Schatzkisten sind nun wirklich etwas Schönes. All das Gold, die Juwelen, Diamanten, Diademe und die wunderbaren großen Taler. Hineingreifen und dieses frische Gefühl von Reichtum spüren. Kühler Glanz, Erhabenheit, Herrschaft. Ich fantasiere. Was Johnny Depp mit der wunderschönen Penelope Cruz demnächst auf der Leinwand auslebt, durfte ich bereits am Wochenende erfahren. Ich habe eine Entdeckung gemacht!
Nicht im Wald mit Hacke und Schaufel. Auf unserem verwunschenen Speicher. Da wir in einer möglichst leeren Wohnung leben, in dem es kaum Schränke, keine Sessel, keine Couch und ganz wenig Stauraum gibt, wandert die Vergangenheit regelmäßig auf den Speicher. Seit Jahren nun hatte ich eine Kiste vermisst, die ich an einem Ort ganz tief hinten drin in der Ecke nach Norden vermutete. Sie war 2006, als wir hausintern die Etagen zwischen Wohnen und Arbeiten gewechselt hatten, dort oben gelandet.
Nun kam am Freitag Zoe aus der Schule nach Hause und erzählte begeistert vom Zweistromland und Babylon. Ihre Augen leuchteten und es sprudelte aus ihr heraus. Die alte Zeit, die Geschichte, vermischt mit den Wahrheiten der Bibel. Der Turmbau, die Verworrenheit, die vielen Sprachen, die Kulturen. Sie vergaß, zu essen. Ich erzählte ihr vom Pergamonmuseum in Berlin. Dass dort ein babylonisches Stadttor aufgebaut ist und es einen Bereich babylonischer Denkmäler gibt. „Wann fahren wir? Papa! Ich will das sehen.“
Der Einstieg ins Wochenende war also Babylon. Mein Problem ist, wenn solche Dinge im Hirn angetickt sind, gibt es kein Halten mehr. Das verselbständigt sich. Da oben hat jemand anderes das Sagen. Also lief der Pergamon-Babylon-Film. Am Samstag war ich dann glücklicherweise im Wald und habe eine große, kranke Fichte gefällt und eine bereits am Boden liegende, vom Sturm erlegte Fichte mit meiner Stihl MS23 zerteilt. Alles auf den Hänger meines Traktors und ab nach Hause. Kopf frei. Nur noch Bäume drin. Hohe, große, schwere Bäume.
Samstagabend dann waren wir in Köln im Schauspiel und haben uns mit Freunden „Die Wellen“ nach einem Roman von Virginia Woolf angesehen. Ich habe seit rund fünfzehn Jahren zum ersten Mal wieder ein großes Theater betreten. Ein Haus der öffentlichen Hand. Nachdem Karin Beier in Köln eine neue Theaterkultur geschaffen hat, war die Neugierde dann doch größer als das Gefühl der Ablehnung. Es war ein faszinierender Abend. Ganz anders. Die Schauspiele/rinnen lasen den Text und setzten sie gleichzeitig per Video um. Tolle Bilder auf der Leinwand, als wären sie aus einem berühmten Kinofilm, dabei entstanden sie gerade auf der Bühne. Eindrucksvolle Aufnahmen und Stimmen. Links und rechts der Bühne hohe Regale voller Requisiten, um die kleinen Szenen auf einem langen Tisch immer wieder neu aufzubauen. Ich war: überwältigt.
Sonntag dann zurück zum Pergamonaltar. Wenn alles klappt, fahren Zoe und ich einen Tag mit der Bahn hin. Ab Hamm per ICE. Ich wusste, dass ich auf dem Speicher noch einen Ausstellungskatalog des Pergamonmuseums hatte. Den wollte ich Zoe zeigen. Gekramt, geschaufelt, geächzt, gestöhnt, in den Tiefen unseres Archivs entdeckt. Da war sie. Die Schatzkiste. Voller Bücher, voller CDs, die ich jahrelang vermisst hatte. Ich dachte, die wären einfach weg. Irgendwie abhanden gekommen. Juwelen, Diamanten, Diademe. Zoe und ich haben uns dann den Pergamonaltar angesehen, den Kampf der Götter mit den Giganten. Gigantisch, der Ausdruck in den Gesichtern, die Details der Körper. Michelangelo, Psychologie, Leiden, Mut, Auseinadersetzung. Menschsein. Weil wir auch meine Shakespeare-Gesamtausgabe gefunden haben, lasen wir dann als Gute-Nacht-Geschichte den Anfang von Romeo und Julia. Und zum Frühstück heute Morgen, als Ela die Kinder zum Bus brachte und vor mir ein Cappuccino in einer französischen Boule dampfte, hörte ich Once Upon A Summertime von Miles Davis (Leider gibt es nix auf Youtube. Auf dieser Seite ist der Song etwas schwierig zu finden – es ist der 56te von oben – ihr macht das schon). Ein Wochenende voller Schätze. Es ist alles da. Immer. Der Blick allein schweift manchmal in die falsche Richtung und wir sehen Dinge nur, deren Anlitz Schönheit zu negieren sucht.
Euch wünsche ich eine schöne Schatzsuchen-Woche – schaut mal nach, was da ist. In den Stübchen und Eckchen des Seins.


