du fällst nicht

du fällst nicht

glaubst es nur

die weiche weiche nacht umhüllt dich

wie ein warmes warmes vlies

und wenn du doch fällst

schreibt der wind des falls

dir die gänsehaut

in jeden winkel deines körpers

deine angst treibt

glitzernd bunte schweißperlen

auf die gipfel deiner haut

es ist der weite weite weg

zurück

den du niemals gehst

könnten mich die flügel

heben hoch empor

tragen hoch und höher ohne last

würd ich den fall vergessen

die vorhänge wehn ins zimmer

und streicheln meine zehn

trag mich halte mich

ich werde den wind umschlingen

zum freund mir machen

ihn zwingen und quäln

was soll er dann noch tun

als nur noch mich zu tragen

vielleicht wird er entweichen

wolln

das lasse ich nicht zu

der aufwind fängt den fall

nichts sehe ich mehr

als die farben die sich drehn

vor meinem inneren licht

bin ein projektor der

wiedergibt

kann das gemerkte nicht behalten

und wills auch nicht

der ausgang ist nicht klar

niemals

wie soll er auch

die weisheit hab ich nicht gebucht

und wenn es sein soll nehm ichs hin

tret mülleimer und laternen

vielleicht noch

doch dann gehts ab im schnellen

flug herab

dann seh ich meine rosen blühn

die mageriten streicheln mich

der oleander winkt und meine

kirschen verneigen sich ganz tief

so schön es sein mag

so schön die tage mich umhülln

so schön dies alles mehr

ich weiß nichts und kanns kaum halten

die blutgen Hände

lassen alle seile gehn

getragen werd ich dann von

frühlingsluft und aprikosen

es gibt kein schönren tag

als wenn der garten seine augen öffnet

und mich mit seinem duft umschließt

november 2003

„Schämt euch!“

Mir blutet das Herz. Gestern saß ich den ganzen Tag am Twitter-Ticker und habe die Geschehnisse in Stuttgart verfolgt. Kürzlich erst hatte ich Brecht zitiert, als ich über Lyrik schrieb. Bertolt Brecht: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist – weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Nun müssen wir über Bäume sprechen, die heute Nacht unter Polizeischutz gefällt wurden. Tausende Menschen harrten in der Nacht vor Ort und skandierten „Schämt euch!“. Darunter, wie Spiegel-Online berichtet, nicht alleine die gerne genannten Chaoten, auf die sich so einfach alle „Schuld“ schieben lässt.

Nein, es war ein Proporz, ein Abbild der Bevölkerung. Ein Zitat aus einem Spiegel-Bericht vom Morgen: „Die Gruppe ist bunt gemischt. Eine Frau stammelt „oh nein, oh nein“, mit Tränen in den Augen. Wenige Meter weiter stehen Alfred und Ingrid Funkel, ein Rentnerpaar. Sie seien früher nie auf die Idee gekommen zu demonstrieren, sagen beide. „Aber das hier ist eine Sauerei.“ Unter den Protestierenden sind viele ältere Menschen.“ Und sie schreien die ganze Nacht. Pfeifen und skandieren „Schämt euch!“.

Nun schreibe ich wieder über Politik. Eigentlich gegen meinen Willen, weil ich mein Leben in Frieden leben möchte. Gerne erinnere ich mich an die deutschen WM-Bilder – ein Volk in Harmonie und Feierlaune. Aber dann lasse ich mich reinziehen. Höre von Kindern, die mit Schlagstöcken von der Polizei verprügelt wurden. Ich denke an Jim und Zoe, die mit blutigen Köpfen nach Hause gekommen wären. Ja, ich spüre Zorn. Ich sehe einen Ministerpräsidenten Mappus, der am gleichen Tag erst zum Bauerntag geht und sich zur Solidarisierung mit den Agraökonomen ein Maß Bier reinpfeift, um dann zur Attacke zu blasen. Mit aller Härte, um Recht und Ordnung durchzusetzen. Kinder schlagen lässt, um mit einer „Law- and Order-Wahlkampfstrategie“ alles auf eine Karte zu setzen.

Das Demonstrationsrecht gehört zu den zentralen Eckpfeilern einer Demokratie. Wer bereit ist, Kindern, die ihre politische Meinung lautstark kundtun, das „Demonstrationsrecht auszuprügeln“, der überschreitet eine Grenze. Gestern war ein rabenschwarzer Tag für die Demokratie in Deutschland. Gleichzeitig hat das, was in Stuttgart passiert ist, hoffentlich aufgerüttelt. Es ist nur so wenig, was genügt, Demokratie auszuhebeln. Ein Ministerpräsident entscheidet letztlich, das Volk zu verprügeln. Das geht nicht! Überhaupt nicht. Ich rufe laut mit den Demonstrierenden in Stuttgart „Schämt euch!“

Wenn es in einer Demokratie Auseinandersetzungen wie in Stuttgart gibt, dann stimmt an dem politischen Vorhaben etwas nicht. Da ist etwas faul im Staate Dänemark. Demokratie geht sicherlich den falschen Weg, wenn sie Meinungen mit Gewalt durchsetzt. Für mich ist das Projekt Stuttgart 21 gestorben. Einen Bahnhof, an dem Blut klebt, will ich nicht. Einen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, an dessen Fingern Blut klebt, auch nicht. Ich bin froh, dass das Thema im Bundestag besprochen wird und Demokratie hoffentlich zeigen kann, was in ihr steckt. Die Bäume sind gefällt, vielleicht glauben die politisch Verantwortlichen, sie hätten gesiegt. Ich sage, das haben sie mitnichten. Dümmer hätten sie sich nicht anstellen können. Es kommt alles zurück. Nichts bleibt ohne Antwort – im Guten wie im Schlechten.

Heute Morgen hatte ich über einen schönen Abend mit der Familie schreiben wollen. Über einen kleinen Zeitraum Idylle. Ich hatte mir schon alles geistig zurechtgelegt. Aber dann konnte ich es nicht. Ich musste über Stuttgart schreiben und meinen Blog politisieren. Ich hoffe, das muss ich jetzt nicht dauernd. Ich wünsche euch einen Tag, an dem ihr euch für Demokratie einsetzt, eine Meinung kundtut, euch einmischt. Ciao.

Kirschblütenblättersehnsucht

noch

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

jens schönlau, januar 2010

Nichts als die ganze nackte Wahrheit.

Speed. Anders lässt es sich nicht ausdrücken. Die Welt fliegt mir um die Ohren und zieht mir im Fahrtwind meines bescheidenen Seins einen Mittelscheitel. Ich bewege mich zu Fuß, in Gedanken, virtuell und per Auto durch ein Leben der permanenten Eindrücke. Gestern war wieder Vollgastag. Hund, Blog, Job, Mittags kochen, Job, Jim vom Nachsitzen aus der Schule abholen, twittern, kommentieren, Kunden betreuen, Mails schreiben, telefonieren, Abendbrot, mit Zoe kniffeln, mit dem Nachbarn sprechen und zwischendrin ein Familienleben inklusive Beziehung leben. Waren da noch Freunde? Sorry, Jungs – ich meld mich. Bald.

Wie das life aussieht? Vom Schreibtisch in den Garten Zucchini holen für das Mittagessen. Ich hatte die Idee, die Zucchini in Streifen zu schneiden und zu panieren. Mache ich. Was gibt’s dazu? Reis und Möhren-Kohlrabi-Gemüse. Schnippel, schnippel, panier, panier, alles in die Töpfe und Pfannen. Muss Zoe vom Bus holen, Tisch decken und die Garzeiten timen. Passt. Essen. An den Schreibtsich, Mails checken, kurz twittern und gleich ins Auto. Muss Jim von der Schule holen, weil der Silentium hat. So heißt Nachsitzen heute. Die Schule ist 25 km entfernt, ich hetze über die Autobahn. Er hatte seine Geografiemappe in einem Zustand unter aller Sau abgegeben. Try und Error hat zu Error geführt. Mit der Waldpraktikumsmappe hatte er es gerade geschafft und war mit einer „lobenden“ Erwähnung im Zeugnis davongekommen. Diesmal halt Silentium – und tatsächlich hat er gut gearbeitet. Geht doch.

Zu Hause dann Hausaufgabenbetreuung. Wieder Geografie. Gibt es keine anderen Fächer? Die südamerikanischen Hauptstädte. „Papa, wie heißt die Hauptstadt von Bolivien?“ Ela sitzt auch am Tisch und bereitet ihr Formel F-Treffen – ein Unternehmerinnentreffen heute – mit Speeddating vor. „Was sind denn unsere drei zentralen Kernkompetenzen?“ Herrje, die Hauptstadt Boliviens und das Wesen unserer Arbeit in einem Satz. „La Paz. Beratung. Konzeption. Kreation.“ Denkste. „Papa, La Paz hab ich auch gedacht. Steht aber falsch im Atlas. Sucre ist die Hauptstadt und La Paz der Regierungssitz. Musste doch wissen.“ Hätte ich vielleicht auch mal nachsitzen sollen. Zoe kommt rein und meint „Papa, ich brauch Blumen.“ „Wieso?“ „Weil meine Lehrerin morgen Geburtstag hat.“ Süß. „Äh, nicht jetzt, muss runter ins Büro, Mails beantworten. Da wünscht sich eine Kundin Texte von mir.“ „Und die Blumen?“ „Später.“

Ela hat sich ziemlich hübsch gemacht, weil sie mit ihren Mädels in „The American“ geht. Drei wunderbar anzusehende Mitvierzigerinnen. Wow! Lange Ketten, Stiefel, Make up – das volle Programm. Alles für George, der noch nicht mal von der Leinwand runterblinzelt. Küsschen. Wie gut die duften. Abendbrot mit den Kids, Kniffeln mit Zoe, Jim will keine Gitarre üben. „Ich hab die letzten Tage so viel geübt!“ Stimmt, lassen wir die Diskussion und halten jetzt mal den Frieden. „Ab ins Bett, Zoe.“ „Gute Nacht, Papa, und was ist mit den Blumen?“ „Herrje, es ist schon dunkel. Morgen Früh.“ „Aber dann ist es auch dunkel.“ „Klappt schon, ich leg ’nen Zettel hin.“ „Gute Nacht Jim, schlaf gut.“ „Gute Nacht, Papa. Wie heißt die Hauptstadt von Bolivien?“ Smile.

Ruhe, Rückzug, alle weg. Ela im Kino, die Kids im Bett, Cooper vorm Ofen und ich mit Paul Austers „Unsichtbar“ und Yogitee abhängend im Hängesitz. Wunderbar. Heute Morgen dann alle aus den Federn und das übliche „Jim-Beschleunigen“, der morgens so gar nicht aus dem Quark kommt. „Und die Blumen?“ O.K. – Stirnlampe auf und ab in den Garten. Lieber zur Nachbarin? Die hat so einen schönen Bauerngarten mit sehr vielen Blumen! Schönen Blumen! Klar, ne. „Der Nachbar läuft morgens in unserem Garten mit Stirnlampe rum und klaut Blumen.“ Ne, lass ma lieber. Dann eben einen kleinen süßen Strauß mit weniger Blumen und nett Weinblättern drumrum zur Dekoration. Zoe strahlt. Ab zum Bus, Ela auf zum Speeddating. Ich sitze in Ruhe auf meinem Meditationskissen, bringe Ruhe in den Kopf und fliege danach losgelöst mit Cooper ab in den Wald. Nun sitze ich hier. Blogge und warte, was heute alles passiert. Noch 13 Minuten bis 9 Uhr, dann fängt meine selbstgesetzte Bürozeit an. Volles Programm – Texte für einen großen japanischen Elektronikkonzern. Zwischendurch zur Erholung twittern und eventuell kommentieren. Mal sehen, wie „Nichts als die ganze nackte Wahrheit.“ ankommt. Bin gespannt.

Ich wünsche euch einen entspannten Tag. Wie heißt die Hauptstadt von Bolivien? Nicht der Regierungssitz! Sollte vielleicht das Blogwissen mal per Gewinnspiel abfragen. Genießt. Alles. Ciao.

Stadt, Land, Glück.

Heute Morgen gibt es eine kleine Premiere im Blog. Ich schreibe im Rahmen eines Twitter-Tagesprojektes über das Glück. Gestern habe ich mit der Berliner Autorin Gitta Becker getwittert. Irgendwie kamen wir auf das Thema Glück und sie hatte die Idee, wir könnten beide parallel zum Thema bloggen. Ich war erst ein wenig zurückhaltend, weil ich nicht wusste, ob das am heutigen Tag passen würde, denn beim fast täglichen Bloggen kommt es doch auf Spontaneität an und das, was gerade im Kopf ist und in der Luft liegt. Dann dachte ich mir aber: Warum nicht? Passt eigentlich gut ins Bild – das Glück einmal aus Berlin und einmal vom bergigen Lande aus betrachtet.

Das Thema bewegt mich seit gestern und ich versuche, dem Wesen des Glücks auf die Spur zu kommen. Dabei habe ich festgestellt: Herrje, ein ganz schön glitschiges Wesen, dieses Glück. Wenn ich es fassen, greifen, packen will, dreht und wendet es sich. Wie im wahren Leben. In einem Augenblick bist du der glücklichste Mensch der Welt, im nächsten Augenblick ziehen dunkle Gewitterwolken auf und hüllen die eigene Welt in nachtschwarz. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Ständig arbeite ich an meinem Glück. Versuche es auf die richtige Bahn zu bekommen. Versuche mein Leben so einzurichten, dass es möglichst viel Glück produziert. Aus sich selbst heraus strahlt. Deshalb meditiere ich, um die blöden Gedanken, die kommen, als Luftnummer zu enttarnen und nicht mehr Sklave meines selbst kreierten Unglücks zu sein. Es gibt immer einen Grund, weshalb es mit dem Glück gerade nicht klappt. Die Flucht geht gerne nach außen zu den äußeren Bedingungen. Wenn es nicht die Umstände sind, die mein dauernd strahlendes Glück verhindern, dann sind es andere Menschen. Wir haben in unserem Kulturkreis über die christliche Lehre den Begriff Schuld eingeführt, den andere Kulturen nicht kennen. Und da ist schnell und gerne mal jemand anderes an dem schuld, was unser vermeintliches Glück verhindert.

Nun kann ich die Welt nicht ändern, kann nicht alle Menschen oder gar die Regierungen unseres Landes dazu bewegen, für mein Glück zu arbeiten. Also muss ich es selbst in die Hand nehmen. Das versuche ich, wie ihr alle wahrscheinlich auch. Für mich habe ich entschieden, mich den schönen Seiten des Lebens zuzuwenden und das Tragische, Böse, Wütende nur noch in möglichst kleinen Portionen zuzulassen, die ich verarbeiten kann. Anna Gavalda hat eines ihrer Bücher „Alles Glück kommt nie“ genannt. Ein Märchen, das zwischen Stadt und Land spielt, in dem es darum geht, aus gewachsenen Strukturen heraus ein neues Glück zu finden. Ich denke, die Suche nach dem persönlichen Glück hört nie auf. Das ist das Wesen von Menschsein, das ist der Antrieb, der uns suchen, forschen, die Dinge bewegen lässt.

Mir gelingt es zumindest immer häufiger, zu akzeptieren, dass ich nicht immer glücklich sein kann. Dass diese Sehnsucht nie ganz erfüllt wird und deshalb als schöne Sehnsucht Antrieb bleibt, am Glück zu arbeiten. Dabei nicht alles ganz so ernst zu nehmen, mit sich und anderen über das Menschsein lachen und glückliche Augenblicke erzeugen ist schon viel. Was sehr hilft, ist die Messlatte nicht zu hoch zu legen. Es muss nicht gleich der Traum von einem ganz anderen Leben sein – es gibt ziemlich viel Gutes, was vorhanden ist. Den Blick dorthin zu führen macht glücklicher, als sich etwas zu wünschen, was unerreichbar ist.

Vielleicht schaut ihr mal nach, was ihr schon alles habt und kramt in den Schubladen eures Seins nach kleinen glücklich machenden Wesen und Elementen. Vielleicht gibt es da einiges zu entdecken. Viel Spaß dabei. Ich wünsche euch einen schönen Tag. Ciao.