Der Sommer, in dem ich das alte Fahrrad meines Großvaters reparierte

Junge mit Fahrrad_red

Der Sommer kommt.

Bald werden wir wie Hannibal mit unseren bepackten Blech-Elefanten über die Alpen ziehen. Mit allem, was man braucht. Diesem kompletten Gerödel für launige Tage. Fahrräder, Surfbrett, Espressokannen. Gen Süden über den Autoput. Mit Dachgepäckträgern und Hörspielen. Wir werden durch die Nacht fahren, den Gotthard überwinden oder durchwinden. Die Sonne wird in Italien aufgehen, das Meer wird rufen, die Blicke werden sich nach dem Blau sehnen, dem ersten Blick. Hinter Mailand, noch auf der Autobahn, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung kennt, an die sich kein Schwein hält, den ersten Kaffee trinken. Wir werden das Rennen durch die Serpentinen fahren auf dem Weg runter nach Genua. Chancenlos mit unseren Elefanten gebenüber den geübten Reitern mit ihren Araberlieferwagen voller Geschwindigkeit und Geschicklichkeit. Es sind Italiener, die uns mit ihrem Glück und Stolz um die Ohren fliegen werden. Diese Leute, die Berlusconi wählen und dennoch am besten wissen, wie man lebt.

Es wird ein anderer Sommer sein als der Sommer, in dem ich das Fahrrad meines Großvaters reparierte. Und unter Mithilfe meines Bruders gleich wieder zerstörte. Es muss Ende der Siebziger gewesen sein. Ich war vielleicht 13 Jahre alt, hatte komplett blonde Haare, war frech wie Dreck und gleichzeitig schüchtern. Tanten fuhren mir mit der Hand durchs Haar und gaben mir im besten Falle zwei Mark für Eis. Ich habe immer gespart, zurückgelegt, Ziele verfolgt, ein Konto gefüttert, Zinsen eingefahren, eine stille Reserve für meine klamme Familie zurückgelegt. Ab und an, wenn es ganz eng wurde, der Mama Geld gegeben für den Einkauf. Als zinsloses Darlehen bis zum Ersten.

Es waren andere Zeiten. Wir Kinder trugen im Sommer T-Shirts und kurze Hosen vom großen Bruder oder Cousin, hatten Sandalen an den Füßen, mit weißen Socken am Sonntag, und trugen im Winter Gummistiefel, in denen Füßlinge und Wollsocken für Wärme sorgten. In den großen Ferien, und auch zu Ostern, ging es im Opel Record Coupé in die Gärtnerei zu den Großeltern. Die Gärtnerei war nicht nur Gärtnerei, sondern auch Pension, die im Sommer nicht frequentiert war, weil die Kurgäste nie im Sommer in die Gärtnerei kamen. Und die Gärtnerei war der aufregendste Abenteuerspielplatz der Welt. Gewächshäuser, Kohlekeller, Taubendachboden, Torfsäckeberg, Schweinestall, Wurstküche, Krims-Krams-Speicher, verlassene Wohnung vom geschiedenen Onkel, Wasserbassins, Geräteschuppen, Außenbeete, Gästeveranda… Ach.

Und: Wowiemowie. Mit das Beste! Ein eigenes Pensionszimmer für 3, 4, 5 Wochen. Eine kleine Tasche und ansonsten nur ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Waschbecken, ein Fenster. Eine eigene Welt. Die Ferien des Monsieur Schönlau. Aufstehen, runter in die große Küche. Alle waren längst auf. Die Oma, der Opa im Tagwerk verstrickt. Keine Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern. Genial. Freiheit. Tun und lassen, was man will. Wild. Natürlich, klar, man musste ein Auge haben für die Umgebung. Jederzeit war es möglich, dass Opa um die Ecke kam und einen dabei erwischte. Bei all dem, was nicht so ganz astrein war. Nennen wir es: Experimente. Ihr wisst. Jungs. Da kommen Chemikalien, Feuer, Wasser, Unsinnigkeiten ins Spiel. So entstehen Katastrophen und Kriege. Am Anfang steht meist ein männliches Wesen mit einer Idee. Und ja, wir hatten viele Ideen und am Ende der Ferien kam die Oma zum gepackten Auto, drückte einem unauffälig 20 Mark in die Hand (ein Vermögen!) und weinte. Ein wenig, weil sie wusste, dass es nun wieder sehr still sein würde, ein wenig aber auch aus Erleichterung. Grins. So eine Jungenhorde, die in Wochen zusammenwächst, die Projekte entwickelt, Banden bildet, Angriffe startet, alles auf links dreht, die kann schon Nerven kosten. Frag nicht nach Sonnenschein.

Oma und Opa haben uns gelassen. Vielleicht mal ein Blick vom Opa beim gemeinsamen Mittagessen. Nur ein leichtes Heben der Augenbraue und ein etwas längeres Stehenlassen des Blickes. O.K. Verstanden. Zwei Gänge zurück. Das genügte. Ein Meister der Mimik. Lief es gut, kam es zum Highlight. Opas große Las Vegas-Kleingeldausschüttung. Er sammelte das Hose herunterziehende Kleingeld aus seinem Portemonnaie in einem großen Glas im Wohnzimmerschrank. An einem Abend der Ferien versammelte er uns am großen Tisch und startete das Schätzen. The winner takes it all. Puh. Ich meine, da ging es so um 30 Mark. Das war Kapital, Ertrag, Möglichkeit. Wer die Kohle hatte, war für die Ferien durch. Eis vom Italiener im Dorfzentrum, Süßigkeiten, Spielzeug. Da war alles möglich. Dementsprechend engagiert war das Schätzen. Glas in die Hand. Schauen, welche Münzen dominieren. Überlegen, mit welchem Faktor man multiplizieren kann. Rechnen, nochmal nachdenken. Und dann: Rien ne va plus. Abgabe des unumstößlichen Schätzwertes und dann gemeinsames Zählen. Peng. Autsch. Sieg. Freude. Neid. Lachen. Fluchen. Das ganze Leben in einer Aktion. Hallelujah.

Und dann die Sache mit dem Fahrrad. Ich war in den Ferien auch so etwas wie der Gehilfe meiner Oma. Fragte sie, ob ich helfen könne. So richtig. Also stand ich zum Beispiel, sobald die Glocke der Tür den Blumenladens ertönte, an der Kasse. Oma bediente, fügte Blumen zu Sträußen und ich rechnete im Kopf mit. Meist hatte ich ein anderes Ergebnis als meine Oma, die scheinbar ein anderes Preissytem hatte. Ich orientierte mich an den Zahlen auf den Schildern, sie an den Sternen oder Menschen, die vor ihr standen. Meine Oma war eine außerordentlich nette und soziale Frau. Sagen wir es ruhig: Oma Erna war mindestens eine Heilige. Interpretierte Sie die Preisgestaltung zu Ungunsten der Gärtnerei, korrigierte ich das selbstbewusst durch das richtige Eingeben der Einzelpreise in die riesige Registrierkasse. Da hatten es die Kunden schwarz auf weiß und konnten mit den Preisschildern vergleichen. Meine Oma nutzte diese Kasse nie. Ihr Wechselgeld klimperte in der Schürze. Sie glaubte immer, ich sei so, weil mein Opa väterlicherseits Banker war. Ich war so, weil ich wollte, dass sie genügend Geld verdient und der Laden gut läuft, damit der wunderbare Ort gesichert ist, der kürzlich zwangsversteigert wurde, was wieder eine andere Geschichte ist und mit Holländern und Energiekrisen zu tun hat.

Als der Gehilfe meiner Oma gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die per Fleurop bestellten Blumen zu den Sommergästen im Dorf zu bringen. In die großen Kurhäuser am Kurpark, in die kleineren Pensionen, die frequentiert waren und später auch in die Betonburgen der Krankenkassen, die einfach so gefühllos waren, dass sie Menschen in der Kur in Bettenburgen packten. Die Dinger sind heute geschlossen und verscherbelt. Westdeutsche Plattenbauidiotie. Egal. Ich trug die Blumen zu Gästen, bestand darauf, sie persönlich zu übergeben und wurde für meine Bringleistung mit einem Trinkgeld entlohnt. Eine Mark für einen langen Fußweg, den ich, ohne den sensiblen Strauß in der Hand, zurücksprintete, weil ich zu der Zeit nur gelaufen bin. Gehen war nicht mein Tempo. Also nervte mich der Feintransport der Blumen auf dem Hinweg im Schneckentempo, weshalb ich mir überlegte, den Transport effizienter zu gestalten. Ich erinnerte mich an Opas altes Fahrrad, dass ich sofort zum Firmengründungsfahrrad romantisierte. Schon damals habe ich mir die Welt so zusammengesponnen, wie sie mir gefallen hat.

Ich investierte in Flickzeug, Fahrradöl, neue Ventile und schraubte einen ganzen Tag. Am Ende montierte ich einen Transportkorb vorne an den Lenker und brandete das Firmengefährt mit einem Schild, auf das ich Gärtnerei Spieker schrieb. Fertig. Man, was waren alle stolz. Dieser Junge, der kann was. Was der aus dem alten Fahrrad gemacht hat. Und so zog ich meine Kreise durch den Kurort, stellte im Expressverfahren zu und fuhr Werbung. Man kann durchaus sagen, dass ich mir mit der Aktion Sympathie und Achtung eingefahren habe. Was nicht mein Ziel war, aber durchaus willkommen. Damit konnte ich dann auch ein wenig den Ruf der wilden Bande, der uns drei Schönlau-Brüdern anhaftete, entkräften und das Image glätten.

Bis zu dem Moment. Tja. Ich fuhr die Gartenstraße rauf. Auf dem Lenker vorne mein kleiner Bruder. Wir hatten den Korb demontiert, damit wir zu zweit fahren konnten. Natürlich fuhren wir schnell und wild. Slalom und alles, was so eine Kiste hergibt. Ein Verwandter im BMW überholte uns und parkte ein. So ein feiner Verwandter mit Sakko und Krawatte. Feiner Herr. Wir kamen angeflogen und dann. Peng. Autsch. Ende aus Nikolaus. Bekam mein kleiner Bruder seinen sandalierten Fuß in die Speichen. Vollbremsung, Überschlag, Geschrei. Der Fuß war dran, nur leicht gequetscht, das Fahrrad war hin. Felge und Gabel verbogen. Completti. Nicht zu reparieren. „Typisch Schönlau.“ Tja, so sind sie. Da war die Sache mit dem positiven Image schon wieder vorbei, weil die Geschichte sich in der Verwandtschaft rasend schnell verbreitete. Es ließ sich nichts machen. Und ich trug die Blumen wieder zu Fuß aus und rannte zurück in die Gärtnerei, um die Oma nach Jobs zu fragen oder mich den Sommerabenteuern unvergesslicher Ferien hinzugeben.

Imperfect memories – zu Besuch bei Trash/Treasure in Köln

© Trash/Treasure 2014
© Trash/Treasure 2014

Trash/Treasure. Köln. Tel Aviv.

Am Sonntag habe ich ihr Atelier in Köln Ehrenfeld besucht. Es war wieder der Tag, an dem sich die Ateliers in Köln öffnen. Man kann hereinspazieren in die kleinen Museen. Ist ganz nah dran.

Seit zwei Jahren freue ich mich über die Arbeiten, die Trash/Treasure auf Facebook präsentiert. Zweimal habe ich über sie und ihre Kunst geschrieben: Abriss ART mit Trash Treasure (2012) und Ateliergespräch mit Ina T. von Trash/Treasure (2012).

Nun hat sich wieder eine Gelegenheit ergeben, zu schreiben. Weil mir das, was sie in ihrem Atelier am Wochenende gezeigt hat, gefallen hat. In ihrer Arbeit ist der Name Programm. Abfall/Schatz. Sie streift durch das Jetzt mit ihrer Kamera und findet im Alltäglichen das Spezielle. Den Augenblick, die Emotion, die Geschichte dahinter.

In meinem Kopf bewegen sich einige ihrer Fotografien. Ein Sessel in einem Hinterhof, ein Rollstuhlfahrer in Köln Ehrenfeld. Auf ihrer Facebook-Seite kommen täglich Aufnahmen hinzu. Material, wie Heiner Müller es genannt hat. Ein Pool der Schöpfung. Möglichkeiten. Trash/Treasure ordnet. Sie hat Themen im Kopf, geht sehr strukturiert vor. Es ist nicht der Zufall, der sie durch die Stadt und Städte leitet. Es sind Ordnungsstränge, die einem Mechanismus gleich zu den Bildern führen.

Ich war einmal mit ihr im Kölner Hafen unterwegs. Container, Förderbänder, vergessene Räume wie ein Industriemuseum. Sie lässt sich Zeit, schaut, was passt. Es muss ein großer Plan in ihrem Kopf sein, der mit zahllosen Fotos bestückt ist. Am Sonntag bestand nun die Möglichkeit, sich Ergebnisse anzuschauen. Das gegliederte, geordnete, aufbereitete Surrogat.

Das Foto oben zeigt imperfect memories. Basis sind Fotos, die in einem Ehrenfelder Haus entstanden sind. Ein altes Haus, in dem ein junger Mann wohnt, der sich eine Wohnung hergerichtet hat und den Rest für Aktionen, Projekte, Veranstaltungen zur Verfügung stellt. Sie hat ihn gefragt, ob sie darf und hat ihre Eindrücke mitgenommen. Verschwommene Bilder in kräftigen Farben. Als ich in das Atelier kam, habe ich mir zunächst alles drumherum angeschaut. Habe mir imperfect memories aufgehoben.

Trash/Treasure hat die Fotos bearbeitet. Hat ihnen aus der Dunkelheit des alten Hauses heraus, in dem sie entstanden sind, kräftige Farben entlockt. Es sind Überlagerungen zu sehen. Verschwundene Erinnerungen. Vergessen im Kurzzeitgedächtnis, im Langzeitgedächtnis. Wie war das? Es sind Möbel zu erkennen. Alte Stehlampen, die, die wir als Kinder wahrhaftig in Wohnzimmern haben stehen sehen. Museal, heute. Treppenaufgänge, Kronleuchter, Barhocker.

Für sie sind die Fotografien in ihrer Veränderung Malerei. Sie sind auf Leinwände abgelichtet, die auf Holz aufgezogen sind. Die Rahmen sind grau, ihre Farbe verschmiert. Kein Schickimicki, kein Hochglanz. Grob. Passend. Es sind zehn Bilder, die eine Arbeit ergeben. Neun harmonisch, quadratisch angeordnet, eines, außenstehend, ein Selbstportrait durch ein Fenster. Sie wirken wie Fenster, diese Bilder, wie sie sich in ihren kräftigen Farben von der Wand abheben. Sie sind Einblicke in eine verschwommene Welt. Wieder sind es kleine Bühnen. Kammerspiele, in die man einsteigen kann. Inszenierte Welt. Platz nehmen in den beiden Sesseln, ein Gespräch starten, sagen, was lange verschwiegen ist. Wichtige Gespräche führen auf Staatsebene. L’état, c’est moi. Die Treppen herauf steigen, die Welt oben erkunden, die Räume, Zimmer, Möglichkeiten. Es geht immer weiter, tiefer. Einen Abend auf dem roten Barhocker verbringen, der Musik lauschen, trinken, sehen, was passiert. Die eigene Geschichte sehen, entstehen lassen vor dem geistigen Auge. Kunst. Real, verträumt.

Mir gefällt Kunst, wenn sie saugt, wenn sie anfängt, lebendig zu werden. Das passiert ab und an. Selten, manchmal. Bei imperfect moments ist es mir passiert. Es hat sich also mal wieder gelohnt, den Weg in die Stadt zu fahren.

© Trash/Treasure 2014
© Trash/Treasure 2014

Le soir rouge

red moon

Es gibt so kulminierende Zeiten. Manchmal, da passiert nichts. Man könnte von Ruhe oder Langeweile sprechen. Es sind Millimeter, die den Unterschied machen. Gefühle fallen von Klippen, Stimmungen fliegen, landen, steigen, erobern. Nichts ist fest, alles ist in Bewegung. Man würde gerne. Zementieren. Betonieren. Festhalten. Aber genau dann, wenn man glaubt, man könne greifen, nun, in diesem Moment, hätte man es, dann: Puff. Ciao. Aufgelöst, weggebeamt, schön hinterher winken. Bis bald, liebes Glück, Schöngefühl.

Heute Abend hatte ich die Qual der Wahl. Die große Entscheidung. Fußball oder Yoga. Dabei ging es zunächst nicht um Bayern/Real, das Hinspiel des Champions League-Halbfinales. Nein. Ganz profan: Training. In den letzten Wochen habe ich es verpasst. Nun, ich soll nicht lügen. Es ist noch ein wenig anders. Ganz ehrlich? Wir hatten Spiele. Ü32. Über 32 Jahre. Tja. Und da bin ich nicht mehr dabei. Zu alt. 49. Ja, es schmerzt. Zugegeben. Was soll ich sagen? Natürlich. Selbstverständlich. Alle sagen, 49 ist kein Alter. Alles im grünen Bereich. Klar. Nur auf dem Platz bin ich raus. Also hatte ich kein Training, weil Meisterschaftsspiele stattgefunden haben, an denen ich nicht teilnehmen konnte. Fußballer-Frührente. Und dann war da noch viel Arbeit. Lange Tage. Nun ja. Ausreden gibt es immer.

Also habe ich mich heute auf das Training gefreut. Es war mir lieber als Yoga. Männerschweiß, Sprüche, Tackling, rennen, schreien, vollenden. Weil die Bayern gespielt haben, waren wir nur zu acht. Vier gegen vier. Keine große Sache, ein kleines Hin und Her. Geklicker. Aber dann. Ich hatte meine schwarzen kurzen Hosen angezogen, die Kaiser geschnürt, das neuseeländische Nationaltrikot der Rugby-Mannschaft übergeworfen und war aufgelaufen, als wollte ich Christiano Ronaldo ins Hallo stellen. Voll motiviert, gut gelaunt, mit voller Freude auf das, was kommt.

Es kam anders, als ich dachte. Manchmal ist das Leben spontan. Die Dinge ändern sich, die Erwartungen verfliegen wie Wasser auf der heißen Herdplatte. Wusch. Plötzlich, vom einen auf den anderen Augenblick hatten wir einen Gegner. Die trainierende A-Jugend. Junge Kerle im besten Alter. 17, 18 Jahre jung. Holla die Waldfee. Respekt. Ausdauer, Wille, Schnelligkeit, Können, Stärke. Mir fiel so manches Wort ein. Am Ende ließ sich alles in dem Wort Respekt verdichten.

Ich wollte nicht verlieren. Nicht so kurz nach meinem 49-zigsten Geburtstag untergehen. Gegenwehr, aufbäumen, zeigen, was da ist. Lief gut an. Die jungen Götter klebten am Ball, spielten jeder für sich Traumfußball. Kaum vom Leder zu trennen. Tja. Aber. Es fehlte was. Die Konsequenz. Das Durchsetzungsvermögen. Und so konnten wir atmen, Luft holen, reagieren, kontern. Und. Obwohl. Ich eigentlich. Verteidiger bin, ging ich nach vorn und hatte die ausgesprochen wunderbare Gelegenheit, Tore zu machen. Buden. Zu vollenden. AAAHHH! Ego, Leuchten, Heiligkeit, Wunderbarigkeit.

Während des Spiels, das kurz vor dem Spiel der Bayern gegen die Reals stattfand, hörten wir plötzlich die Blaulicht-Sirenen. Und: Jetzt schließt sich der Kreis. Spätestens hier beginnt das Kulminierende. Das neue Feuerwehrauto aus MÜNCHEN war eingetroffen. Unsere Feuerwehrjungs aus der Nachbarschaft waren gestern nach München gefahren, um den neuen Wagen (der sich offiziell Fahrzeug nennt) abzuholen. Eine sündhaft teure Kiste, die sich die Gemeinde kaum erlauben kann. Aber bei Autos der Farbe Rot werden Männerherzen nunmal weich. Also: GEKAUFT. Weil die Karre so groß ist, muss nun auch das Feuerwehrhaus komplett umgebaut werden. Das erklärt die Riesenbaustelle mit Kran vor unserem Haus. Nichts bleibt, wie es ist. Immer hat einer eine Idee, wie es noch besser geht. Deutschland. Investieren, machen, tun, verändern, Aktionismus. Keine Ruhe in keinem Augenblick. Ein durchgeknalltes Land.

Auf jeden Fall wussten wir, das Fahrzeug ist da. Angekommen. Wir spielten zu Ende, gönnten den Young Gunss das letzte Tor, das ihre Niederlage bei weitem nicht abwenden konnte und machten uns mit einem Bier in der Kabine und einer heißen Dusche fit für das Spiel der Fußballgiganten. 22 Kerle in Madrid auf dem Platz. Ein Name größer als der andere. Die Bayern überlegen, die Madrilenen die Gewinner. Diese Bayern haben zwar ordentlich Dampf gemacht, aber immer, wenn es drauf ankam, vorne gestanden. GESTANDEN! Keine Bewegung, die bei den Madrilenen zu Fehlern hätte führen können. Hätte führen können. Ein erbärmlicher, langweiliger Konjunktiv, der beschreibt, was nicht passiert ist. Keine Überraschungen, keine genialen Pässe, keine geschaffenen Räume, kein Pass in die Tiefe. Nothing. Zwei Konter von Ronaldo & Co., ein Tor, eine Bayern Niederlage. LANGWEILIG.

Hat trotzdem Spaß gemacht der Abend. Denn meine Alten Herren haben gegen die Jugend gewonnen, das neue Feuerwehrauto ist angekommen und alle im Dorf sind glücklich und zufrieden (Gute Nacht, Johnboy). Ab in die Betten, dem Tag Adieu sagen und sich auf das Tagwerk eines neuen Tages freuen. Ich werde im Job ein neues Medium bespielen. Was eine klassische Broschüre werden sollte, hat sich zu einer digitalen Präsentation mit einem verspielten Programm entwickelt. Ich schreibe nicht nur, sondern überlege mir eine mit visuellen Effekten gespickte Präsentation. Für einen Termin in München. Im Mai und im Juni wird es mich dorthin verschlagen. Herr Schönlau auf Reisen. Als festangestellter Texter kommt man rum. Raus aus dem Büro, rein in die Welt. Gefällt mir. Kriegt ’nen Like und ’nen Smiley:) Ciao. Schlaft gut, träumt süß, bessert euch.

Ach ja: Die Überschrift. Le soir rouge. Der rote Abend. Das bezieht sich auf die Bayern-Trikots und das neue, sensationell fantastische neue Feuerrwehrauto (in Fachkreis einfach das neue Fahrzeug genannt).

Lodernde Feuer & mysteriöse Federn

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Ostern auf dem Land ist schlichtweg schön. Vor allem, wenn das Wetter mitspielt. Das hat es in diesem Jahr getan. Wunderbares Auferstehungswetter. Mein Geburtstag fiel auf den Karfreitag, nachdem ich 1965 am Ostersonntag geboren bin. 1976 hatte ich auch am Ostersonntag Geburtstag, was das nächste Mal erst wieder im Jahr 2049 der Fall sein wird. Das ist so das Lebensalter, wo ich auch an Auferstehung denken werde.

In diesem Jahr gab es im Dorf wieder ein Osterfeuer, nachdem der Bauer über Jahre hinweg seine Wiese nicht mehr zur Verfügung gestellt hatte. In einem Jahr hatte es ein wenig Chaos gegeben. Müll, Feuerreste, aufgewühlte Wiesen… Dieses Jahr ein neuer Anlauf, und? Es hat geklappt. Zwei junge Männer haben sich der Sache angenommen und die Aktion durchgezogen. Holz besorgt, aufgeschichtet, bewacht…

So konnten wir am Ostersonntag auf der Höhe unser dörfliches Osterfeuer erleben. Viveka, ihre und meine Kinder und ich saßen am Feuer. Auf einer alten Couch. Gemütlich und warm und schauten in die Flammen und übers Land, wo überall die Flammen loderten. Ich muss dann zwar immer an die Scheiterhaufen denken, die hier im Mittelalter auch brannten, finde dann aber doch schnell zum gemütlichen Teil des Abends zurück. Sieht einfach schön aus.

Am Ostermontag sind wir dann auf eine merkwürdige Erscheinung gestoßen. Zaunpfähle im Wald mit weißem Federschmuck. Auf jedem Zaunpfahl längs des Weges eine weiße Feder. Bald sahen wir, weshalb. Der Weg führt zu einem hölzernen Kreuz inmitten der Landschaft. Hier hat wohl eine Prozession der Katholiken stattgefunden. Weißes Federn als Friedenszeichen? Keine Ahnung.

In diesem Jahr sind die Wiesen jetzt schon gelb vom blühenden Löwenzahn. Das sieht so schön aus. Grünes Gras, satt gelbe Blüten, blauer Himmel mit weißen Wolken. Fast ein wenig kitschig. Egal.

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Lone at the beach

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Gestern super Wetter, heute ist es zugezogen. Ab Mittag. Wolken, Wind, später Regen. Am letzten Tag gibt es immer einiges zu tun. Sich verabschieden vom Meer. Sich alles noch mal so richtig reinziehen. Mit den Jungs ein letztes Bier im van der Werff. Kleine Geschenke kaufen.

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Nach dem Bier mit Jens und Jens haben sich unsere Wege getrennt. Jens wollte noch in den Bioladen, Jens in einen anderen Shop. Mich zog es ans Meer. Für Viveka. Sie liebt das Meer und wenn sie an der Küste ist, ist sie vom Strand nicht wegzubekommen. Tagelang, nächtelang. Sitzen, laufen, eintauchen, gucken. Es gab diese wunderbare Szene im letzten Jahr in Italien, als die Wellen hoch waren. Viveka schwamm raus, weit raus, lange raus. Dorthin, wo niemand mehr war. Ein kleiner Punkt draußen. Ich machte mir schon Sorgen, wusste nicht, wie gut sie schwimmen kann und wollte sie natürlich um keinen Preis der Welt durch eine Fehleinschätzung verlieren. Sie spielte mit den Wellen, dem Wasser, den Bojen.

Ich schnappte mir ein Bodyboard und schwamm raus. Mir war in den hohen Wellen schon ein wenig mulmig. Als ich zu ihr kam, lächelte sie. Alles in Ordnung. Sie muss einmal ein Fisch gewesen sein, eine Meerjungfrau, ein Delfin. Kein Problem. Stundenlang. Ihr Element.

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Und so bin ich heute raus auf die Sandbank. Die Ebbe hat es möglich gemacht, der Übergang ein kleiner Rinnsal. Kein Problem. So durch. Meine Rossis hatte ich vor der Abfahrt dick eingefettet, also konnte ich trockenen Fußes hinüber. Auflandiger Wind, kaum Vögel, mir entgegen fliegender Sand. Ich wusste nicht, wann die Flut einsetzen würde oder ob sie vielleicht schon… Ich habe eine Linie in den Sand gezogen – neben die Wassergrenze und habe geschaut. Keine Veränderung. Highest Peak, habe ich angenommen. Ein Niederländer mit hohen Gummistiefeln folgte mir und ging sicheren Schrittes Richtung Wellen.

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Gut. Ein Schauspiel. Der fliegende Sand, die ziehenden Wolken, das Getöse, die Weite. Der andere Mann verschwand in eine andere Richtung, wurde kleiner und kleiner und unbedeutender. Wen juckt es, wenn so ein schwarzer Punkt von irgendwelchen Naturkräften verschlungen wird. Ich machte mich auf den Weg. Fotografierte, was das Zeug hielt. Erreichte das Wasser, sah ein Fischerboot im Dunst des aufkommenden Regens verschwinden.

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Zum ersten Mal musste ich alle Einstellmöglichkeiten meiner Goretex-Jacke justieren. Nach unten hin abdichten, die Klettverschlüsse am Ärmel eng ziehen, die Kapuze ums Gesicht legen. Alles gut. Fotos nur mit dem Wind, um die Kamera zu schützen. Am Ende ist die Linse voller Tropfen. Und ich bin allein. Der andere Mann ist schon wieder auf sicherem Boden. Mir fehlt Herr Cooper. Egal, er brauchte heute eine Pause. Anstrengende Tage. Mit dem Fahrrad unterwegs, das ist für Hunde Leistungssport.

Ich bewege mich Richtung Land zusammen mit dem fliegenden Sand, erreiche den Übergang, das Flussbett. Geht noch. Die Hose ist eh nass, die Schuhe sind es auch. Ich denke an Viveka und sauge alles auf. Sie wäre noch geblieben. Ich fahre nach Hause, mir ist es kalt, die Finger sind klamm. Jens sitzt im Jacuzzi, ich setze mich dazu. Der Regen fällt, das Wasser wärmt. Schön. Luxus. Morgen geht es nach Hause. Ostern. Aufgetankt für die nächste Runde.

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Und hier zum Abschluss noch ein Video von Finn und Jim, der Support geleistet hat…