Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – #kobanê

Aachener Dom

homo homini lupus

Man kann in dieser Welt ein sehr beschwerdenfreies Leben führen, wenn man die Vorzüge westlicher Demokratien nutzt und sich aus dem da draußen raushält. Das ist meist besser, weil man ansonsten in Ohnmacht erstarrt und die über die Bildschirme flimmernde Summe an geballtem Leid ständig wegpacken muss. Da hilft auch kein Spenden, kein Beten, kein Hoffen, kein Diskutieren und Demonstrieren. Zumindest nicht, wenn man glaubt, mit einer Demo die Welt aus den Angeln heben zu können.

Am Wochenende war ich im Aachener Dom. Es war eine Rückkehr an einen heiligen Ort. Nun mag ich Kirchen, habe aber dem christlichen Glauben schon lange abgeschworen, was nicht heißt, dass meine Seele unberührt ist von all dem, was ich dort in all den Jahren des Christseins abgespeichert habe.

Es war an einem Januarabend 1991. Der Irak hatte Kuwait überfallen und die USA stand mit Verbündeten vor dem Einmarsch. Es war noch die Zeit, in der wir die großen Friedensdemos der Achtziger im Kopf hatten, weshalb Krieg für uns keine Option war. Also gingen wir auf die Straße und skandierten „Kein Blut für Öl“. Zugegeben, das war eine einfache Formel. Aber wir hatten keine Lust, das Krieg wieder zum probaten Mittel wird. Am Abend, bevor die US-Truppen losschlugen, versammelten wir uns im Aachener Dom unter der Kuppel. Es wurden Petitionen verlesen, es wurde gesungen und es wurde gebetet.

Hat nichts gebracht. Der Krieg kam und es kamen weitere Kriege und Terror und Türme fielen und Invasionen starteten und es wurde gefoltert und viele Zivilisten kamen um und der Hass wuchs. Eine Kettenreaktion. Im Buddhismus heißt es: Man schafft seine Wirklichkeit in jedem Augenblick selbst. Das ist das Prinzip von Ursache und Wirkung.

Nun also ist das Monster IS geschaffen, tobt wütend umher und lechzt nach Mord und Totschlag. Höchst aktuell in Kobane. IS ist heute in die Stadt eingedrungen und es gibt Straßenkämpfe und Mord und Totschlag. Niemand war bereit, den kämpfenden Kurden zu helfen. Unterstützt von der PKK gelten sie als Terroristen und werden von der Türkei nicht gerade geliebt. In der Vergangenheit wurden sie in türkischen Militärgefängnissen gefoltert. In Politischer Wissenschaft durfte ich eine Arbeit darüber schreiben, habe viel gelesen und mit Türken und Kurden gesprochen. Es ist schon klar, weshalb die Türkei ihre Panzer zuschauen lässt. Sie stehen dort auf türkischer Seite und verfolgen das Geschehen. Sie wissen, was passiert. Die Türkei hat am Donnerstag im Parlament beschlossen, gegen IS vorzugehen. Aber sie tun es nicht in Kobane. Nicht für Kurden. Dem schließen sich die Nato-Verbündeten an, wahrscheinlich, weil sie auf die Türkei als Stützpunkt angewiesen sind. Ein Deal, nehme ich an. Die USA haben einige wenige Angriffe vor Ort auf den IS geflogen und sind dann abgedreht und nicht mehr wiedergekommen. Sie hätten gekonnt…

Jetzt demonstrieren die Menschen weltweit für die Rettung Kobanes und die USA und die Türkei hoffen, dass es schnell vorbei ist mit dem Schlachten in Kobane, weil es schlechte PR ist, was dort passiert. Sie hätten helfen können. Sie hätten IS eine empfindliche Schlappe zufügen können. Sie haben darauf verzichtet und sich fürs Zurücklehnen entschieden. So geht Politik.

Die Kurden werden der Türkei nicht vergessen, was in Kobane gelaufen ist. Sie wissen jetzt, woran sie sind. Das einzige Eingreifen der Türkei war der Einsatz von Wasserwerfern gegen Kurden, die auf der türkischen Seite im Norden Kobanes demonstriert haben. Selbst Reporter wurden mit Tränengas traktiert, damit sie nicht berichten.

Heute also sind die IS-Killer in Kobane eingedrungen und vollenden ihr Werk. Sie werden ihr Handeln dokumentieren und der Welt Bilder zeigen. Die Türkei und die USA werden sich anhören dürfen, dass sie dafür die Verantwortung tragen. Und ja, sie tun es. Wegschauen ist eine Tat.

We shall overcome. Blumen im Haar. Kein Blut für Öl. 1999 war ich in New York, als erstmals deutsche Truppen nach dem WW II in einen Krieg verwickelt wurden. Unter Joschka Fischer. Bomben auf Serbien. Nachts lag ich im Hotel und sah CNN. Treffer. Rauchschwaden.

Es ist zum Heulen. Es hört nicht auf. Als sich 1983 in Bonn über 500.000 versammelten, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren, da war ich 18 Jahre alt und hatte am 6. März des Jahres nicht wählen dürfen, weil ich noch 17 war (die 16 Jahre danach lohnte das Wählen nicht wirklich). Zu der Zeit dachte ich, es wäre geschafft. Ich glaubte tatsächlich, die Welt hätte verstanden und wäre vernünftig geworden. Als dann noch der Ost-West-Konflikt zu Ende ging und Deutschland wiedervereint wurde, herrje. Wie naiv.

Über die Friedens- und Ökobewegung begann man dann irgendwann, sich lustig zu machen. Zu den Demos gingen nur noch ein paar wenige Altfreaks. Tja. Falsch gedacht. Wir hätten weiter demonstrieren müssen. Den Geist des Pazifismus aufrecht erhalten. Vielleicht hätte es… So haben die Hardliner Stück für Stück das Terrain zurückerobert und den Boden für neue Kriege bereitet. Ost-West-Konflikt haben wir auch wieder und jetzt noch IS am Hintern. Ziemlich verkackt, kann man sagen. Wie dämlich das alles. Nun hätten Türkei, USA und Kurden gemeinsam tatsächlich eine starke Koalition bilden können, aber nun gibt es eine neue Front, die durch die Türkei verläuft. In Istanbul wurde gerade ein Bus angezündet. Ursache und Wirkung. Die Flammen schlagen höher, die Feindschaften nehmen zu.

Und am Ende bleibt die alte, unbeantwortete Frage: WHY?

Aachener Dom 2

WHY? – #kobanê

Fuck!

Es ist wirklich grausam und nicht auszuhalten. Früher, in den Western, da kam im letzten Augenblick John Wayne mit der Kavallerie angeritten und hat gerettet, was das Zeug hält.

Momentan könnte die Kavallerie, aber sie tut es einfach nicht.

Gestern, Donnerstag. Morgens hatte ich einen Job. Rechnungen schreiben, Haus putzen. Parallel: Liveticker. Kobane, Syrien. Seit 18 Tagen versucht IS, die Stadt einzunehmen. Gelingt es, geschieht Schreckliches. Psychopathen voller Hass und jenseits aller Menschlichkeit. Aliens von einem anderen Stern. Wir hatten immer Angst, dass Außerirdische landen. Hey, es ist geschehen. 2014. Sie sind da.

Sie rücken vor auf die letzte Bastion. Eine Stadt an der Grenze zur Türkei. Eine Seite direkt an der Grenze, drei Seiten in Richtung Syrien. Von hier kommen die IS-Idioten. Mit erbeuteten Panzern, Artillerie. Komplett ausgerüstete Monster mit allem, was man braucht, um Unheil anzurichten.

In der Stadt, kurdische Kämpfer. Und Kämpferinnen. Ausgerüstet mit Kalaschnikows und einigen Panzerfäusten, RPGs. Sie wissen, dringt IS in die Stadt, folgt das komplette Programm. Auf Menschen entladener Hass. Also kämpfen sie. Auf Twitter kommen die News, die deutschen Medien berichten nicht oder nur sporadisch. Nur eine weitere Stadt, die fällt. So scheint es.

Aber so ist es nicht. Ich denke, es ist ein Wendepunkt. Ein unrühmlicher. Während die IS fast in der Stadt ist, halten sich alle, die unterstützen könnten, zurück. Bislang nur Lippenbekenntnisse. Gestern hatte die Türkei einen Parlamentstermin. Am Nachmittag. Kobane war schon fast in den Händen der IS, da entschied das Parlament sich, einzugreifen. Irgendwie.

Aber. Die Türkei greift nicht ein. Die Panzer stehen an der Grenze. Mit Fernrohren verfolgt die Armee die IS-Angriffe auf Kobane. Die Türkei schaut zu, ohne einzugreifen. Lässt IS freie Hand. Scheinbar in Abstimmung mit den USA, die sporadisch angreifen, ohne die IS-Kämpfer wirklich zu treffen. Was ist da los?

Hieß es nicht, man wolle gegen IS antreten? Die EU erklärte Donnerstag, man wolle sich gemeinsam gegen IS stellen. Und?

Mann. In Kobane bewahren sich die Menschen eine letzte Kugel, um nicht in die Hände der Schlächter zu fallen. Es sind Bilder zu sehen, die alte Frauen mit Kalaschnikow zeigen. Da ist die Rede von Kämpferinnen, die Selbstmord begangen haben, bevor sie in die Hände von IS gefallen wären.

Hilft niemand, weil es Kurden sind? Keine Peschmerga, sondern kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Frauenvolksverteidigungseinheiten (YPJ)? Sorry, ich verstehe das nicht. IS will Kobane einnehmen, um strategische Vorteile zu nutzen. Sind sie die in der Stadt, wird es schwer, sie wieder hinaus zu bekommen. Aber die Welt schaut zu, wie sie näher kommen und irgendwann…

Liegt es vielleicht nicht im Interesse der Türkei, dass die Kurden sich halten? Und halten sich die USA zurück, weil sie die Türkei brauchen, um Stützpunkte zu haben, von denen aus operiert werden kann?

Ich weiß nur, es ist zum Verzweifeln. Kobane lässt mich nicht los. Ich verstehe nicht, weshalb alle zuschauen und es geschehen lassen, obwohl sie intervenieren können. Sind es Dienstwege? Müssen erst Anträge eingereicht werden oder gibt es da ein politisches Interessenskalkül?

Diese verfickten Interessen, die es geschehen lassen. Politik ist ein mieses Geschäft. Und die Medien schauen einfach weg. Eiskalt. Würde es Twitter nicht geben, wäre es so, als gäbe es den Konflikt nicht. Unglaublich. Bleibt nur, die Infos aus der Twitter Timeline hinaus zu filtern. Hier der Link.

Es wird wirklich Zeit, den IS-Psychopathen den Garaus zu machen. Bitte, liebe Kavallerie, reitet los. Barack!!!!!!!

Boris Becker, Bono, Bagger

Baggerschaufel

Die Welt dreht sich. Würden wir sie von der ISS sehen, wäre das Gefühl ein anderes. Sicherlich. So geht die Sonne auf, der Mond füllt sich, die Sternbilder ziehen und wieder ist ein Monat vergangen, eine neue Zeit beginnt, die Welt rennt, das Leben verfliegt, es geschieht, oft unbemerkt.

Boris Becker. Fotograf aus Köln. Wie Gursky durch die Hände Bechers gegangen. Wahrscheinlich wird es irgendwann die Düsseldorfer Schule heißen. Oder jetzt schon? Oder seit langem? Keine Ahnung. Egal. Gurskys Rhein hatten wir hier schon. Schweineteuer, ein Auktionsstar. Millionen für eine Fotografie.

Am Wochenende war ich mit Jim und Viveka in Overath im Kulturbahnhof. Ein doofes Wort. Endstation. Rangierbahnhof. Bahnhofshalle. Bahnhofskiosk. Bahnhofsvorsteher. Bahnhofspolizei. Nun gut. Eine Ausstellung. David und Helga hatten mich, uns eingeladen. Overath wird 750 Jahre alt und der Kunst- und Kulturverein der Stadt hatte eine schöne Idee: Wir schenken Overath ein Museum.

EIN MUSEUM.

Ein Kunstmuseum. Der Gedanke hat mich in den letzten Tagen arg beschäftigt. Also eigentlich war mein Kopf mit Projekten beschäftigt, mit Konzepten. Da waren Zeiten eingebucht. Denken, entwickeln. Da steht eine Frage im Raum und der Kopf versucht, sie zu beantworten. Egal wann.

Der Gedanke, der mich beschäftigt hat. Nicht so einfach. Wir waren gekommen, um Helga & Davids Bild anzuschauen. Ein Triptychon. Ich hatte es mir aufgehoben. Es hing ganz oben im Kulturbahnhof. In einem schönen Raum mit Blick durchs Fenster. Aber es war mir etwas dazwischen gekommen. Die Fotografien des Boris Becker. Zwei. Jim und ich standen lange davor. Es gab viele Details zu sehen. Ich würde sie euch gerne zeigen, aber dieses verdammte Urheberrecht verbietet es. Ich darf nicht. Beschreiben? Zwei Fotos aus dem Alltag. Zwei Welten, ich würde sagen, annehmen, von Männern geschaffen. Eines zeigt ein Holzgebäude von hinten. Zwei in eine Holzwand eingefügte Fenster. Orchideen. Davor Krams. Dinge, die man brauchen kann. In einer Ordnung. Spanngurte in einem Fach. Petroleumlampen. Am Boden eine Reihe Kanister. Am rechten Rand alte Werbeschilder mit Kölner Adresse. Jim und ich haben uns alles angesehen. Jedes Detail, sind allen Linien, Themen gefolgt. Ein Suchbild, eine Typisierung, eine Freudsche Sofastunde. Wer lebt dort? Wozu all die Dinge? Wie denkt, lebt man, wenn man so strukturiert ist?

Das zweite Foto eine Spurensuche. Sherlock und Watson. Eine Spüle, ein Vaillant Boiler in Beige. Ein Übertisch-Wandgerät. Unendlich viele Details. Eine Wand wie eine Sammlung, ein Setzkasten. Ein wunderbares Detail unten links in der Fotoecke: Ein Herz-Ass in einem Korb. Von den schwarzen Drähten des Geflechts gehalten. Ansonsten ein heterogener Eindruck. Unentschieden. Wie es kommt, entstanden, gewachsen ist. Gelassen wurde im Entstehen. Weleda Tropfen, Schulmedizin-Arznei. Tee von Alnatura und JA!. Ein gespültes, umgedrehtes Kölschglas mit Gaffel-Logo. Kinderfotos. Wasserlilien in kleine Töpfen – lebendig und äußerst tot vertrocknet. Farbspritzer vorne an der Spüle. Eine Atelier-Küche vielleicht, oder mein Wunsch, meine Fantasie, meine Überheblichkeit. Die Wahrnehmung flimmert, reflektiert.

Natürlich kein Boris Becker da, der was sagt. Teuer, der Mann. Der hat besseres zu tun, als mit Jim und mir zu sprechen. Dieses verkackte Geld, das Künstler teuer macht und von der Erde löst und ins Nirwana der Kunstvorstellung schießt. Verdammt, Boris, wenn du ausstellst, dann beweg deinen Hintern dort hin. Sonst ist das Marketing oder eine herablassende Gnade. Egal.

Es war ein gutes Erlebnis. Eine schöne Detailsuche, ein guter Sohn-Vater-Moment. Damals, als wir diese Fotos – von wem noch? – in Overath gesehen haben. Dieser Vaillant-Boiler, die Petroleumlampen.

Bono? Aus der Überschrift. Ja. Gestern hat Apple das iPhone 6 vorgestellt. Anlässlich der Prinzenvorstellung gab es Geschenke für das Volk. Brot & Spiele. Das neue U2-Album als Geschenk. Einfach im Apple-Store runterladen. Ich höre es gerade. iTunes. Ei, ei, alles i. Auf Spiegel Online habe ich von der Aktion gelesen. Ein Schreiber, der U2 nicht mag, hat berichtet. Er nannte Bono eine Heulboje oder so. „Wer U2 in den letzten 35 Jahren nicht mochte, wird es auch jetzt nicht mögen.“ Wie läuft das in solchen Redaktionen ab? Wer die Band nicht mag, der schreibt?

Ich mag U2. Wahrscheinlich, weil ich alt genug bin und Respekt habe. Eine ordentliche Menge davon. Teil meiner Jugend. Würde ich verleugnen, würde ein Teil von mir sterben und ich wäre weniger als zuvor. Wird man 50, muss man Gewonnenes bewahren, weil man weiß, dass nicht dauernd Weltbewegendes hinzukommt. Einmal vor langer Zeit war ich auf einer Geburtstagsfeier. In Heidelberg. Es lief U2 aus irgendwelchen Gründen. In einem Dachzimmer einer Schauspieler-Wohnung. Ich konnte nicht aufhören zu tanzen. Und die Balletttänzerin auch nicht. Gloria. Am Ende waren nur noch sie und ich in diesem Raum. Am nächsten Abend habe ich sie auf der Bühne gesehen. In der Nacht hatte sie an der Wand gestanden und mich angesehen. Nun sah ich sie auf der Bühne. Wir hatten zu U2 getanzt. Unendliche Zeiten ist das her, aber die Erinnerung ist wach. Und nun hat mir Bono sein Album geschenkt. Thanx. Für alles.

Bleiben die Bagger. So eine Überschrift kann einen schon durch den Text peitschen. Die Erwartungen der Leserschaft erfüllen. Da denkt man sich anfangs eine Head aus und die muss man dann erfüllen. Selbst schuld. Ursache und Wirkung. Ja. Uns ist gerade so ziemlich der Arsch aufgerissen worden. Die Feuerwehr wurde umgebaut, erweitert. Und mit ihr der alte Schulhof, der nun Feuerwehrplatz ist. Montagmorgen rief mich Ela in der Agentur an: „Hast du gewusst, dass die den Platz wegbaggern? Unser Auto steht auf einer Insel, die haben einfach drumherum gebaggert.“ Au Mann, war Ela geladen. Niemand hatte uns was gesagt. Der Architekt hat sich entschuldigt. Landgemeinden können ganz schön ignorant sein. Hier weht ein kühler Wind, wenn die Gemeinde aktiv wird. Da rollen die Bagger ohne Wenn und Aber. Als Landmensch muss man ein dickes Fell haben, oder sich aufregen. Ist manchmal schade. Andererseits bekommen wir direkt vor der Tür …

Bis hierhin war ich am Donnerstag Abend gekommen. Dann kam Viveka aus Essen und das Schreiben nahm ein abruptes Ende. Liebe, Familie, Job, Blog – ist zeitlich manchmal etwas eng. Der Vorteil liegt in der konsequenten Vermeidung von Langeweile. Zum Platz vor unserer Haustür: Der wurde heute asphaltiert. Die feine Deckschicht kam drauf und so ist nun nach sechs Monaten Bauzeit fast alles fertig. Horrido. Jetzt muss ich auch keine Sangst mehr haben, dass plötzlich Bagger in unserem Garten baggern. Mal eben so. Weil eben der Tag gekommen ist, an dem der Bagger baggern muss. Manchmal ist diese Welt schwer verständlich und man muss einfach nur ausharren.

Sternenhimmel heut‘ Nacht

Schule bei Nacht_red

Ich sah die ISS vorbeifliegen, endlos viele Touristenbomber, den Kampfstern Galactica und das Raumschiff Enterprise. Der Blick richtete sich nach Westen, der große Wagen hatte im Laufe des Sommers umgeparkt und sich vom Zenit nach Norden bewegt. In Italien hatte das noch anders ausgesehen. Aber jetzt… Die Zeit vergeht, die Nächte werden länger, die Temperaturen, die Vegetation. Das ganze Programm des Abschieds.

Nach dem Yoga sind die Systeme runtergefahren. Absolute Entspannung. Ruhe. Ich mag dieses Gefühl sehr. Es ist ein wenig wie Reset. Ich will dann wenig sprechen und bin gerne für mich. Das ist ein sehr weiches Gefühl. Smooth ist ein schönes Wort. Das leichte Einsinken in die Schönheit des Lebens. Ein Gegengewicht zu all dem, was passiert. Auf der Welt und überhaupt. Einen Moment lang die Erdrotation ausschalten, das Tempo rausnehmen und den Kopf in den Sternenhimmel gleich neben dem Wolkenkuckucksheim stecken. Flucht, Absicht, Negation, Weltfrieden, um das mal kurz in die Breite zu tragen.

Ein Feuer. Die Feuerschale im Garten. Leuchtfeuer, Zeichen setzen, Rauch aufsteigen lassen, mit Aliens kommunizieren, hoffen, dass ein Raumschiff kommt. Kontakt zu fremden Welten. Irgendetwas muss doch passieren. Kampfstern Kalaschnikow.

Zurückziehen. Sternschnuppen wollte ich sehen, ganz einfach. Am Feuer sitzen, mich wärmen lassen, zurücklehnen und den fallenden Sternen wunschvoll zuschauen. August. Sternschnuppen-Regen der Perseiden. Irgendetwas Griechisches aus der Zeit, als Griechenland diesen anderen Status in Europa und der Welt hatte. Dort saß ich und schaute und schaute und schaute.

Ein Satellit. Ein Flieger von links. Einer von rechts. Und kreuz und quer. Keine Ruhe reinzubringen da oben. Die Positionsleuchten in Rot und Grün wie bei den Schiffen. Einfach vom Wasser in die Luft übertragen. Luftschiffe. Raumtransporter.

Cooper lag neben meinem Stuhl im nassen Gras. Labradore sind hart im Nehmen. Er wollte lieber dabei sein, als sich gemütlich auf seinem Kissen Inhouse zu räkeln. Jim kam. Setzte sich zu mir ans Feuer. Lagerfeuergespräch unter Männern. Sohn. Vater. Klar, hat mir gefallen. Da war sie also, die Sternschnuppe. August halt. Wünsche, Träume, Hoffnungen. Smooth und fein in der eigenen kleinen Welt. Homing, Cocooning nennen das die Konsumforscher. Sollen sie. Ich denke, Leben. Normal.

So. Und jetzt kommt noch Werbung! Ab September gibt es hier in der Alten Schule zwei neue Yoga Einstiegskurse. Am 17. September von 17.30 Uhr bis 19 Uhr besteht die Möglichkeit, reinzuschnuppern. Infos gibt es auf der Seite yogasku-l.de. Der Yoga-Saal, das alte Klassenzimmer, ist übrigens oben auf dem Foto zu sehen. Die hell erleuchteten Fenster. Da saßen die anderen noch und tranken Tee…

Feuer und Flamme_red

Surreale Momente mit La Gare de Perpignan von Salvador Dalí

05_red

Sinnlicher Overload. Knarrzknurrzzz im Zentralhirn. Alles echt? Alles surrealistisch?

Ihr wisst, am Ende ist dieser Blogger hier exakt genommen ein einfacher Junge vom Lande. Gerade dann, wenn die große weite Welt ruft. Nun sitze ich hier auf meinem Bett, traktiere dieses süße kleine Notebook mit hämmernden Fingern, höre schöne Musik von Viveka, denke an sie in einem von Bildern unterlegtem Dauermodus und sortiere meine sinnesbeflügelten Gedanken.

Ausgangspunkt ist ein Flug. Air Berlin gestern. München stand auf dem Programm. Ein Termin. Ich war einer von den Millionen, die morgens in ein Flugzeug steigen, um zu einem Meeting, einem Job, einem Termin zu fliegen. Business. Absichten, Ziele, Organisation, Wünsche, Hoffnungen, Arbeit. Zyklus des Geldes, der Wirtschaft, des Überlebens. Der Puls. Die Luftlinien und Flugrouten als Versorgungsadern von Gesellschaften, Nationen, Zusammenschlüssen. Flügel über allem, Auftrieb, Dynamik, Geschwindigkeiten, Prozesse des Werdens und Vergehens. Genug.

Konkret. Air Berlin ab Köln. Rein in den Luftvogel und mal wieder supergeil beschleunigt. Der Start ist es. Schneller als ein Porsche Turbo. Düsenantrieb für alle. PS? Au Mann. Das kracht, zittert, reißt. Und dann hoch. Fliegen. S-Bahn. Bus. Konferenzraum. Präsentation. Zeit. Ein geplatztes weiteres Treffen.

Dann. Dieses Déjà-vu. Eine U-Bahn-Station. Die Farben. Die Perspektive. Die Lichtrichtung. In Köln hängt Dalís La Gare de Perpignan von Salvador Dalí. Ich mag dieses Bild sehr und schaue es mir an, wenn ich im Museum Ludwig bin. Ich habe es oft fotografiert, darf es hier aber nicht zeigen. Schade. Verboten. Urheberrecht. Deutschland ist dieses immer-mehr-wird-verboten-und-kontrolliert-Land. Klare Richtlinien. Aufmerksames Annehmen der verabschiedeten Regelungen. Vorbildlich. Am Wochenende habe ich auf einem Flohmarkt ein Häuschen fotografiert. Sofort: „Dürfen Sie das?“ Darf ich atmen? Darf ich etwas sagen? Darf ich auf die Toilette? Darf ich? Das Foto oben, das darf ich, weil ich kein Stativ verwendet habe und es nicht kommerziell nutze. Ich habe nachgesehen bei den Verkehrsbetrieben. Mit Stativ hätte ich nicht. Meine Güte. Als würde ich Seelen verbrennen. Genug.

Perpignan. Hier der Link zum Bild, damit ihr euch ein Bild machen könnt. Mir gefällt das Licht, mir gefällt der Aufbau, mir gefällt die Dynamik. Und die Farben, der fliegende Künstler ist für mich das Highlight. Die Symbolik, der Zug. Es saugt das Bild, es zieht. Steht man davor, es ist riesig, beginnt es zu leben. Es kommt etwas, es geht etwas. Ich bin kein Kunsthistoriker, ich kann es nur sagen, wie ich es empfinde. Es hat etwas mit Jesus zu tun und dem Tod und dem Übergang. Bahnhof.

Ein U-Bahnhof in München. Das Licht, die Farben, die Linien. Und bald schon kommt ein Waggon. La Gare de… Im Zentrum das Leben, die Menschen, viele verschleierte Frauen. München ist voller verschleierter Frauen. Seit dem all die Dinge unter dem Kürzel IS geschehen, bröckelt meine liberale Einstellung. Da rücken Dinge, gefärbt von den schwarzen Flaggen, in die Grauzone. Kreuzzug 14. Der Halbmond als Sichel. Schattenseiten der Toleranz. In der Folge werden die Waffen ausgegeben. Taucht in einem Roman am Anfang eine Pistole auf…

Surreal, diese Welt. Die Verbindungen globalisiert schleichend. Subversive Bewegung. Und dann, das Auge Gottes am Himmel (wie war das mit den Übertreibungen? :)

04_red

Wir sind in die Innenstadt gefahren, als der Anruf kam, dass der Folgetermin ausfällt. Es hätte sich schon lohnen sollen. Ein Flug, zwei Treffen. Nun, es läuft nicht immer so. Warten auf den Abflug. Zwischenzeiten.

Zum Marienplatz, Viktualienmarkt. Fußgängerzonen sternförmig in alle Richtungen. Mehr Menschen als in unserer ganzen Gemeinde leben. Fluchttendenzen. In einem Schaufenster der Sound der Stadt. Muezzin Megaphone. Kafka. Lange Wege, Flure, Enge, Beklemmungen. Man könnte verrückt werden und glauben, es gäbe Soundbotschaften. Als müsse man nur hinhören, um den Sinn des Lebens zu erfassen. Als müsste man nur in diesem einen richtigen Augenblick dort stehen, um die Nachricht zu hören. Den Kopf neigen, das Ohr an die Scheibe, die Sinne konzentrieren, den Gehörgang freiräumen, entrümpeln, lauschen.

03_red

Und das war lange nicht alles. Es folgte der Ort der Beichte, um heute in dieser aufgeputschten Sakralsprache zu bleiben. Ein Bündel glänzender Mikrophone. Gereicht von der Hand einer Göttin aus dem OFF. Sprich jetzt! Sag, was du immer schon sagen wolltest. Befrei dich, lass es raus, erleichtere dich.

02_red

O.K. Landung. Zurück in der Realität. Ciao, Dalí. Am Ostbahnhof der Asiate von rechts nach links. Ein Bettler mit Tüten. Klein gebückt, silbernes Haar. Joggingschuhe an den Füßen. Asics Tiger. In XXL. Größe 47? Viel zu groß, fest an die Füße geschnürrt, irgendwo gefunden, geht schon. Passt ist eh nur eine Gewohnheit. Er hat mir gefallen, der kleine gebückte Mann mit aufrechtem Ziel.

Wir sind abgeflogen. Ich habe in der Men’s Health über das göttliche Hormon Testosteron gelesen, das Sixpack von Christano Ronaldo bewundert, ein Bier getrunken, Chips gefuttert und versucht, die Eindrücke Revue passieren zu lassen. Kommt man vom Land, sind die Sinne offen wie Scheunentore. Man nimmt die Rush hour als Grundrauschen einer irritierenden Zeit.

Dalí malte La Gare de Perpignan 1965. Da bin ich geboren worden an einem sonnigen Ostersonntag. Auferstehung. Das war eine andere, eine ferne Zeit.