Love it:)

Was mir gerade am Leben auf dem Land gefällt?

Der Garten
Die Sonne
Die unendlichen Details
Der Gang morgens und abends
Sind es die Stockrosen, die wir letztes Jahr gesät haben?
Die Pfefferminze nun an drei Stellen
Die Kamelie hat es geschafft
Der Gewürzgarten wird
Der Schnittlauch, die gesäte Petersilie geht auf
Adams Rose an Coopis Grab geht es gut
Wir kämpfen um Rosemaries Rose
Giselas Oleander ist angekommen
und wird gehätschelt wie ein Baby
Die drei Bottiche
Schutz vor Schnecken
mit Rucola, der bereits aufgeht
Kürbiskernen
Zucchini
Die beiden neuen Rosen
die im Keller überwinterten Geranien
Der Holunder kommt
der Kompost ist gefleddert
alle gute Erde verteilt
Das Blumenbeet vorm Haus
all die Vergissmeinicht
die Liebsten in der Ferne
Die gelben Tulpen
die Stiefmütterchen im Fenster
die vom Friedhof geretteten Büsche
die es hoffentlich schaffen werden
Der Teich
den wir Tag für Tag von der Algenplage befreien
die jungen Fische vom letzten Jahr
Der Apfelbaum, den ich operieren musste
der Pflaumenbaum, der meinen Haarschnitt anscheinend mag
Die Pflanzen, die auf Stein wachsen, aus Kaisersesch
die Gänseblümchen, die ich so mag
die neuen Futterstellen für Vögel
vor dem Küchenfenster
in der Korkenzieherweide über dem Teich
Die Traubenhyanzinthen, die schon fast verblüht sind
die Maiglöckchen unter den Buchen
die das Dach über Shois Skulptur sind
Ich bin süchtig nach dem Gang durch den Garten
voller Nachrichten ist er
voller kleiner Geschichten
In diesem Jahr
lasse ich wachsen
für alle
Es ist atemberaubend
hoffungsfroh
glückselig schön
umwerfend
liebreizend
ganz klein und ganz groß
Dazu läuft Musik aus offenen Fenstern
die Suppe kocht auf dem Herd
und ich liebe
Sie
meine Liebsten
den Garten
die Welt
So what

Italien, mon amour

Nun sitzen wir hier also fest in unserem Leben. Ich sitze Zuhause am Küchentisch, Ostermontag ist rum und ich scrolle durch Fotos, die vor einem Jahr entstanden sind. Viveka und ich in Italien. Italy. Ups. Was für ein Wort momentan.

Da sehe ich Bilder von mir, die Viveka am Lido von mir gemacht hat. Wir waren nach Stationen in Riva del Garda und Verona in Venedig angekommen, um meinen Geburtstag zu feiern. Mit Venedig verbindet mich einiges. Ich war als Kind mit meinen Eltern dort, später auf Klassenfahrt, im Studium auch und kurz bevor Max geboren wurde. Früher war ich öfter in Wien. Irgendwie liegt mir das Alte. Ich wohne seit jeher in alten Häusern, einen Neubau könnte man mir schenken. Meine Seele will in Geschichte baden.

Auf den Bildern habe ich das Handy in der Hand und telefoniere mit meiner Mutter. Leukämie. Fast wäre sie schon einige Wochen vorher gestorben, aber im April 2019 konnte sie gerade noch Zuhause leben mit Unterstützung. Und sie konnte telefonieren, was wenig später nicht mehr möglich war. Ich konnte ihr nah sein, konnte mit ihr reden. Konnte ihren Schmerz spüren, ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefertsein.

Kurz vor Corona in Deutschland ist sie gestorben. Am 1. März 2020. 49 Tage vor meinem Geburtstag. In buddhistischen Kreisen ein Zeitraum mit Bedeutung. Wir konnten bei ihr sein. Sie ist an einem Sonntag gestorben. Wir hatten alle Zeit. Als hätte ihr protestantisches Pflichtbewusstsein darauf geachtet, den Alltag nicht zu stören.

Wir konnten sie mit allen Ehren beerdigen. Eine Beerdigung mit vielen Menschen. Auf das Händeschütteln am Grab haben wir verzichtet, um Corona keinen Platz zu geben. Eine Woche später und wir wären am Arsch gewesen. Wir hätten nichts für sie tun können. Aus der Ferne zusehen. Puh.

Mein Herz schreit. Ich denke jeden Tag an sie. Wie es ist, wenn deine Mutter tot ist? Grauenhaft. Vivekas und meine Eltern sind in den letzten acht Jahren gestorben. Wir sind seit 2012 zusammen. 4 Beerdigungen. Ciao.

Und jetzt ein Ostern, das Fest der Auferstehung ohne alle. Pella in Sydney, Max in Köln, Liv und Gil in Essen. Unsere Eltern. Ein einsames Ostern. Gut, trotzdem schön, weil ich mich belüge und sage, alles ist OK. Mit Tricks durchs Leben kommen. Nicht verzweifeln, aufrecht bleiben, hinschauen, wo das Licht ist. Und zwischendurch in die Knie gehen.

In wenigen Tagen werde ich 55 Jahre alt. Von nun an muss ich ohne Eltern sehen, dass ich klar komme. Man kann sich das nicht ausmalen und vorstellen. Es ist hart. Es ist nicht schön, es ist, wie ein Teil aus sich rausgerissen.

Meine Eltern sind mir nah. Ich spüre sie in mir, ich weiß, welchen Teil sie in mir ausmachen, was von ihnen kommt. Ich war mit meinen Eltern in Venedig. Ich wäre jetzt so gerne dort.

Mein Geburtstag 2019. Mit dem Boot rüber nach St. Giorgio Maggiore. Viveka und ich ganz allein mit dem Blick über das Wasser auf den Markusplatz. Meine Mutter hat am Morgen angerufen – wie immer. Und letztes Jahr zum letzten Mal, das hatte ich nicht vor Augen.

Nun ist es ein Jahr später. Die Welt sieht komplett anders aus. Keine Ahnung, was kommt. Irgendwann ist Corona vorbei und wir gehen irgendwie über in irgendeine Normalität.

Für mich ist seit geraumer Zeit nichts mehr normal. Ehrlich? Mir reicht es jetzt. Genug fundamentale, existenzielle Ereignisse. Ich würde gerne einfach leben. Mich schön erinnern können. Das Wetter ist so schön, die Natur erwacht, es ist Frühling in Deutschland. Mein Kopf steckt voller schöner Erinnerungen. Heute auf dem Weg durch den Wald haben Viveka und ich unsere Reise im letzen Jahr Revue passieren lassen. Das machen wir gerne. Levanto, Moneglia, immer wieder Paris, Hamburg, Dresden, Mannheim, Lissabon, Köln, Köln, Köln. Riva del Garda, Verona, Venedig. Schiermonnikoog.

Wenn wir unterwegs sind, machen wir das Hardcore. Niemals Fernsehen gucken im Hotel, in der Unterkunft. Die Zeit nutzen, da sein, laufen, schauen, einatmen. Ich bin so gerne mit Viveka unterwegs. Tage und Nächte. Nachts ganz allein mit ihr am Louvre oder an der Rialto-Brücke. Kein Schwein da. Nur wir. Schauen und sich halten und sich küssen im Alleinsein. Möchte ich wieder.

Diese Welt hat derzeit zu viel Drama. Ich hoffe, das wird wieder weniger.

Mama!

Gestern wurde sie, haben wir sie. Beerdigt.

Ich möchte darüber schreiben, weil ich lieber schreibe als rede. Die Geschichte erspare ich euch. Wer von euch seine Mutter verloren hat, kennt das. Was, wie, wann, wo. Die Fakten sind ein sicheres Terrain und ein guter Weg, überhaupt sprechen zu können.

Letzten Sonntag, heute vor vor einer Woche ist sie am Morgen gestorben. Sie war krank, hat sich über eine lange Zeit Stück für Stück verabschiedet. Es war schmerzhaft. Aus dem Mosaik der Hoffnung lösten sich die Steinchen. Am Ende ging nichts mehr und wir mussten akzeptieren, was kein Kind akzeptieren möchte.

Es folgt das Procedere. Der Bestatter. Die Regularien. Wie bei meinem Vater habe ich die Traueranzeige getextet. Schreiben unter erschwerten Bedingungen.

Abschied nehmen in kleinen Schritten. Es durchsickern lassen.

Dort liegt sie im Krankenbett, atmet nicht mehr, ihre Wangen, die du küsst, sind noch warm. Deine Augen möchten den Moment halten, weil er der letzte ist. Das war es nun also. Mama.

Meine Brüder, ihre Frauen. Wir waren da, an diesem Wochenende. Haben sie gestreichelt, die Hand gehalten. Wollten es, konnten es nicht glauben. Zwischendurch das Zimmer verlassen, weil es zu viel wird. Komm damit klar. Versuch das mal.

Die letzten Küsse. Ein letzter Kuss auf die Stirn, ein letztes Mal die Hand gehalten. Und sich dann in ein Auto setzen und wegfahren und den Bestatter anrufen und die Formalitäten klären. Tagelang. An alles denken.

Alles ist egal. Alles funktioniert. Und in deinem Kopf, in deinem Körper, in deinem Herz ist ein Gefühl, dass du nie zuvor gefühlt hast. Es ist das ich-habe-gerade-meine-Mutter-verloren-Gefühl. Es hat etwas von Betäubung und davon, dass ein Nebel zudeckt, was fehlt. Neben der Spur. Nicht bei der Sache. Abwesend. Verletzt.

Auf dem Weg zur Beerdigung habe ich lange mit Viveka gesprochen. Über all das Fühlen, Spüren. Sie hat beide Eltern in kurzer Zeit verloren. In den letzten Jahren. Ich konnte es nur mit einem profanen Wort ausdrücken. Nabelschnur. Die Frau, mit der du verbunden warst. Von der du entnabelt wurdest. Mehr Nähe geht nicht. Ein System, ein Atem.

Letztlich bin ich unendlich traurig.

Nun.

Ein Trost ist alles, was nach ihrem Tod geschah. Die Nähe zu meinen Brüdern, meiner Familie. Der Zusammenhalt, das gemeinsam Durchstehen. Und die Beerdigung. Die kleine evangelische Kirche im Dorf voll. Die Pfarrerin, die sie hat lebendig werden lassen. Das Lied zum Ausgang, dass sie sich gewünscht hat. Und draußen vor der Kirche noch mehr Menschen und eine lange Reihe vor der Urne.

Die Kränze, die Gebinde, die Schalen. Und so viele Menschen.

Dann kamen wir aus der Friedhofskapelle und der Himmel öffnete sich und die Sonne schien auf unserem Weg zum Grab. Auf Mamas letztem Weg schien die Sonne. Später flogen Wildgänse über das Grab. Frühling. Unsere Tante, ihre Schwester, trug die Urne.

Alles war schön und unendlich traurig zugleich. Und ich bin weiter wie benommen. Funktioniere, kann alles machen und tun und bin trotzdem vom Realen getrennt.

Ich freue mich, dass so viele Menschen ihr Wertschätzung gezeigt haben. Ich bin glücklich über die Kraft meiner Familie und das pralle Leben, auf das wir zurückgeblickt haben. Viele Erinnerungen habe ich in den letzten Tagen gehört.

Nun muss ich, müssen wir sehen, wie wir ohne sie klar kommen.

Ihre Liebe trägt. Sie war eine besondere Frau. Ich liebe sie immer.

Cabaret Cöln und die wilde Welt der neuen Roaring 20’s

Was für eine Nacht!

Kann man nicht kaufen, nicht bestellen. Muss man hineinfallen.

Norbert van Ackeren hatte uns zum Geburtstag eingeladen. Nach Nippes, Köln. Später. Den Beginn des Abends hatte er in die Palmstraße unweit des Rings gelegt. Das schon jetzt legendäre Cabaret Cöln mit Cultfaktor 1.000 gab seine Fastelovend-Show.

Palmstraße, die Modemanufaktur von Fenja Ludwig, die Heimat des Cabarets Cöln, der Ort des Geschehens. WAS FÜR EINE SHOW! Was für eine Power auf dem Schneidetisch, der an dem Abend zu den Brettern wurde, die die Welt bedeuten. Tanz, Gesang, Musik, Burlesque. Hingabe, Leidenschaft, Lust. Kostüme, nackte Haut, Verwandlungen, Tempiwechsel. Besinnlich in jenem Moment, frech, komisch im nächsten.

Profis, die den Abend gerockt haben. Songs geschmettert, fein intoniert, Körper bewegt, inszeniert. Man darf froh sein, wenn man dabei war. Das Leben macht Geschenke und verteilt manchmal Pralinen. Einfach so.

Die dritte Show der Cabaret Cöln-Kompanie. Zwei Abende für je 40 Glückliche. Dann ist voll. Intimer geht nicht, näher dran geht nicht und so ist man mitten im Geschehen und das Herz schlägt höher und die Bilder überschlagen sich und wollen nicht mehr vergessen werden. Die Bilder einer Revue, wie man sie sich vorstellt. Unbändige Künstler*innen, die alles geben. Die ihre Energie auf die Bühne schmettern. Ganz leise, fein, innerlich konzentriert und wild und bunt und extravagant. Die pure Lust der Bühnenkunst. Eingefügt in diesen exzellenten Charme des Raumes. Absolute Professionalität ohne sterile Perfektion. Raum für Lebendigkeit.

Jede/r hilft jeder/m. Singen, tanzen, Stagehand sein. Requisiten abräumen, das Musikpult bedienen, den Song bringen, den Tanz, den anderen beim An- und Ausziehen helfen. Eine echte Showtruppe, die man nur lieben kann und küssen möchte für das, was sie können, machen, tun, bieten. So leicht und schön kann Leben sein.

Ich freue mich auf die nächste Show. Und die übernächste.

Meine Liebste und ich haben uns dann zu Fuß auf den Weg zur Geburtstags- und Aftershow-Party in Nippes gemacht. Mitten durch die Karnevals-Samstagnacht. Diese Stadt ist herrlich verrückt. Schauspiele allerorten. Bilder, Bilder, Bilder. Und ein rauschendes Fest bei Norbert. Tanzen bis in den Morgen. Die Stars des Cabarets treffen, das Gefühl haben, am schönsten, richtigsten Ort der Welt zu sein.

Der ganze Abend war für mich so eine Art Heimkehr. 1994 am Ring um die Ecke, unweit der Palmstraße. Theater Kaiserhof. Ich war gerade aus Mannheim vom Nationaltheater gekommen und bei Wally Bockmayer als Regieassistent der Rocky Horror-Show gelandet. Irgendwann im Januar, Februar ließen die Kräfte der Stars nach. 6x die Woche spielen. Die Krankmeldungen rauschten rein. Anfangs besetzten wir morgens um, brachten Schritte und Songs bei. Dann wurde es zu viel und plötzlich stand ich auf der Bühne als Janet. Unter anderem.

Wer Wallys-Inszenierungen kennt, weiß was getragen wird. Ich hatte mich in ein schwarzes Lacklederkleid gezwängt. Schwarze Langhaarperücke und Highheel-Lacklederstiefel. So kam ich zum Schlusssong die Showtreppe runter. Der Saal tobte, jeder wusste, dass ich eigentlich nichts konnte. Playback. Der Auftritt und Applaus meines Lebens. Irgendwo gibt es in einer Kiste noch ein Video.

In der Pause baute ich zusätzlich die Bühne um, gab Gigi Herr ihre Requisiten. Halb angezogen für den nächsten Auftritt gab ich dann per Telefon der Technik das GO für die zweite Hälfte. Ich stand am Telefon, sprach kurz mit den Jungs und dann plötzlich hing meine Unterhose auf den Knien. Ein Joke der Tänzerinnen, die ihre Spiegel neben dem Telefon hatten. The same procedure as every evening. Technik: „Haben Sie es wieder gemacht?“, „Yep, haben sie. Wir können dann.“ Licht an, Einsatz der Band, the show must go on…

Über den Ring rüber ist Pauls südafrikanisches Restaurant. Mit Paul habe ich 92 bei den Händelfestspielen im Goethetheater Bad Lauchstädt Alcina inszeniert. Später waren wir damit auch in Potsdam im Schloss Sanssouci. Paul treffe ich ab und an in seinem Restaurant. Was ich sagen will: Das Viertel um die Palmstraße herum ist für mich ein wenig Heimspiel.

Mein Herz ist von der Bühne niemals losgekommen. Wenn ich im Theater sitze und der Vorhang aufgeht, sehe ich mich hinter der Bühne stehen. Lichtstimmung 1, der Inspizient ruft die Schauspieler*innen für die nächste Szene, die Requisite räumt, die Maske steht bereit… Hach.

Was für ein Abend das war. Wie früher, nur anders. Wild und schön im Heute.

Danke Norbert, danke Cabaret Cöln, danke Leben:)

Das Cabaret Cöln und die Künstler*innen findet Ihr überwiegend auf Facebook (https://www.facebook.com/cabaretcoeln/) sowie auf Instagram unter folgenden Hashtags:

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10 Jahre fiftyfiftyblog

18. Februar 2010, Start des fiftyfiftyblogs.

Nun. Kein großes Tam-Tam mit Kapelle und Kuchen.

Kurz gesagt: Viel passiert. Könnt ihr ja alles nachlesen. 1.066 Beiträge.

Ich feiere still – jedes Jahr ein Foto.