t Hartsche Sprach- und Figurenwelt einzutauchen und diese Stelle zu lesen. Ein Geschenk, das mich streichelte, mir gut tat, so leicht und gleichsam kraftvoll unerwartet daher kam. Zuvor hatte ich mich mit Murakamis IQ84 ein wenig gequält. Über tausend Seiten. Und es hat mich nicht gepackt. Ich habe seine Story, seine Figuren nicht gefühlt, bin diesmal nicht eingestiegen. Die Story kam nicht vom Papier. Die Sprache schien mir oberflächlich, die für Murakami so bezeichnende zweite Ebene nicht wirklich überzeugend. Kein Vergleich zu Kafka am Strand. Menschen sind halt keine Maschinen, auch Murakami nicht. Beim nächsten Mal wieder… Ein großer Autor bleibt er eh. Dagegen hätte ich in „Der Flieger“ gleich einziehen können. Eine ganze, lebendige Welt zwischen den Buchdeckeln. Klare, erfrischende Bilder mit schönen Worten. Hmmmm…

Euch einen schönen, schönen Tag mit schönen Worten, die euch in die Ohren, den Kopf und in die Seele fliegen mögen. Handschmeichler irdischen Seins. Menschliche Kostbarkeiten. Oder vielleicht auch nur ein kleines, süßes Wort. Wie ein Zuckerstückchen, das auf der Zunge zergeht. Ah. Ciao.