Aber Männer heulen doch nicht…

Ne. Grundsätzlich eigentlich eher weniger. Es sei denn, es kommt richtig Dicke. Gestern Abend. Da kam es Dicke. Allerdings nicht Dicke genug, dass Tränen geflossen wären. Wenn es hier um Männer geht, kann es sich natürlich nur um eins drehen: Fußball. Ich sehe, ihr wisst wie der Hase hier im fiftyfiftyblog läuft. So ist er, der Herr Schönlau, ein einfacher Junge vom Lande, der sich eben auf das Wesentliche konzentriert.

Wir hatten ein Spiel auswärts. Wir haben nur noch Auswärtsspiele, weil wir als einer der letzten Vereine der Gegend noch auf Asche spielen (Flächengemeinde, viel Wald, wenig Industrie, wenig Gewerbeeinnahmen, viel Asche). Das macht sonst keiner. Bislang war da kein Geld für da. Doch momentan rollen die Bagger, bald ist es soweit und wir werden wieder Heimspiele haben in der neuen Arena auf der Hütte. So nennen wir hier liebevoll das Heimatdorf unseres Heimatvereins, der ein Fußballverein ist.

Auswärts haben wir verloren. Und die Woche davor. Gestern: Ein klares 3 : 0. Shit. Nach 30 Sekunden lagen wir zurück, nach 300 Sekunden doppelt und irgendwann haben die dann den Sack zugemacht. Ich hatte noch die Chance, den Anschlusstreffer zu erzielen, habe aber weit über das Tor geköpft. Da kam die Kugel mit Highspeed, das Flutlicht blendete, ein Ellenbogen im Rücken schob mich und so erhielt ich einen Kopfschuss, als ob der Ball gegen den Torpfosten prallt. Leicht belämmert.

Um über die Niederlage hinwegzukommen, begann irgendjemand in der Kabine über Fußballkuriositäten zu sprechen. Die doppelte Beerdigung des Schalkers Ernst Kuzorra zum Beispiel, weil der Vereinspräsident mit aufs Foto wollte und bei der ersten Beerdigung gefehlt hatte. Oder der Spielerkauf des 1. FC Kölns, als ein Fußballspieler der Extraklasse verpflichtet wurde und letztlich sein minder begabter Zwillingsbruder kam. Tausend Sachen, um nicht über unsere Niederlage sprechen zu müssen.

Auf der Rückfahrt dann, ich fuhr einen der drei Mannschaftskombis, ging es um die bittersten Niederlagen und wie Männer damit umgehen. 1999. Bayern gegen Manu. Champions League Endspiel. Nach 90 Minuten steht es nach einem Tor von Mario Basler (6. Minute) 1 : 0 für die Bayern. Die Sache war geritzt. Warten auf den Abpfiff. Vorhang auf für die Nachspielzeit und den Heroen. 91. Minute: David Beckham bringt eine Ecke rein, Teddy Sheringham verwandelt. O.K. – ärgerlich, aber noch nichts passiert. Dann eben in die Verlängerung. Aber dann, aber dann. Die 93. Minute. Ecke David Beckham, 2 : 1 und Aus für Bayern durch Ole Gunnar Solskjær. Was für ein Name!

Die Jungs im Kombi erzählten von diesem Augenblick. Da saßen sie, damals, niedergeschlagen. Zumindest die Bayern-Fans unter ihnen. Alles war zusammengebrochen in nur zwei Minuten. Mein Sitznachbar im Auto erzählte, wie eine Frau zu ihm sagte „Ist doch nicht so schlimm. Ist doch nur Fußball.“ Da saß er gestern Abend neben mir und schüttelte in Erinnerung des Satzes den Kopf. Ein anderer ließ damals seinen Tränen freien Lauf. Seine Frau kam und sagte: „Heulste jetzt wegen Fußball?“. Herrje. Zwei Geschlechter, zwei Welten. Wie meinten die Jungs: „Da zeigt mal einer Emotionen und dann das.“ „Sie wollen, dass wir auch mal unsere weichen Seiten zeigen und wenn wir es tun. Ach.“ Und einer fügte grinsend an: „Man sieht aber auch, wo wir unsere Prioritäten setzen.“ Wohl wahr, wohl wahr.

Wir haben zusammen keine Runde über unsere Niederlage geheult, sondern sind die weiteren historischen Niederlagen durchgegangen. Als Schalke, schon fast „Meister der Herzen“, 2001 durch ein Tor von Patrik Andersson in Hamburg letztlich nur Zweiter wurde. Für vier Minuten hatten sie die Hand am Pokal. „Ich bin dann nach Hause gegangen und war fertig.“ Oder Bayer Vizekusen. In einem Jahr drei Finale vergeigt. Das sind wahre emotionale Momente, die echte, gestandene Kerle emotional aus den Socken hauen können. Ich drehe jetzt mal ein Ela-Zitat. Liebe Frauen, „selbst, wenn ihr uns Männer verstehen würdet, ihr würdet es nicht glauben.“

4 Antworten auf „Aber Männer heulen doch nicht…“

  1. Hallo Jens,

    ich glaube, um Männer und Fußball verstehen zu können, muß man selbst Fußball spielen. Ist wahrscheinlich so, wie mit meinem Bücher-Lesen oder Musik-Hören. Wenn ich etwas mit Begeisterung mache, kann ich auch mit Begeisterung diese Vorliebe teilen. Habe ich die Wahl zwischen einem teuren Buch und einem guten Essen, würde ich das Buch wählen. Das muß man nicht verstehen.
    In diesem Sinne, Jens, laß Dir Deinen Spaß beim Fußball nicht nehmen.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      bei dem guten Essen wüsste ich nicht… Den Spaß am Fußball und den vielen anderen Dingen, den hab ich. Der geht auch nicht, glaube ich. Ich finde es schön, dass all die Dinge in ein Boot passen und das Boot noch lange nicht voll ist:)

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    alles ganz logisch: Positive Erlebnisse = Ausschüttung von Endorphinen = Glückshormone = schmerzlindernd = keine Tränen…

    LG unbekannterweise an Ela. Sie hat die Zeit wahrscheinlich genossen – auch ohne verstehen zu wollen.

    Einen schönen Tag für Dich
    Tine

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