Das Foto, das nicht geschossen wurde

Hallo, ihr Lieben. Bin zurück von großer Fahrt. Wir hatten viel, viel Spaß und nun kehre ich zurück in den sicheren Hafen der Heimat. Landgang, Landleben. Das Dorf hat mich wieder. Wie nun starten? Grübel, konzentrier, denk nach. Langsam ankommen, wieder reinkommen.

Zuletzt war da das Gedicht von Claudia Schönfeld. Hat es euch gefallen? Mir sehr. Davor war der Text über das Gedicht, das nicht geschrieben werden will (und nun in zwei Versionen vorliegt, die es noch nicht sind). Und nun schreibe ich über ein Foto, dass nicht geschossen wurde. Am Tag der Abfahrt nach Norderney bin ich morgens noch schnell mit Cooper eine Runde gegangen. Runter ins Maikäfertal.

Das mache ich fast jeden Morgen und die Runde ist meine Lieblingsrunde. Oft habe ich den Fotoapparat dabei und schaue, ob irgendein Detail fotografiert werden möchte. Meistens passiert da unten nicht viel. Manchmal denke ich sogar „Ach, sieht heute langweilig aus.“ Es gibt dann auch Tage, an denen ich keine Lust auf das Maikäfertal habe – „Schon 1.000 mal gesehen.“ Dann gehen Copper und ich hoch auf die Höhen. Suchen den Weitblick.

Am Donnerstag nun erwartete mich eine Überraschung. Als ich unten ankam, zeigten sich gerade die ersten Sonnenstrahlen. Der Bach war bis zur oberen Uferkante voller Wasser, was schon einmal ungewöhnlich war. Über den Bach zog sich entlang des Tals ein Nebelband. Das schwebte einige Meter über dem Bach und war auch nur einige wenige Meter hoch.

Cooper und ich waren schon angetan. Das sah wirklich gut aus und das hatten wir so noch nicht gesehen. Bislang. Dieses Tal ist wirklich wandelbar. Cooper und ich gingen am Bach entlang weiter hinein. Richtung alte Birke, die an der Weggabelung steht, die ins Quertal führt. So rund 200 Meter vor der Birke blieb ich stehen und traute meinen Augen nicht. Ein komplett durchinszeniertes Bild. Links von mir der Bach mit dem Nebelstreifen. Darüber stand im Westen der noch leuchtende Vollmond. Mein Blick wanderte nach Osten und sah am Himmel einen Wolkenstreifen, den die ersten Strahlen zur Hälfte rot färbten.

Irgendwie, als wäre diese Wolke ein Spiegel gewesen, landeten die Strahlen als helles Licht auf der Wiese neben mir und tauchten das Gras in ein sattes, leuchtendes Grün. Der Vollmond, der pralle Bach, das Nebelband, die rot strahlende Wolke, das grün leuchtende Gras. Super arrangiert. Mein Herz hüpfte bereits. So schön. Und dann sah ich die Rinderherde. Schwarz-weiße Jungkühe. Die lagen im Schutz einer Eiche aneinandergeschuschelt und sahen aus, als würden sie ein Krippenspiel aufführen. Friede auf Erden.

Tja. Was soll ich sagen. Ganz ehrlich. Ich hatte meine Kamera nicht dabei. Ich konnte das Bild fotografisch nicht festhalten. Es ist in meinem Kopf, aber von dort bekomme ich es nicht auf die Festplatte. Kein USB-Stecker im Nacken. Mein erster Impuls war, nach Hause zu laufen, um die Kamera zu holen. Dann dachte ich mir: Quatsch. Du kommst zurück, alles weg. Der Augenblick verschenkt und in Hektik zerbröselt. Also habe ich mich hingestellt und habe geschaut, geguckt, aufgesogen, genossen. Dieses Licht, diese Konturen, die Farbe, diese Atmosphäre.

Es dauerte nicht lange, und das Licht änderte sich. Die Wolke zerfiel in zwei, dann drei Teile, das grüne Leuchten der Wiese verschwand und schon war das Bild in seinem kraftvollen Ganzen aufgelöst. Und so muss ich sagen: Ich hatte einfach wirklich Glück, in diesem Moment dort gewesen zu sein. Was für ein Schauspiel. Wie schön kann die Natur sein. Mit einigen kraftvollen Pinselstrichen eine Atmosphäre zaubern, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Jetzt gehe ich mit Cooper wieder runter. Nehme die Kamera mit und werde sie wahrscheinlich nicht aus der Tasche holen. Das dürfte die nächsten Tage schwierig werden, knipsenswerte Szenen zu finden. Ich wünsche euch eine schöne Woche. Jens

4 Antworten auf „Das Foto, das nicht geschossen wurde“

  1. Hallo Jens,

    Du hast den Ausblick, der sich Dir geboten hat, ganz wunderbar beschrieben. Er kann sich so in unseren Köpfen wiederspiegeln! Ja, die Natur hält immer wieder Überraschungen für uns bereit. Am Samstag und Sonntag verweilte ich bei allerschönstem, sonnigen Wetter (außer frühmorgens – Freikratzen der Autoscheiben!) bei einem Computerkurs. Abends – und auch mal zwischendurch – war mein Kopf zu und nichts ging mehr. Too much input! Die Sonne sahen wir nur bei einer kurzen halbstündigen Mittagspause. Warum konnte es an diesem Wochenende nicht wie aus Badewannen schütten? Auch meine Tochter verbrachte das ganze Wochenende am Laptop zum Schreiben (Schule/Praktikum). Ich hoffe jetzt auf eine ruhigere Woche ohne großartige Vorkommnisse.

    Dir, Jens, wünsche ich einen guten Wochenstart – nach der Insel.

    Viele Grüße

    Annegret

  2. Hi Annegret,

    die Natur ist manchmal einfach zu schön. Für unsere Begriffe fast schon kitschig – zumindest, wenn wir das auf dem Foto festhalten wollen. der Moment war wirklich so schön. Wie diese Kühe da lagen. Die laufen sonst immer kreuz und quer über die Wiese. Dieses Mal nicht. Da lagen sie, weil es noch früh war. Wirklich wie inszeniert.

    Du machst also einen Computerkurs. Spannend. Dann wünsche ich dir viel Erfolg damit und hoffe, dass du diese Woche noch Sonne nachholen kannst. Euigentlich soll es ja noch länger schön bleiben. (was hier momentan nicht der Fall ist.)

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hallo Jens,

      soll ich Dir ein wenig Sonne rüberschicken? Ein wenig kann ich entbehren, weil ich drei Tage Hausarbeit nachholen muß. Morgen soll es ja leider, leider etwas kühler werden und anfangen zu regnen.
      Mein Kopf steckt immer noch voll Daten, die verarbeitet werden müssen. Muß aber etwas warten. An zwei Tagen kann man wirklich viel Input bekommen!

      So, Sonnenstrahlen – hüpft mal bei Jens vorbei!

      Annegret

      1. Hi Annegret,

        danke, ist angekommen. Ist ja jetzt doch schon ordentlich kühl. So allmählich bekomme ich wieder so eine Ahnung, was Herbst und Winter bedeuten. Uahh.

        Danke und liebe Grüße

        Jens

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