Oranje, S.O.S und Brüder in Not

Zurück aus den Niederlanden!

Was für ein Wochenende. Segeln mit meinen beiden Brüdern. Einem großen und einem kleinen. Dazwischen ich. Wir sind mit dem Wohnwagen gefahren und haben eine Jolle gemietet, um rund um das Heeger Meer (unweit des Ijsselmeers) in See zu stechen. Unseren Wohnwagen konnten wir direkt am Wasser abstellen, an einem Kanal, der zum Heeger Meer führt. Hier zogen die Segelboote vorbei, unter anderem die großen, schönen, alten Plattbodenboote. Am ersten Abend saßen wir am Wasser, tranken Bier, sahen den Booten zu und der untergehenden Sonne. Ist schon ziemlich schön dieses Holland mit seinen Seen, Meeren und Kanälen.

Dann ging es los. Boot holen, zu uns in den Hafen bringen, alles an Bord bringen, Segel setzen und rausfahren. Mein älterer Bruder ist Segler und so waren mein kleiner Bruder und ich die Matrosen. Mein Job war es als Vorschoter das Focksegel vorne zu bedienen. Erschallt der Ruf „Ree“, wird das Boot gewendet und das Focksegel muss an der Fockschot zur anderen Seite herübergezogen werden. „Ey, ey, Käpt’n“. Am ersten Tag war das alles easy. Relativ wenig Wind. Wir sind vor uns hin getuckert, in die Kanäle rein, vorbei an wunderschönen Häuschen und Landschaften in die Dörfer und Städtchen. Direkt anlegen an den Kneipen am Wegesrand, was essen, was trinken. Seemänner sind rauh und durstig. Skål.

Dann wurde es rauh. Nicht in den Kneipen und Häfen, sondern draußen auf See. Morgens schon Windstärke 6 mit zunehmender Tendenz. Segel gerefft – also auf halbe Größe eingerollt und dann raus ins tosende Wasser. Ups! Da hat uns der Skipper raus auf die Kante geschickt. Rauslehnen, gegenhalten. Das hat gespratzt und unser Regenzeug musste zeigen, was es kann. Der Wind nahm zu und wir haben uns in den Hafen gerettet. Allerdings nicht unseren, weshalb wir später irgendwie zurückkommen mussten. Brüder in Not. S.O.S. Angelegt, eingekehrt, Teambesprechung, gefuttert, getrunken, gestärkt, entschieden. In leichter Fahrt per Motor ohne Segel zurück in den Heimathafen. Jawoll. Raus aufs Heeger Meer, Wellen, Windstärke 7, der Motor setzt aus. Mist. Doch Segel setzen und durch? Die Mannschaft will, der Skipper sagt: Zu gefährlich. Gott sei Dank!

Wir sind dann mit stotterndem Motor zum Verleiher, um die Engine zu tauschen. Und dann kam es: Das Wetter! Graue Wolken, dunkel, tief. Wir im sicheren Kanal mit Blick auf das Heeger Meer. Windstärke 8. Tohuwabohu. Prasselnder Regen, peitschende Böen und nur wenige Minuten später die Brandweer-Boote in voller Fahrt mit Blaulicht. Gekenterte Boote, halb ertrunkene Segler, wie wir später erfahren. Puh!

Wir haben uns unter sicherer Führung unseres erfahrenen Skippers mit neuem Motor und leichter Fahrt über die Kanäle hintenrum nach Hause geschlichen. Sonnenuntergang, Frieden, Blick aufs Wasser, schön. Gerettet!

Und als hätten wir nicht schon Highlights in jeglicher Form genug gehabt (eine Nacht sind wir in einer Kneipe gelandet und haben spät in der Nacht auf Wunsch unserer holländischen Freunde „99 Luftballons“ durchs Mikrofon geschmettert… Puh.), durften wir Samstagabend in Holland zunächst Holland-Dänemark und dann Portugal-Deutschland sehen. Euro 2012 inmitten der Oranje. Was für ein Abend! Was für ein Augenblick, als Gomez seine Rübe hinhält. Vorher sind wir natürlich ordentlich Hopps genommen worden von den Oranjes, die ziemlich sicher waren, dass der Abend genau anders herum ausgeht. Aber wie heißt es: „Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt Deutschland!“ Die Niederländer, die überall „Holland“ auf den Fahnen stehen hatten, waren trotzdem in Feierlaune und haben gesungen, getanzt, gelacht… Meine Güte, wenn die gewonnen hätten… Jetzt sitze ich also wieder hier, der Boden unter meinen Füßen schwankt ab und an noch (wenn ich die Augen schließe, was ich deshalb nicht tue, was beim Schreiben auch hindern würde, weil ich dann nichts sehe und die Tastatur wackelt:) ) Keine Kommandos mehr vom Käpt’n, keine Wende- und Anlegemanöver mehr und die Brüder wieder in alle Winde zerstreut.

4 Antworten auf „Oranje, S.O.S und Brüder in Not“

  1. Hallo Matrose Jens,

    das war ja eine turbulente Bootstour !! Gut, daß ihr frühzeitig in Sicherheit ward. Das Wetter ist zuweilen sehr aufbrausend.

    Wünsche Dir – mit beiden Füßen auf festem Boden – eine weniger stürmische Woche.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ja, mann muss da stehen, wo der Trainer einen hinstellt. An dem einen Tag war es wirklich turbulent. da ist so ein Segelboot schon was anderes als ein Surfbrett. Mit dem Brett fällst du rein, legst dich unters Segel, lupfst kurz und schon geht es weiter. Ein umgekipptes Segelboot bei Wind und Welle ist da schon was anderes. Gut, dass uns das erspart geblieben ist. Die Woche wird ruhig – hier ist gerade wenig los.

      Liebe Grüße

      Jens

    1. Ahoi Danièle,

      danke! Das Fotografieren hat Spaß gemacht, auch wenn ich die Kamera dauernd wieder wasserdicht verpacken musste, damit da nichts drankommt. Viele schöne Motive, wobei ich oft zu langsam war. Schon weg…

      Hier könnte es gerade ruhig etwas stürmischer zugehen – wenig zu tun. Alle haben Angst vor Griechenland, Spanien, Bankenzusammenbrüchen und halten ihre Etats zusammen. Doof.

      Liebe Grüße

      Jens

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