Die Kunst des Nivellierens

How to live in this age of hope? Wie soll das alles funktionieren? Die Geschwindigkeit ist frappant. Beschwingend, beänstigend. Die Pole, Nord und Süd, das up and down schwingen hin und her wie eine Laterne im Wind. Wir sind dem ausgesetzt, setzen uns dem aus. „Es passiert so viel“ ist eine Zeile aus einem aktuellen Popsong. Aktuell? Der ist schon Monate alt. Älter. Vorbei.

Die Highs sind überall. Wir bewegen uns auf hohem Niveau. Den fiftyfiftyblog habe ich auf Pinterest.com angemeldet. Dort werden unter anderem die besten Fotos des Netzes zusammengeklaut. Sieht man irgendwo was, drückt man einfach „Pin it“ und schon ist es auf der eigenen Pinterest-Seite. Wahnsinn, was es da zu sehen gibt. Die schönsten kann man sich dann wiederum selbst in den eigenen „Like-Ordner“ legen und schon hat man eine Schatzkiste. High, high level. Dazu musste man früher durch Galerien tigern oder durch Buchhandlungen, um sich die Bildbände anzusehen, die meist zu teuer waren, um sie zu kaufen. Nun ist alles easy. So easy. Auch ein Song. Easy, AC/DC, Washington DC…

Denn im Netz wohnt alles neben an. Direkt neben dem fiftyfiftyblog mit seinen bescheidenen Landfotos zum Beispiel der Fotograf Andreas Gursky mit dem derzeit teuersten Foto der Welt. Rhein II wurde im November 2011 für 3,1 Millionen Euro in New York versteigert. Schön, wenn sich Superlativen so banal in Zahlen ausdrücken lassen. Parallel dringt die Superlative immer weiter in unser Leben ein. Top-Model-Serien, Olympia, WM, Star für Baku, Formel 1, Bundesliga, Champions League, Youtube, Wer wird Millionär? Alles schlichtweg ganz oben. On the Top. Super-Super-Superlative.

Wir alle sind ganz nah dran, in den Olymp aufzusteigen. Ein richtiges Video und Zack. Berühmt. Management, Interviews, Werbetour. Wie banal wird da der ganz normale Alltag. Der Arbeitstag mit früf aufstehen, frühstücken, zur Arbeit gehen, arbeiten, Pause, arbeiten, nach Hause fahren. Und dann? Mit Kindern: Sich drum kümmern, regeln, unterstützen, fragen, beschäftigen. Ohne Kinder: Workout, Party, After-Work-Party, Freunde treffen, Clubs, Kino. Programm. Der zunehmend verkrampfte Versuch, nicht in der Mittelmäßigkeit zu landen. Schritt zu halten. Sich im modernen Leben zu positionieren. Nicht abzusacken, nicht spießig zu werden, uncool, von gestern. Ganz schöner Stress.

Wie hieß es kürzlich auf dem Poetry Slam „Reim in Flammen“ in Köln: „Ich wünsche euch, dass euer Leben so schön ist, wie ihr es auf facebook darstellt.“ Peng. Autschn. Der Druck ist da. Alles schön, modern, easy, stylish, cool, engagiert, durchblickend. Und dann kommt da dieses störrische normale Leben um die Ecke, das so ganz anders ist. Mit Anrufen, die einem nicht passen. Mit Jobs, die quer laufen. Mit Kindern, Freunden, Eltern, die nicht genau das tun, was man will. Sich vorstellt. All das, was nicht ins Image passen will. Was so banal ist. Normal. Down.

Hier setzt sie an, die Kunst des Nivellierens, die nichts anderes ist, als in Zeiten der großen multimedialen Bühnenshow mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben. Realität atmen, mögen. Das ganz normale Leben. Der Abend mit einem Buch und einer Tasse Tee. Das Gespräch. Unaufgeregt. Der Spaziergang durch den Park, der kein Event ist, sondern der Spaziergang durch den Park. Viele Dinge bekommen heute einen anderen Namen, um sie abzuheben. Besonders zu machen. Dabei wird vieles diskreditiert, was schon immer gut war und immer gut sein wird. Die Kunst des Nivellierens ist es, nicht im Wolkenkuckucksheim stecken zu bleiben. Nicht mit dem Kopf permanent zwischen den Sternen zu wandeln. Sich nicht zum Highlightjunkie zu entwickeln, bei all den Highlights, die da permanent warten. Wenige Klicke entfernt. Das schon gesehen? Jenes? Die Kunst des Nivellierens ist es, das Glück dort zu suchen, wo es ist. Alltagsglück. Ganz nah.

10 Antworten auf „Die Kunst des Nivellierens“

  1. Back to the roots sozusagen!
    Auch mein Thema dieses Jahr!
    Und irgendwie bleibt der Spruch in der Luft hängen „früher war alles schöner“! Aber: es ist alles so schön, wie man es sich selbst macht!

    Ich wünsche dir und deiner Familie viele schöne normale Alltäglichkeiten!

    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Ich denke, das ist die Kunst des Nivellierens, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Nicht zurückzugehen, sondern sich zu erinnern. Das Gute Bestand haben lassen. Die Highs wahrnehmen, aber nicht für volle Münze. Normal bleiben, bei allem Wahnsinn der vermeintlichen Möglichkeiten nicht abdrehen. Füße auf den Boden.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    die Kunst des Nivellierens – ist das nicht zu allen Zeiten angesagt? Nicht nur zu der heutigen, schnell-lebigen Zeit? Eine gute Balance von Arbeit zu Freizeit, von Aktivem zu Passivem. Ja, auch eine gute Balance von High-Tech zu No-Tech (neue Wortfindung), von High-Tech zum Einfachen, von Arbeit zu Familie.
    Die Kunst des Nivellierens – die Kunst, das Beste aus dem zu machen, was einem zur Verfügung steht und dabei seine Mitmenschen nicht aus den Augen zu verlieren, denn Mensch lebt mit seinen Mitmenschen, profitiert von seinen Mitmenschen.

    Vor lauter Nivellieren ist mein Kopf jetzt durcheinander. Zeit zum Abschalten.

    Viele Grüße
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      generell gilt wohl fast alles zu allen Zeiten. Nur gab es in früheren Zeiten nicht ganz so viel „Hype“. Die Informationsdichte und die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung waren nicht so hoch. Bei weitem. Aktuell wächst der Speed exponential an. In einigen Jahren werden wir wieder darüber lachen, aber aktuell muss man sich schon festhalten.

      In meiner Kindheit war es ein absolutes Highlight, wenn einmal die Woche ein besonderer Film im Fernsehen lief. Louis de Funes oder so. Berühmt konnte keiner von uns werden – zumindest nicht als Kind oder Jugendlicher. Mal eben so über Youtube oder per Programmierung eines Internet-Startups.

      Nivellieren ist jetzt eine Transformation. Ein Herunterschrauben der Voltzahl, ein Umgang mit all dem, was die Realität jetzt beeinflusst. Die Aufregung zurücknehmen, den klaren Blick behalten. Ich finde, das ist gar nicht so einfach.

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Ja, da hast Du recht. Heute gibt es ein Übereingebot. Und um sich nicht darin zu verlieren, gilt es zu nivellieren. Oh, das reimt sich sogar! Sich selbst zurücknehmen, sich nicht überfordern, Maß halten. Für einen Informationsjunkie wie Dich, bestimmt nicht einfach (Ist nicht böse gemeint!).

        Viele Grüße
        Annegret

        1. Hi Annegret,

          Informationsjunkie? Also wirklich. Ts. Ich, der hier auf dem pallen Land wohnt ganz ohne Fernseher und Tageszeitung. Wie soll ich denn hier irgendwie an Informationen kommen. Hinter den sieben Bergen. Eine Freundin aus Köln spricht immer von Lummerland.

          Liebe Grüße

          Jens

          1. Echt? Das wäre ja genial. Dann würde ich auch hier in der Pampa mitlesen können und Dinge über die weite Welt erfahren. Was da wohl so los ist? Ooooohhh….

  3. Genau das geht mir auch immer öfter durch den Kopf. Man fühlt sich ja förmlich unter Druck gesetzt. Wer hat mehr Follower, wieviele +1 bekommt der Beitrag, schnell noch einen Tweet schreiben, schon lange kein #FF mehr gehabt. Manchmal fühle ich mich förmlich durch die sozialen Plattformen gehetzt. Und trotzdem bleibt oft ein öder Nachgeschmack – interessiert mich das wirklich oder bin ich nur auf der Suche nach DER Information.
    Mir helfen mein Landleben und die Familie enorm, mich zumindest am Abend und am Wochenende bei völlig belanglosen Dingen wieder zu nivellieren.

    1. tatsächlich ist es zunehmend wichtig, ‚Überlebensstrategien‘ zu fahren. Bewusst rausziehen und auf das wirklich Wesentliche konzentrieren. Den ganzen Lärm, den all das entfaltet, was wir so in allen möglichen Medien veranstalten, einfach mal wegschalten. Familie ist da schon ein sehr gutes ‚Instrument‘, weil hier einfach Menschen im Mittelpunkt stehen. Ganz normale, anfassbare Menschen, die mit dem Mund kommunizieren, nicht mit der Tastatur, dem iPhone oder sonst irgendeiner Technik.

      Danke für den Kommentar und liebe Grüße

      Jens

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