Schmerz, lass nach…

Holz_red2

Boah, ey. Heldenstory.

Wahrscheinlich heizen die meisten von euch nicht mit Holz. Wir machen das, weil wir a) auf dem Land wohnen. In einer Gemeinde, deren Flächen zu über 90% aus Wäldern und Wiesen bestehen. b) weil wir in einem großen alten Haus wohnen, in dem es im Winter schön kuschelig sein soll. Ist einfach schön, wenn der Ofen an ist und wärmt. Herr Cooper spielt dann Kater und legt sich direkt vor den Ofen. Dort heizt er auf ca. 400 Grad auf, um sich dann in eine kühle Zimmerecke zu fläzen, wo er langsam wieder auf Normaltemperatur kommt.

Cooper_ofen_red

Nun brauchen wir pro Jahr etwa 10 Raummeter Holz. Früher bin ich mit Freunden in den Staatsforst rund um die Wiehltalsperre und habe in einem zugewiesenen Revier die angezeichneten Bäume gefällt, entastet, zersägt und abtransportiert. Da stand man mit Schnittschutzhose und Schnittschutzstiefeln im Schnee und sägte und sägte den lieben langen Tag. Zwischendurch wurde der volle Hänger nach Hause gebracht, es gab Mittagessen für arbeitende Männer und am Abend zum Abschluss eine Flasche Bier im Wald. Gute alte Zeit, so etwa 8 Jahre her.

Dann kamen die Harvester. Holzvollernter. Ein Mann fährt mit der Karre in den Wald, greift die Bäume mit einer Hydraulikzange, sägt sie mit einem Sägengreifarm ab und legt sie nieder. Später transportiert er sie raus, stapelt sie und Ende Gelände. Tja. Das war für uns das Aus. Raus aus dem Wald! Wir durften das Holz dann nur noch vom Wegesrand abholen. Das war nicht schön. So gar nicht. Hat mal wieder irgendein BWLer durchgerechnet und dann gesagt: Rechnet sich nicht! Dieses Mantra, dem so vieles zum Opfer fällt. Rechnet sich nicht! Dies nicht, jenes nicht. Müssen wir anders machen. Und so müssen wir sehen, wie wir an unser Holz und klar kommen.

Nun ist BWL aber nicht nur doof. Es gibt auch Vorteile der freien Kräfte des Marktes. Momentan zum Beispiel ist der Holzpreis aufgrund der hohen Nachfrage sehr hoch. Für einen Festmeter gibt es 95 €, als Kyrill tobte waren es 50. Weil der Preis so hoch ist, entscheiden sich viele Waldbesitzer, alles zu fällen und zu verkaufen. Kahlschlag. Entweder kommt der Harvester, der im Wald aufgrund seines Gewichtes hässliche Spuren hinterlässt. Die sind so tief, dass sie bleiben. Oder es kommt ein Fälltrupp, der die Stihls und Husquarnas zum Singen bringt. Ich mag das Geräusch. Ein sehr hoher Ton, wenn die Profis die Ketten bei höchsten Drehzahlen glühen lassen.

Ob Harvester oder Fälltrupp, am Ende des Tages ist der Wald weg und am Rand liegt ein großer Haufen astloser Stämme. So zum Beispiel hundert Meter Luftlinie von hier am Eingang des Maikäfertals. Weil ich dort immer mit meinem schwarzen, haarigen Freund spazieren gehe, hatte ich das Procedere im Blick. Dabei war mir aufgefallen, dass nach dem Fällen noch ziemlich viel Holz übrig war, dass da so rumlag. Also habe ich rumgefragt, wem das Waldgrundstück gehört und bin gestern im Dorf hin, um nachzufragen, ob ich das Restholz haben könnte. „Nimm.“ Grazie. Mille.

Und heute dann bin ich los. Verspätet. Ich wollte eigentlich mein Pferd satteln und losreiten, also meinen Traktor anwerfen und mit dem Werkzeug, meiner Stihl, hinfahren. Da sprang der alte Fendt, der Farmer 1 Baujahr 1961 nicht an. Mucken hat er gemacht, nicht genug Saft in der Batterie. Zu lange gestanden. Also aufladen. Aber natürlich hatte ich weder Zeit noch Lust noch Muße zu warten. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.

Also bin ich in Schnittschutzhose und in Schnittschutzstiefeln und mit der Schubkarre runter ins Tal. Das war natürlich reichlich uncool, aber manchmal läuft es eben anders. Plan B. Herrje, was war ich motiviert. Ich bin mit der Säge den Hang hoch und habe mich von oben nach unten runtergearbeitet. So ein Hang nach einem Kahlschlag sieht aus wie ein Schlachtfeld. Alles ist voller abgeschnittener Äste und zurückgelassener Baumspitzen. Kommt man oben an, ist man schon fix und alle. Dann das Restholz entasten und den Hang herunter transportieren. Ein Kraftakt. Jedes Stück Holz nehmen und herunterkullern und herunterwerfen, so weit es geht. Leider bleibt es überall hängen, weil dauernd was im Weg liegt.

Später habe ich dann den Traktor und den Hänger eines Freundes geholt, um aufzuladen. Nun waren da einige Brecher dabei, die echt gewogen haben. Der erste Meter des Baumes unten, der Fuß sozusagen, wird abgeschnitten und bleibt zurück. Das ist der dickste und damit auch schwerste Teil. Au Backe, da waren echte Kaventsmänner dabei. Habe ich alle eingesammelt und nach Hause gebracht. Husch, husch ins Körbchen. Drei Anhängerladungen. Ein ganzer Tag Arbeit. (Dafür wurde hier intern mein Putzdienst übernommen, yes!)

Und jetzt tut mir alles weh. Die letzte Ladung habe ich nicht mehr geschafft, abzuladen. Die Arme wollten nicht mehr, der Rücken auch nicht. Alles ein wenig verkrampft. Klar, ne, wenn man sonst Schreibtisch und so und dann plötzlich den Waldhelden gibt. Ich sag euch. Morgen wollte ich mit Jim eigentlich noch mal losziehen, aber die heutige Tour ist schon genügend Holz für einen ganzen Winter. Morgen werden wir es spalten und kleinsägen, damit es dann zwei Jahre lang trocknen und uns im Winter 2016/17 wärmen kann.

Ich hoffe, ich kann morgen wieder und der Muskelkater lässt zu, dass ich mich bewege. Wird schon. Waldarbeiter kennen keinen Schmerz. Und eben habe ich ein sehr heißes Bad genommen und dabei genüsslich einen Cappuccino geschlürft. Ganz so, wie es sich für echte Kerle gehört:)

Holz_red

6 Antworten auf „Schmerz, lass nach…“

  1. Hallo Jens,

    schön, mal wieder von Dir zu lesen. Das scheint ja ein gewaltiger Kraftakt gewesen zu sein, Herr Baumschubser. Wenn es im Winter dann warm wird, weißt Du, daß Du für die Wärme ordentlich geschuftet hast! Großartig!

    Das letzte Unwetter hat hier in NRW arg gewütet. Bei meiner Schwiegermutter im Wohngebiet sah es verheerend aus. Bäume, umgeknickt wie Streichhölzer, oder mit ganzen Wurzelwerk flachgelegt. Dort wurden viele Autos beschädigt. Straßen und Schienenwege waren blockiert. Nur allmählich hat sich die Situation beruhigt. Die Natur hat gewaltige Kräfte.

    Ich wünsche Dir einen erholsamen Sonntag.

    Viele Grüße
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      war wenig in letzter Zeit, was hier erschienen ist. Die liebe Zeit. Dieses Leben.

      Ich war kürzlich in Essen Werden und habe gesehen, was geschehen ist. Ein kompletter Wald wie Mikado gestapelt. Wunderschöne alte Buchen einfach down to the ground. Ein Jammertal. In Vivekas Straße stand noch ein Auto, das von einem schweren Eichenarm in die Zange genommen wurde. Da war mir klar: Der Klimawandel kommt näher und näher. Es wird ungemütlicher werden, wenn die sogenannten Extremereignisse unsere Grenzen aufzeigen.

      Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.

      Liebe Grüße

      Jens

      P.S. Im fiftyfiftyblog wird es zukünftig weniger Beiträge geben, weil ich nicht mehr nachts und irgendwie zwischendurch schreiben möchte. Aber es wird regelmäßig etwas erscheinen. Ist und bleibt mein Herzensprojekt flankierend zu meinem Herzensleben.

      1. Hallo Jens,

        ich freue mich, daß Du dran bleibst. Auch wenn Du weniger schreibst, sind Deine Beiträge immer etwas Besonderes. Danke.

        Annegret

  2. Ich wohne auch eine Zeit lang auf dem Land gelebt und kann daher bestätigen, dass diese Arbeit voll auf die Knochen geht. Ich habe dank diesem Beitrag mich an die alten Zeiten erinnert – an dieser Stelle einen Daumen hoch für den schönen und informativen Beitrag!

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