Fifty-fifty in Berlin!

Weltweit ziehen die Menschen in die Stadt. Urbanisierung. Entstehung von Konglomeraten. Zusammenraufen. Ela und ich haben uns für die andere Richtung entschieden, um mal wieder auf das Kernthema dieses Blogs, der manchmal ausschweift, zu kommen. Landleben. Pures Landleben. Und dann doch wieder nicht. Kölner Philharmonie, Briefingtermin in Berlin. Denn unser Fifty-fifty-System beinhaltet eben auch, dass wir gemeinsam eine kleine, aber feine Werbe- und Kommunikationsagentur betreiben. Business. Geschäft. Geld. Das ganze Programm.

Am Montagabend ging unser Flieger, für Dienstag war ein umfassendes Briefing angesetzt. Mit großem Konferenzraum, Getränken, kleinen Leckereien auf dem Tisch. Ein wichtiger Termin, weil es um ein kompliziertes Thema geht, das wir transparent machen werden. Die Einarbeitung, um auf Augenhöhe mitreden zu können, war schon sehr intensiv. Business-Look. Anzug, ohne Krawatte. Hab ich ja bekanntlich nicht. Kreative haben da ein wenig Freiraum, den ich gerne nutze.

Raus aus der alten Schule, dem kleinen Leben. Jim, Zoe, Cooper, Nikolausstück der Dorfgemeinschaft. Ich behaupte immer, es gäbe nur eine Welt. Gestern überfielen mich dann doch Zweifel. Berlin hat sich so ganz und gar total anders angefühlt. Die vielen Menschen. Von Schönefeld ins Hotel in Mitte. Straßenbahn, U-Bahn. Ein kleines Essen abends. Danach zu den Hackeschen Höfen, nicht in den Schickimicki-Teil, sondern in den abgewrackten Hinterhof. In die Szene-Raucherkneipe mit den ausrangierten Ledersofas, dem Bier aus der Flasche, der zusammengeschweißten Berlinkunst, den tiefen Beats aus dunklen Ecken. Elaine Studien, die Wege Susannes. Mal sehen.

Ela spüren. Mit ihr unterwegs. Wir haben das gleiche Tempo. Fliegen durch die Stadt, quatschen, lachen, sind aufgeregt. Fühlen uns. Raus aus dem Trott, dem kleinen Leben. Das Gewimmel atmen. Unsere Augen schaffen es nicht, die Bilder draußen zu lassen. Gucken. Überall Geschichten, Kunst, Gestaltung, Ideen, Menschen. Pläne, Projekte, Ideen, Veränderung, Geschichte. Am Berliner Ensemble vorbei – die spielen immer noch Brecht. Auf dem Vorplatz am Bahnhof Friedrichstraße drehe ich mich einmal um mich selbst und denke: Mehr Menschen, als in unserem Dorf leben. Überbordend, diese Stadt. Von allem zu viel. Mir fehlen die Filter, die Scheuklappen.

Schöne Szene am Flughafen Tegel. Ela und ich warten auf den Flieger. Sitzen mit unseren Taschen und Trolleys vor der Abfertigung. Ruhe. Neben uns ein altes Paar. 25 Jahre später. Sie kann nicht mehr sehen, geht gebückt. Er kümmert sich. Leitet sie zum Platz, führt sie. Schaut, ob es ihr gut geht. Ob es nicht zu viel ist. Dann streicht er ihr übers Haar. Liebevoll. Ihr Flieger geht. Sie will aufstehen, er nimmt sie am Arm. Trägt die Taschen. Ein ganzes Leben Liebe.

Der Flug. Zeitungen. Airberlin spendiert einen Snack. Nett. Wir landen in Köln und ich endlich wieder in meinem Bett. Flimmern im Kopf. Overloaded. Das Briefing, Berlin. Meditiere am Morgen. Sortiere. Werde ruhig. Zentriere. Fühle mich, mein Leben. Blogge. Habe gleich den nächsten Briefingtermin. Habe den Speed der Stadt im Blut. Eine Welt.

Wünsche euch einen schönen, ruhigen, zentrierten Tag. Ciao.

8 Antworten auf „Fifty-fifty in Berlin!“

  1. So fühlt sich Berlin an, wenn man „eben“ mal da ist.
    Berlin ist aber auch Ruhe, wenn man Ruhe will, Stille, wenn man Stille will, trottelig sein, wenn man gerade trottelig ist. Berlin macht Deine Stimmungen genauso mit, wie Du die Stimmungen der Stadt mitmachst. Berlin ist Stadtleben, aber auch Landleben, Berlin ist auch irgendwie – wie soll ich das am besten ausdrück? Ah ja, Berlin ist fiftyfifty :-).

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      klar, ist eine Momentaufnahme und ein sehr persönlicher Blick. Für mich als Landei ist die Stadt in einem 24h-Durchflug einfach wie auf Speed. In der Vergangenheit, bei privaten Besuchen, habe ich Berlin tatsächlich auch schon anders erlebt. Kommt immer drauf an, wo man hingeht…

      Liebe Grüße

      Jens

  2. „Der Speed der Stadt“.
    Ich lebe in Berlin und finde, wenn zu einer Stadt das Wort „Speed“ passt, dann zu London. Und nicht zu Berlin.
    Berlin ist eine gemächliche alte Dame.
    Das einzige, was hier aufgeregt und schnell ist, sind die Mitte-/Prenzlauerberg- Hipsters, die nicht wollen, dass man sie als Hipsters bezeichnet und das alles sein wollen, was man dieser Stadt nachsagt, die Touristen, die in ihren knapp bemessenen Zeitplan alles reinquetschen wollen, was Berlin zu bieten hat und die Berlinneulinge.
    Alle anderen sind so entspannt, dass ich mir manchmal etwas mehr Speed wünschen würde.
    Ach, und nächstes Mal, wenn Du hier bist, schau mal in Charlottenburg vorbei.
    Dann zeig ich Dir, was ich meine.
    Liebe Grüße.

    1. Hi Julia,

      danke für deinen Kommentar. Klar, das ist natürlich ein total subjektiver Blick. Aber wenn du aus einem 200-Seelen-Dorf nach Berlin kommst, dann flimmert das ganz schön. Aber da schwingen natürlich Flieger, Flughafen, Bahnhöfe – die Orte, wo so viele Menschen sind – mit. Aus Köln, Aachen und Mannheim kenne ich das schon, das es die ruhigen Ecken gibt. Die habe ich mir in der Stadt auch immer gesucht. Und natürlich gehe ich jetzt auch gerne dort hin, wo der Bär tanzt. Grün, Ruhe, Wald habe ich ja hier satt und genug.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    mußte mal eben schauen, ob Du schon wieder vor Ort bist, in der Provinz. Und ich lese, daß Du tausenderlei Eindrücke gewonnen hast, die Du gar nicht so schnell verarbeiten kannst. Stadtleben ist hektischer, schneller, mehr, mehr … Und wenn man dann wieder Zuhause landet, ankommt, ist das Eigene noch immer am besten.

    Viele Grüße

    Annegret

  4. Ich lebe jetzt kleinstädtisch-ländlich nach vielen Jahren Großstadtleben in Sydney und habe mich auf die Ruhe hier gefreut. Wenn ich jetzt aber mal in eine Großstadt komme, weiß ich sofort: das Landleben hier ist nicht die Endstation. In einer Stadt hab ich die große weite Welt einfach unmittelbarer um mich herum, mehr Auswahl, mehr Vielfalt, mehr Offenheit für Neues. Und es stimmt: in jeder Großstadt gibt es Natur, Parks, Oasen, und meine Wohnung ist sowieso eine. Also irgendwann wieder: Endstation Großstadt….

    1. Hi Uta,

      du bist ja nun auch wirklich eine Kosmopolitin, eine Kosmonautin des Seins. Fliegende Pfarrerin. Australien, Indonesien. Die Welt. Die triffst du natürlich hundertprozentig in Berlin. Kulturen, Länder, Hautfarben. Wenn die Kinder mal weg sind, wird das für uns hier auch anders aussehen. Wobei meine Liebe zur Natur schon ein Anker ist, der sich immer weiter in die Erde schiebt. Vielleicht Neuseeland… Zu Elas Bruder. Wir tasten uns ran ud genießen erst einmal Familie und Kinderzeit.

      Liebe Grüße

      Jens

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