Schneehase und Hochzeitsschuhe

Es ist Sonntag. Ein Sonntag im Januar. Kalt, grau, drinnen sehr gemütlich. Die Ofenflammen lodern, die Kinder räkeln sich in ihren Betten. Mich ruft der Schreibtisch. Steuer. Doof. Ich träume von einem Bierdeckel. In der Mitte die wunderbare Krombacher-Insel aus der Werbung. Die Insel kann man nun bei uns im Nachbardorf an der Wiehltalsperre live sehen. Rund um die Insel – also auf dem Bierdeckel – ein weißer Rand, der einige Zahlen fasst. Aufgeschrieben und ab damit zum Finanzamt und fertig. Aaaah! Schön wärs. Es werden immer mehr Bögen, immer mehr Gesetze. Jedes Jahr Neuerungen, die man kennen muss. Das Steuerthema ist ein Zwangsdauerbrenner. Ich liebe die Steuer…

Ela hat gekocht. Sonntagsessen. Die Steuer ist gemacht, der Sonntag beginnt. Die Familie sitzt vor ihren Tellern, füllt sich auf, fühlt sich wohl. Da. Oh, Schreck. Der Blick der Kinder aus dem Fenster. „Was ist das?“, „Eine Katze?“, „Doch nicht mit Schlappohren!“, „Ein Hase!“, „Qui, qui, Monsieur Hase, Hase.“ Manchmal spricht diese Familie in Literaturzitaten. Die Kinder springen auf. „Hallo Kinder! Wir essen!“, „Papa, los. Wir müssen den retten, sonst wird der noch überfahren!“. P in den Augen. Panik. Das weiße Fell, ihr wisst schon… Dringlichkeit, jetzt reagieren. Och neeee, die ganze Woche von Termin zu Termin gehetzt, nur im Auto gesessen, in Meetings, der Kopf ist voll, der Teller auch. Gerade noch Steuer, wenigstens jetzt ein wenig Sonntag…

„Jens!“ O.K. Ich esse noch einen Happen. Sie haben alle recht, obwohl ich die Dramatik nicht ganz teile, weil zwischen Straße und Hase ein Maschendrahtzaun ist, der für den Schlappohrkollegen wohl eher die innerdeutsche Grenze vor 89 markieren dürfte. Aber: Papas haben nun einmal ein Image zu verteidigen. Held, Retter in der Not. Mein Job. Vorbild. Also auf. Und Action. Hasenkostüm an, quatsch, Hasenfänger-Handschuhe, weil die pussierlichen Nager ihre Krallen schärfen. Monsterrabbits. Die Kinder nähern sich von Westen, ich umgehe das Tier, antizipiere den Fluchtweg, schätze Geschwindigkeiten ein, sehe mögliche Haken voraus. Jim greift entschlossen zu, der Hase zappelt kurz, kratzt über die Hand – Aua – Jim lässt los, wir sind gewarnt.

Nun – should we stay or should we go? Jagen, langsam nähern, lassen? Es liegt Schnee. Der Kollege in weiß hat zwar so einen Angorapulli, aber eben keine Dauenjacke. Wer weiß? Und der Fuchs und die 40-Tonner. Es bleibt kein anderer Ausweg. Hasenrettung. Meister White verkriecht sich unter einem Busch. Spielen wir hier verstecken oder was? Mein Mittagessen ist jetzt eh kalt. Jim fasst unter den Busch, der Hase hüpft in meine Richtung, ich fasse zu. Hand in das Nackenfell, as Tier dicht an den Körper, damit es nicht treten kann. Baby, ich hab dich, jetzt gib bitte Ruhe, wir sind sowas wie das THW, die Feuerwehr, GSG 9, Special Forces, Ärzte ohne Grenzen oder was dir lieber ist. Meinetwegen auch Cap Anamur, wenn du es lieber etwas exotischer hast. Wir wollen dich retten!

Hase auf dem Arm und keine Ahnung, wo der her kommt. Zoe sagt: Spuren folgen. Da ist Indianer mit drin in dem Kind. Trapper. Pfadfinder. Wir folgen tatsächlich der kleinen Fußspur. So, über den Spielplatz ist er gekommen, einmal rum um die Rutsche, das Karussell hat ihn auch interessiert. Klares psychologisches Profil für Holmes, Sherlock und die Detektivgang. Über den Zaun rüber, hinter das Haus. Was haben wir denn da? Einen Hasenstall. Wir klingeln. Who is there? Die Hasenfänger von Hameln. Freude. Da ist Fussel ja. Stimmt. Jim, der Monsieur Hase, Hase liebevoll übernommen hat, trägt nun eine weiße Angorajacke. Wir hören die Fussel-Story, dass er gerne ausbüchst, lieber draußen ist und allmählich sein Fluchtrevier Richtung Straße ausweitet. Das kann ja lustig werden. Sonntags werden nun beim Mittagessen die Fenster zugeklebt!

Zuhause angekommen, liegt ein Euro vor der Garderobe. „Wem gehört der?“ Jim meldet sich. „Papa, willste die Story von dem Euro hören?“. Klar will ich. Storys sind immer gut. Den Euro hatte Jim einer Schulfreundin geliehen, die einen Euro in die Klassenkasse zu zahlen hatte. Nun hatte ein anderer mit 100 Centstücken zahlen wollen, gegen die das Mädchen sofort ihren Euro eingetauscht hat. Nun hatte sie 100 Centstücke, aber keinen Euro mehr für die Klassenkasse. Den hat ihr Jim dann vorgestreckt. Denn: Das Mädchen sammelt Centstücke für ihre Hochzeitsschuhe. Ist das süß? Wir leben im Jahr 2012 in einer Welt voller Facebücher und solcher Sachen uns sie träumt von ihrer Hochzeit in weiß. Prinzen aller Welt, atmet auf, ihr könnt weiterreiten. Ihr werdet noch gebraucht!!! Die Welt ist voller weißer Hasen und weißer Prinzen, äh Hochzeiten ganz in weiß…

5 Antworten auf „Schneehase und Hochzeitsschuhe“

  1. Pingback: THW News
  2. Hallo Jens,

    es gibt sie noch, die Tierfreunde, die Hasen retten, und die jungen Damen, die auf ihre Hochzeitsschuhe sparen. Einige Spezies überleben immer.

    Viele Grüße

    Annegret

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.