Liebe in Wüsten und Stürmen

Wilhelm Schmid: Die Liebe neu erfinden. Als Brigitte Woman-Blogger lese ich Brigitte Woman. Ist ja ein Stück Heimat geworden. Da es ein Frauenmagazin ist, kümmert sich Ela um die regelmäßige Anschaffung. Mich als Mann interessieren die Lebensthemen. Die Modestrecken spare ich mir. Besonders interessiert hat mich dieses Mal das Interview mit Professor Dr. Wilhelm Schmid „Liebe ist gelegentlich Harmonie. Und des Öfteren Ärger.“ Schmid ist Autor des Buches „Die Liebe neu erfinden“, das im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Das erste Kapitel liest der Autor in einer Video-Lesung im Netz.

Ela hat sich das Buch gleich gekauft. Ups! Die Liebe neu erfinden? Stimmt was nicht? Blogge ich zuviel? Ist mein Kopf in Wolkenkuckuksheim abgetaucht? Was mache ich falsch? Keine Panik. Das ist bei uns relativ normaler Alltag. Ela liest. Beschäftigt sich. Verändert. Sie ist der innovative Antrieb, die Neuentdeckerin. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber auf Dauer wesentlich und gut. Im Interview spricht Schmid von den Zeiten der Liebe. Er spricht von den Atmungszuständen. Anfangs ist alles energiegeladen und trägt sich auf der Woge der sprühenden, funkenden Leidenschaft. Ich verwende mal, ganz Mann, einen Fußballbegriff: Heimspiel. Der Zuspruch ist vollends da, alles läuft von alleine, die Verliebtheit des Anfangs, die sich erfüllende Sehnsucht, das Ende der vermeintlichen Einsamkeit, dieses körperliche und seelische bis zum Bersten ausgefüllt sein, es macht glücklich. Es lässt leuchten. Einfach. Easy going.

Aber dann. Ein Jahr vergeht. Zwei Jahre vergehen. Zehn. Nicht alles ist gold, was glänzt. Erwartungen. Schmid nennt sie überzogen. Spricht von dem Wunsch der unendlich dauernden romantischen Liebe, der nur unerfüllt bleiben kann. Realität. „Mal angenommen, ich habe die Idee, Liebe muss immer romantisch sein, mit durchgehend guten Gefühlen. Keine Störung, kein Alltag. Mit der Erwartung gehe ich dann in eine Beziehung. Die Folge: Es gibt nur Enttäuschungen.“ Wir sitzen einem Irrglauben auf. Jagen nach Gold.

Es kommt die Phase, in der die Energien schwinden. Nach Schmid kommt sie immer wieder. Die Liebe taucht ab, scheint zu verschwinden. Das Leuchten geht, die Skepsis nagt. Trennungsfantasien tauchen auf. „Das Leben verliert seinen Sinn, und ganz besonders der andere verliert seinen Sinn. So eine Durchhängerphase kann Wochen und Monate, und die kann auch Jahre dauern.“ Herrje. Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, den Kopf an der Oberfläche zu halten, selbst sexy zu bleiben und den anderen/ die andere immer sexy zu sehen.

Geht Ela und mir auch so. In diesem Jahr werden wir zwanzig Jahre zusammen sein. 20 Jahre! Das klingt doch schon nach Metall und in Beton gegossen. Tatsächlich haben wir in der Vergangenheit manchen Beziehungssturm erlebt. Zentrum der Taifune war immer eines: Nicht erfüllte Erwartungen. Verbohrtheit. Ich will aber, dass das so ist. Und der andere/ die andere ist schuld, dass es nicht so ist. Und obwohl wir wissen, wie das Schema läuft, wie sich in uns eine Vorstellung aufbaut, die aus Luft gemacht ist, glauben wir den aufkommenden Sätzen. Neurolinguistische Programmierung. Wir schreiben uns Sätze in den Kopf, die sich gut anhören. Die eine Geschichte formen, die für uns stimmig klingt. Selbstverständlich kommen wir in dieser Geschichte etwas besser weg als der andere/ die andere. Wir streuen ein wenig Selbstzweifel hinein, geben zu, auch ein wenig Anteil zu haben, beruhigen uns damit, fordern aber im Großen und Ganzen, eine Änderung des Gegenübers.

Schreckliche Augenblicke. Das sind Streitmomente, in denen Granit auf Granit stößt und von Anfang an klar ist, dass es keine Lösung gibt. Vielleicht gibt jemand nach, aus Harmoniesucht, aber letztlich löst sich das „große Thema“ in Luft auf. Wenn wir das zulassen. Wie oft habe ich im Nachhinein gemerkt, wie blödsinnig irgendwelche Gedanken waren. Wie duselig es war, an irgendetwas Eingemeißeltem festzuhalten. Schmid empfiehlt, dass wir uns von Träumen verabschieden. „Das ist nicht zu umgehen, denn Wirklichkeit ist niemals identisch mit Möglichkeit.“

Was ich für mich entdeckt habe, ist: Die Liebe ist da. Manchmal unten drunter. Ich muss dann entscheiden, was ich mit ihr machen möchte. Und ich muss sehen, was sich in meinem Kopf tut. Welches Spiel da gerade gespielt wird. Es ist dann eine Entscheidung fällig: Ziehe ich das Trikot aus oder stürme ich weiter. Gegen Windmühlen an. Ich weiß: Aber es ist doch eine Tatsache, dass er/sie dieses oder jenes macht… Wir haben es in jedem Augenblick in der Hand, durch welche Brille wir sehen. Ob wir uns in den Klischeezug setzen und die Phrasen des Allgemeinen dreschen, oder ob wir unsere Liebe sehen und es in die Hand nehmen, sie in ihrer Zartheit zu bewahren. Über Jahre hinweg. Durch Stürme hindurch. Durch Wüsten getragen…

Der Anfang ist ein Feuerwerk. Am Himmel verglühend. Eine lange Beziehung ist ein Schatz. Voller Erfahrungen, Erinnerungen, Wissen. Ein gutes Investment. Ein Fundament, eine Bibliothek, in die wir neue Werke aufnehmen müssen – zum Beispiel von Professor Dr. Wilhelm Schmid.

Euch alles Liebe:)

6 Antworten auf „Liebe in Wüsten und Stürmen“

  1. Guten Morgen, Jens,

    ein schönes und ein schwieriges Thema, die Liebe. Ich kann euch beglückwünschen, daß ihr bald 20 Jahre miteinander geschafft habt. Ja, Liebe ist keine Konstante, ein kostenloses Beiwerk. Sie muß immer neu erarbeitet werden.

    In diesem Jahr hätten wir auch die 20 voll gehabt. Inmitten des Kampfes meines Sohnes hat sich mein Mann entschlossen, nach fast 4 Jahren der Trennung gerichtlich den Schlußstrich zu setzen. Woran ist unsere Liebe gescheitert? Die Realität des Alltags, mit der Arbeit, mit den Kindern, mit mir, hat nicht zusammengepaßt mit dem übermäßigen Verlangen nach einer anderen kopfmäßigen Vorstellung des Lebens, ohne eigenes Zutun, ohne eigenes Bemühen, quasi auf Knopfdruck. Träume geschehen nicht einfach. An ihnen muß man genauso arbeiten wie an der Liebe. Und beim Träumen darf man die Liebe nicht vergessen. Sonst erstickt sie.

    Jetzt bin ich aber genug abgedriftet. Ich wünsche Dir und Ela, daß die Liebe euch ganz, ganz lange erhalten bleibt.

    Schönes Wochenende.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      danke für die Glückwünsche:) Doch: Nicht die Jahre zählen, nicht die Zeit. Der Inhalt ist es. Immer das, was es tatsächlich ist. Nackt und klar. Der Blick hinter die Fassade, das, was ist. Realität, Wirklichkeit. Deshalb gebe ich dir recht: Es ist Arbeit. In erster Linie nicht an der Beziehung und schon gar nicht am anderen. An sich selbst. Es immer wieder aushalten, das man nicht perfekt ist. Gelassenheit. Großzügigkeit – mit sich und anderen. Vielen Dank für deinen schönen Kommentar.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Ja, das kann ich gut nachvollziehen, Jens, wie du das beschreibst. Ich lebe seit 30 Jahren mit demselben Mann zusammen – und Liebe ist da. Sich verändernd, ja – schöne Bilder hast du gefunden: Feuerwerk, Schatz, Bibliothek. Seltsam, dass manche mit ihrem Partner gnadenloser umgehen als mit Freunden. Es trifft mich immer sehr, wenn solche langjährigen Beziehungen angeblich „nicht mehr gehen“, man den Anderen „nicht mehr ertragen, nicht mehr riechen kann“. Ich habe das so oft erlebt in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Und ich wundere mich dann oft, mit was (oder wem) man sich dann als Alternative zufrieden gibt. OK, ICH muss das ja auch nicht verstehen…
    Aber vielleicht gibt es einfach Leute, die mehr auf Feuerwerk als auf Bibliothek stehen – ich lese eben sehr gerne. Wobei ich mir gelegentlich auch sehr gerne ein Feuerwerk ansehe… ;-)
    Man kann wohl nicht alles haben im Leben – wie der Herr Schmid so schön sagt: „Wirklichkeit ist niemals identisch mit Möglichkeit.”
    Die Menschen leben immer länger, da wird es wohl immer schwieriger Liebesbeziehungen ein Leben lang als beglückend zu empfinden. Ich denke, man muss sich als Paar ganz viel Freiheit gewähren, aber auch immer wieder nach dem „Kitt“ suchen, nach Gemeinsamkeiten suchen, sich erinnern, an zukünftigen gemeinsamen Projekten arbeiten und das Jetzt genießen. Aber Patentrezepte gibt’s glaube ich nicht…
    Euch zwei alles Gute!
    Gruß, Uta

    1. Hi Uta,

      mit Beziehungen ist es wie mit Kindern – fast alles muss man sich selbst beibringen. Es gibt da keine Ausbildung und das Abgucken bei den Eltern ist auch nicht immer hilfreich. genau – es gibt keine Patentrezepte. Es sein denn, man hat die Ruhe und Weisheit, nix regt einen auf und man schüttelt die Freude nur so aus dem Ärmel. Das ist aber dann wohl auch mehr Traum als Wirklichkeit. Es macht schon ein wenig Arneit, immer wieder genau hinzusehen und das, was da ist, nicht aus den Augen zu verlieren. das Gute, das Schöne. Schnell greifen Floskeln wie „die Ehe ist kaputt“. Wie ein Fahrrad oder was? Motorschaden? Sperrmüll? Manchmal müssen wir reparieren. Nicht mit großer Zange und dickem Ringschlüssel, sondern mit den Fähigkeiten des Menschen. Denken, fühlen, verändern. In erster Linie sich selbst. An Einstellungen arbeiten, sich fragen, ob alle „Werte“ tatsächlich „Werte“ sind oder Hindernisse. Oder Schutzanzüge. Oder Hilfsmittel. Und dann: Großzügig sein mit sich und anderen. Verzeihen. Ich glaube, dass wir all zu oft mit unserer eigenen Unfähigkeit zu tun haben. Wasser predigen, Wein trinken. Würden wir alles, was wir immer so verlangen, selbst leben… Danke für deinen Kommentar und euch beiden alles Gute!

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Lieber Jens,

    Liebe ist etwas, an dem man immer wieder arbeiten sollte! Man darf sie nie als selbstverständlich hinnehmen! Und sie ist so unheimlich wichtig, gerade in Zeiten, wie diesen, mit schrecklichen Nachrichten,

    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Hi Claudia,

      ja, arbeiten. Sanft, nicht mit Ärmel hoch. Besonnen, feinfühlig. Sich darauf einlassen. Öfter den anderen sehen, in einem positiven Licht. Die eigene Kritik überdenken und nachfühlen, was aus eigener Unzufriedenheit kommt. Nette Gesten, nette Worte. Manchmal sehe ich Ela einfach an und bin glücklich, sie getroffen zu haben. Manchmal ärgere ich mich über sie, bin stur. Dann denke ich wieder daran, wie toll sie ist und wie verbohrt mein Blick. Ehrlich bleiben, sich selbst gegenüber, das ist die Arbeit.

      Liebe Grüße

      Jens

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