„Der Mensch ist, was er tut. Nichts anderes.“

Das Zitat der Überschrift stammt von Jean Ziegler. Es steht jetzt hier in diesem Blog, weil es seinen Weg über einige Gedankenecken und Fügungen zu mir gefunden hat. Besser umgekehrt. Ich bin zu ihm geeilt. Einige Tage zuvor: Ich schreibe hier im Blog Google, Sex, Dreikönigstreffen! Bin angekratzt. Hörte Guido Westerwelle sich zurück in die Pole-Position schreien. Angriffe mit stumpfer Waffe. Politik in Deutschland – je lauter, desto besser. Große Buchstaben. Einfache Zusammenhänge. Leicht nachvollziehbar. Sündenböcke. Und die Medien spielen mit, nehmen die Informationen, um eine verkäufliche Ware zu haben. Mechanismen.

Also schreibe ich diesen angekratzten Text und schimpfe noch über die leseschwachen Heiligen Könige, die in diesem Jahr zu meiner Überraschung lesestark und pfiffig waren. Ein König des Wissens erläuterte mir sogar die drei Buchstaben C*M*B – nicht Caspar, Melchior, Balthasar, nein: Christus Mansionem Benedicat (Christus segne dieses Haus). Danke! Kann man immer brauchen, einen guten Segen. In diesem Jahr hätten wir statt der Kreide auch einen Aufkleber haben können – nicht abwaschbarer Segen. Eine Innovation der katholischen Kirche, von der ich mir in anderen Fragen diese Beweglichkeit wünschte. Nun gut, sie kommen zu uns und bringen den Segen. Als wehmütiger Traditionalist wählte ich die Vergänglichkeit des Kreidestaubs.

Zurück zum Thema. Der Beitrag Google… hatte vor allem Eva und Ewa (im Brigitte Woman Blog) zu Kommentaren bewegt, die wiederum mich bewegt haben. Verzweiflung. Unmut über den Zustand der Welt. Und ja: Nach dieser Finanzkrise entsteht der Eindruck, nichts zählt mehr außer Geld: USA vor der Fast-Pleite. Der Finanzminister bittet den politischen Feind auf Knien um Gnade. Griechenland. Portugal. Spanien. Sparprogramme, Unmut. Erste Anarchisten treten auf, Bomben explodieren in Botschaften in Rom. Italienische Anarchisten. Wut. Zorn. Weshalb? Tausende Milliarden Dollar zur Rettung der Banken, die schon wieder Milliarden an Boni ausschütten. Gleichzeitig wird „das Budget des Welternährungsprogramms der UNO um die Hälfte reduziert, von sechs auf drei Milliarden.“ Das sagt Jean Ziegler, schweizerischer Soziologieprofessor.

Ein Bekannter hat mir am Freitag einen Artikel der Zeit gemailt. „Ich bin ein weißer Neger“ Jean Ziegler im Interview. Der Mann ist 76 Jahre alt und mit 6 Millionen Euro verschuldet, weil er immer wieder wegen übler Nachrede verklagt und verurteilt wurde. Weil er Diktatoren beschimpft hat oder Banker seines Heimaltlandes. Ein streitbarer Geist, der viel erlebt hat und seit 50 Jahren über das ungerechte Gefälle zwischen erster und dritter Welt schreibt. Dieses Interview ist sehr besonders. Ich möchte euch empfehlen, es zu lesen. Nicht zwischendurch, sondern mit etwas Zeit. Es macht Mut. Nicht in die Richtung, die Welt lässt sich retten. Nein. Ganz und gar nicht. Aber in die Richtung: Es gibt Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. Die dem Unangenehmen nicht aus dem Weg gehen. Die kämpfen.

In meinem Magisterstudium hatte ich ITWZ belegt. Neben Germanistik und Politischer Wissenschaft mein drittes Fach. Internationale Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Entwicklungspolitik. Ich dachte, da lässt sich was ändern. In der Entwicklungspolitik liegt der Schlüssel zur Weltgerechtigkeit. Es war ein Versuchsstudiengang. Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler in einem Boot. Interdisziplinarität. Wir wurden an die Wand gedrückt. Wir sagen euch Geisteswissenschaftlern mal, was Entwicklung braucht: Zement! Um Beton mischen zu können, das Fundament von Farbriken, Industrie und Wohlstand. Ein Projekt, über das ich schrieb, war Ruanda. Ich dachte, es kann nicht nur darum gehen, einen Zugang zum Meer zu schaffen. Erst müssen wir das Land, die Menschen verstehen. Sozio-kulturelle Faktoren. „Bullshit“ war die Antwort. Sozio-kulturelle Faktoren kann keiner essen. Dann kamen die Massaker, die Entwicklungshelfer wurden ausgeflogen. Genozid. Alles Geld futsch, zum Teufel gejagt. Zurück blieb: Zement. Guten Appetit.

Ich hatte die Schnauze voll, wollte damit nichts mehr zu tun haben. Bin am Theater gelandet und wollte Botschaften von der Bühne senden. Nationaltheater Mannheim. Abonnement-Publikum. Türen knallen bei modernen, gewagteren Inszenierungen. Pfui-Rufe von den überwiegend älteren Damen des Abonnements. Intzrigen im Haus – Kampf Kreative gegen Technik, Technik gegen Kreative. Wo kämpfen? In Ruanda? Auf deutschen Bühnen?
Jetzt bin ich Werbetexter. Lebe zurückgezogen auf dem Land, kümmere mich um meine Familie, schreibe sanfte Gedichte und einen freundlichen Blog. Kratze nicht, lege mich nicht an.

Lese Ziegler. Was für ein Mann. Mit 76 in der Welt unterwegs für die UNO. Erst als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, jetzt als Mitglied im beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats. Es wird Zeit, sich wieder mehr einzumischen. Den Geldbesessenen dieser Welt ein Gegengewicht zu präsentieren. Eine Botschaft in die Welt zu senden „Ihr könnt nicht tun und lassen, was ihr wollt.“ Ziegler zitiert Brecht: „Was hat das alles denn genützt? All die Theaterstücke, die Schriften, dieses Ringen im Exil? Brecht dachte nach, und schließlich sagte er: Ohne uns hätten sie es leichter gehabt.“ Und er zitiert Walt Whitman: „Er erwachte am frühen Morgen und ging der aufgehenden Sonne entgegen… hinkend.“

Mit Gedichten gegen Mauern? Laotse. Das weiche Wasser, bricht den harten Stein. Viel weiches Wasser. Sehr, sehr, sehr viel weiches Wasser. Die Bewegungen der siebziger Jahre. Ohne die hätte es Abrüstung und Windkraft nie gegeben. Ciao.

26 Antworten auf „„Der Mensch ist, was er tut. Nichts anderes.““

  1. Harter Tobak, heute am frühen Montag. Ich gestehe ich will das sacken lassen, mich heute an diesem meinem Tag eher mt der Leichtigkeit des Lebens beschäftigen.

    Dennoch we immer kann man, muss man Dirr irgendwie folgen, ncht immer geradlinig, nicht immer zu 100% einige.

    Dir einen schönen, guten Wochenanfang.

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      danke, dass du dich trotz der Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Seins durch den Artikel gearbeitet hast. Die Leichtigkeit hat viele Farben.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Guten Morgen, Jens,

    ja, ich habe mir Zeit genommen, um den Artikel vollständig zu lesen. „Man muß den Mund voll nehmen, wenn man sich anlegt, mit den mächtigen Halunken.“ Jean Ziegler ist ein beeindruckender Mann. Selbst mit 76 Jahren ist sein Kampfeswillen ungebrochen. Ich verneige mich. „Der Mensch ist, was er tut.“

    Wir alle sollten sehenden Auges durch das Leben gehen, Mund und Ohren weit auf machen und unsere Hände zur Hilfe entgegen strecken.

    Dir, Jens, wünsche ich einen guten Wochenstart.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      schön, dass du das ganze Interview gelesen hast. Freut mich. Und ich denke, es lohnt sich. Es gibt sie noch… Gut.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. „Der Mensch ist was er tut-nichts anderes“, dem stimme ich nicht zu. Ich hatte jetzt noch nicht die Ruhe den Artikel in der Zeit zu lesen. Aber der Spruch gefällt mir nicht. Was du geschrieben hast, gefällt mir sehr gut, kann ich sooo gut nachvollziehen. Ich denke auch so oft, „man müsste, ICH müsste viel mehr aufmucken, rebellieren, protestieren. Habe es mir auch schön gemütlich gemacht in meinem Leben. Früher, als Studentin, ja da habe ich auch demonstriert…. Aber das ist der Mensch eben auch – dieses feige, nichtstuende, zusehende, bequeme Wesen. Wir sind auch Träumer und Angsthasen. Ja, wir sind allzumal Sünder, sagt die Theologin in mir. Umso wichtiger sind Menschen wie Jean Ziegler und die vielen anderen, die Mut beweisen und uns aufrütteln, immer wieder. Hast du gerade auch mit deinem Blog gemacht, irgendwie. Trotzdem mache ich mir jetzt erst mal einen Kaffee – und starte noch nicht die Weltrevolution, lieber Jens… ;)
    Gruß an alle, die diesen Blog lesen,
    Uta

    1. Hi Uta,

      ja. Gefällt mir nicht gefällt mir gut. Obwohl ich natürlich gerne gewusst hätte, was dir nicht gefällt. Zu pauschal, global, allgemein? Wie definiert sich ein Mensch?

      Es geht übrigens nicht um Weltrevolution. Nicht für mich. Nicht um Umsturz. Es geht um Sinnhaftigkeit. Dem Handeln einen Sinn geben. Vieles ist einfach unintelligent. Aus Bequemlichkeit und weil es schon immer so war und weil es alle so tun wird einfach so weitergemacht. Angst vor Veränderung. Jedes Unternehmen schreibt sich Innovationen und Nachhaltigkeit auf die Fahne. Mit der Nachhaltigkeit hapert es noch an vielen Stellen. Weshalb erlaubt es ich der mensch, in der Politik so wenig innovativ und nachhaltig zu agieren? Hm.

      Ich hab hier auch einen Kaffee und schreibe für Geld. Übrigens gerne. Im Herzen des Kapitals. Trotzdem bleibt eine Sehnsucht und ein ungutes Gefühl…

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Was mich an dem Zitat stört, ist wohl dieses plakative. Der Mensch ist eben mehr als das, was er tut. Was in dem Zeit-Interview ja auch deutlich wird: all das Unterlassen, all die Interessen und Eitelkeiten, die uns auch antreiben und die manches verhindern. Damit müssen wir eben auch klar kommen. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung, sich immer nur zurückzulehnen und die machen zu lassen, die so gut für sich selber sorgen und denen all das, wofür derHerr Ziegler kämpft, so was von egal ist. Und in manchem, das passiert, wirst du keinen „Sinn“ finden, lieber Jens. Da wär so’n bisschen Revolution wahrscheinlich nicht schlecht, aber ach….
        Nix für ungut ;) Uta

        1. Hi Uta,

          nichts für ungut. Ein Mensch, der nichts tut, der tut eben nichts. Kann sich das auch nicht auf die Fahnen schreiben und wird auch nicht so wahrgenommen. Fällt nicht auf. Einer der schlecht handelt, ist eben das, was er tut. Ob er so gesehen wird, ist etwas anderes. Aber letztlich müssen wir vor uns selbst bestehen. Und meine meinung: Alles kommt zurück. Irgendwann. „Wir ernten, ernten, ernten, was wir säen, säen.“ Ich glaube, ein finanziell reicher Mensch, dessen Reichtum auf Bösem basiert, wird nicht wirklich glücklich. Auch wenn er Porsche fährt, Hummer isst und ihm viele Menschen zu Füßen liegen. Da kommt in Sachen Glück nichts bei rum.

          Wieder aktiver werden. Sich wieder mehr einmischen. Das ist hier und heute schon Revolution. Deshalb finde ich den Stuttgart 21 Protest sehr begrüßenswert – fernab von Verkehrswege- und Bahnhofsdiskussionen.

          Liebe Grüße

          Jens

  4. Ich kann deine Gedanken, deine Wut und auch die Ohnmacht gut verstehen. Auch mir geht es so. Diese schreiende Ungerechtigkeit, die sich allerorten breit macht ist zwar kein Phänomen der heutigen Zeit, dass gab es schon immer, nur wird sie heute über die mediale Landschaft schneller publik gemacht. Nur was nützt es, wenn sich nichts ändert, die Welt zielsicher auf den Abgrund zusteuert un die Protagonisten mit einem Glas Champagner in der Hand zugucken.

    Ja, ich bin wütend, mal keine goodnews heute und ich bewundere Menschen, die sich wehren, auch wenn sie das System nicht in ihren Grundfesten ändern werden.

    Am Samstag habe ich bei einem Benefiz-Fussballturnier zugunsten eines Entwicklungshilfeprojekts in Kenia mitgespielt. Man redete über das Projekt und ich dachte bei mir „Das ist nur ein Mini-Puzzelteil, aber es ist das , was ich konkret machen kann“.

    Das weiche Wasser bricht den Stein?! Vielleicht ist es so, ich gebe die Hoffnung nicht auf.

  5. Lieber Jens,
    was für ein starker Artikel, den Du da geschrieben hast! Spricht mir total aus dem Herzen. Auf Jean Ziegler wurde ich vor Jahren ausmerksam, als er Gast in der NDR-Talkshow war. Ich habe uns damals gleich sein Buch „Das Imperium der Schande“ gekauft und kann es nur jedem empfehlen. Was für ein charismatischer Mensch! SO stelle ich mir ein echtes Vorbild vor: nie locker lassend, nie aufgebend, sich selbst treu bleibend. Wie tröstlich, dass es solche Menschen gibt!

    Ich meine ja, dass sich die älteren Menschen viel mehr protestierend einmischen sollten und das auch aus dem Grund, weil sie am wenigsten riskieren und z.B. keinen Job mehr zu verlieren habe, aber mit für das verantwortlich sind, was nun den nachfolgenden Generationen aufgebürdet wird. Ich (ich bin jetzt sechzig) bin auf jeden Fall dabei. So schreibe ich z.B. Leserbriefe, beteilige mich an Protestaktionen usw.. Angst habe ich keine. Was kann ich schon verlieren?
    Dank Dir für Deinen Mut, unbequeme Dinge beim Namen zu nennen.

    Liebe, solidarische Grüße
    Eva 2

    1. Hi Eva,
      einige Zeit beschäftigt. Dann kam der Artikel per E-mail und passte so exakt. Für mich ist es immer das Spiel mit dem Feuer. Früher war ich sehr diskustierfreudig. Bis tief in die Nacht. Argumentativ die Messer wetzen. Im Studium haben wir das bis zum Abwinken praktiziert. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das nicht glücklich macht. Irgendwie waren eh alle auf einer Seite und die Katze hat sich in den schwanz gebissen. Da dachte ich mir: Lass doch. Leb dein leben, sei glücklich und Aus die Maus. Aber parallel zu meiner Entwicklung sind auch so viele andere eingepennt und haben aufgehört, wachsam zu sein. Nun glauben da menschen, ihnen gehöre die Welt allein und sie wüssten, was gut für die Menschen ist. Wie die Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt hat, wissen sie es nicht. Schade auch. Aber nicht wirklich überraschend. Nachhaltigkeit wäre das Zauberwort gewesen. was ich heute mache, sollte auch morgen noch richtig sein. Wenn in einem Roman eine Waffe auftaucht, geht sie los. Wenn ein Spieler auftaucht, verzockt er sich. Früher oder später. Das Verzocken hat mächtig stattgefunden. Unter den Augen aller. Und schon jetzt rührt sich da nichts mehr. Freie Hand, egal, was passiert. Ja, wir Menschen dieser Welt müssen uns einmischen.

      Liebe Grüße

      Jens

  6. Seit einigen Tagen trage ich einen neuen MUSS-Text für meinen Blog in mir herum. Unausgereift und gärend. Vor allem gärend. Und keine Zeit zum Schreiben. Weil er sich ja nicht in einer Viertelstunde schreibt. Ich bin froh, Jens, um diesen deinen Text. Um deinen Hinweis auf Jean Ziegler, seinen Einsatz, sein Engagement. Ich meine auch, dass es Zeit wird, eine zum Zeittrend gegengewichtige Kraft aufzustellen. Revolution? Eine Bewegung. – Ist natürlich genauso unausgereift, wie der Text in meinem Kopf. Ausdruck einer Empfindung gegen die immer spürbarer werdende Ungemütlichkeit in dieser Welt. Der Welt, die wir den Nachfolgenden hinterlassen wollen.

    Weißt du noch, wie ich in den Anfängen unseres Kennens schrieb: es darf auch mal ‚ungemütlich‘ sein; sperrig – so irgendwie. Damals bezog ich das auf die Lyriken. Du hast auf den ‚gezähmten Jens‘ verwiesen. Ein bisschen Hintergründe skizziert.

    Jetzt zeigt sich dieser Mann wieder, denke ich. Gereift vermutlich. Nicht schweigend. Auch wenn’s Schreiben gegen Ohnmacht ist. Nicht schweigen.

    Viele Grüße
    filo

    1. Hi filo,

      dann freue ich mich sehr auf den Muss-Text. Huete habe ich diesen Text geschrieben. Und? Es waren so viele Menschen im Blog wie nie. Es scheint eine Sehnsucht zu geben. Es brodelt. Niemand hat Lust, länger Spielball zu sein. Durch Bankerspiele hin und her geschubst zu werden. Da wird mit Existenzen gespielt. dann fliegen die halt raus, die Zeitarbeiter, wenn es sich nicht lohnt. Ich kann es nur aus deutscher Geschichtsperspektive schreiben. Die Weber. deutschland, wir weben dein Leichentuch. Welt, wir weben. Spielen. Zocken. Menschenpoker.

      Nun habe ich versucht, zumindest für die Kinderzeit, brav und artig zu sein. Und grundsätzlich will ich auch eher ein höflicher Mensch sein, der Freundlichkeit sät. Nun schreibe ich einen solchen text, und er zieht an. Lockt. Verbreitet sich. Dabei will ich eigentlich nur schöne Gedichte schreiben. Vom Südwind. Von Chania. Von Meerjungfrauen. Vom Sommer. Und nun? Was mach ich nun? So ein Blog entwickelt ganz schöne Kräfte. Genau das, wonach ich mich gesehnt habe. Der Zauberlehrling. Die Kräfte, die ich rief. Nun bin ich sehr gespannt, was ich morgen schreibe. Unabhängig bleiben. Frei. Kein Texten nach Zahlen. Herrje. Kein ständiges Anrennen gegen Windmühlen.

      Schön, dass du da bist und den Blog begleitest. Das ist mir eine qwertvolle Stütze. Da habe ich das Gefühl, mal nachfragen zu können. Gut.

      Gute Nacht und liebe Grüße

      Jens

      1. Hallo Jens,

        ich denke, es darf beides sein. Ein höflicher Mensch sein/bleiben zu wollen, widerspricht nicht der Gabe der Kritikfähigkeit. Mehrfach lese ich in den Kommentaren von Sehnsucht, dass „es“ anders sei/werde… und dass das Dagegenschreiben vielleicht auch nur ein Schreiben gegen den Wind ist.

        Ich glaube, es ist mehr. Durch dieses Kommunikation bestärken wir einander. Es wird vermutlich dadurch nicht die Welt gerettet. Aber vielleicht der/die eine oder andere vor der Resignation…
        Und dann wieder den Blick wenden auf das Schöne. Chania, den Winden aus dem Süden, der kleinen filigranen Zeichnung einer Blattstruktur.
        Wovor ich mich hüten möchte, ist, zu „verbiedermaiern“… ;)

        Viele liebe Grüße
        filo

        1. Hi filo,

          du hast Recht. Das Gemeinsame ist das Wichtige. Menschen miteinander. Das ist es letztlich auch, was ich am Bloggen und am Fiftyfiftyblog schätze. Den Austausch. Und ich freu imich sehr, wenn ein Gedicht sich ankündigt, ich es dann irgendwann schreiben und veröfgfentlichen kann. Schöne Gedichte, die klingen. Und die dann zu teilen und zu wissen, dass sie hier in guten Händen sind. Dabei besteht die Gefahr des „verbiedermeierns“, wie du so schön schreibst. es könnte kunstgewerblicher zierrat entstehen. Kitsch. Gefühlsduselei. Ich hoffe, das ist nicht der Fall. Das wäre schrecklich. Ich hoffe, die Substanz ist wahrnehmbar.

          Liebe Grüße

          Jens

  7. Gestern stand ich mit meinem Mann im Bad und wir haben diesen Satz gesagt…. ohne ihn vorher gelesen zu haben. Meine Tochter geht gerade durch eine schwere Zeit in der Schule, weil sie eben etwas tut. Nicht hinterherläuft, ihre eigene Meinung vertritt… nun fühlt sie sich als Außenseiterin – keiner will mit ihr befreundet sein…. vor allem den „coolen“ Kids ist sie zu anstrengend. Was für eine Welt. Wie im Kleinen so im Großen.
    Wir haben eine Zeit lang viel Politik gemacht. Ich auf Landesebene, mein Mann auf Ortsebene… mit dem Erfolg, das wir uns daran zerrieben haben. Dickköpfe, sich den Hintern breit sitzend, alles blockieren was außerhalb des Amtes kommt. Ideen vom Tisch wischen…. Nur nichts verändern…
    nach vielen Jahren haben wir aufgehört. Wir können einfach nicht mehr gegen den Brei ankämpfen. Und so kenne ich viele Menschen, die letztendlich an dem Rad der Bürokratie oder den Menschen die sie umsetzen, verzweifeln und aufgeben. Leise werden.
    Ich hab immer noch meine eigene Meinung, vertrete sie auch immer noch mehr oder weniger öffentlich…. erziehe meine Kinder zu selbstständigen Menschen, die eben auch etwas tun – mit der Konsequenz, das es mir gerade das Herz bricht, wenn ich sehe, wie meine Tochter leidet und ähnliche Erfahrungen machen muß wie ich.
    Ja, wir definieren uns über das, was wir tun – aber manchmal eben auch über das was wir nicht tun.
    Liebe Grüße und einen schönen Tag von Suse

    1. Hi Suse,

      auch wenn es weht tut, zu sehen, wie die eigenen Kinder leiden, ich denke es tröstet, zu sehen, wie sie wachsen. Wie sich ihr Charakter formt. Sie macht das, was ihr vorgelebt habt. Unbequem sein. Mein Sohn lehnt das Handy ab. Als einziger in der Klasse. Aber er hat den Mumm, Nein zu sagen. Finde ich super. Solche Kinder braucht es. Ich denke einfach, er ist stark genug. Er hält das aus. Gestern hat er sich den Artikel geschnappt und hat das Interview gelesen. Ich hatte es in der Küche extra liegenlassen. Er ist ein Allesleser. Beim Frühstück hatte er den halben Text gelesen, den Rest dann im Bus. Es interessiert ihn. Die Welt interessiert ihn. Gerechtigkeit. Dass das nicht einfach ist, klar. Trotzdem glaube ich, dass es ihm in seiner Menschwerdung gut tut. Er wird seinen Weg gehen. Vielleicht aufrechter. Wer aneckt, lernt zu kämpfen. Für das Leben ist das ein gutes Rüstzeug. Trotzdem ist es natürlich doof, die eigene Tochter leiden zu sehen. Vielleicht klann sie einen Mittelweg finden.

      Liebe Grüße

      Jens

  8. Auf Twitter habe ich deiner Überschrift widersprochen. Jetzt konnte ich endlich das Interview, auf das du die Überschrift beziehst, lesen. Es hat mich sehr bewegt, die vornehmsten Antriebe meiner Geschichte wieder hervorgerufen.

    Und in dem Kontext des Interviews hat Ziegler natürlich Recht mit seiner Erinnerung an Sarte „Der Mensch ist, was er tut“.
    Aber du verstehst, dass ich als evangelischer Christ zwei Sätze hinzufügen muss:
    – Der Mensch ist nicht nur, was er tut. Wie sollten wir sonst vor uns (oder gar vor Gott) bestehen ? Ein klein wenig tröstlich für mich, ansonsten wäre ich gegenüber Ziegler sehr wenig Mensch. Luther nannte das ein bisschen antiqiert „rechtfertigt ohne der Gesetze Werk“
    – Der Mensch ist nicht nur, was er tut. Wie sollten wir sonst – und ich glaube: das wollten wir – daran glauben und dafür kämpfen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Ja, auch des Menschen, der nichts zu tun mehr in der Lage ist. Dennoch mit Würde ausgestattet. (Darauf bezzog sich natürlich vor allem mein Widerspruch)

    1. Lieber Horst Peter,

      danke für den Kommentar. Das ist gut beschrieben: Würde. Die ist einfach da, umgibt jeden Menschen. Auch die, die sich nicht rühren können. Aus vielerlei Gründen. Mental, emotional, körperlich. Sich mit Ziegler zu vergleichen, ist natürlich schwierig. Im Fußballdeutsch würde ich sagen: Eine andere Liga. Aber wir stehen ja jeweils dort, wo der Trainer uns hingestellt hat. In unserem Leben. Und da sind die Taten in jedem Augenblick von größter Bedeutung. Ruft der x-te Telefonverkäufr an, wie verhalte ich mich dann? Schnauze ich ihn an, oder sehe ich den Menschen, der versucht, seinen Job zu tun? Wie behandle ich Nachbarn? Meine Familie? Aber, wem sage ich das…

      Die Würde geht einher mit dem schwammigen Begriff sein. Wir sind. Und so strahlen wir schon etwas aus. Im Buddhismus hat das wiederum etwas mit „Tun“ zu tun. Karma. Im Verständnis der Buddhisten über viele Leben aufgebaut. Das Erreichen einer menschlichen Existenz ist die Chance, besseres Karma nach dem Prinzip von „Ursache und Wirkung“ aufzubauen. Ich bestimme mit meinem Handeln selbst, wie mein Leben, meine Leben, aussehen. Ob ich Himmel oder in der Hölle lande. Für mich sind viele Sichtweisen der Religionen ähnlich. Oft sind die Unterschiede nicht so groß, wie wir „glauben“. Deshalb fühle ich mich auch mit meiner neuen Religion in Kirchen immernoch sehr wohl (kommt allerdings auf den/ die Pfearrer/in an).

      Viele, viele Grüße

      Jens

      1. Im ersten Teil gebe ich Dir völlig Recht. Ich wollte spontan die Bibel zitieren „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“.

        Aber als ich nachschlagen wollte, wo das denn eigentlich steht, stellte sich heraus, dass es den Satz nicht gibt. (Nebenbei: Googelst du den Satz, behaupten alle möglichen Menschen, das stehe 1. Johannes 2. Da steht aber was völlig anderes)

        Der Volksmund hat aus dem Satz „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ die „Taten“ gemacht. Diese Erkenntnis wieder fand ich interessant, zitiert Ziegler doch das Sprichwort der Wolof „Man kennt nicht die Früchte der Bäume, die man pflanzt.“ Das meinen wir Christen, wenn wir zu Erntedank singen: „WIR pflügen und wir streuen den Samen auf das Land -doch Wachstum und Gedeihen steht in des Herren Hand“.

        „Das Gute, dass ich tun will, das tue ich nicht – das Böse, das ich nicht will, das tue ich“, schrieb Paulus. Das soll mich nicht hindern, das Gute zu tun, wo es mir gelingt – aber ich für meinen Teil, bin froh, dass es nicht allein an meinem Tun liegen wird, ob ich in den den „Himmel oder die Hölle komme“, sondern ich getrost darauf hoffen darf, dass Gott mich zu sich nehmen wird. Da habt ihr Buddhisten es etwas schwerer, weil ihr ganz ohne Gott selig werden müsst.

        1. Ja, da haben wir Buddhisten es etwas schwerer. Da haben wir jede Menge Arbeit zu leisten. In jedem Augenblick. Schritt für Schritt kommen wir nur im Schneckentempo voran. Puh. Kein Gott, der uns trägt. Nur der Buddha, der wir selbst sind. Der nicht über uns ist, sondern in uns. Selbsterkenntnis. Arbeit am Ich und doch immer zum Wohle aller. Und irgendwo am Horizont die Hoffnung Erleuchtung – vielleicht jetzt in diesem Augenblick oder irgendwann nach vielen Leben mit vielen guten Handlungen. Dennoch, glaube ich, das Christen und Buddhisten nicht so weit auseinanderliegen. Wahrscheinlich könntest du auch sagen, „Gott ist in mir“. Und das Paradies, ist das nicht eine Art Erleuchtung? Und ist im irdischen Handeln nicht Verantwortung und gutes Tun gefragt, um dort hin zu kommen?

          1. Ja, das würde ich sagen. Wir sagen „Heiliger Geist“ dazu. Der ist in mir – jedenfalls, ab und zu, hoffe ich.

            „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren – und nicht in dir, du bliebst doch tausendfach verloren“, sagte Angelus Silesius.

            Aber Gott ist nicht nur in mir, sondern auch mir gegenüber. Und Gott ist nicht nur „mein“ Gott, sondern Gott für die Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.