Cabaret Cöln und die wilde Welt der neuen Roaring 20’s

Was für eine Nacht!

Kann man nicht kaufen, nicht bestellen. Muss man hineinfallen.

Norbert van Ackeren hatte uns zum Geburtstag eingeladen. Nach Nippes, Köln. Später. Den Beginn des Abends hatte er in die Palmstraße unweit des Rings gelegt. Das schon jetzt legendäre Cabaret Cöln mit Cultfaktor 1.000 gab seine Fastelovend-Show.

Palmstraße, die Modemanufaktur von Fenja Ludwig, die Heimat des Cabarets Cöln, der Ort des Geschehens. WAS FÜR EINE SHOW! Was für eine Power auf dem Schneidetisch, der an dem Abend zu den Brettern wurde, die die Welt bedeuten. Tanz, Gesang, Musik, Burlesque. Hingabe, Leidenschaft, Lust. Kostüme, nackte Haut, Verwandlungen, Tempiwechsel. Besinnlich in jenem Moment, frech, komisch im nächsten.

Profis, die den Abend gerockt haben. Songs geschmettert, fein intoniert, Körper bewegt, inszeniert. Man darf froh sein, wenn man dabei war. Das Leben macht Geschenke und verteilt manchmal Pralinen. Einfach so.

Die dritte Show der Cabaret Cöln-Kompanie. Zwei Abende für je 40 Glückliche. Dann ist voll. Intimer geht nicht, näher dran geht nicht und so ist man mitten im Geschehen und das Herz schlägt höher und die Bilder überschlagen sich und wollen nicht mehr vergessen werden. Die Bilder einer Revue, wie man sie sich vorstellt. Unbändige Künstler*innen, die alles geben. Die ihre Energie auf die Bühne schmettern. Ganz leise, fein, innerlich konzentriert und wild und bunt und extravagant. Die pure Lust der Bühnenkunst. Eingefügt in diesen exzellenten Charme des Raumes. Absolute Professionalität ohne sterile Perfektion. Raum für Lebendigkeit.

Jede/r hilft jeder/m. Singen, tanzen, Stagehand sein. Requisiten abräumen, das Musikpult bedienen, den Song bringen, den Tanz, den anderen beim An- und Ausziehen helfen. Eine echte Showtruppe, die man nur lieben kann und küssen möchte für das, was sie können, machen, tun, bieten. So leicht und schön kann Leben sein.

Ich freue mich auf die nächste Show. Und die übernächste.

Meine Liebste und ich haben uns dann zu Fuß auf den Weg zur Geburtstags- und Aftershow-Party in Nippes gemacht. Mitten durch die Karnevals-Samstagnacht. Diese Stadt ist herrlich verrückt. Schauspiele allerorten. Bilder, Bilder, Bilder. Und ein rauschendes Fest bei Norbert. Tanzen bis in den Morgen. Die Stars des Cabarets treffen, das Gefühl haben, am schönsten, richtigsten Ort der Welt zu sein.

Der ganze Abend war für mich so eine Art Heimkehr. 1994 am Ring um die Ecke, unweit der Palmstraße. Theater Kaiserhof. Ich war gerade aus Mannheim vom Nationaltheater gekommen und bei Wally Bockmayer als Regieassistent der Rocky Horror-Show gelandet. Irgendwann im Januar, Februar ließen die Kräfte der Stars nach. 6x die Woche spielen. Die Krankmeldungen rauschten rein. Anfangs besetzten wir morgens um, brachten Schritte und Songs bei. Dann wurde es zu viel und plötzlich stand ich auf der Bühne als Janet. Unter anderem.

Wer Wallys-Inszenierungen kennt, weiß was getragen wird. Ich hatte mich in ein schwarzes Lacklederkleid gezwängt. Schwarze Langhaarperücke und Highheel-Lacklederstiefel. So kam ich zum Schlusssong die Showtreppe runter. Der Saal tobte, jeder wusste, dass ich eigentlich nichts konnte. Playback. Der Auftritt und Applaus meines Lebens. Irgendwo gibt es in einer Kiste noch ein Video.

In der Pause baute ich zusätzlich die Bühne um, gab Gigi Herr ihre Requisiten. Halb angezogen für den nächsten Auftritt gab ich dann per Telefon der Technik das GO für die zweite Hälfte. Ich stand am Telefon, sprach kurz mit den Jungs und dann plötzlich hing meine Unterhose auf den Knien. Ein Joke der Tänzerinnen, die ihre Spiegel neben dem Telefon hatten. The same procedure as every evening. Technik: „Haben Sie es wieder gemacht?“, „Yep, haben sie. Wir können dann.“ Licht an, Einsatz der Band, the show must go on…

Über den Ring rüber ist Pauls südafrikanisches Restaurant. Mit Paul habe ich 92 bei den Händelfestspielen im Goethetheater Bad Lauchstädt Alcina inszeniert. Später waren wir damit auch in Potsdam im Schloss Sanssouci. Paul treffe ich ab und an in seinem Restaurant. Was ich sagen will: Das Viertel um die Palmstraße herum ist für mich ein wenig Heimspiel.

Mein Herz ist von der Bühne niemals losgekommen. Wenn ich im Theater sitze und der Vorhang aufgeht, sehe ich mich hinter der Bühne stehen. Lichtstimmung 1, der Inspizient ruft die Schauspieler*innen für die nächste Szene, die Requisite räumt, die Maske steht bereit… Hach.

Was für ein Abend das war. Wie früher, nur anders. Wild und schön im Heute.

Danke Norbert, danke Cabaret Cöln, danke Leben:)

Das Cabaret Cöln und die Künstler*innen findet Ihr überwiegend auf Facebook (https://www.facebook.com/cabaretcoeln/) sowie auf Instagram unter folgenden Hashtags:

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#fenjaludwig #livianeador #felipegonzales #konradbohley #chang13 #borispolonski #barbaraschachtner #camilascholtbach
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10 Jahre fiftyfiftyblog

18. Februar 2010, Start des fiftyfiftyblogs.

Nun. Kein großes Tam-Tam mit Kapelle und Kuchen.

Kurz gesagt: Viel passiert. Könnt ihr ja alles nachlesen. 1.066 Beiträge.

Ich feiere still – jedes Jahr ein Foto.

Das schöne, ganz normale Leben

Kaltstart. Lange nicht gebloggt.

Dabei steht bald ein Jubiläum an. Am 18. Februar 2010 schrieb ich meinen ersten Blogbeitrag. 10 Jahre.

Angefangen hatte alles mit diesem Gedicht. Aber dazu vielleicht mehr am Tag des Jubiläums.

Kirschblütenblättersehnsucht

noch

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

jens schönlau, januar 2010

Und nun, heute?

Ein sonniger Tag Anfang Februar 2020. Alles um mich herum ist anders. Ich muss feststellen, dass außer meinen Kindern und meiner Familie nur ich die eeinzige Konstante meines Lebens bin. Ist wohl so.

Heute. Sitze ich in der Küche an meinem alten kleinen Tisch aus Abizeiten. Ein Erbstück quasi. Buchenholz, braun gebeizt, gedrechselte Füße, ein Schublade mit Furnier und gedrechseltem Knopf zum Öffnen. Gebrauchsspuren, einige Wurmlöcher, in denen niemand mehr Zuhause ist.

Ein Termin hat sich verschoben. Eigentlich hätte ich für einen Kunden, den ich schon lange betreue, an einer Strategie arbeiten wollen. Gestern habe ich mich lange eingearbeitet, heute hätte ich die Dinge zusammengefasst. Das ist aufwendig. Eine Präsentation mit Herleitung, Hinführung, Belegen, Beispielen. Das wäre einiges an Geld für den Kunden gewesen. Also habe ich ihn angerufen und vereinbart, dass wir uns treffen und über meine Sicht der Dinge sprechen. Denn am Ende des Tages geht es um Weichenstellung und Veränderung. Change. Muss man wollen, können, die Zeit muss reif sein. Ihr kennt das. Manches begegnet einem, man lehnt es ab, um es irgendwann für sich zu entdecken.

Wir haben uns am frühen Nachmittag verabredet. Ist nicht weit, um die Ecke, fast in der Nachbarschaft. Ein Traditionsunternehmen auf dem Weg. Nichts bleibt wie es ist.

Was also tun mit der Zeit bis dahin? Es stehen Renovierungsarbeiten im Flur an. Schleifen und ausbessern von Wänden. Der Hausflur ist nicht geheizt, da stecken wir kein CO2 rein. Also sagte mein Inneres: Fliehe mein Sohn vor dem, was dich draußen erwartet. Eine andere innere Stimme sagte: Du solltest mal wieder bloggen. Über das Leben.

Gut.

Es ist schön. Weil die Sonne gerade hereinscheint, weil mich eine Zufriedenheit angefallen hat. Eine schöne Ruhe. Die Kinder sind aus dem Haus, wie man so schön sagt. In Australien und Köln. Sie sind in ihr eigenes Leben gestartet und machen das gut, so weit ich das mitbekomme. Bei allem Vermissen ist es schön, sie so selbständig und stark zu sehen. Sie machen ihr Ding. Das war irgendwie das Ziel. Ich habe keine Sorge. Das ist ein gutes Gefühl.

Gleichzeitig fühle ich mich nicht alleine oder zurückgelassen. Es ist jetzt viel Raum für Beziehung. Ein Leben zu zweit. Irgendwie normal. So hatte ich das noch nicht. Wir gehen beide arbeiten, treffen uns am nachmittag oder Abend, gehen Einkaufen, kochen, essen, schauen uns Filme an, lesen, trinken Tee, lachen, streiten, renovieren, planen, fahren in den Urlaub, machen Pläne, besuchen Freunde, schauen uns Kunst in Köln an, planen im Garten. All diese normalen Dinge im Leben von Menschen.

Mir gefällt das. Es ist schön, vieles nicht mehr machen zu müssen. Kinder erziehen. Elternabende. Zum Musikunterricht bringen. Überzeugungsarbeit leisten – Paprika hat noch niemanden umgebracht!!! Raum haben. Für sich. Keine Hetze, weil das Mittagessen auf dem Tisch stehen muss. Das Leben durchtakten, den Plan B, C, D abrufen. Ruhiger leben, mit all den feinen Erinnerungen, die mit dem Gedächtnis aller Sinne da sind. Babyduft, ankuscheln, neben einem einschlafen. Bitten. „Bitte, Bapu!“ Oh. Alles da. Und dann kommt Max hier rein, besucht uns oder Pella meldet sich per FaceTime und ich bin plötzlich in Sydney.

Das war der Anfang dieses Blogs. Fifty-fifty. Jens Schönlau als der erziehende Vater, der tatsächlich 50 % übernimmt. Den Vormittag mit den Kindern oder den Nachmittag. Viel Zeit habe ich mit den beiden verbracht, wir waren viel unterwegs und haben viel erlebt. Zwergenwohnungen bauen im Wald. Aus Zweigen, Moos, Blättern. Drachen steigen lassen, im Weiher schwimmen, durch den Wald stromern, Bobbycar-Rennen. Alles abgespeicherte Filme, ein unbezahlbarer Schatz. Familienkino im besten Sinne.

Und jetzt sitze ich hier und habe ein angenehmes Gefühl, im Leben schon etwas erreicht zu haben. Viele Flausen sind weg, nicht mehr gegen alle Windmühlen anreiten, sich auch mal zurücknehmen, nicht jede Diskussion führen, nicht unbedingt überzeugen wollen. Die Fahnen sind kleiner geworden.

Im Beruf darf ich mittlerweile andere Dinge machen. Nicht nur Text. Man fragt mich nach meiner Meinung. Was ich glaube, wie es sein sollte. Die Agentur hat mir das Rüst- und Handwerkszeug vermittelt. Fundiert arbeiten, recherchieren, herleiten, den weiteren Zusammenhang sehen. Es ist immer auch ein wenig Wissenschaft. These, Antithese. Checken. Denke ich das nur, ist das mein Wunsch oder Glaube, oder ist das Wirklichkeit?

Jetzt mache ich mir einen Cappuccino und genieße ein wenig die Sonne, bevor ich mich auf die Socken mache. Der liebe Gott schenkt mir jetzt manchmal Zeit, die ich gerne nutze. Momente für mich. Raum für irgendwelche Gedanken. Sich treiben lassen in den Weiten der Welt. Ich liebe das (den Satz darf man sich nicht von dieser – Zitat Rolf Schönlau, mein Vater – „amerikanischen Fressdiele für Proleten“ rauben lassen).

Einen schönen guten Tag und beste Zeiten wünsche ich euch. Und wenn ihr mögt, könnt ihr gerne kommentieren und vielleicht kurz beschreiben, wie es euch in eurem Leben geht.

Stiller Kämpfer:)

Das Leben ist wundervoll und schön. Es ist reich und prall. Ich liebe es. Aus dem Vollen schöpfen. All die wunderbaren Dinge, die geschehen. Das neue Jahr beginne ich mit Demut und Dankbarkeit.

Gerade sitze ich in der Küche, der Ofen bollert, ich muss mit dem Heizöl sparsam umgehen. Wenn alles gut läuft, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und das Denkmalamt zustimmen, werden wir dieses Jahr auf regenerative Energien umsteigen. Also muss das restliche Öl bis zum Frühjahr reichen. Wenn nicht, muss es der Ofen schaffen. Für uns ist der Umstieg ein großer Schritt. Wärmepumpe plus Pellets für die richtig kalten Tage. Unser schöner Holzofen wird umziehen müssen, in eine andere Etage.

Das Klimapaket der Bundesregierung macht es möglich. 45 % Förderung. Wenn der Antrag durchgeht. Das Gesetz wurde kurz vor Weihnachten durch Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Es gilt seit dem ersten Januar und schon am Sonntag konnte ich den Antrag einfach online stellen. Genial. Respekt, liebe Verwaltung. Respekt. Kein Chaos. Das Gesetz tritt in Kraft und ist praktisch anwendbar. Jetzt bin ich auf den Ablauf und vor allem das Ergebnis des Procederes gespannt.

Und sonst? Hinter mir liegt ein fettes Jahr. Meine Mutter, die Familie, die Brüder. Mein kleiner Bruder, wie ich ihn seit jeher nenne, hat geheiratet. Meine Tochter Abitur gemacht. Sie lebt jetzt für eine Weile mit ihrem Freund bei einer Familie in Sydney und kümmert sich um das wunderschöne Baby Charlie. Die beiden haben gerade das Vergnügen, Essentials zu lernen. Wickeln, füttern, beruhigen, beschäftigen, ins Bett bringen.

Wir stehen in Kontakt. Facetime, WhatsAPP, Wahnsinn. Infos von der anderen Seite, Gespräche über die Brände, Gedankenaustausch über den Plan B. So weit weg und doch so nah.

Mein Junge, unser Junge. Er hat seine Ausbildung abgeschlossen, lebt nun in Köln in einer WG mit alten Freundinnen aus der Schule. Seit der Einschulung kennen sie sich. 13 Jahre in einer Klasse. Nun lernt er in einem neuen Studiengang. Luxus pur. Er ist glücklich, macht genau sein Ding. Programmiert, lernt darüber hinaus im Kontext. Macht das, was er immer wollte und was er kann. Denken. Sein Gehirn einsetzen. Input aufnehmen und umwandeln. Er ist im Wonderland. Ich konnte ihn in der Uni besuchen. Nun weiß ich, das er am richtigen Platz ist. Vaterglück.

Viel rumgekommen bin ich, sind wir in 2019. Silvester in Paris, Blick auf die Stadt vom Montmartre. Im Frühling Gardasee, Verona und fünf Tage Venedig. Mein Geburtstag auf den Treppenstufen von San Giorgio Maggiore. Portugal, Estoril, Lissabon im Sommer. Eine lange Auszeit, dreieinhalb Wochen. Weg. Raus. Weihnachten mit den Brüdern bei meiner Mutter im Haus unserer Kindheit. Weihnachtsbaum, Weihnachtsessen, bollernder Ofen. Zuhause habe ich eine Weihnachtskarte bekommen, die mich weinen ließ. Manchmal summiert sich Vergangenheit in einem Moment. Ich mag es, wenn das Leben mein Herz ergreift. Dann macht es Sinn.

Jahresausklang, Jahresstart auf Schiermonnikoog. In anderer Besetzung. Zu siebt. Spannende Tage, die wunderschöne Insel, Strand. Über die Sandbank bei Sonne und wirbelndem Sand. Der Strandspaziergang bei Dunkelheit. Das Licht des Leuchtturms, kein Mensch außer uns. Blau das Meer, die Luft. Vogelgeräusche, Wellen, das Knirschen unter den Schuhsohlen.

Nun sitze ich in der Küche an dem kleinen Holztisch, den ich 1984 im Internat von einem Flurnachbarn geschenkt bekommen habe. An ihm habe ich für das Abitur gebüffelt, nun ist er unser Küchentisch und oft mein Arbeitstisch, wenn ich frei oder im Homeoffice arbeite. Ein guter Kollege. Zwischen Kaffeemaschine und dem warmen Ofen im offenen Wohnzimmer. Um 11 Uhr habe ich eine Telefonkonferenz, morgen einen Termin in Köln. Ein Briefinggespräch in einem Café. Das Jahr läuft ruhig und entspannt an.

Meine Seele hat die Flügel ausgebreitet und schwebt. Ich habe mir die Haare abgeschnitten, bin im Modus eines stillen Kämpfers der Klarheit:) Ups. Yep. Es ist ein schönes Gefühl, in der Konzentration zu sein mit Raum über den Dingen. Das Haar hat irgendwie eine größere Bedeutung. Als meine Abi-Löwenmähne bei der Bundeswehr geschoren wurde, erwachte im Spiegel ein anderer. Seither schneide ich ab und an meine Haare ab. Lasse alle Eitelkeit gehen und sehe aus wie ein frisch entlassener Häftling. Oder ein gerade eingezogener Rekrut. Dann kommt die Frage: Hä, was ist mit dir los? Bleibt mir nur ein Lächeln. Und ein inneres „Ist mir doch egal“, wie sie sagen würde. Manchmal ist es gut, einen Schritt zurückzutreten und das Äußere außen vor zu lassen. Ups, gefällt mir der Satz. Das Äußere außen vor lassen.

Das Leben ist schön, es ist wundervoll. Ich liebe es.

Köln, raum 13 und die Frage, wie man Geschichte und Zukunft leben möchte

Es geht immer so oder so.

Ja, generell ist das Kölsche Grundgesetz geduldig und findet für jede bequeme und unbequeme Lebenslage eine Antwort. Das muss wohl so sein, wenn man Erfahrungen wie diese Stadt gemacht hat. Mal ganz oben, mal ganz unten. Mal die leuchtende Metropole, mal die brennende Stadt. Man kann nicht verleugnen, wo man hergekommen ist. Rom, Mittelalter, der Kölner Kaufmann der guote Gêrhart, die aufstrebenden Zeiten, der Weg zur viertgrößten deutschen Stadt, 1945, die wilden 70er, die Kunstmetropole…

Eine schöne, eine tolle Stadt. Aber irgendwie auch eine Stadt, die sich arrangiert hat. Die manches geschehen lässt. Die Zügel gerne auch mal aus der Hand gibt. Die sich nicht traut, Juwel zu sein. Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Der FC, der Karnevalsclub. Am Ende der ersten Liga. Es ist ja immer noch gut gegangen.

Umfrage: Wenn Sie an Köln denken, was fällt Ihnen ein? Der Dom. Klar. Der Karneval an zwei. D’accord. Der Rhein, der Zoo, das römisch-germanische Museum, der FC, Willy Millowitsch… Alles am rechten Ort, alles eingespielt. Läuft wie der Rhein Tag für Tag. Veränderung, Zukunft? Die IAA soll vielleicht kommen. Köln zur Autostadt werden. Sicherlich gibt es in der Stadtentwicklung einiges, was Zeichen setzt. Welche? Und wie groß sind die? Und was bedeuten sie für eine Stadt wie Köln im Großen und Ganzen? Wo soll die Reise hingehen…

Treten wir einen kleinen Schritt zurück und blicken wir in das Leben eines normalen Menschen. Nehmen wir mich, weil ich hier gerade an der Tastatur sitze. Was treibt mich an? Ich möchte wie alle anderen gut leben. Ich möchte, das mein Leben Sinn macht und nicht einfach nur vorbei plätschert. Ich möchte Highlights und meiner Zukunft standhalten. Meinen Kindern möchte ich etwas geben, mein Haus gestalten, meinem Leben ein Fundament geben, es ausbauen, keine Angst vor dem Morgen haben.

Eine Stadt ist die Summe der in ihr lebenden Menschen. Über eine Million Wünsche und Hoffnungen. Sehnsüchte, Schicksale. Wie wollen wir leben? Wie können wir leben? Den Hintern hoch kriegen oder aussitzen? Abwarten und Tee trinken. Die machen lassen, die etwas davon verstehen. Vermeintlich.

Otto-Langen-Quartier Köln Mülheim. Das Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG. Zeitzeugen in Form von Backstein und Hallen aus Stahl. So ein Ort, der einmal Bedeutung hatte und für den Betrachter im Begriff ist/war, zu verfallen. So ist das, könnte man sagen. Die Zeiten gehen, das Neue kommt, das Alte weicht. Abrissbirne, Planierraupe, alles auf Null und neu hochziehen. Dafür gibt es die, die das können und in allen Städten genau so machen. Die mit dem Geld, das in Zeiten niedriger Zinsen verzweifelt nach Renditen sucht. Und findet.

Sieht man gerade. Ganz konkret. Wer sich interessiert und Veränderung einer Stadt einmal mit eigenen Augen live und in Farbe sehen möchte, der nimmt sich ein Gefährt und fährt die Deutz-Mülheimer-Straße entlang. Bis vor kurzem stand da noch ein lebendiges, historisches Industrieviertel, das Köln mit geprägt hat. Hier waren die Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Werkstore gegangen und hatten Motoren entwickelt. Industriewandel, Globalisierung, nichts bleibt, wie es ist.

Weg damit, braucht kein Mensch mehr. Könnte man sagen und meinen. Oder man macht sich Gedanken und erinnert sich. Würden Sie das Familienalbum wegwerfen? Die Großeltern verbannen, die Bilder von der Wand nehmen, sie aus dem eigenen Leben nehmen?

Das gesamte Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG ist ein bedeutendes Kapitel im Familienalbum der Stadt Köln. Wegen der Größe, all der Menschen, die hier gearbeitet haben und wegen einer kleinen Kleinigkeit Weltgeschichte, die alles verändert hat. „1864 war Nicolaus August Otto zusammen mit Eugen Langen Mitbegründer der weltweit ersten Motorenfabrik N. A. Otto & Cie. in Köln, aus der 1872 die Gasmotoren-Fabrik DEUTZ AG hervorging, die als technischen Direktor Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach als Leiter der Motorenkonstruktion engagierte.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ottomotor) Hier wurde der Otto-Motor erfunden!!!

Otto, Langen, Daimler, Maybach. Da klingelt doch was. Yep. Köln war die Wiege des Automobils, der Mobilisierung der Welt. Weiß kaum jemand so wirklich. Daimler, Stuttgart. Die haben da dieses Museum, das die Geschichte erzählt. Köln hat sich immer vornehm zurückgehalten.

Weshalb eigentlich?

Die Zurückhaltung geht aktuell so weit, dass das Areal abgeholzt wird wie der Regenwald. Nun dürfen sich da einige Investoren im Renditewahn austoben und aufgrund der hohen Grundstückspreise Luxuspaläste bauen für die oberen Zehntausend. Schickes Kölle. Ein wenig Düsseldorf-Flair am Rhein. Das wird dann Wohnen am Wasser und so heißen. Und in den Verkaufsbroschüren steht so Kram wie die Verbindung von urbanem, kulturellen Leben mit dem feinen Rückzug in die Ruhe der Schäl Sick.

Stadtentwicklung ist das nicht. Das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Sehr bequem für alle Beteiligten. Ein paar Sozialwohnungen rein und alle sind zufrieden. Oder entsteht da vielleicht eine tote Trabantenstadt? Wie die Kranhäuser, von denen die Betuchten auf das am Tag flanierende Fußvolk herab lächeln? Ein Veedel wird das nicht, weil ein Veedel Durchmischung, Proporz braucht. Von allem etwas. Das macht den Reiz aus. Nippes, Ehrenfeld, Sülz. Und dann das künstlich geschaffene Areal, dessen Mutter die Abrissbirne ist. Ups! Ui, alles weg. Die ganze Vergangenheit planiert für die schöne neue bunte Welt.

Keine Zeche Zollverein, kein Landschaftspark Nord, keine Erinnerung an die Bedeutung Kölns für die Welt.

Nun kann man den Otto-Motor durchaus kritisch sehen. Smog in Los Angeles, Kuala Lumpur, den chinesischen Städten. Die Sehnsucht nach Mobilität wächst weiter. Es wäre schön gewesen, wenn man in den historischen Gebäuden der Klöckner-Humboldt-Deutz AG schon in den Siebzigern Mobilität neu gedacht hätte. Einfach mal die Visionen und Utopien der Automobilmacher um Otto, Daimler & Co. weiter spinnen. Eine Mobilität ohne diesen kleinen CO2-Haken.

Hat keiner gemacht. Nicht in Konsequenz. Lohnt nicht, wollte keiner, will keiner so richtig wirklich.

Jetzt haben wir den Salat. Hier trifft das Lokale auf das Geschehen der Welt. Und alle finden sich ab. Moment. Fast alle. Nur ein kleiner Kreis nicht. Es gibt ein gallisches Dorf, einen letzten bewahrten Raum, einen Schutzraum, der sich um das Kölsche Familienalbum kümmert.

Vor einigen Jahren schon haben Anja Kolacek und Marc Leßle begonnen, einen Teil des Vermächtnisses zu bewahren. Es gibt noch einen etwa fünf Fußballfelder großen Bereich, der noch nicht verkauft wurde. Leider ist der Bereich Gold wert. Säcke voller goldener Taler. Einige sehen sich schon wie Dagobert in Goldtalern schwimmen. Wenn auch diese letzte Bastion fällt, ist für Köln der Drops gelutscht.

Dann ist alles weg und gönnerhafte Investoren werden einen Künstler beauftragen, dem Otto-Motor ein Denkmal zu setzen. Aus Messing gegossen, mit einer Tafel versehen und Tschüss. Einweihung mit Oberbürgermeisterin, Kölsch und Musik. In unserm Veedel. Peng!

Und wie sieht die Alternative aus?

Die Stadt wird schnell erwachsen, lässt Klüngel Klüngel sein, entscheidet sich, was sie wirklich will und setzt ein Zeichen. Für die Stadt, für die Menschen, die hier leben und sagen wir es ganz pathetisch: Für die Welt. Von hier aus hat der Otto-Motor, wer hätte das damals geahnt, seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Von hier sollten nun im Geiste der Erfinder ähnlich starke Impulse ausgehen. Innovationen, neue Ideen, Lösungen, Machbarkeit, Sinnhaftigkeit. Einen Raum schaffen, im dem ein neues Denken eine Heimat hat. Den Ball der Geschichte aufnehmen und neu Geschichte schreiben.

Im Jahr 2050 werden 80% der dann rund 10 Milliarden Menschen in Städten leben, die dann aus allen Nähten platzen. 1864 galt es die Welt zu mobilisieren, 2019 gilt es, wieder Herausforderungen anzunehmen und Zukunft zu gestalten. Und ja, wieder kann, darf und soll Köln eine Rolle spielen. Das Heft in die Hand nehmen.

Aber wie?

Fragt sich die Politik. Und hofft auf Antworten, die Raum 13 seit Jahren sucht und entwickelt. Es ist einfach, ein Viertel abzureißen und in Form von neuer Bausubstanz hoch zu ziehen. Das ist für Projektentwickler 08/15. Da rollen einfach Kolonnen.

Aber wie gestaltet man einen Ort mit Bedeutung? Ein Zentrum des Denkens, in dem Innovationen entstehen, die Köln und die Städte dieser Welt brauchen? Das ist ein großer Schuh, bei dem es manchem Angst und Bange wird. raum 13 setzt hier auf Kollaboration. Auf Menschen, die sich mit Ideen einbringen. Es mag für manchen befremdlich klingen, aber es ist die Kunst hier das Mittel der Entwicklung. Der Auftakt, die Ideengeberphase.

raum 13 hat den Ort bis jetzt bewahrt und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, um ein historisches Unrecht zu vermeiden. Um die Stadt vor sich selbst zu schützen. Um ihr eine Perle in die Hand zu geben. Ein Juwel, das sich schleifen lässt.

Wie schön wäre das denn, wenn es Köln gelingt, hier etwas Außerordentliches auf die Beine zu stellen? Ein Projekt, auf das man schaut. In Düsseldorf, Los Angeles, Kuala Lumpur. Wenn hier ein Ort von Bedeutung erhalten und gleichzeitig neu erschaffen würde? Wenn hier Antworten auf zentrale Fragen entwickelt würden? Köln nicht nur Dom, Karneval und die Stadt mit Herz, sondern auch mit Verstand und Ideen. Ein Ort des Denkens und Entwickelns im Geiste der Herkunft.

Was raum 13 alles gemacht, getan, veranstaltet, initiiert, umgesetzt, gedacht hat, ist aktuell in einer Ausstellung in den Räumen der IHK zu sehen. Dort wird ein Buch präsentiert, dass zeigt und beschreibt, wie die Reise bislang aussah und wie sie aussehen könnte. Da ist viel von Partizipation, Mitmachen und Transformation, Wandel die Rede. Es muss etwas geschehen, es kann etwas geschehen. Es ist ein Projekt der Hoffnung und Zuversicht. Es könnte ein Ort entstehen, an dem neu gedacht wird und Neues geschaffen wird. Innovation für den Menschen und die Menschheit. Groß gedacht. Als eine in der Arbeit von raum 13 Vision gewordene Utopie. Eine Vision, die sich verdichtet und im Zusammenspiel der Kräfte immer konkreter wird.

Nun ist es an der Stadt, das Areal zu kaufen und das Zepter in die Hand zu nehmen. Wie wollen wird leben? Köln hat es in der Hand, Charakter zu zeigen und nicht den immer gleichen Weg der Gentrifizierung zu gehen. Es braucht Mut, es braucht Zusammenhalt und letztlich einen Arsch in der Hose, die Stadt an diesem Ort zu gestalten.

Entwicklung bedeutet hier, Verantwortung zu übernehmen. Das Areal zu kaufen, ihm einen Sinn zu geben. Die Arbeit von raum 13 aufnehmen, weiterführen, ein Konzept entwickeln, Partizipationen suchen, die diesen Ort bewahren und neu aufladen. Professionelle, fundierte Stadtentwicklung im Schulterschluss von Politik, Verwaltung, Bürger*innen, Wissenschaft, raum 13 und Projektentwicklern, deren Werkzeug nicht die Abrissbirne ist.

P.S. Hier einige Links:

Zum Buch: https://www.yumpu.com/de/document/view/62854965/zukunfts-werk-stadt-das-buch

Zur Ausstellung: https://www.ihk-koeln.de/Ausstellungen.AxCMS?ActiveID=2328

Deutzer Appell: http://www.raum13.com/global_projects/details.php?id=176&state=current&type=projects

raum 13: http://www.raum13.com/home/