Eine Frage des Überlebens…

Maulwurf_red

Es geschehen Zeichen und Wunder, hat mein Vater früher immer gesagt. Das ist wohl ein Bibelzitat, wie ich annehme. Und wieder einmal zitiere ich Coelho, der von den Zeichen spricht, die es zu erkennen und zu deuten gilt auf dem Weg.

Und was lag jetzt bei mir auf dem Weg? Ein toter Maulwurf. Da lag er, schön, schneebedeckt, mit roter Nase und vollkommen tot. Nun kann ich nicht sagen, dass ich sonderlich morbid bin oder einen Faible für das Tote a la Harald & Maude habe. Nein. Der Tod beschäftigt mich nicht sonderlich und ich habe auch relativ wenig Angst und Respekt vor ihm. Wenn es sein soll, O.K. Ich hoffe, der Maulwurf hat ähnlich gedacht und ist jetzt dort, wo Milch und Honig fließen und vielleicht kann er dort sehen. Vielleicht wird er als ein Wesen wiedergeboren, dass er lieber ist. Sein wird. In sieben Wochen. Ich drücke ihm die Daumen.

Worum geht es jetzt also hier? Nennen wir es einmal Vergänglichkeit. Eine Sache, die uns Menschen nicht sonderlich leicht fällt. Die man eher gerne auf die lange Bank schiebt, bis es sich nicht mehr ignorieren lässt. Irgendwann wird es eng. Enger und enger. Falten, Alterung, Ausfälle, Krankheiten, Gejammer.

Nun ist das keine aristotelische Weisheit. Bewahre. Wissen wir alle, weil wir das selbst von Tag zu Tag erleben. In meinem geliebten Buddhismus ist aber nun gerade diese Vergänglichkeit ein zentrales Moment. Die Logik ist in etwa folgende: Wir leben unser irdisches Leben als wiedergeborene Wesen. Der eine ist Maulwurf, der andere Erdmännchen und manche sind Menschen. Wobei die Tendenz, Mensch zu werden, zunehmend ausgeprägt ist. Man könnte von einem Trend sprechen. Sieben Milliarden.

Als wiedergegorene Wesen haben wir Karma angesammelt. Gutes, schlechtes. Wer einer alten Frau sicher über die Straße hilft und dadurch seinen Bus verpasst, der bekommt Karmapunkte. Sagen wir mal genau 100 Pluspunkte. Bingo. Wer aber auf dem Weg zum Bus die alte Frau anrempelt, so dass sie stürzt und sich womöglich verletzt, und dann nicht stehenbleibt, um ihr zu helfen und sich zu entschuldigen, der macht Miese. Minus 500. Sagen wir mal.

Nun gibt es den Spruch: Man sieht sich im Leben immer zwei Mal. Das bedeutet übersetzt: Nichts wird vergessen. Allerdings sehe ich das nicht so wie die Flensburger Verkehrssünder-Datei. Da gibt es keine Institution über allem, die Karmapunkte verwaltet, ausschüttet, verzinst. Keine Sünde, die Auge um Auge, Zahn um Zahn vergolten, gerächt wird. Das wäre so in etwa der Gottgedanke der Weltenlenkung fernab des Ichs. Nach meinem Verständnis geht es dem, der hilft, einfach besser, weil er sich mit sich wohler fühlen kann. Er hat von der Frau ein Lächeln, einen Dank und einen Händedruck bekommen. Er nimmt den nächsten Bus, sitzt am Fenster, schaut raus und ist mit sich und der Welt im Reinen. Ein guter Tag. Macht er das öfter, hat er viele gute Tage, die ihm sagen: Das Leben ist schön. Wir alle sitzen in einem Boot, halten zusammen, reiten die Welle und führen miteinander ein gutes Leben. Der Mann speichert für sich positive Information, baut gutes Karma auf.

Number 2. Der Rempler. Schafft es, den Bus zu bekommen. Springt rein, zeigt seine Monatskarte, knallt sich irgendwo genervt hin und hadert mit dem Leben. „Selbst Schuld, die blöde Kuh, weshalb läuft sie mir auch in den Weg. Die ist doch Rentnerin, was macht die um die Uhrzeit auf der Straße? Die arbeitende Bevölkerung von ihrem Job abhalten. Selbst schuld…“ Und so geht es den ganzen Tag. Er erzählt es Kollegen/innen, um sein blödes Gefühl los zu werden. Er sieht eine Verschwörung. Die ganze Welt stellt sich gegen ihn, nimmt den Kampf mit ihm auf, versucht ihn aufzuhalten, ihm ein Bein zu stellen. Solche Szenen häufen sich, die Mitmenschen werden immer feindlicher. „Nur Arschlöcher und Idioten.“ Und fertig ist das selbstgemachte Unglück, weil die Trennung von den anderen da ist, was keinen Spaß macht. Die 500 Negativ-Karmapunkte sind also ein Individual-Baustein des eigenen Unglücks.

Und was hat das mit Vergänglichkeit zu tun? Nun, wir haben nur eine gewisse Zeit auf diesem Planeten. Irgendwann geht es uns wie diesem netten Maulwurf von nebenan. Game over. Dann sollten wir unser Karma so weit im Griff haben, dass wir gutgelaunt wiedergeboren werden. Denn Karma zieht sich durch. Anlagen nimmt man mit. Und so bewegt man sich Stück für Stück in die eine oder andere Richtung. In einem Leben, in vielen Leben. Und: Ganz egal, ob man an Karma und Wiedergeburt oder sonstwas glaubt, nett sein hilft immer, besser durchzukommen. Das heißt natürlich: Nicht zu Idioten, die Nettigkeit ausnutzen wollen. Also kein Idiotenmitgefühl, denn das bringt einen selbst und auch den Idioten nicht weiter. Ergo: Carpe diem. Was draus machen aus dem, was uns in unserer persönlichen worldshow an Möglichkeiten geboten wird. Xavier Naidoo singt von einem Weg, der nicht einfach ist. Glaubenssatz, Karmaeinschränkung. Es hilft schon ungemein, den Weg als einfach zu definieren und die Steine darauf als Glücksbringer oder Lutschbonbons oder Zauberkugeln oder Freunde auf dem Weg. Das lässt lächeln und beschwingt weiterziehen…

Straße_Winter_Spiegel_red

4 Antworten auf „Eine Frage des Überlebens…“

  1. Hallo Jens,

    nein, nein, so ein leicht schockierendes Bild zum zweiten Kaffee. Dann aber lieber gleich weiterlesen und Bild wegschieben.
    Ja, unser Leben auf der Welt ist begrenzt und je besser wir dieses, unser Leben nutzen, desto besser für unser Karma. Mit einem miesen Karma ist niemandem genutzt. Oh, mir dreht sich der Satz im Kopf. Wie ein Karussell. Mieses Karma ist negativ.

    Am letzten Wochenende hatte ich Zoff mit meinem Sohn. Immer, wenn ich ihn etwas fragte, hörte ich nur ein Maulen oder bekam keine Antwort. Kommunikation sieht anders aus. Da war ich schon etwas mehr beleidigt und zog mich zurück. Und was tat mein Sohn? Er kam nach einer Weile auf mich zu, erklärte, daß er krank sei (stark erkältet) und deshalb nicht denken könnte. Ob alles wieder okay sei? Ist das nicht ein Schatz von einem Sohn? Wer war hier der Experte und wer der Doofe? Karma ist, wenn man das Beste aus jeder Situation macht.

    Danke für die Anregung.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ein wenig schockierend, aber im Schockierenden auch wieder schön. Er sah wirklich sehr friedlich aus. ich weiß nicht, was ihm geschehen ist, dem armen Kerl. Maulwürfe mag ich sehr und Menschen, die Maulwürfe jagen oder vergiften, kann ich so überhaupt nicht verstehen. Nur weil sie tun, was sie tun müssen: Graben. Nur wegen der erdhaufen auf dem Rasen. herrje, dann sind da halt Maulwurfshügel.

      Das Beste aus jeder Sitaution machen und sinnvoll handeln. Es macht keinen Sinn, eine alte Frau umzustoßen. Es macht Sinn, ihr zu helfen. Ds ist eine Logik des Menschseins, die man für sich entwickeln sollte. Handeln überdenken, Folgen abschätzen im nicht egoistischen Sinne.

      Schön, dass dein Sohn auf dich zugekommen ist. Ich kann mir in etwa vorstellen, wie du dich in dem Augenblick gefühlt hast.

      Gerne geschehen:)

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Lieber Jens,
    bei deinem Beispiel musste ich schmunzeln… vor ein paar Tagen abends, ich war auf dem Heimweg von einer Veranstaltung, fragte mich ein junger Mann ob ich ihm helfen könnte sein Auto zu finden. Er hatte in der Innenstadt geparkt und fand es nicht mehr. Wir machten uns also auf die Suche, denn seine Beschreibung der Umgebung passte auf mehrere Plätze im Umkreis eines halben Kilometers. Es wurde ein längerer Stadtspaziergang bei dem ich Sightseeing machte (wenn schon denn schon) und ich ein wenig Lebensgeschichte erzählt bekam. Schließlich wurden wir fündig, und er lud mich (wenigstens!) zum Kaffee ein, denn er meinte jetzt käme es auch nicht mehr auf eine halbe Stunde mehr oder weniger an um zum nächsten Termin zu kommen. Er war total glücklich und überrascht, daß ich mir die Zeit nahm ihm zu helfen (ich hatte sie einfach). Nun habe ich bei seinem nächsten Aufenthalt hier eine Einladung zum Essen gut. So kann es also gehen mit den Karmapunkten ;-) … Ich stimme dir zu, es ist angenehmer freundlich und hilfsbereit als eklig und grantig zu sein. Für die Umwelt als auch für einen selbst. Nur ist es nicht immer leicht. Wer seinen Bus erreichen muss um pünktlich zur Arbeit zu kommen um keinen Rüffel vom Chef zu kassieren… sollte früher aufstehen um gegebenen Falles Zeit für andere zu haben? ;-) Einen weiterhin schönen Tag!
    Liebe Grüsse, Danièle

    1. Hi Danièle,

      weißt du, eigentlich müsstest du dem jungen Mann dankbar sein, dass er dir die Gelegenheit gegeben hat, diese Geschichte zu erleben. Es war durchaus ein feiner Zug von ihm, diesen Fauxpas zuzugeben. Er hätte ja auch sagen kommen: Egal was passiert, ich finde den und werde auf keinen fll um Hilfe bitten. Er hat scheinbar gute Erfahrungen damit gemacht, sich helfen zu lassen. So sind schöne Momente entstanden, ein Gespräch, ein Kaffeetrinken. Du erzählst uns die Geschichte, er erzählt sie Freunden und wir alle haben ein gutes Beispiel dafür, wie es laufen kann. Gut laufe. Denn letztlich war es für die keine Arbeit oder Zeitverschwendung, sondern gelebtes Leben. Eine gute Zeit, die ein gutes Gefühl zurücklässt. Das ist der Trick. Immer wieder erfahren, wie gut es sein kann. Dazu muss man sich auf das Leben einlassen und die Möglichkeiten erkennen. Dieser mann war ein Coelho-Zeichen auf dem Weg, eine Wegmarke, die Richtung gibt.

      Dass es nicht leicht ist? Hm. Wenn es nicht leicht ist, sollten wir es leicht machen. Durch das Leben tanzen und die Schwierigkeiten als Schwierigkeiten nehmen und in der möglichst leichtfüßigen Überwindung wieder neu lernen. „Ach, gar nicht so schwer.“ Für sich selbst die Messlatte nicht so hoch legen und sich über kleine Schritte vorwärts freuen. Manchmal muss man eben den Busd verpassen… Kann passieren. Wo liegt das wahre Problem? Vielleicht in unserem Stolz, einem der großen Störgefühle, die uns trennen. „Ich verpasse doch nicht den Bus. Nie.“ Eitelkeit. Schon sind wir verkrampft und verschließen uns im Ehrgeiz. Kenne ich durchaus. Scheuklappenblick, Zielerreichung. Vermeintliches Ziel.

      Liebe Grüße

      Jens

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