In Love with Marvin, Woody & Stevie

Tatsächlich bringe ich es ein wenig durcheinander. Habe ich euch hier erzählt, dass mir Max, also Jim-Fx, mein Sohn, Kollege und Mitbewohner, mir zu Weihnachten erst drei Schallplatten und dann einen Schallplattenspieler geschenkt hat? Marvin Gaye, Miles Davis und Gil Scott-Heron.

Nachdem mein 1989 gekaufter CD-Player letztes Jahr den Umzug nicht verkraftet hatte, er wollte keine neue Location, hatte ich zwei Versuche gestartet, Ersatz zu ersteigern. Zwei Vollnieten. Geld zurück und behalt den Schrott und schönen Tag noch. Kürzlich habe ich einen weiteren plus schickem Verstärker auf dem Elektromüll gefunden. Zwei weitere Blender.

Solche Dinge nehme ich als Zeichen Gottes, an den ich mir manchmal zu glauben erlaube. Er ist wunderbar, wenn er da ist. Oder?

Was habe ich in meiner Not getan? Habe mir ein Abo andrehen lassen. Nein, nicht die Bunte noch den Stern auch nicht den Spiegel und auch nicht die Zeit, obwohl vor allem Spiegel und Zeit es auf erbärmliche Weise mit Pseudo-Umfragen im Web permanent versuchen. Sehr unangenehm und unwürdig. Nun.

Spotify. Ich war dann auch ein Jahr überzeugter Spotify-Anhänger und bin es noch, aber unser Verhältnis hat gelitten. Die Platten. Ja, man könnte mir Untreue vorwerfen. Ein missliches Verhältnis zu den Dingen. Aber nun, mal ehrlich, soll ich meine Sehnsüchte unterdrücken?

Platten.

Spotify hat etwas sehr Schönes mit mir gemacht. Montags bekomme ich eine Playlist, die zu meinen Vorlieben passt. Die Datenkrake analysiert mich, gleicht mit Facebook ab, wertet wahrscheinlich Instagram aus und manch anderes. Am Anfang der Woche dann das über Algorithmen gewonnene Ergebnis. Die neue Playlist. Maßgeschneidert, handverlesen, ein Trojanisches Pferd, ein Lockmittel, ein Suchtstoff. Für was auch immer. Irgendwas mit verkaufen, verkaufen, verkaufen.

O.K. Fast hätte ich geschrieben ein Deal. Lass ich mal. Is ’n Pseudopolitik-Idiotenwort.

Spotify hat mir Woche für Woche, Monat für Monat die Seventies um die Ohren gehauen. Blues, Funk, Soul, Jazz. Oh, ja. Und ich habe es geliebt und liebe es. I love it. Nicht den Burgerscheiss. Music. Black music. Black people music aus den Siebzigern.

Gerade läuft TROUBLE MAN von Marvin Gaye. United States of America 1972. Da konnte ich schon denken. War sieben Jahre alt und habe im Fernsehen das Bild der amerikanischen Sprinter auf dem Podest gesehen. Die Faust in die Luft gereckt. Black Panther, Black Power. Später im Politikwissenschaft-Studium habe ich mehr erfahren. Rainer hatte über Malcolm X geschrieben und präsentiert. Ich über Tuli Kupferberg und sein Stück „Fucknam“ – „den Steuerknüppel zwischen den Beinen“. New York. Off-off-Broadway. 1999 eine Woche New York. Jeden Abend Off-off-Broadway.

TROUBLE MAN hat Viveka von Woody geerbt. Woody war Jamaikaner und Viveka-Fan. Er ist, ich denke, vor zwei Jahren gestorben. Plötzlich. Vor seinem Tod hat er gesagt, dass Viveka seine Platten bekommen soll. Und weil sie keinen Plattenspieler hat, hat sie die Platten an Stevie weiter vererbt. Mit Stevie hat sie zwei Kinder. Eine coole Familie. Und Stevie ist ziemlich nett und ein ausgesprochen schöner Mensch. Er hat mit die TROUBLE MAN und zwölf weitere Platten nun weitervererbt. Die TROUBLE MAN soll Jens haben. Danke Stevie, du bist der Beste. I love you.

Ich weiß nicht, wie mir geschieht. So viele Geschenke in der letzten Zeit. Kunst, Platten. Zuneigung. Es ist schön, wenn einen das Leben streichelt und mit Aufmerksamkeiten umgarnt. Wenn die Theorie stimmt, dass sich alles ausgleicht, wenn die Theorie der Gefälligkeitsbank stimmt, dass man einzahlt und abhebt, dann habe ich entweder einen fetten Kredit aufgenommen oder vorher unbewusst eingezahlt. How ever. Egal.

Es ist schön. Punkt.

Die Siebziger sind meine Zeit. Vielleicht, weil ich dabei war, ohne dort zu sein, wo die Dinge stattfanden, die mich heute bewegen. Ich lebte in kleinen Dörfern fernab. s/w-Fernsehen. Drei Programme und mein Vater mit Programmhoheit. Er liebte die Nachrichten, ich liebte die Nachrichten. Mal heute, mal die Tagesschau. Internationaler Frühschoppen. Politik hat mich immer interessiert.

Aber ich habe nichts über Amerika, Vietnam, Nixon, Woodstock, Kalifornien, New York erfahren. Wenn ich heute die Musik aus jener Zeit höre, ist es wie ein Nachholen. Wie ein Eintauchen in eine Zeit, die meine ist. Während meiner Zeit am Stadttheater Aachen war mal eine Dance-Company aus New York zu Gast. Ich hospitierte bei Hans-Ulrich Becker und so hatte ich eine Karte für das Gastspiel und war auf der Premierenfeier in einem Club. Schwarze Tänzer. Aus New York. Ich habe die Tanzfläche nicht verlassen, weil ich auch einmal, unter anderem, Tänzer werden wollte. Ich tanze leidenschaftlich gerne. Am liebsten nach Black Music mit dem Groove. Der Körperlichkeit. Dem Raum, der alles zulässt. Den Verführungen, der Auflösung aller Gedanken, der Leichtigkeit und des Lachens. Hätten sie ein Schild dabei gehabt „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“, ich wäre weg gewesen. Wo ich wohl gelandet wäre? So habe ich eine dieser vielen unvergesslichen Nächte durchgetanzt.

All diese Seventies-Schätze sind noch da. Werden gerade neu gepresst. Wie gerne fliehe ich aus diesen Zeiten 2000+ in die geschönte Vergangenheit. Höre Gil Scott-Heron darüber reden, dass Schwarze nicht in Filmen vorkommen. Und schaue mir dann Trouble Man an. Klar, verklärte Sicht. Es gibt so viele Aspekte. Aber: So what? Es klingt einfach. Es bewegt. Es lebt. Es hat Seele. Soul. Und Groove. MUSIC.

So danke ich. Marvin, stellvertretend für alle, Woody für seinen erlesenen Musikgeschmack, Stevie für das Vertrauen sowie Max und Viveka für die Geschenke. Das ist Liebe in Vinyl.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei

Wo kommen die Dinge her, wo gehen sie hin? Was passiert zwischendurch und was passiert überhaupt. Der Vorteil des Älterwerdens ist der Gewinn an Demut. Zu oft haben die voreiligen Schlüsse nicht nachhaltig gegriffen. Meinungen sind weggebröckelt, Argumente haben sich aufgelöst, die Zeit hat ihre Spielchen gespielt und die Regeln haben ihre Antiregeln provoziert.

Letzte Woche. Freitag. Eine Einladung in Helga & Davids Atelierhaus in Cyriax, Overath. Ein rotes Holzhaus an der Agger. Ein wenig schwedisch, ein wenig wie bei Findus & Petterson (kennt man, wenn man Kinder hat, die um 2000 geboren sind).

Eine Einladung, Helgas Werk zu erleben. Ich gebe zu, ich habe mir mal wieder keine Gedanken gemacht. Was ist das? Faulheit, oder der Wunsch, unbefleckt zu schauen? Ich kann es nicht sagen. Nichts erwarten, nichts wollen, nehmen, was kommt, sehen, was es zu sehen gibt, hoffen, vielleicht. Still. Für sich. Irgendwo im Inneren.

Heute Morgen bin ich aufgewacht mit einer Sehnsucht. Erlaubt mir, abzuschweifen, ich werde zurückkommen, glaubt mir. Der Wecker schickte mir dieses penetrante Digitalgeräusch in die Ohren. Alarm. Dann setzte ich mich auf und mein erster Gedanke war ein schöner. Eine Sehnsucht nach den Magic Moments. Wie soll ich erklären, was die Magic Moments sind. Sie sind ein Gefühl von mir. Sehr weich, sehr samtig, sehr luftig und frei, begleitet von einem Lächeln und einer verführerischen Sorglosigkeit. Es ist Glück, das sich offenbart. Es ist das Wissen, dass es da ist. Irgendwo. Dass es sich zeigt. Grinst. Spaß hat. Mit mir. Es ist schön, sehr schön, dieses Gefühl der Magic Moments.

Nach dem Renovieren letzte Woche haben Viveka und ich uns auf den Weg gemacht. Erst Helga und David, später die Party von Kurt Steinhausen in Köln. Kunst & Party. Immer eine gute Mischung.

Erst haben wir lange in der Küche gesessen. Feinen Kuchen gegessen, Kaffee aus Indonesien getrunken, Tee aus Japan. Geredet. Angenähert. Ein Palaver unter Indianern, bevor es zur Zeremonie ging. Wir waren gekommen, Helgas Kunst zu sehen. Ich kenne Helgas Kunst. Sie ist die Künstlerin unter den drei malenden Künstlern, die ich intensiv begleite: Helga Mols, David Grasekamp, Norbert van Ackeren.

An diesem Freitag nun, eigentlich weiß ich gar nicht, wie mir geschehen ist, hat Helga alles erzählt. Viveka und ich saßen auf dem Sofa im Atelier in der oberen Etage. Helga zeigte uns Köpfe. Gemalt. 1991. 1992. Biographisch. Psychologisch. Seelenvoll. Ich-Auseinandersetzung, Suche nach künstlerischer Identität. Ein Spiel mit Ausdruck, Farben, Formen. Eine spätere Wiederaufnahme des Themas. Um 1995. Eine andere Sprache, ein anderer Angang.

Ich saß da und spürte, wie sich in meinem Kopf Dinge ordnen wollten. 2008 habe ich geholfen, Helgas Ausstellung im Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach aufzubauen. Später habe ich die Texte zum Katalog geschrieben. Manchmal mache ich Sachen, die ich eigentlich nicht kann. Egal. Ich hatte ein Gespür, einen Instinkt.

Neun Jahre später und viele Bilder weiter saß ich nun also dort und ordnete. Dann haben wir den Ort gewechselt und haben uns ihre neueren Bilder der Jetztzeit im unteren Atelier angesehen, in der Malschule. Ausgehend von den Strange Loops, über die ich 2011 hier geschrieben habe.

Ihre Ausstellung „FARBRAUSCH — Ausstellung von Helga Mols in der IHK Köln“ 2016/2017 in Köln hatte ich geschwänzt. Aus persönlichen Gründen. Ich hatte keinen Kopf für Kunst und anderes. Katharsis. Zeit der Reinigung. Manchmal kann man nur für sich atmen.

Nun sah ich die Bilder unten im Atelier und der Kreis wurde geschlossen. Das hat mich bewegt. Helga Mols malt nun seit rund 30 Jahren. In der Zeit hat sie einen Weg verfolgt, den sie immer wieder verlassen hat. Um den Hauptstrang anzureichern. Sie hat probiert, experimentiert, ihre zentralen Themen gestärkt. Die Geschichte lässt sich jetzt erzählen, aufzeigen, dokumentieren. Ich verstehe jetzt ihre Magenta-Bilder aus dem Kulturhaus Zanders.

Sie hat sich Farben erschlossen, angeeignet. Wenn man fragt, was ihre Stillleben und Blumen und Zweige mit den Strange Loops zu tun haben, dann gibt es eine Antwort: Alles ist eins. Das Konkrete geht im Abstrakten auf, die Köpfe tauchen in den Linien auf, die Amaryllis auch, die Magenta-Bilder, die Spritzbilder. FLOW, das mit Leinwand bezogene Auto, das im vermeintlichen Windkanal der Farben Tupfer wie Fliegen gesammelt hat (FLOW gehört zu meinen liebsten Arbeiten. All over. Würde ich einmal ein Museum gestalten, gäbe es einen schönen Raum.)

Helga Mols hat es geschafft. Sie hat ihr Leben der Kunst gewidmet und ist bereits jetzt so weit, dass sie ein Lebenswerk hat. Ihr Werk ist lesbar, die Etappen sind nachvollziehbar, die Schichten der Abstraktion bauen auf einer ermalten Welt auf.

Für mich ist es ein Luxus, wie aus Zufall einen Teil des Weges erlebt zu haben. Und für mich war es ergreifend, dort zu sitzen, im Innersten, im Atelier und all das zu sehen. Das war ein Erlebnis, das Antrieb ist für Magic Moments. Von nichts kommt nichts.

Ich würde mir einen Katalog wünschen, der das Werk stringent aufbereitet. Eine fein kuratierte Ausstellung, die Irritationen in Kongruenz überführt. Das Unsichtbare ins Sichtbare kehrt. Manchmal, und das ist das Schöne der Kunst, gibt es eine Logik, die in abstraktem Chaos aufgeht. Es gibt einen Schlüssel, der sich nicht berechnen lässt. Das ist keine Raketentechnologie, das ist höhere Kunst. Es sind Chiffren, die sich dem Wesen der menschlichen Seele nähern. Da sind wir noch lange nicht. Der genetische Code ist Kindergarten gegenüber dem, was sich in den tiefen unserer Seelen ausdrückt. Da wären wir wieder bei den Köpfen des Anfangs. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Den gilt es, zu beflügeln.

Bilder hängen, schweigen. Bilder wirken, erzählen, schreien, leben. Sie sehen wollen, sie sehen können.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei. Das Abenteuer, das Infinitesimale zu suchen. Sich auf einen Weg ohne Ende zu begeben. Und doch näher zu kommen. Immer mehr zu wissen, das Wissen wieder zu verlieren, sich aus einer Sackgasse herauszuarbeiten, um wieder einen Schritt weiter zu kommen.

Es war ein luxuriöser Nachmittag. Geschenkte Zeit. Geschenkt, wie die Zeichnung oben. 2013. Eine Verbindung zur Ausstellung 2008, so wie alles verbunden ist. Ich weiß noch nicht, wie ich mit den Geschenken meiner Künstlerfreunde umgehen soll, wie ich sie in mein Leben integriere. Ich bin kein Sammler, der Besitz interessiert mich nicht. Die Bilder hier zu haben jedoch, ist ein schönes Gefühl. Wir werden sehen. Ich sage auf jeden Fall: Danke. Für Gedanken, die sich nicht kaufen lassen. Ich liebe das.

HEILIG ABEND im Theater an der Ruhr und die geschenkte Kuh

Nun. 2017. Letzte Aktionen.

Gestern Abend hatten wir das Glück, noch einmal Barbara und Norbert zu sehen. Adriana hat im Theater an der Ruhr das Bühnenbild zu HEILIG ABEND, ein Stück von Daniel Kehlmann in einer Inszenierung von Simone Thoma, entworfen. Wir hatten schon länger vor, das Theater an der Ruhr zu besuchen. Insbesondere, um den Mülheimer Peer Gynt zu sehen. Hat terminlich nicht hingehauen.

HEILIG ABEND hat geklappt. Kurzfristig. Von Essen über Land und die Autobahn. Mit Navi und Irrtümern, wie das Leben so ist. Weil ich Pünktlichkeit als Wertschätzung des Gegenüber sehe, sind wir zu früh losgefahren und letztlich hat es ungefähr hingehauen. Knappe Minuten zu spät. Die Freude groß. Dort saßen Barbara und Norbert im Foyer. Leuchtend. Norbert hat mir eine Papprolle in die Hand gedrückt. Zum Zuhause-Aufmachen.

Das Stück, die Inszenierung, das Bühnenbild, die Musik. Es ist ein mittelgroßes Theater. Man sitzt auf einer Empore und erlebt das Geschehen von oben, es sei denn, man sitzt wie ein Teil des Publikums direkt links und rechts am Bühnenrand. Es ging um ein Verhör, eine Bombe, die Ungerechtigkeit der Welt, den versunkenen Gedanken der Revolution und die Facetten der Zwischenmenschlichkeit. Adriana hat als Verhörsituation eine Kirche geschaffen. Mit Bänken, einem Altar in Form eines Opfertisches und einem Taufbecken.

In den Hauptrollen Dagmar Geppert und Steffen Reuber. Begleitet durch Peter Kapusta. 90 Minuten Verhör, zusätzlich begleitet durch eine Sanduhr. Und die Frage im Raum: Ist die verhörte Philosophie-Professorin eine Terroristin und Bombenlegerin? Geht sie so weit, an Heiligabend irgendetwas in die Luft zu sprengen, um etwas gegen die sich auftuende Armut-Wohlstands-Kluft der Welt zu tun? Ein Zeichen zu setzen?

Zunächst habe ich es nicht geglaubt. Eine Farce. Ein saufender, geschiedener Kriminalbeamter mit Hang zu philosophischen Fragen: „Wenn niemand sieht, dass ein Baum fällt, fällt er dann?“

Zu Beginn wechselt sie das Kleid, schlüpft in das Büßergewand. Die Kirche erlaubt das Spiel mit Klischees. Die Sünde im Raum. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Die Drohung, Waterbording einzusetzen. Die Inszenierung des hochnotpeinlichen Verhörs auf dem Altar. Sie in Unterwäsche, er mit gewaschenen Händen sie abtastend. Eine Untersuchung. Heilige oder Hure. Ist sie Maria oder Maria Magdalena? Ist sie die Professorin oder Bombenlegerin.

Die Zeit läuft ab. Die staatlichen Organe der Demokratie stehen unter Druck. Was zählt? Den Rechtsstaat wahren, die Medien mit PR füttern, einfach nur gnadenlos sein?

Ein intensives Spiel auf dieser Bühne, ein Umeinanderkreisen. Man weiß, das beide ihre Mittel einsetzen. Es entstehen wunderschöne Bilder, die durch einen wunderbaren Klang- und Musikteppich begleitet werden. Man kann sich sattsehen. An den Figuren, die sich entfalten. Das sich Reinwaschen des nackten Kommissars im Taufbecken. Johannes der Täufer.

Die Zeit läuft ab. Am Ende das Läuten der Glocken zur Nachmette. Der Heiland ist geboren, der alle Schuld auf sich nimmt. Wurde die Bombe gezündet? Ich weiß es nicht. Aber sicherlich wäre nach 2017 Jahren ein weiterer Heiland nötig, die neue Schuld und in dieser Zeit auch all die Schulden der Menschheit gegenüber einander und den Mitspielern und Größen des Planeten auf sich zu nehmen.

Ein bildstarker, intensiver Theaterabend in einem besonderen Theater. Lohnt sich.

Und dann?

CAFÉ GRAEFEN. Duisburg. Heritage. Norbert. Der Barkeeper und Besitzer konnte gar nicht mehr von ihm lassen. Weitere schöne Bilder. Das GRAEFEN ist eine Kunstkneipe. Gestaltet von Eckart Graefen. So muss eine Bar sein. Verrucht, mit Geschichte, Nikotin in den Ritzen, der Boden alkoholdurchsogen. Ein Ort, der die Gesetze des Alltags aussetzt. Die Grenzen der Vernunft ausloten. Reden. Lachen. Den anderen Blick auf die Welt richten. Ich liebe das. Ich liebe das Ruhrgebiet. Duisburg, Essen, Mülheim.

Und so freue ich mich, am Ende des Jahres hier gewesen zu sein. Nur zum Feiern rausgehen. Zuhause habe ich dann Norberts Rolle geöffnet. Er hat mir die Kuh geschenkt. Liebster, danke. Wenn man ein Kunstwerk geschenkt bekommt, hat das nichts mit Materie zu tun. Alles, was man sieht, ist etwas anderes. In diesem Falle Freundschaft, Respekt, Wertschätzung, Liebe und das Wissen, in dieser Welt in wesentlichen Teilen gleich zu schwingen.

Ich freue mich auf 2018 und Barbara und Norbert und Schachten & Ackern und neue Wiedersehen und diese reiche Welt. Gestern Abend hat mein Herz berührt. Ein Zustand, den ich sehr mag. Das ist pure Droge. Menschen können sich gegenseitig im positiven Sinne abschießen und fliegen lassen. Ich bin ein Flieger. Ich grüße euch alle und die Sonne und wünsche euch beste Zeiten immer und überhaupt.

Die Kuh von Norbert van Ackeren zur Weihnacht

Nun. Es geht auf das Ende zu. 2017 haucht den Atem aus. Ich muss zugeben, ich werde ein wenig sentimental. Das hat auch damit zu tun, dass ich heute meinen letzten Job abgeliefert habe. Eine Präsentation vor Nonnen. Monate Arbeit. Kopfzerbrechen, Seelenqualen. Einer sozialen Sache gerecht zu werden, ist etwas anderes.

Sie haben sich bedankt. Sie waren in der Sache kritisch, letztlich glücklich und mir gegenüber sehr nett. Ihren Segen für das nächste Jahr habe ich. Das war ein schönes und besonderes Gefühl. Von Herzen. Es war ein außerordentlicher Nachmittag, für den ich nicht unbedingt ein Gehalt gebraucht hätte.

Morgen noch. Eine Stunde Arbeit und dann wars das. Noch ein Brunch in der Agentur, am Nachmittag kommt Viveka, wir werden einen Baum besorgen, einkaufen, die Liebe feiern. Mindestens.

Doch zuvor fliegt mich dieses Jahr an. Ich bin immer noch auf der Suche. Eben habe ich eine weitere Speicherkarte gefunden und die unverarbeiteten Bilder. Duisburg. Norberts Atelierauflösung. Kein Wort drüber verloren, obwohl ich das Atelier zuvor so lange hab sehen wollen. Es war überwältigend. Riesige Arbeiten. Starke Kunst. Gewaltige Bilder.

Ich habe es nicht geschafft, darüber zu schreiben. Wie so oft in diesem Jahr. Die Bilder eingefangen. Liegen gelassen. Der Kopf war woanders.

Ein wenig bin ich irritiert.

Klar, die Dinge haben sich verändert. Ich mag nicht mehr über jede Kleinigkeit schreiben. Die Zeiten sind vorbei, als ein Grashalm im Wind eine Story war. Es interessiert mich nicht mehr. Ganz einfach. Aber dennoch ist da der Wunsch, zu schreiben. Die Buchstaben fliegen zu lassen. Nur ist die Kunst, das Alphabet durcheinander zu wirbeln, etwas anderes, als der Wunsch, tatsächlich zu schreiben.

Es ist eine mir fremde Ernsthaftigkeit eingezogen. Woher auch immer sie kommt. Wer weiß. Zeiten der Veränderung, des Umbruchs, des Aufbrechens und Ankommens.

So klicke ich mich durch die Bilder der Speicherkarten. Norbert van Ackeren. Die Kuh. Ich liebe sie. Einfach nur eine Kuh, wie ich sie hier den ganzen Sommer über sehe. Ein Portrait. Wunderbar. Ein fester Blick, eine Offenheit, ein Charakter, eine Seele. Egal, ob Tier oder Mensch. Für etwas stehen. Das sein, was man ist. Damit zufrieden sein. Es ist ein schönes Bild, gut gemalt, voller Ausdruck.

In meinem Kopf gibt es kleine Galerie, die ich besuchen kann. Darin gibt es einige Bilder, die ich mal gesehen habe. In Galerien, Museen. Eines ist eine Skulptur aus Pompeji, ein kleiner, zarter Faun. Ich mag es, wenn die Dinge zart sind. Wenn sie etwas Feines ausstrahlen, eine Kraft ohne Aufwand. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kuh Einzug halten wird. Genaueres weiß ich erst später. Ich entscheide das nicht. Wir werden sehen.

So weit. Gute Nacht. Morgen noch und dann Ferien. Zwei Wochen. Ich möchte nichts mehr sehen und werde mich mit Viveka einschließen und nur noch zum Feiern rauskommen.

Social Media Spielzeug für Herrn Schönlau

Manchmal fühl‘ ich mich ein wenig wie Catweazle. All dieser neumodische Kram. Was möglich ist. Mit den Social Media und Smartphones und MacBooks. Vom Ursprung her komme ich aus der Ecke Text. Das gute, schöne alte Wort. Die faszinierende Möglichkeit, Buchstaben aneinanderzureihen.

Nun sind Texte s/w. Unbewegt. Auf einen Hintergrund gesetzt mit mehr oder weniger Botschaft. Texte verlangen, zumindest, gelesen zu werden. Lesen, nicht lesen, das ist hier die Frage. Es geht um Kommunikation. Dieses Sender-Empfänger-Modell. Ein Nachricht senden, eine Nachricht empfangen. Wusch. Etwas damit machten, tun, anfangen. Können.

Das geht jetzt eben einfach auch anders. Zoe ist gerade in Neuseeland. 4 Wochen über Weihnachten mit teilweiser Befreiung vom Unterricht. Wir Whatsappen. Klar. Am liebsten über Sprachnachrichten, noch lieber über Video. Sie hat sich ein Surfbrett gekauft und ja, da ich Windsurfer bin, weiß ich, was es heißt, ein Board zu kaufen. Es ist. Nun. Es hat eine Form, ein Finish, Linien, eine Sprache und eine Design. Es geht darum, wie es sich im Wasser verhält. Bei Wind, bei Wellen. Wie es auf Fußdruck reagiert, wie schnell es angleitet, wie es sich anpaddeln lässt, welchen Grip es in Kurven hat. Das ist eine Wissenschaft für sich. Wenn du draufstehst und fährst, weißt du, was es kann. Und was nicht. Und ja, es soll einfach schön sein.

Sie hat mir ein Video geschickt. Wow. Das ist ihr neues Brett. Cool. Like it. Das ist Kommunikation, das ist das Wesen von Social Media. Es ist: Leicht.Du drückst auf einen Knopf, filmst, nimmst auf und Beng ist es auf der anderen Seite der Welt. In Farbe. In Echtzeit. In Sekunden.

Wenn ich nun ein Gedicht schreibe, einen Blogbeitrag über die Lage der Welt oder meinen Hund oder Seelenzustände oder was weiß ich schreibe, dann ist das einfach nur Text s/w. Ohne Bild. Das muss man sich selber denken, machen, tun.

Nun bin ich über den Hinweis einer Kundin auf Instagram gelandet und habe plötzlich die Lust am Video entdeckt. Skurrile Bilder und Mitschnitte aus dem Leben. So wie das Video oben aus dem Eulenspiegel in Essen. Ein Kino, das unter Denkmalschutz steht und seit den Fünfzigern unverändert Filme zeigt. Viveka und ich haben dort Fatah Akins „Aus dem Nichts“ gesehen.

Am Ende waren wir allein im Kino, die Musik lief, die ganze Geschichte des Kinos lag vor uns, vorne standen rechts und links die beiden Orgeln. Roter Punkt, drücken, Schwenk, Video, Instagram, ab dafür.

Ich muss sagen, das gefällt mir. Es ist eine neue Spielart. Bislang bin ich durchs Leben gegangen und habe nach den Textgeschichten gesucht. Parallel habe ich fotografiert, um die Geschichten zu bebildern. Das Ganze fing 2010 an. Nun, 7 Jahre später, kommt Video hinzu. Videoschnipsel. Verzeiht bitte, dass da einiges noch sehr ungelenk ist. Nun. Sponti. Ein Kind der Siebziger. Einfach mal machen und denken, es ist irgendwie Kunst. Oder sowas. Smile. „Walking the lights“ auf Facebook. JA. Egal. Hauptsache, es macht Spaß.

Und da ich mein Geld dann immer noch mit Text verdiene, kann ich in Bild und Ton noch ein wenig rumdilettieren. Habt ein wenig Geduld. O.K. Fürs Protokoll und mein Blog-Tagebuch, hier das Video:

Durch die Nächte schlendern

Ich weiß nicht. Plötzlich ist dieses Jahr vorbei und ich habe das Gefühl, es verpasst zu haben. Mann. So viel gearbeitet. Ein Rekordjahr. Jobmäßig. Kohlemäßig. Drei Markenprozesse. Ein Buch geschrieben für Kunden. Unendlich viele Jobs gerockt. Jetzt suche ich zwischen all dem nach mir. Was hab ich eigentlich gemacht?

Tatsächlich muss ich überlegen. Hamburg, London waren letztes Jahr. Paris auch. Dieses Jahr Italien. Zwischendurch ist mein Rechner abgerauscht. Waren da die Bilder des Jahres drauf? Wo war ich? Was habe ich gemacht? In Italien in der Hängematte gelegen. Diese Wanderung, als vor mir die grüne Schlange tatsächlich aus dem Gebüsch vor mir über den Weg flog. Rechts war eine Mauer und plötzlich wie ein Pfeil. Lang, grün. Auf dem Rückweg von der Himmelstreppe. Viveka und ich waren trotz hoher Wellen zu dem Felsen rübergeschwommen. Nackt. Den Fels hochgeklettert.

Die Lesung im Frühjahr in Duisburg. Auf der Bühne mit Adriana, Barbara und Norbert. Die vielen Spaziergänge mit Viveka. Nachts durch Städte. Essen, Köln. Wie kann einem so ein Jahr so verloren gehen? Wo war ich?

Schaue die Speicherkarten durch. Große Lücken. Sprünge von hier nach dort. Dazwischen Autobahn. Zuletzt waren wir in Aachen bei Andreas. Özkans Geburtstag feiern im Exil. Und danach ins Dumont. Eine Zeitreise. Studium. Damals. Und der DJ von damals legt immer noch auf. Aachen. Andreas hat Platten aufgelegt. Wir haben in einer WG gewohnt, wir haben die Welt 352.251 mal gerettet. Mindestens. Die Weltformel haben wir gefunden, haben bis morgens diskutiert, geredet, gelacht. Dann mit dem Fahrrad in die Uni. Heimkehr. Vielleicht werde ich auf die alten Tage auch einfach nur sentimental. Ach. Ich war immer sentimental. Ich liebe es, sentimental zu sein. Ich liebe es, sentimental sein zu können. Den Raum zu haben. Mir fehlt der Raum. Business. Leistung. Menschen bewegen. Antreiben. Ihnen ein WHY einpflanzen. Macht. Bewegt euch, verändert euch. Habt ein Ziel. Macht es nicht für nichts. Das war dieses Jahr sehr anstrengend.

Mit Viveka durch die Nacht.

Wenn man einen Menschen sehr liebt, ihn nicht jeden Tag sieht und dann plötzlich mit ihm Zeit verbringt und es sich so gut anfühlt und man nicht will, dass man wieder auseinandergeht und man wieder die Sachen packt, und den Koffer für ‚in zwei Wochen‘ Zuhause stehen lässt, den Kulturbeutel unausgepackt ins Bad wirft und all die Autos zählt, die da vor, neben, hinter, über einem rumfahren. Mit ihr durch die Nächte. Die Kamera dabei. Ihre Hand halten. Sie sehen. Die Stadt sehen, egal welche. Linien aufnehmen, sie spüren, küssen, weiterziehen, in eine Bar, die Bahn, das Türschloss, die Wohnung. Die Sehnsucht reist, fährt mit.

Nun. Das kommende Jahr. Wenn alles klappt, so Gott will, ziehen wir zusammen. Das wird mir ein Stück Einsamkeit aus einer Ecke meines Körpers nehmen. Ich sitze gerade bei ihr am Schreibtisch. Sie ist auf der Weihnachtsfeier ihrer Firma. Sie war aufgeregt, wollte nicht hingehen. Sie ist gegangen. Gut. Gleich irgendwann kommt sie. Ein neues Wochenende liegt vor uns. Dann noch eine Woche und wir haben zwei Wochen Urlaub. Zusammen.

Als ich heute hier ankam, war ich allein. Auf dem Schreibtisch lag ein kleines Fotoalbum. Indonesien Ende der Neunziger. Viveka in Shorts am Strand. Ein wunderbares Foto. Die Welt immer wieder neu entdecken. Heute dachte ich, ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Sollte man das nicht einmal wirklich ernst nehmen? Das Fest der Liebe? Was macht das mit einem? Die Liebsten lieben. Vielleicht einmal anders als an all den Weihnachtstagen der Vergangenheit? Wie feiert man ein Fest der Liebe? Fernab von Braten und Spekulatius.

Nun. Jetzt ist sie hier. Das Wochenende beginnt. Mein Herz hüpft, ich genieße den Luxus, zu lieben. Weihnachten kann kommen. Ciao:)

Wir müssen dringend reden…

Hey, was geht ab. Normalerweise beziehe ich hier irgendwie Stellung und kommentiere das Leben oder gebe Erkenntnisse und Gedanken preis. All dieser Kram, der mich bewegt. Seit geraumer Zeit bewegt mich nichts. Das heißt genau genommen: Es bewegt sich alles, aber ich will nicht. Nicht das. Mein Inneres spielt Toter Mann und wartet auf ein Zwischending aus Inspiration und Erleuchtung. Lieber Gott, schick mir ein Zeichen. Lottogewinn. Wiederauferstehung Jimi Hendrix. Der Papst heiratet. Sowas.

Tatsächlich habe ich mal geglaubt, ich wäre ganz nah dran. Ups. Nun. Das ist das Schöne. Überhaupt und dann auch am Älterwerden. Sich selbst überholen, im Rückspiegel der eigenen Unzulänglichkeit betrachten, den kleinen Jungen dort sehen und Gnade vor Recht ergehen lassen. Komm, komm, ich lege meinen Arm um dich und wir schauen einfach nur. Mehr nicht. Nichts wollen, nichts zwingen, nicht schreien, nicht poltern und auch nicht verzweifeln oder den Kopf in den Sand stecken. Wozu auch.

Viveka und Spotify haben mich durch dieses Jahr getragen. Es war ein merkwürdiges Jahr. Alles gut auf dem Papier, die Bilanz stimmt, im Grunde gibt es nichts zu beklagen. Gut, diese Welt da draußen. Dieses Ungemach.

Auf Ebay habe ich Beuys gesucht. Eigentlich die DVD, weil wir es nicht ins Kino geschafft haben. Jetzt muss ich unterbrechen an dieser Stelle. Versteht ihr jetzt nicht. O.K. Also: Gestern habe ich Beuys auf Ebay gesucht, den Film. Da wurde mir ein Originaldruck angeboten. Für 22,80 €. Yep. Und wisst ihr was ich gemacht habe? Gestern nichts. Aber gerade, als ich daran gedacht habe, habe ich mir das Ding gekauft. Weil ich mich sehne. Weil all das da draußen gerade schmerzt. Ich könnte Gewalt anwenden und einigen echt…

Beuys. Es ist eine gerahmte Karteikarte, auf der steht: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Da wären wir dann ja schon einige weniger. Dann könnten sich einige Maulhelden der Gegenwart erst einmal wieder ganz weit hinten anstellen. Nein, bitte noch ein ganzes Stück weiter ganz hinten. Die Welt ist doof. Mit Doppel-O wie WC.

Mein Kopf sucht nach Auswegen. Ich versuche zu fliehen. Als alles ein wenig smarter war und sich in meinem Körper ein Gefühl der Beruhigung und des Aufgehobenseins eingestellt hatte, da durfte ich mich den zarten Gedanken und Gefühlen hingeben. Das war Denken wie auf Droge. Das hatte eine entspannte Leichtigkeit mit Flughöhe im Himmlischen. Das ist in diesem Jahr 17 im Nebel der Geschehnisse verflogen. Ich denke, ihr habt die Nachrichten verfolgt. Und ja, die hatten einges zu bieten. Nicht, dass die Welt jemals langweilig war. Mitnichten, nein, aber aktuell gehen die Weichenstellungen in Richtung eines kratzenden Ungemachs. Die Bad Boys haben die Oberhand gewonnen.

Jungs der Freude: Weinstein, Gauland, Trump, Amri, Putin. Die Jungs in Saudi Arabien, Nord-Korea, Iran, Somalia, Ägypten, Libyen, Venezuela… Würde man auf einem Globus der Duseligkeit all die Länder des Wahnsinns 17 pink einfärben, würde man glauben, die Welt gehöre der Telekom.

Contenance. Die immer wieder neu heraufbeschworene innere Ruhe. Du schaust zu. Du verfolgst es, siehst es. Wir hatten einmal etwas erreicht. Das Kinde mit dem Bade. Mit dem Hintern einreißen. Sorry: Mit den fetten Ärschen der Idioten.

Manchmal denke ich: Ey, 1965 geboren ist echt Kacke. ’68 war ich 3. Da war ich nicht nicht so weit. Und als es losgehen sollte, kam 83 diese Schlaftablette aus der Pfalz. Die Einheitskanzler-MONOTONIE. 16 Jahre. Da war ich 34 und zweifacher Vater. Und dann hat er in einer Talkshow gesagt, dass er Karamellpudding liebt. Da war mir alles klar. Da waren wir ganz am Ende angekommen. Da blieb nur noch Karamellpudding. Alles eine Sauce. Du kommst endlich an und willst den Ballsaal betreten und dir das Hirn raustanzen, da klappt der Gitarrist einen Koffer zu und sagt Gute Nacht. Fuck.

Gut. Dann kamen Gorbatschow und Perestroika und Glasnost und Abrüstung und G8 plus Russland und die IRA wurde friedlich und selbst die baskischen Separatisten hörten auf, Autobomben zu zünden. Der Weg ins Paradies war frei…

Puff, Beng, Bumm. Aktiencrash, die Türme 2001. Alles, alles, alles vorbei. Gegen das Folgende war Vietnam Kindergarten und Apokalypse now ein kleiner Gruß aus der Küche. Amuse Gueule.

Es sind alle verrückt geworden. Die Welt spinnt. Jeden Tag noch ein wenig mehr Zunder ins Feuer. Nordkoreanische Raketentests. Voila. Jerusalem. Krim. Ausstieg aus dem Klimaabkommen. Brexit. Wir sehnen uns nach neuen Grenzen und Nationalstaat. Orban. Kaczyński. Mitten in Europa. Griechenland war ein Problem?

Ich möchte wieder in meinem Maikäfertal spazieren gehen und mir Gedanken über das Wetter machen. Schauen, wie sich die Wolken im Winde verwehen. Tatsächlich habe ich eine Sehnsucht, wieder über Banalitäten zu schreiben. Sie aus dem Nichts zu überhöhen. Die Zeit ist nicht so. Nicht mehr so. Sie war nie so. Aber es war einfacher, Dinge auszublenden und alles zu romantisieren. Das fällt gerade schwer.

Die New York Times hat heute publiziert, dass Trump bis jetzt 103 Mal nachweislich gelogen hat. Obama in seiner gesamten Amtszeit 18 Mal. Dennoch folgt Amerika Trump. Dennoch verabschieden amerikanische Politiker Trumps Steuerreform.

Wir haben nicht Trump, wir haben eine verfickte Partei mit A. Die lügt auch. 13 % folgen. Beuys. Früher in den Diskussionen um die Rettung der Welt ging es immer darum, was man tun muss. Was der nächste Schritt ist. An welcher Stellschraube man drehen muss. Es geht nicht mehr um Rettung. Das Spiel ist ein anderes. Der Ausgang ist egal. Wir stehen am Roulette-Tisch und sind in den schwitzigen Händen der scheuklappenbeengten Zocker.

Ich schaue zu, lese mit, höre Spotify und telefoniere mit Viveka. Das ist das, was ich liebe. Das ist in einem Satz 2017. Was 2018 wird, weiß ich nicht. Was ich weiß, es muss sich etwas tun. So geht das nicht. Auf keinen Fall. Zu viele Arschlöcher regieren die Welt.

Nun. Sie sind gewählt. Man bekommt immer das, was man verdient. Und dann höre ich die Musik der 70’er. Gil Scott Heron.

Ich verabschiede mich mit einer Perle aus den Neunzigern. Hat mir Spotify vor die Füße gespielt. Stereolab aus London. Metronomic Underground. 9:45. Ihr könntet ein wenig Geduld mitbringen:) Bleibt mir nur, euch und das Leben zu küssen. Lasst uns nicht aufhören, zu fliegen. Und zu küssen. Und all den Scheiß zu machen.

Tanzen, lieben, sterben mit Romeo & Julia in Köln

Es war schön, in Köln viel zu früh anzukommen, um Viveka zu treffen, die dann doch noch einmal weg musste. Also habe ich mir die Nikon geschnappt und habe mich auf den Weg gemacht. Über das Gelände des Carlswerks, auf dem früher einmal Kabel fabriziert wurden. Heute residiert hier übergangsweise das Schauspiel Köln. Im Depot. Wahrscheinlich werden dort sonst die Bühnenbilder und die Ausstattung aufbewahrt, nun ist es der Ort des Geschehens. Bis das neue Schauspielhaus aus Ruinen auferstanden ist.

An diesem Abend wohnen dort Romeo und Julia. Wir befinden uns in der tiefen Vergangenheit Italiens, in Verona und stehen als Zuschauer zwischen den Fronten. Für die Montagues auf der einen Seite? Oder doch für die Capulets?

Wie geht man mit solch altem Stoff um? Was macht man mit dem Klassiker der Klassiker auf der Bühne? Ich war gespannt. Das Programmheft und meine ersten Blicke ins Netz hatten schon ein wenig vom Bühnenbild und den Kostümen gezeigt. Modern, wie es dann so heißt. Was ja nun zunächst nichts heißt. Wer möchte schon Shakespeare im Pumphosen.

Das Saallicht ist noch an, der Vorhang geschlossen, Musik dahinter. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen Maskenball, wie er im Amnesia auf Ibiza stattfinden könnte. Die Bühne besteht aus Glasboxen, die sich über Türen und Drehtüren öffnen und verändern lassen. Das Glas zeigt das ganze Geschehen. Anfangs hat jeder seine Box. Mal sind die Türen geschlossen und die Stimmen dringen nur über Mikros nach draußen, mal geben sie den Weg frei, um vorne an der Rampe zu spielen.

Wir haben im Stück einiges übersprungen und stürzen uns in das Aufeinandertreffen Romeos und Julias auf dem Kostümball der Capulets. Es wird getanzt. Wild, zeitgemäß, stilvoll. Julias Mutter heizt ein, ist die anfeuernde Gastgeberin. Ein fantastisches Tableau, das lange steht und dem man gerne zuschaut. Eher eine Performance als ein Schauspiel. Schönes Licht, gute Musik, ein spannendes Bild zum Auftakt. Das Ensemble tanzt ziemlich gut. Ich hätte noch lange zusehen können und hätte es einfach als Ballett genommen. Aber wird sind ja erst im zweiten Akt.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Romeo und Julia. Liebe auf den ersten Blick. Der Zwist der Familien, ein rasender Tybalt, ein erschlagener Mercutio und bald darauf ein erschlagener Tybalt. Was für ein Drama. Rasant gespielt, fesselnde Kampfszenen. Theater, Theater.

Und immer wieder schöne Bilder und Szenen. Die wunderbar gespielte Amme (Sabine Waibel) im Gespräch mit Bruder Lorenzo (Benjamin Höppner). Erst sprechen sie, dann unterhalten sie sich in Zitaten und dann in Songs. Purple Rain. Depeche Mode. Lust am Spiel. Es waren sicherlich muntere Proben. Viel durfte, viel ist geblieben. Es ist schön, wenn Schauspieler dürfen.

Der zarte Moment. Die Balkonszene. So schön gespielt, fein gesprochen. Die Nachtigall. Die Lerche. Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen. Wollen, dürfen, können. Gehen, bleiben, fliehen. Im Hintergrund nur ein säuselndes Liebespaarknäuel. In einer der Glaskabinen ineinander versunken. Wenn doch nur die Liebe immer die Oberhand behielte. Wenn sie doch die Kraft hätte, all das andere hinweg zu wischen. Wie könnten die beiden in den Sonnenaufgang gehen und die Welt mit Anmut bezaubern.

Wäre da nicht diese Welt. Wären da nicht diese Vorstellungen. Ein Montague? EIN MONTAGUE? Mitnichten. Die Mutter, Julias Mutter, einen Vater gibt es in der schön reduzierten Fassung nicht, hat andere Pläne. Paris soll es sein. Julias Gatte werden. Wo sie doch schon heimlich geheiratet. Romeo, der aus Verona verbannt ist. Hätte er Tybalt in seiner Raserei doch nicht erschlagen…

Ying und Yang. Die Liebe und die Rache vereint sind keine gute Rezeptur. Aber wem sagt man das 2017. Menschen. Es ist ein hin und her. Viel los auf der Bühne. Irgendwo ein Monolog, ein Dialog. Darüber, dahinter, daneben die anderen. Ein wildes Treiben. In einer Szene erheben sich die zerschlagenen Körper von Mercutio und Tybald. Zu Geistern werden sie, die im Raum sind. Zu Boten des Unheils, die im Spiel ihre Bahnen ziehen. Blut ist geflossen, die weiße Weste ist gefärbt. Es macht viel Spaß, dem allen zuzusehen. Romeo und Julia ist gute Unterhaltung. Bei Shakespeare im Buch und an diesem Abend auf der Bühne des Schauspiels Köln.

Es ist bekannt, am Ende ist das Liebespaar gestorben. Auch den Paris rafft es dahin. Die Mutter bleibt, die stark aufspielende Yvon Jansen, die kalt und warm und herrisch und besessen und mütterlich kann. Am Ende gab es viel Applaus für das Ensemble, für Romeo & Julia, für Thomas Brandt und Kristin Steffen, die auch im Verneigen nicht voneinander lassen konnten. So hat die Liebe doch gewonnen, denn der letzte Vorhang ist auch nur eine Vorstellung.

Saturday Night in Köln

Samstagnacht in Köln. Wir wollten uns mit Barbara und Norbert treffen. Eigentlich hier in Mühlhausen, aber die Wochenenden bei Künstlerfreunden sind rar. Auftritte, Jobs. So haben wir uns im Belgischen Viertel verabredet. In der Malschule Reinkarnation. Ein Auftritt von Barbara und Doris mit ihrem Programm Interstellar. Gerne. Immer wieder gerne.

Wir konnten in Barbaras Wohnung schlafen. Von dort haben wir uns am frühen Abend aufgemacht. Von Deutz an den Rhein auf die gegenüberliegende Seite des Doms. Die Sonne ging unter, die Betonstufen am Ufer waren voller Menschen. Es war warm im Oktober, ein Wettergeschenk, eine Sommerverlängerung.

Dort saßen wir und schauten wie alle. Dann machten wir uns auf den Weg. Über die Kaiser-Wilhelm-Brücke quer durch die Stadt ins belgische Viertel. Der Auftritt. Wir kamen zu spät. Ich hatte die Einladung falsch gelesen. 19.30 statt 19.00. Ohne Brille. Egal. Wir sahen, hörten das Ende und tauchten ein, halfen beim Abbau, verstauten die Bühne im Kombi und ergatterten einen Tisch draußen in einer Pizzeria. Aßen, tranken, lachten, lebten Köln. So schön. Mit Doris und Martin, Norbert kam später aus Düsseldorf und irgendwann fanden wir uns tanzend in der Wohngemeinschaft wieder. In der Bar zum Hotel, in dem Viveka und ich früher einmal im Fotografenzimmer übernachtet hatten. Wir tanzten und irgendwann war es 5 Uhr morgens. Wie die Zeit vergeht. Und wir machten uns auf den Weg nach Deutz. Mit niemandem bin ich so gerne unterwegs wie mit Viveka. Schlendern, schauen, staunen, lachen. Um 05:40 Uhr im Bett. Glücklich. Kölner Nächte.

Was ihr auf überhaupt gar keinen Fall wissen dürft

Viveka hat mich gebeten, nicht darüber zu sprechen. Also schreibe ich. 2018 werden wir zusammenziehen. Uah. Yep. Endlich. Dann werden wir seit 6 Jahren zusammen sein und unendliche Autobahnkilometer zurückgelegt haben, um einander in den Armen zu liegen.

Man weiß nie, wie die Dinge geschehen, wie sie sich entwickeln. Anfangs waren wir naiv, so naiv, wie man anfangs ist. Zwischendurch waren wir frustriert und haben manchmal geglaubt, alles sei nur ein Traum, eine Fatamorgana, eine einzige Vorstellung.

Wir haben gestritten, waren verzweifelt, haben uns zusammengerauft, haben die Hoffnung verloren, haben die Hoffnung gewonnen, waren am Boden und dann im Himmel und bei den Sternen.

Wochenendbeziehung. Ist man dann nur halb so lang zusammen? Zählen die Tage, an den man nur telefoniert und mailt, nicht?

Egal.

Jetzt.

Es wird konkret. Nun geht es um Möbel, Zimmer, Übergabe, Job. 2018 werden Viveka und ich zusammenziehen. Wir werden hier auf dem Land leben in diesem Haus. Es wird unser Haus sein, unser Leben. Wir werden überlegen, wie wir alles angehen, wir werden planen und im emotionalen Chaos versinken. Ich freu mich darauf. Es wird intensiv werden. In alle Richtungen. Max habe ich es eben gesagt. Er hat gelächelt.

Existenziell wird es werden. Nach all den Jahren neu. Es kribbelt. Es berührt.

Aktuell sind wir in einer Phase, in der wir uns beschäftigen. Unseren Hunger stillen nach Inhalten. Nach berührt werden. Ibsens Peer Gynt. Chabrols Vor Einbruch der Nacht, Sautets Mado, Anfang November Romeo und Julia in Köln. Heute haben wir den ersten Aufzug gelesen.

Es kribbelt. Es ist bewegend. Nach all der Zeit könnte ich weinen. Und gleichzeitig verstehe ich nichts von dem, was das Leben ist und mit uns macht. 2012 noch war alles ganz anders. 2018 wird nach einer Phase der Kulmination etwas Neues beginnen, das Bedeutung haben wird. Nun.

Der wunderbar wundersame Peer Gynt am Schauspiel Köln

Ach, was für ein schöner Abend! So erfrischend, so theatrig, so ein schönes Schauspiel voller Bilder, Sprache, Musik, Bühne, Kostüme.

Lange nicht mehr war ich im Theater. Die Aufführungen in der Waldorfschule meiner Kinder. Klassenspiele. Berührend. Aber in einem Stadttheater? Ich weiß nicht, wann zuletzt. Ich hatte mich nach meiner Zeit als Regieassistent am Nationaltheater in Mannheim entfremdet. War von Hans-Ulrich Becker zu Wally Bockmayer gewechselt und bin dann irgendwann in die Werbung.

Aber das Gefühl habe ich nie verloren. Die Sehnsucht auch nicht. Wenn das Saallicht ausgeht, der Vorhang langsam den Blick frei gibt und der Beleuchter die Lichtstimmung 1 hochfährt. Peer Gynt. Gespielt von einem 8-köpfigen Männerensemble unter der Regie des Intendanten Stefan Bachmann. Die schlichte Bühne mit großem, schrägem Drehkreis in der Mitte von Olaf Altmann und die Kostüme von Jana Findeklee und Jogi Tewes.

Acht Männer auf der Bühne. Jörg Ratjen, Nicolas-Frederick Djuren, Marek Harloff, Niklas Kohrt, Justus Maier, Max Mayer, Seán McDonagh, Peter Miklusz. Sieben plus Peer Gynt (Jörg Ratjen). Die Sieben spielen alle Rollen des Stücks. Sie sind Trolle mit langen Penissen, die Geliebte, ertrinkende Seemänner, Verrückte, Sklavinnen, Dorfbewohner, ein Geist, eine Braut, ein Schmied und einiges mehr.

Was ist das überhaupt für ein Stück? Eine Traumwelt, eine Abenteuerromanze, ein Märchen. Egal. Zu Beginn betritt Peers Mutter die Bühne. Ein Mann im grob-grünen Strickkleid. Sie stemmt ihre gespreizten Beine gegen die Wand der hohen Seite der Drehbühne und gibt sich ihren Wehen hin. Oben auf der Bühne erscheint Peer Gynt im babyblauen Strickanzug. Ibsen ist Norweger, die Kostüme sind gestrickt. Nicht im klassischen Muster, aber mit grober Nadel. Teils.

Die Reise beginnt. Peer fantasiert und lügt sich durch das Leben. Wird begehrt und ausgestoßen, verachtet und geliebt. Er will sein Ich entdecken, er will frei sein, er will lieben. Solvejg, das Mädchen aus seinem Dorf. Die Einzige, für die er neben seiner Mutter empfindet.

Fast drei Stunden dauert das Stück. Das kann im Theater lang werden. Wenn es nicht gut läuft sogar sehr lang. Das ist an diesem Abend nicht der Fall. Die Männer spielen um ihr Leben. Gehen tief in ihre Rollen, werden von einem maximal präsenten Gynt mitgezogen und geben alles. Die Trollfrau im grünen, gestrickten Tanga-Bikini. Wie eine Elfe über die Schräge der Drehbühne tanzend. Sich Peer im Geschlechtsakt hingebend. Später wird sie ihm einen Sohn gebären. Peer könnte im Reich der Trolle aufgenommen werden und entsprechend der Losung „Troll, sei dir selbst genug!“ leben. Vielleicht sogar glücklich werden.

Es ist der Kampf um dieses Glück. Dieses eigene Glück zwischen Peer Gynts Fantasie und der Wirklichkeit der Welt. Jörg Ratjen spielt das wunderbar eindrucksvoll. Nuanciert zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung, purer Lust, Angst und kindlicher Naivität. Es ist ein stilles Glück, ihm vom Zuschauerraum aus zusehen zu dürfen. Dieses Theater in diesen Zeiten. Diese gleichbleibende, fortwährende Faszination. Man könnte denken, das analoge Spiel auf der Bühne sei ein Anachronismus. Ist es nicht. Weil es um den Menschen geht. Um das Reflektieren des Menschseins. Ganz besonders in dieser Inszenierung.

Man leidet mit. Als die Mutter stirbt. Peer war lange weg, war reich geworden und wieder arm, hatte Amerika bereist und Marokko, war in der Irrenanstalt gelandet, war dort zum Kaiser aufgestiegen, hatte nach Gold gesucht und wurde auf dem Weg in die Heimat ein Schiffbrüchiger, der mit Geistern kämpft. Ein Stehaufmännchen. Einer, der sich die Schlinge um den Kopf legt, um ihn dann irgendwie wieder herauszuziehen. Durchgehend konfrontiert mit den Wirren der Welt. Und doch so voller Gefühl. Seine Mutter stirbt und er ergeht sich in Hoffnung. Als sie schon reglos hinter ihm liegt, spricht er weiter von Zukunft. Er will nicht. Er will die Dinge nicht wahr haben. Will sich der Realität auf keinen Fall stellen. So ist es ein Gag am Rande, dass seine weißblonde Perücke irgendwie auch an die Haare dieses amerikanischen Präsidenten erinnert. Peer Gynt ist ein Meister der „alternativen Wahrheit“. Als er sich von seiner Mutter dann doch verabschiedet und sie am Fuße der Drehbühne langsam aus dem Geschehen herausfährt, entsteht eines der schönsten Bilder dieser Inszenierung.

Und es sind viele schöne Bilder. Sehr schöne Bilder. Als das Schiff untergeht, rollen die ertrinkenden Matrosen im schummrigen Licht über die sich bewegende Schräge der Bühne. Poetik. Ästhetik. Ich staunte wie ein Kind. Diese Vorstellung hat auch etwas von Zirkus. Die acht Männer in ihren skurrilen Kostümen und Bewegungen. Ein wenig auch ein Schaubunden-Theater der Skurrilitäten. Das macht sehr viel Spaß. Das ist frech, lebendig. So wie die Sprache, in die immer wieder Begriffe der Jetztzeit eingeflochten sind, um die Ibsenschen Reime zu durchbrechen.

So viele Bilder noch in meinem Kopf. Die Sklavinnen mit den Peitschen, der reiche Peer mit seinen Doppelgängern hoch oben am Bühnenrand, der heranschleichende Tod mit der riesigen Suppenkelle, der Freudsche Irrenarzt und seine wahnsinnigen Insassen (darunter ein Albert Einstein), die singenden, schreienden Matrosen oben am Bug, die weggejagte Braut im weißen Kleid, der hausbauende Gynt mit der Axt, die Trolle in Strickhöschen, die von hoch oben gesprochene Predigt des Pfarrers, die erblindete Solvejg, die ihren lange ersehnten Peer im Schoß wiegt. Und, und, und. All das in einer Atmosphäre aus stimmigem Licht und passender Musik. Nicht Grieg, Beatles und Co. Passend. Berührend. Wie die ganze wunderbar wundersame Vorstellung, die ausverkauft war. Ein starkes Schauspiel in einer starken Inszenierung. Draußen in Mülheim am richtigen Ort.

Wie ist das eigentlich, auf dem Land zu leben?

Spielt ihr manchmal mit dem Gedanken? Rauszuziehen? Die Stadtgrenzen hinter euch zu lassen? Wer macht das?

Nun, ich habe das gemacht. Vor vielen, vielen Jahren. Aber es war kein Rausgehen oder Rückzug, sondern eine Heimkehr. Letztlich folge ich alten Pfaden und Mustern. Meine Kindheit habe ich auf dem Land verbracht. Wesentlich, unter anderem, in Kaisersesch in der Eifel. An meiner Seite war eine Hündin namens Jimmy, die ich von meinem Schulkollegen Mario übernommen habe, weil seine Familie sie in der Wohnung nicht mehr halten durfte. Weil ich es bis heute liebe, Probleme zu lösen und Wege zu finden, habe ich mich ihr angenommen. Das war 1975, ich war 10 Jahre alt und musste meine Mutter überzeugen. Das war mir gelungen.

Mit Jimmy lief ich durch die Wälder. War gerne mit meinen Gedanken für mich. Jimmy ging ihren Weg, Cooper geht seinen Weg, ich meinen.

Was ich sagen möchte: Man zieht nicht aufs Land. Man ist dort Zuhause oder nicht. Hier gelten eigene Regeln und Gesetze und Gepflogenheiten, gegen die man rebellieren kann. Die Erfahrung zeigt: Man reibt sich auf. Einen Kompromiss finden oder untergehen und zurück in die Stadt.

Das Wichtigste sind die Nachbarn. Aufeinander zugehen, sich helfen, einander lassen. Eigentlich wie in einer guten Beziehung. Das hat viel mit Freiheit zu tun. Die Freiheit des Andersdenkenden. In der Stadt kann man einfach die Leute wählen. Sich verabreden, die Straßenbahn nutzen, die U-Bahn, den Bus. Das ist hier ein wenig anders. Man muss klar kommen. Man muss reden. Man muss lassen können. Und dann wächst man zusammen und weiß, was man aneinander hat. Für lange Zeit. Weil man nicht umzieht, eine neue Wohnung sucht, der Nachbar geht. Man bleibt. Alle bleiben. Es ist ein auf Dauer ausgerichtetes Projekt.

Eben habe ich mit meinem Nachbarn das Hühnergehege mit einem Netz überspannt. Die Bergischen Kräher haben versucht, auszubrechen. Eines der Hühner hatte es geschafft. Über den Zaun, ab durch die Hecke und es ward nimmer wieder gesehen. Der Fuchs. Dann sitzt man vor der Werkstatt und redet über vieles. Über Hühner und einiges mehr.

Wahrscheinlich werde ich nicht mehr in die Stadt zurückkehren. Mir würde die schöne Einsamkeit fehlen, das alleine sein Können. Aber. Natürlich. Liebe ich die Stadt, die Kunst. Nächste Woche werde ich mir in Köln Peer Gynt ansehen. Ibsen. Hinfahren, zurückkehren. Die Welten verbinden.

Diese verflixten Social Media

Ey, Leute, kommt, ihr kennt das.

Ja, wenn man nicht gerade 17 ist und in den ganzen Kram reingeboren, dann lebt man die Social Media zwischen Faszination und Abneigung. Hat man ein Problem, wenn man mehr facebooked als ins Kino geht oder Bücher liest?

2010 bin ich eingestiegen. fiftyfiftyblog begann und ich wollte ein berühmter Blogger und Influencer werden. Ja, manchmal mache ich mich ein wenig lächerlich. Aber, das ist nicht schlimm. Ich komme damit klar. Um den Blog nach ganz oben in den Himmel des Interesses zu hieven, wollte ich die sozialen Medien nutzen. So macht man das. Verlinkt, posted usw. Hat auch irgendwie funktioniert. Und hätte besser funktioniert, wenn ich das Ganze, wie ich das aus meinem Job kenne, zielgruppenspezifisch angegangen wäre. Hatte ich keine Lust zu. Wollte dann doch eher spielen und frei schreiben und tun und lassen, was ich will.

Das hat mir viel Freude bereitet und tatsächlich habe ich im Blog gute Stunden verbracht. Habe mit Sprache gespielt, mich ausgetauscht, habe die Fotografie entdeckt, weil ich Fotos brauchte und bin oft an die Schamgrenze gegangen. Das hat mich verändert. Lockerer gemacht. Mir ist es heute ziemlich egal, was Menschen von mir denken.

Und parallel bin ich in die Social Media eingestiegen. Habe alles mal ausprobiert. Zunächst Twitter. Das habe ich sehr ernsthaft betrieben und heute sind da immer noch über 6.000 Follower. Allerdings bin ich nie richtig mit diesen 140 Zeichen klargekommen. Das tut weh. Trotzdem mag ich Twitter und habe zuletzt auch wieder mehr Engagement gezeigt. Zwischendurch habe ich Tumblr und Pinterest ausprobiert. Aber: Nicht wirklich mit warm geworden.

Facebook ist mein Ding. Ab und an lade ich neue Freunde hinzu, die natürlich keine Freunde sind. Menschen, die mich interessieren könnten. Ich mag es, in der Küche zu sitzen, und die Bilder und Geschichten durchlaufen zu lassen. Da sind meine Kinder, meine Brüder, Kollegen, Freunde aus Nosbach, Köln, Kollegen, Schulfreunde, Künstler, Gleichgesinnte. Es ist bunt. Viel besser als die Nachrichten. Obwohl. Erst lese ich Spiegel Online am Morgen, dann öffne ich Facebook. Allerdings nicht jeden Tag. Oft lebe ich auch tagelang ohne. Freue mich dann zu sehen, was geschehen ist. Oben diese kleine rote Zahl. Benachrichtigungen.

Der angenehme Nebeneffekt: Ich arbeite in der Branche. Kommunikation. Eigentlich wollte ich Bauingenieur, Meeresbiologe, Surflehrer auf Fuerteventura und letztlich Theaterregisseur werden. In einer alten Fabrikhalle wohnen, mit Freunden über das Leben sprechen, die Zeit diskutieren, die Welt retten. Mindestens. Hat sich anders entwickelt. Mein Papa sagte immer: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Yep. Hat sich als durchaus wahr erwiesen.

Kommunikation. Die Social Media gehören dazu. Für uns sind das Kanäle. Wenn man sie für Kunden nutzen möchte, muss man wissen, wie sie funktionieren. Wie sie ticken. Welche Sprache dort gesprochen wird, wie die Mechanismen sind. Nach sieben Jahren habe ich ein ganz gutes Gespür. Allerdings: Die Zeit bleibt nicht stehen. Manches war gestern, manches kommt heute neu hinzu und auch morgen werden neue Möglichkeiten auftauchen.

Aktuell war ich nun gefragt, Instagram zu verstehen. Was ist der Reiz? Was ist die Methodik? Was ist das Herz? Am Wochenende habe ich einen Account eröffnet. Direkt am Anfang habe ich dort meine Kinder getroffen, die sich von Facebook verabschiedet haben. Ich weiß jetzt, weshalb. Die Psychologie einer Generation. Mit Jim habe ich mich unterhalten und er konnte mir ziemlich genau sagen, weshalb.

Nun könnte man rein theoretisch den Social Media absagen und sein Leben elektronisch-digital auf Null schrauben. Askese. Klingt verheißungsvoll und rein. Om. Nur. Die Neugierde. Das Neue entdecken. Vasco da Gama. Um den nächsten Felsen herum segeln. Was mag da sein? Es ist ganz einfach spannend und unterhaltsam. Manchmal wahrhaft befremdlich. Weil unbekannt. Weil anders als alles andere vorher. Hat Social Media Nebenwirkungen? Bekomme ich Akne oder Krebs oder psychisch-soziale Störungen?

Wer weiß? Aber: Egal. Hauptsache es macht Spaß. Mein Papa: Leute, wollt ihr ewig leben?

Letzten Endes werden wir zu keinem Ergebnis kommen. Wir sind die ersten Affen, die diesem Versuch beiwohnen. Später einmal wird man über uns lächeln. Und, bitte, löscht alle meine Posts. Es könnte peinlich werden. So, als wäre man ein Mensch, der zum ersten Mal ein Feuer sieht. Wahrscheinlich alles ein wenig eckig und unbeholfen. Wie erste Funksprüche.

Aber: Ich möchte sie nicht missen. Und ich freue mich über dieses leichte Prickeln, das Instagram in mir auslöst. Entdecken, wie es funktioniert. Tatsächlich möchte ich immer nur spielen. Ausprobieren. Den Social Media Baukasten zum Glühen bringen. In diesem Sinne. Wir posten uns auf Facebook, Twitter, Instagram…