The world is burning…

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Meine sehr verehrten Damen und Herren zu Hause an den Empfangsgeräten. Ja, definitiv, die Welt steht in Flammen. Amargeddon ist da, das Jüngste Gericht tafelt, die Apokalypse steigt herab. Zumindest, wenn man in Teilen der Welt wohnt, wo sich Gewalt den Weg bahnt oder man den Himmel sieht, wie er seine Kräfte sammelt. Eine Hexenküche.

Ich habe kapituliert. Bin nach meinem Urlaub zurückgekehrt ins traute Heim, habe die Lage gecheckt, den Garten, die Zimmer. Und habe Spiegel Online angeworfen, wo mich eine Antisemitismus-Debatte traf. Oh, nein, kein Wort dazu. Ich habe lange nachgedacht, bin alles durchgegangen, meine Hirnarchive, habe abgewägt, nach Seiten geschaut, Impulse des Parteiergreifens durchlebt und bin zu dem Entschluss gekommen. Macht mal. Lebt, wie ihr leben wollt.

Und bin in meinem Bett friedlich eingeschlummert und habe mich dem Wesentlichen zugewendet: Meinem Alltag. Den Dingen, die ich beeinflussen kann. Da wartet Arbeit und Aufwand und Herausforderung genug.

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Am Wochenende war ich in Essen. Promenieren am Baldeneysee, ein Flohmarkt Am blauen See in Ratingen. Liebe, Glück, schöne Zeiten. Gutes Essen, nette Menschen, Eindrücke, Reichtum, Wohlwollen. Eine neue Tasche für meine Kamera, ein Geschenk für Viveka und ein wunderbares Feuerzeug aus Holz und den Seventies für Steve, der für uns alle gekocht hat. Prall, das alles. Mehr als genug.

Auf dem Rückweg, dem Heimweg in die Heimat, zog Wetter auf. Es ist ein Sommer voller Energie und Wolken. Gerade steht ein riesiger Mond über unserem Haus und immer wieder kommen diese erzählenden Wolken und tragen Regen vom Atlantik hierher. Und Wind und Sturm. Rund um den Baldeneysee liegen die riesigen zerschmetterten Buchen. Alt, sehr alt, zu Boden gerungen. Mit Wurzeln aus der Erde gerissen. Es ist ein gewaltiger Sommer, der mir komisch vorkommt. All diese Dinge im Großen und im Kleinen.

Ich hoffe, der Winter wird ruhiger und schaltet manch einem den Verstand wieder ein. Wir werden sehen, müssen zusehen, tatenlos. Und können uns sagen: Das war schon immer so.

Derweil bewege ich mich zwischen den Welten. Autofahrten von hier nach dort. Der Geist ist ruhig, das Radio läuft, die Dinge vermischen sich und es ist einfach nur profanes Fahren auf Autobahnen. Ein Kommen, ein Gehen. Das Rad des Lebens.

Sonntagabend war es ein Schauspiel, ein Sonnenuntergang auf dem Weg von Essen nach Düsseldorf, ein Aufziehen brennender Wolken von Düsseldorf nach Köln und ein Abgleiten in die Dunkelheit von Köln nach Nosbach.

Die Welt brennt an manchen Orten. Sie schläft und regt sich, sie atmet und weint, sie geht ihren Weg, zieht vorbei, lächelt und kämpft. Selten war mir so unklar, was das alles soll. Vielleicht sollte ich Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft lesen. Oder einfach nichts tun. Mittwoch fliege ich wieder nach München. Job. Ein Tag. Heute war ich in Bonn, nächste Woche geht es vielleicht nach Berlin. Die Zeiten ändern sich, die Wolken ziehen, die Themen auch und dummerweise sterben währenddessen Menschen, die von anderen Dingen geträumt haben. Der Mond füllt sich, Stürme bedrängen uns, die Sonne zeigt sich und alles beginnt von vorn…

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Vom Himmel herab…

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Vom Himmel hoch, da…

Ist denn schon wieder Weihnachten? Nein, Franzl, auch wenn wir Weltmeister sind und einen Astronauten neben dem Mond hängen haben, der uns von oben aus seiner internationalen Blechbüchse, diesem NASA FlieWaTüt, auf die Köpfe schaut.

Ach, Himmel. Auf Erden. Zurück aus dem Urlaub, der dieses Mal einige Überraschungen zu bieten hatte. Schwamm drüber. Vergessen. Nach meiner Rückkehr und dem Überfliegen von Spiegel-Online und meinem Facebook-Stream habe ich gesehen, wie schlimm es tatsächlich sein kann und wer sich überall so das Leben schwer macht.

Also gehe ich einige Tage zurück und schreibe über die Treppe in Ligurien am Rande der Cinque Terre. Eine Freitreppe. Eine Himmelsleiter – deshalb der Titel.

Wir sind schon viele Wege in Ligurien gelaufen. Hoch über dem Meer mit Blick in die Weite und gefühlt in die Tiefe. Jedes Mal entsteht dieser Wunsch, dort zu leben. Und jedes Mal ist es schön, zurückzukehren und die Bilder und Momente und Gefühle mitzunehmen.

Marco hatte uns von dem Weg erzählt. Marco war von deutschen Urlaubern dorthin geführt worden. Im Sommer bei der Hitze sind wenig Menschen auf den Wanderwegen unterwegs. Die meisten Leute sparen sich das. Aber, da wir nun einmal im Sommer da sind, was sollen wir tun?

Also haben wir das Abenteuer gewagt. Sind mit einem Teil-Trupp unseres 14-köpfigen Patchwork-Konglomerats losgewandert. Von Riomaggiore, dem letzten der fünf Cinque Terre-Orte aus. Hoch zum Kloster, von dort durch Weinberge und verbrannte Wälder bis zum Punkt Telegrafo ganz oben auf dem Höhenzug, der bis Portovenere reicht und sich dort ins Meer versenkt. Wir folgten dem schönen Rücken ein Stück weit und bogen dann ab Richtung Küste, um am Ende eines feuchten Waldes zu dieser gigantischen Treppe zu gelangen.

Für mich war es ein besonderer Augenblick, weil ich etwas Heiliges empfand. Nicht christlich oder buddhistisch oder so, nein, eher respektvoll. Man muss sich vorstellen, dass es 1.600 Steinstufen sind, die runter in einen Ort, einen Flecken mit drei oder vier Häusern führen. Dort ist, genaugenommen: NICHTS. Die Häuser eben und der Blick aufs Meer. Mir kam es vor wie ein riesiger Altar inmitten der Landschaft. Als würde man die Stufen eines Azteken-Tempels herabschreiten.

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Da haben sich Menschen die Arbeit gemacht, all diese Steine zu behauen und dorthin zu schleppen und zu einer Treppe zu formen. Zu einer sehr steilen Treppe, bei der man aufpassen muss, nicht zu stolpern, weil man sonst wirklich ein Problem hat. Es gibt kein Geländer, kein Netz und keinen doppelten Boden. Man muss einfach aufpassen und keine Fehler machen. Ansonsten. Tja. Autschn.

Die Treppe in der Hitze fernab von Schatten hinab zu steigen ist schon sehr anstrengend, der umgekehrte Weg lässt Flüche entstehen. Wer kommt auf die Idee, einen solchen Ort zu besiedeln? Das müssen schon sehr unabhängige Geister gewesen sein, die ihre Ruhe haben wollten. Nunja. Unten braust das Meer, ein steiler Weg führt zum Strand, so dass es wohl rausging aufs Meer zum Fischen. Und Weinberge gibt es auch. Fischer und Winzer in einem. Lebenskünstler, Enthusiasten, Naturverbundene, Feinschmecker. Aussteiger. Mittelalter-Hippies.

Das Wasser kommt aus einem Brunnen weit oberhalb des Dorfes. Im Wald steht ein riesiger Wasserbehälter in Form und Größe eines kleinen Hauses. Daraus sprudelt kühles Nass. Süßwasser. Leben. Die Brunnen sind voll, weil es erstmals seit Menschengedenken (zumindest seit des Menschengedenkens der heimischen Menschen, die wir gesprochen haben), in Ligurien im Juli mehrfach heftig geregnet hat. Was für Gewitter! Uaahhhh. Im Zelt ganz schön gewöhnungsbedürftig, wenn die Blitze durch die Zeltwand leuchten und Blitz und Donner fast gleichzeitig stattfinden. Mein Papa meinte immer: „Nach dem Blitz zählen! Jede Sekunden steht für einen Kilometer zwischen euch und dem Gewitter.“ Also dann war das ziemlich direkt über uns… Viveka hat mich beschützt. Und umgekehrt und die Kids haben einfach gepennt und nix mitgekriegt.

Jetzt sitze ich hier auf meinem Bett, schaue auf den Mühlenberg und denke an die gigantischen Ausblicke während unserer Treppen-Expedition. War das schön. Den Weg werde ich wieder gehen so wie ich diese schöne Küstenstraße nach Vernazza immer wieder mit dem Fahrrad fahre. Zurückkehren. Aufsaugen. Zurückdenken. Vorfreuen. Bilder im Kopf.

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Schmerz, lass nach…

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Boah, ey. Heldenstory.

Wahrscheinlich heizen die meisten von euch nicht mit Holz. Wir machen das, weil wir a) auf dem Land wohnen. In einer Gemeinde, deren Flächen zu über 90% aus Wäldern und Wiesen bestehen. b) weil wir in einem großen alten Haus wohnen, in dem es im Winter schön kuschelig sein soll. Ist einfach schön, wenn der Ofen an ist und wärmt. Herr Cooper spielt dann Kater und legt sich direkt vor den Ofen. Dort heizt er auf ca. 400 Grad auf, um sich dann in eine kühle Zimmerecke zu fläzen, wo er langsam wieder auf Normaltemperatur kommt.

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Nun brauchen wir pro Jahr etwa 10 Raummeter Holz. Früher bin ich mit Freunden in den Staatsforst rund um die Wiehltalsperre und habe in einem zugewiesenen Revier die angezeichneten Bäume gefällt, entastet, zersägt und abtransportiert. Da stand man mit Schnittschutzhose und Schnittschutzstiefeln im Schnee und sägte und sägte den lieben langen Tag. Zwischendurch wurde der volle Hänger nach Hause gebracht, es gab Mittagessen für arbeitende Männer und am Abend zum Abschluss eine Flasche Bier im Wald. Gute alte Zeit, so etwa 8 Jahre her.

Dann kamen die Harvester. Holzvollernter. Ein Mann fährt mit der Karre in den Wald, greift die Bäume mit einer Hydraulikzange, sägt sie mit einem Sägengreifarm ab und legt sie nieder. Später transportiert er sie raus, stapelt sie und Ende Gelände. Tja. Das war für uns das Aus. Raus aus dem Wald! Wir durften das Holz dann nur noch vom Wegesrand abholen. Das war nicht schön. So gar nicht. Hat mal wieder irgendein BWLer durchgerechnet und dann gesagt: Rechnet sich nicht! Dieses Mantra, dem so vieles zum Opfer fällt. Rechnet sich nicht! Dies nicht, jenes nicht. Müssen wir anders machen. Und so müssen wir sehen, wie wir an unser Holz und klar kommen.

Nun ist BWL aber nicht nur doof. Es gibt auch Vorteile der freien Kräfte des Marktes. Momentan zum Beispiel ist der Holzpreis aufgrund der hohen Nachfrage sehr hoch. Für einen Festmeter gibt es 95 €, als Kyrill tobte waren es 50. Weil der Preis so hoch ist, entscheiden sich viele Waldbesitzer, alles zu fällen und zu verkaufen. Kahlschlag. Entweder kommt der Harvester, der im Wald aufgrund seines Gewichtes hässliche Spuren hinterlässt. Die sind so tief, dass sie bleiben. Oder es kommt ein Fälltrupp, der die Stihls und Husquarnas zum Singen bringt. Ich mag das Geräusch. Ein sehr hoher Ton, wenn die Profis die Ketten bei höchsten Drehzahlen glühen lassen.

Ob Harvester oder Fälltrupp, am Ende des Tages ist der Wald weg und am Rand liegt ein großer Haufen astloser Stämme. So zum Beispiel hundert Meter Luftlinie von hier am Eingang des Maikäfertals. Weil ich dort immer mit meinem schwarzen, haarigen Freund spazieren gehe, hatte ich das Procedere im Blick. Dabei war mir aufgefallen, dass nach dem Fällen noch ziemlich viel Holz übrig war, dass da so rumlag. Also habe ich rumgefragt, wem das Waldgrundstück gehört und bin gestern im Dorf hin, um nachzufragen, ob ich das Restholz haben könnte. „Nimm.“ Grazie. Mille.

Und heute dann bin ich los. Verspätet. Ich wollte eigentlich mein Pferd satteln und losreiten, also meinen Traktor anwerfen und mit dem Werkzeug, meiner Stihl, hinfahren. Da sprang der alte Fendt, der Farmer 1 Baujahr 1961 nicht an. Mucken hat er gemacht, nicht genug Saft in der Batterie. Zu lange gestanden. Also aufladen. Aber natürlich hatte ich weder Zeit noch Lust noch Muße zu warten. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.

Also bin ich in Schnittschutzhose und in Schnittschutzstiefeln und mit der Schubkarre runter ins Tal. Das war natürlich reichlich uncool, aber manchmal läuft es eben anders. Plan B. Herrje, was war ich motiviert. Ich bin mit der Säge den Hang hoch und habe mich von oben nach unten runtergearbeitet. So ein Hang nach einem Kahlschlag sieht aus wie ein Schlachtfeld. Alles ist voller abgeschnittener Äste und zurückgelassener Baumspitzen. Kommt man oben an, ist man schon fix und alle. Dann das Restholz entasten und den Hang herunter transportieren. Ein Kraftakt. Jedes Stück Holz nehmen und herunterkullern und herunterwerfen, so weit es geht. Leider bleibt es überall hängen, weil dauernd was im Weg liegt.

Später habe ich dann den Traktor und den Hänger eines Freundes geholt, um aufzuladen. Nun waren da einige Brecher dabei, die echt gewogen haben. Der erste Meter des Baumes unten, der Fuß sozusagen, wird abgeschnitten und bleibt zurück. Das ist der dickste und damit auch schwerste Teil. Au Backe, da waren echte Kaventsmänner dabei. Habe ich alle eingesammelt und nach Hause gebracht. Husch, husch ins Körbchen. Drei Anhängerladungen. Ein ganzer Tag Arbeit. (Dafür wurde hier intern mein Putzdienst übernommen, yes!)

Und jetzt tut mir alles weh. Die letzte Ladung habe ich nicht mehr geschafft, abzuladen. Die Arme wollten nicht mehr, der Rücken auch nicht. Alles ein wenig verkrampft. Klar, ne, wenn man sonst Schreibtisch und so und dann plötzlich den Waldhelden gibt. Ich sag euch. Morgen wollte ich mit Jim eigentlich noch mal losziehen, aber die heutige Tour ist schon genügend Holz für einen ganzen Winter. Morgen werden wir es spalten und kleinsägen, damit es dann zwei Jahre lang trocknen und uns im Winter 2016/17 wärmen kann.

Ich hoffe, ich kann morgen wieder und der Muskelkater lässt zu, dass ich mich bewege. Wird schon. Waldarbeiter kennen keinen Schmerz. Und eben habe ich ein sehr heißes Bad genommen und dabei genüsslich einen Cappuccino geschlürft. Ganz so, wie es sich für echte Kerle gehört:)

Holz_red

Liebesservice Schönlau & Co. – Ihre Lieferung

Liebste Frau Beckmann

aller herzlichst freuen wir uns über Ihre
außerordentliche Bestellung
der wir gerne und unverzüglich nachkommen

Als Premium-Member
mit VIP-Goldcard
haben Sie die Königinnen-Suite
in unserem Dienstleistungspaket
gebucht

Darüber hinaus
werte Liebste
haben Sie im Handumdrehen
die Herzen unserer
einpersonigen Belegschaft erobert
so dass diese Mail keinen
Service im eigentlichen Sinne darstellt
sondern eher Ausdruck
einer tiefen Begeisterung ist

Vi
wie ich Sie in der Kundenkartei
unter dem Reiter Königin, Kaiserin, Prinzessin, Retterin
Schönste
führe

Sie sind eine wunderbare Frau
in die ich
ich muss es zugeben
mich intensivst verliebt habe

Ja
Sie sind die Frau
die alles hat
die mich trägt
begeistert
und in einem guten Sinne
berührend fordert

Ich liebe sie
Vi

Weil sie
ja
der Klassiker Ihres Lebens
besonders sind
anders
mit einem Schuss
aufregender
inspirierender
lebendig haltender
Unberechenbarkeit

Kein Lamm
und doch so zart
ein wenig Piratin
Erobererin

Auch Boxerin
harte Bandagen im Kampf
Kopf runter
Fäuste hoch
austeilen
einstecken
blutige Nase
blaues Auge
und dazwischen
ein herzerwärmendes
Grübchenlächeln

Ich liebe Sie
werte Vi
für all das
was sie sind

Sie haben mich einmal gefragt
was ich an Ihnen liebe
und was soll ich sagen?

Es ist die Mischung
es sind die Details
die Ecken und Kanten
das gänzlich Famose
und dieses wunderbare Gefühl
sie zu berühren

Elektrisierend
sind Sie
fernab von
gewöhnlich und langweilig
oder gar durchschnittlich

Durchaus
ja
Sie sind ein seltenes
Exemplar
das Fragen aufwirft
irritiert
manchen verstört
zurücklässt
mit Fragen in den Augen

Das bedeutet
Sie haben in dieser Welt
Relevanz
weil ihre Farben strahlen
und wirken

Es ist ein Zusammenhang
in dem Sie stehen
ein
ich sage das merkwürdige Wort
Energiefeld
das Kraft hat

Und all das
umhüllt von Witz
und Frechigkeit

Ja
es ist das Ganze
diese Rezeptur
die der Himmel geschickt hat

Dazu
ich kann es fühlen
ihre feine
schüchterne Bescheidenheit
ein wenig wie das Rosa auf den Wangen
einer Vierzehnjährigen

Es ist schön
an Sie zu denken
und bewegend
Sie zu sehen
und besonders
Ihr Freund zu sein

Vi
Sie haben mein Herz erobert
im Schlaf
was zeigt
wie viel Sie sind
was alles
in Ihren Tiefen schlummert

Sie werden immer
dort sein
in meinem Herzen
auch
weil Sie mich in jenem Sommer
gerettet haben
vor mir selbst
der Welt
dem Leben

Es ist mir Ruhm und Ehre
aufrecht an Ihrer Seite zu gehen
ich küsse Sie
aus tiefer Liebe
und kann es kaum erwarten
Sie hier zu sehen
Sie zum Ball zu führen
Ihre Hand zu halten und zu hoffen
einen Hauch Ihrer Liebe zu ergattern
oder gar
einen unendlichen Kuss

„Mehr Punk, weniger Hölle!“

Landschaft_Wolken

Von Island, von Reykjavik lernen!

Gerade waren Europawahlen. Die Konservativen haben gewonnen, wenn man das so sagen kann, weil Angst in Zeiten der Sicherheit der größte Antrieb ist. Wenn Griechen sich in Suppenküchen tummeln, wenn Spanier ihr Land verlassen, wenn Briten und Franzosen europafeindlich rechtsradikal wählen, wenn in Deutschland Problemparteien wie AFD 7% erwirtschaften, dann zeigt das: Die Leute haben den Mut verloren, setzen auf Discount-Lösungen und glauben an die Stärke der Sprechblasen. Diese Europawahl war nach all dem Mist der letzten Jahre das Peinlichste und Kleinkarierteste, was Geschehen konnte. Nun haben wir für die nächsten Jahre eine politische Lösung der Sorte begeisterungslos. Horrido! Macht mal.

Einheit? Kraft? Energie? Vision? Hoffnung? Zuversicht? Alle Trümpfe aus der Hand gegeben. Wie dumm kann man sein? Viel Spaß noch. Festung Europa, Mauern hochziehen, Polizei aufmarschieren lassen. Vielleicht mehr Bürgerwehren? Adieu, Intellekt. Ciao, Vernunft. Tragt doch Lampedusa ab. Oder? Vermint Gibraltar.

O.K.

Es geht auch anders. Hey, was für ein Vorbild. Island. Heute Morgen ist mir ein Artikel des Tagesspiegels vor die Augen gesurft, der mein Herz gewärmt hat. Tagesspiegel. Schweiz. Nicht gerade ein Land, das sich durch Entspanntheit und Coolness auszeichnet. Die sind schon sehr froh, dass sie die Alpen im Rücken haben. Eine schöne Mauer gen Süden, in der sich im Schatten gut leben lässt. Da sagt man dann gerne mal ja zum „Nein zu Ausländern“. Ausländisches Geld ja, ausländische Menschen nein. Nun kann man nicht immer alles über einen Kamm scheren und es gibt solche und solche und eben solche, die etwas feiner, tiefer, geschickter denken. Und schreiben. Constantin Seibt, Reykjavik. Korrespondent des Tagesspiegels. Er hat diesen Artikel verfasst, der für mich das Optimistischste und Hoffnungsfrohste der jüngsten Vergangenheit formulierte. „Mehr Punk, weniger Hölle!“

Punk. Herrje, wie lange habe ich das Wort nicht mehr gehört. Dabei bestimmt es derzeit meinen beruflichen Alltag, wenn ich es genau nehme. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich fest für die Agentur DES WAHNSINNS FETTE BEUTE. Als Konzeptionen und Texter in der Abteilung Strategie. Gerade haben wir ein wunderbares neues Domizil bezogen. Ein Gebäude, wie es schöner und besser nicht sein könnte. Modern, schnörkellos, mit allem, was beflügelt. Noch fühle ich mich ein wenig klein, wenn ich diese heiligen Hallen betrete, die noch unberührt sind. In einigen Jahren werden die schlichten Betonwände von Projekten durchtränkt sein.

Dort sitzen wir und arbeiten daran, unserem Namen alle Ehre zu machen. Querdenken. Freidenken. Muster überwinden. Dinge entwickeln, die sind, als wären sie nicht von dieser Welt. Nun macht das Neue, das Fremde Angst. Albert Camus. Der Fremde. The Cure hat davon gesungen. Killing an arab:

Standing on the beach
With a gun in my hand
Staring at the sea
Staring at the sand
Staring down the barrel
At the arab on the ground
I can see his open mouth
But I hear no sound
I’m alive
I’m dead
I’m the stranger
Killing an arab

1985. Im grünen Golf I.

Anders sein. Die gewohnten Pfade verlassen. Dorthin gehen, wo das Netz und der doppelte Boden fehlen. Neu denken, handeln. Das ist Wahnsinn, der beflügelt. Der Dinge freisetzt, die keine Plagiate sind, nichts Aufgewärmtes, Wiedergekautes, Tiefgefrorenes.

Island, Reykjavik.

Gehen wir in der Geschichte Europas, der Welt, einige Jahre zurück. Der 15. September 2008. Ein Tag nach dem siebzigsten Geburtstag meiner Mutter. Nach der Festivität war ich ahnungslos an meinen Schreibtisch zurückgekehrt. Ein Familienvater, der nichts Böses im Sinn hat. Der seine Kinder aufwachsen sehen möchte, der seinen Job gut erledigt, der zum Fußballspielen geht, Freunde einlädt und nach Italien in den Urlaub fährt. Peng. Lehmann Brothers. Fuck.

Am nächsten Tag schon war das Telefon mausetot. Die Marketingetats zu, die Geldschatullen der Unternehmen geschlossen, die Joblage schlecht. Krise. Finanzkrise. Blasen. Autschn. Mein Umsatz ging um 40% zurück, mein Leben ging weiter, Spaß hat das nicht gemacht. In Island sah das noch mal ganz anders aus. Die drei wichtigsten Banken platt am Boden. Kohle weg. Richtig Autschn. Da ging nix mehr. Ganz, ganz tiefer Fall. Zerschmettert.

Nun krebsten alle rum, suchten nach Lösungen, Antworten, Auswegen, Möglichkeiten. Ist die Karre so richtig vor die Wand gefahren, werden Menschen menschlicher. Das Blasierte verschwindet aus den Gesichtern und eine Krawatte ist kein anerkanntes Hoheitszeichen mehr, sondern ein Schuldbekenntnis.

Reykjavik 2010. Die Leute hatten komplett den Kaffee offen. Liegst du im Dreck, ist dir alles egal. Da glaubst du an nichts mehr und folgst deinen Instinkten. Und was geschah? Wahlen in der Hauptstadt. Eine belächelte Komödiantentruppe schickte sich an, die Macht zu übernehmen. Erste Umfragen ergaben einen Stimmenanteil von 0,7%. Das war nicht anders zu erwarten, weil das Wahlprogramm durchaus anders war. Ein Wahlprogramm, wie es die Götter nicht hätten besser schreiben können:

– Gratishandtücher in den Schwimmbädern.
– Einen Eisbären im Zoo.
– Den Import von Juden, «damit endlich jemand, der etwas von Wirtschaft versteht, nach Island kommt».
– Ein drogenfreies Parlament bis 2020.
– Tatenlosigkeit: «Wir haben ein Leben hart gearbeitet und wollen uns nun vier Jahre gut bezahlt
erholen.»
– Ein Disneyland mit wöchentlichem Gratiseintritt für Arbeitslose, «wo sie sich mit Goofy fotografieren
dürfen».
– Mehr Nähe zur Landbevölkerung: «Jeder isländische Bauer soll gratis ein Schaf ins Hotel nehmen dürfen.»
– Gratis-Bustickets. (Mit dem Zusatz: «Wir können mehr versprechen als alle anderen Parteien, weil wir
jedes Wahlversprechen brechen werden.»)

Ein Wahlprogramm? Natürlich nicht. Eine Metapher, eine Karikatur, eine Satire. In der Form zu interpretieren: „Bislang habt ihr uns verarscht, jetzt verarschen wir euch.“

Selbstverständlich lächelte die Krawatten tragende Politikerkaste. Hm. Ts. Macht nur. Ist es nicht Selbstgefälligkeit, was das Unsympathischste im Politikgeschäft ist?

Nun, wer gehörte zur Komödiantentruppe? Zuallererst Jon Gnarr, der das ganze zunächst als Gag verstand, sich aber immer tiefer in die Wirklichkeit des Politikgeschäftes verstrickte und irgendwann tatsächlich antrat. Zusammen mit Einar Örn, dem ersten Bühnenpartner von Björk. Mit Ottarr Proppe, einem intellektuellen Punk und Sänger der Heavy-Metal-Band Ham sowie Björn Blöndal, der Bassist bei Ham war.

Man stelle sich eine solche Truppe bei einer Wahl in Deutschland vor. Die Crew verzichtete auf Plakate und setzte auf ihre eigene Stärke: Liveauftritte und das gesprochene Wort sowie Musikvideos mit Sprecheinlagen. Klingt verrückt. Wahnsinnig. Es war anstrengend für die Antipolitiker, den Wahlkampf zu durchstehen. Man kann sich vorstellen, wie viel Häme und Spott sie aushalten mussten. Aber sie hatten einen starken Antrieb. In dunklen Zeiten wollten sie mit Fröhlichkeit und Nettigkeit punkten. Sie brachen mit allen Regeln des Wahlkampfes. Bezeichnend der letzte Auftritt des Jon Gnarr vor dem Urnengang, als er durch Anfeindungen schon ein wenig ermattet war, aber noch lange nicht am Boden lag:

«Wir von der Besten Partei haben immer gesagt, wir machen es so lange, wie wir Spass haben. Inzwischen ist alles sehr ernst geworden. Hiermit ziehe ich meine Kandidatur als Bürgermeister und die Beste Partei von den Wahlen zurück.» Eine lange Stille folgte. Das Publikum schwieg, die anderen Politiker sahen sich an. Und Gnarr sagte: «Jooooooke!» (Aus: Der Tagesspiegel)

Und dann gewann die „Beste Partei“. So sollte es eigentlich immer sein, dass die beste Partei gewinnt, was leider nicht immer der Fall ist, weil viele Blender und Schwätzer unterwegs sind, die wissen, wie man den Fuß in die Tür stellt und Unwissenden einen Staubsauger verkauft. Gnarr wurde Bürgermeister von Reykjavik und seine Truppe stand ihm bei. Komödianten, Musiker, Punks. Politisch Ahnungslose, könnte man sagen. Nicht vom Fach. Laien. Aber: Mit dem Herz am echten Fleck und mit dem berühmten klaren Menschenverstand. Tun, was getan werden muss. Tun, was Sinn macht. Und das mit Vollgas und Freude.

Weil sie einen Koalitionspartner brauchten, holten sie sich die Sozialdemokraten ins Boot. Unter folgender Bedingung: „Am Wahlabend formulierte die Beste Partei die Bedingung für den Koalitionspartner: Sie sollten alle fünf Staffeln von «The Wire» gesehen haben.“ (Aus: Der Tagesspiegel)

Und so krempelten sie Ärmel hoch und taten, was getan werden musste. Sie sanierten die Finanzen und brachten in Ordnung, was zuvor von Profipolitikern verkackt worden war. „Die Bilanz von vier Jahren Anarchisten an der Macht ist ziemlich unerwartet: Die Punks haben die Finanzen saniert. Dazu kommen einige sehr gelungene Reden, ein paar Dutzend Kilometer Veloweg, ein Zonenplan, eine neue Schulorganisation (über die sich heute niemand mehr beklagt), die Förderung von kleiner Kunst und eine entspannte, boomende Stadt: Der Tourismus wächst jährlich um 20 Prozent.“ (Aus: Der Tagesspiegel)

Was sagt uns das? Weder Worte noch Programme noch Klamotten zählen, sondern Taten. Ich würde gerne von solchen Punks regiert, die nicht taktieren, offene Worte sprechen und tun, was getan werden muss, ohne auf die nächste Wahl zu schauen. Jon Gnarr würde wiedergewählt, wenn er wieder antreten würde, was er nicht macht. Er hat ein Beispiel geliefert, wie es laufen kann. Das zeigt, dass nichts ist, wie es scheint. Und es darauf ankommt, was einen antreibt:

„1. Die Idee, dass es Spass machen würde. 2. Dass Spass das wäre, was die gebeutelten Einwohner Reykjaviks dringend bräuchten. 3. Der Gedanke: «Bis jetzt haben die Politiker ungefragt in unser Leben hineingefunkt. Warum sollten wir nicht das Umgekehrte tun?» 4. Der Ehrgeiz, ein perfektes Kunstwerk hinzulegen.“ (Aus: Der Tagesspiegel)