Barbara Schachtners und Norbert van Ackerens Museum des Aufstehens und Untergehens in der Straße Harmonie

Barbara 1

Duisburg Ruhrort, die Zweite. Barbara Schachtner und Norbert van Ackeren, die X-te. Sie haben es wieder getan, sich einen Raum genommen und bespielt. Geformt, inszeniert, aufgeladen. In Bilder, Objekte, Subjekte, Videos, Bühnenbilder, Artefakte gehüllt, getaucht.

Nun habe ich schon einiges von den beiden gesehen und gehört an verschiedenen Orten. Köln, Essen, Duisburg. Labor Ebertplatz, Museum Kolumba, Maison Belge, Le Chat Noir und jetzt eben in diesem Ladenlokal in der Ruhrorter Harmoniestraße. Ecke, 34 A.

Die Türen öffnen nach 18 Uhr, vorher beschäftigen die Schaufenster. Da ist eine Bar aufgebaut, Käfer krabbeln unter Rotlicht, scharren in Erde, klettern über Rosenkohl, ein Film läuft: Der Hafen, Schiffe, alles in Gelb und Pink.

Die Inszenierung heißt: SCHACHTEN & ACKERN, Peripherie II, Lafayette

In der Einladung heißt es „Die RUHRORTER-NATIONAL-GALERIE verortet sich ein weiteres Mal in dem Hafenstadtteil Ruhrort und bittet das frisch gegründete Künstler-Duo SCHACHTEN + ACKERN, aus Duisburg/Köln, ihren Blick auf 300 Jahre Hafen zu richten, um mit den Techniken des Gesangs, der Malerei, der Performance und Installation, dem scheinbar Selbstverständlichen eine neue Aufmerksamkeit zu geben.“

Was ist das scheinbar Selbstverständliche? Nun, es ist Detektivarbeit. Barbara und Norbert haben in diesem Ladenlokal ein Labyrinth aufgebaut, das die Besucher aufsaugt, im Kreis gehen lässt. Ein dunkles Museum, in dem morbide Hände aus den Wänden wachsen und Vergänglichkeit an die Hand geben, präsentieren, ästhetisieren. Wo gibt es einen Halt, einen Hinweis, der die Sinne lenkt, verknüpft, führt?

Ich laufe mit meiner Kamera umher, verliere Viveka, treffe sie, sehe Barbara im Kostüm. Eine Außerirdische. Ziggy Stardust. Silber glitzernde Plateaustiefel. Die Frau, die vom Himmel fiel. In diese geschaffene, kommentierende, atmosphärische Welt. Eine, die verfolgt, beglotzt wird, die ihr Programm hat. Für sich, in der Rolle, Position, Szenerie gefangen, verloren.

Barbara 2

Barbara hat einen Rekorder bei sich. Es läuft Musik, Hans Albers, der späte, dessen Stimme, nunja, brüchig ist, schräg. Barbara kommentiert, spricht, flüstert, siniert einen langen Abend. Geht komplett rein, läuft umher, nimmt Platz, betrachtet, legt sich, schweigt, spricht, singt erneut.

Die Dinge finden zusammen. Die Beiträge aus diesem Blog fließen ineinander. Das erste Treffen damals im Labor, die Trakl Apotheke im Labor, die Performance und Ausstellung im Maison Belge.

12. Mai 2012, ein Zitat vorangestellt. Trakl.

„Liebend auch umfängt im Schweigen im Zimmer die Schatten der
Alten,
Die purpurnen Martern, Klagen eines großen Geschlechts,
Das fromm nun hingeht im einsamen Enkel.

Denn strahlender immer erwacht aus schwarzen Minuten des Wahn-
sinns
Der Duldende an versteinerter Schwelle

(aus der menschheitsdämmerung: Georg Trakl, Gesang des Abgeschiedenen)“

Affe

Trakl ist im Raum, van Ackerens Kunst, Sichtweise. Die Vergänglichkeit, das Zerfließen, Vergehen, Zerrinnen. Rot fließt es aus Löchern aus den Wänden auf den Boden. Lachen bilden sich. Ein Etwas löst sich in einem kleinen Raum auf. Die Säfte fließen, als wären es die Reste eines verwesenden Schweins. Vor dem Raum, das Knäuel aus Metall, auf dem das echte Schweineherz liegt. So, als hätte es gerade eben noch gepocht. Dort liegt es als Opfergabe vor dem aus der Wand hervorstehenden Firmennamen. HAFUCK steht dort. Auf dunklem Grund, der Hochglanz zerflossen, Brauntöne, schwarz, angelaufen. Die guten Zeiten sind vorbei.

HAFUCK

300 Jahre Hafen. HAFUCK. Eine Position. Ich habe ein wenig recherchiert. Nun, Ruhrgebiet. Da ist der alles umfassende Strukturwandel nicht weit. Und große Worte auch nicht. Der Ruhrorter Hafen ist einer der größten Binnenhafen der Welt. 45.000 Menschen arbeiten dort. Ein Glanzlicht des Strukturwandels, die Industrie, die Autoindustrie verschickt von hier Waren, Ersatzteile in alle Welt. Eine Erfolgsgeschichte, mit der dieser Ort Ruhrort augenscheinlich nicht so mithalten will. Ich habe mir eben ein Stadtentwicklungskonzept aus dem Jahr 2009 gegönnt. Wohlfeile Worte. Perspektive, Entwicklung, Chance, Stadtteil am Wasser, an Rhein und Ruhr. Promenaden, Plätze, Kunst, Kultur, Gewerbe. Wenn es erst einmal anspringt…

Masterplan Duisburg-Ruhrort.

„Ziel ist es, den Stadtteil zu einem attraktiven zentrumsnahen Wohnort weiterzuentwickeln, neue Arbeitswelten am Wasser entstehen zu lassen und durch neue attraktive Freizeit- und Kulturangebote die Anziehungskraft für neue Bewohner und Besucher deutlich zu steigern.“

Die spannenden Nahtstellen zwischen Wasser und Land gilt es in den kommenden Jahren deutlich stärker herauszuarbeiten und den „Wasserreichtum“ für die Entwicklung neuer Lagen gezielt zu nutzen. Darüber hinaus gilt es, die über größere Strecken bereits vorhandenen grünen Wege, Alleen, Parks und Freiräume schrittweise zu einem prägnanten grünen Ring Ruhrort, der Ruhrorter Promenade auszubauen und mit den inneren Lagen besser zu verbinden.“

Klingt nach HAFUCK.

Im Raum hinter der Firmenwand läuft ein Film. Eine Frau, ein Mann, Barbara, Norbert, die vom Himmel fallen. Verloren in diesem Hafen. Schlendernd, tanzend, suchend, erscheinend, verschwindend, vor Wände laufend. Ein Schiff fährt vorbei, langsam von rechts nach links. Stumme Schreie.

Norbert1

Runde um Runde durch dieses Museum in der Harmoniestraße, in der Peripherie II, in diesem verschollenen Kaufhaus Lafyette, in dem sich das Bier in alten Regalen stapelt und von den Besuchern getrunken wird. Astra. Hafenstadtbier. Hafenspelunke in Rotlicht. Der Versuch, sich über Fotografieren zu nähern, all dieses Unbeschreibliche festzuhalten, mitzunehmen, später auszuwerten.

Barbara 3

Während die Fremde begafft wird. Direkt, durch das Spannerloch in der Wand. Peepshow. So ist das in den Häfen. Das Schifferklavier am Boden, in diesem Fluchtraum, dieser Kajütte mit Koffer. Ist es Ankommen oder Gehen? Vergangenheit oder Zukunft? Sie spannt die Fäden durch den Raum im Schutze der Heiligen Mutter mit Kind.

Geschützt und ausgeliefert, fremd und distanziert, verloren und erhaben. Heilige und Hure ist das Sinnbild, das Verschwimmen der Linien.

Barbara 4

Ich für meinen Teil bin jetzt noch geflasht, die Bilder laufen, die Möwen des Hafenfilms kreischen laut und eindringlich, Barbaras Stimme, Norberts Bilder, der Raum, die Menschen im Kreis. Sehr intensiv. Wer sich in Kunst tief verlieren möchte, bereit ist, Zeit und offene Sinne mitzubringen, erlebt ein faszinierendes Spektakel, das es nicht allertage, allerorten zu bestaunen gibt. Und es ist eine Chance, einmal nach Duisburg Ruhrort über die Brücke zu kommen. Dorthin, wo sich Rhein und Ruhr treffen und wo die Kunst sich inspirierend zwischen gestern, heute, morgen, leben und sterben bewegt. Eindringlich, laut, leise. Letztlich doch schön.

RUHRORTER – NATIONAL – GALERIE lädt ein:

SCHACHTEN+ACKERN

PERIPHERIE II
Lafayette

Harmoniestr. 34a; DU-Ruhrort

Weitere Öffnungszeiten :

Samstag, 05.03.2016, ab 16Uhr
Sonntag, 06.03.2016, ab 16Uhr

P.S. – in der Harmoniestraße lohnt sich dann auch gleich, sich nebenan im Schaufenster des geschlossenen Panda-Grills Michael Nowottnys Videoinstallation anzusehen. Und wenn das Lokal Harmonie geöffnet ist, solltet ihr. Rechts neben der Bühne hängt ein großer van Ackeren. Und hinter der Theke steht, vielleicht, Norberts Bruder Wolfgang van Ackeren, der Kunst in Ruhrort lebt.

SICHTWECHSEL / GESTRANDET

Videoinstallation ab dem 26.2. bis zum 13.3 2016
ab Einbruch der Dämmerung im ehem. Panda-Imbiss,
direkt gegenüber vom Lokal Harmonie

SICHTWECHSEL – Bilder aus St. Pauli und Ruhrort

GESTRANDET – Filmprojekt von Michael Nowottny.
Waljagd im Rhein – Zur Erinnerung an die dramatischen Szenen
von 1966, als im Duisburger Hafen einem verirrten Belugawal
nachgesetzt wurde. Mit Adriana Kocijan als Ahab

Unterstütz durch Projektgalerie LABOR

Lokal Harmonie
Harmoniestr. 41
47119 Duisburg

http://www.duisburger-akzente.de/de/index.php
http://www.lokal-harmonie.de/veranstaltungen/range.listevents/-

Schlussverkauf

In Fingerspitzen das Gefühl Zerreißen
wenn schon Gewalt Gewalten
weshalb nicht jetzt?

Auf Zehenspitzen leicht verkrampft
hoffend tanzen
Sehnsucht bunt

Die Reihen schließen
Schafe treiben
pferchen

Die Mauern
Jericho

Der Turm
Babylon

Bildungsbürger
Arschlochscheiß

Das Muster
Bourgois Paisley
hakenkreuzliniert

Kreuze nageln
unter Flügel

Brüllen, scheißen, lügen

Bewerben
für die Marsmission

februar 2016

Fucking awesome

The Tree 1

Es ist spät. Fast mitten in der Nacht, so kurz davor. Zeit, zu schlafen. In dieser grauen Soße da draußen kommt gerade alles durcheinander. Es macht keinen Spaß, aus dem Fenster zu sehen. Es macht keinen Spaß, die ersten fünf Posts auf Spiegel online zu lesen. Es ist Februar, es liegt Schneematsch, der morgens gefroren ist und sich mittags mit Matsche paart. Ekelhaft.

So what? Seid ihr Blogger? Seid ihr Kreative? Kennt ihr dieses Gefühl, zu wollen, zu müssen, diesen inneren Druck zu spüren und dann, doch nicht. Ah. So ungefähr. Ach. Egal.

Die Kraniche kommen zurück. Sie ziehen dicht übers Dorf. Erweisen uns die Ehre. Kürzlich hatten sie eine Diskussion über der Schule, die Führung, der Kopf war verloren gegangen. Was für ein Schauspiel, was für ein Geschnatter und im Kreis umherfliegen. Mal der Kranich vorne, mal der. Und im Kreis und im Kreis und im Kreis.

Nun. Weshalb sollte es Kranichen besser gehen. Die sehen von oben ja nix anderes. Wenn die mal anfangen, zu kommentieren. Holla die Waldfee, wie soll man das alles erklären? Männer, die kleine Jungen anbrüllen. Breitschultrige Polizisten vor Stacheldrahtzäunen. Männer mit Köpfen in den Händen. Tote Kinder an Stränden. Gebrüll allerorten. Mauer an der mexikanischen Grenze. Schlachtschiffe für Australien. Gift im Bier. Bomber aller Nationen über Syrien, die sich begleiten, aus dem Weg gehen, Korridore suchen, angreifen, zurückfliegen und über der Türkei abgeschossen werden. Atomtests in Nordkorea und ganz zu schweigen von despotisch afrikanischen Ländern.

Ich möchte kein Kranich sein. Analphabet hat ja auch seine guten Seiten. Sorry. Zynische Zeiten.

The Tree

Vorgestern war ich nach langer Zeit mal wieder mit Herrn Cooper draußen. Nebel fotografieren. Bäume, Wald, den Busch, der versucht, an die Stelle meines kleinen Baumes zu treten. Nun, wie soll ich sagen, wir nähern uns an.

Frühjahr, bitte. Ende März entführe ich Viveka. Sie hat am selben Tag Geburtstag wie mein Vater. Wir werden unsere sechs, sieben Sachen packen und über Ostern entfliehen. Der Mensch braucht Horizont. Ich habe gebucht, eine Wohnung in einer Stadt. Viveka freut sich auf Budapest. Leider zu weit. Sie würde gerne mit mir in dieses alte Badehaus gehen, wenn es das noch gibt. So gerne würde ich mit ihr ihre Orte abklappern. Jamaika, die Hills. Indonesien, Thailand, Burma. Sie trägt Geheimnisse in sich.

Das Schöne, das Gute. Die Nebel werden sich lichten, die Kälte wird gehen und die brutal Eiskalten werden in der Sonne vergehen. Wie immer im Leben, man muss Geduld haben. Auch, wenn man Widder ist und gerne das Schwert zücken würde. Peace. Die Kerzen brennen, es ist warm im Bett, auch die Pseudo-Revolution frisst ihre Kinder. Bastarde, elende.

The Tree 2

Anmut

Rosen

Nun, was sind das für Zeiten.

Ein Leben im emotionalem Schleudergang. Dieses Land, diese Leute. Ein wenig diese Bert Brecht Tonality, Was sind das für Zeiten, in denen…“ So einiges abhanden kommt. Die Liebe, wie ein Stock oder Schirm. Meine Liebe nicht, sie ist das Feuer, das mein Herz warm hält und meine Seele rein. Die Wärme, die in feinen Linien alles durchzieht, gibt dieses schöne Gefühl von Geborgenheit. In Wert, Wichtigkeit, Normalität, Menschlichkeit, Sinn, Ausrichtung, Ziel und letztlich auch Verstand. Den Verstand einschalten, den schönen, wahren, tiefen Menschenverstand. Dieses Gefühl, die Liebste, das Kind, einen Bruder, einen Freund, einen guten Bekannten von Herzen zu umarmen. Und ein wenig die ganze schöne Welt.

Anmut. In diesen Text heute reihe ich einfach wohlige Worte nach Herzenslage. Das ist wie das Aufladen eines Akkus. Hinsetzen und wirken lassen: Die wunderbare Liebe. Die Sonne, die durch die Augenlider scheint. Ein etwas zu lange dauernder Kuss. Der Moment, in dem man etwas weiß. Der erste Tag nach einer Erkältung. Krokusse. Von einem verliebten Blick eingefangen werden. Hungrig den Duft einer Mahlzeit einsaugen. Die Ruhe haben, auf eine Wand zu sehen und gute Bilder der Vergangenheit zu sehen. Einen weinenden Menschen umarmen, der sich trösten lässt. Kind sein, im Telefonat mit Mama.

Kitsch, könnte man sagen. Werbung. Ja. Weil es die Emotionen sind, die berühren, die Menschen Menschen sein lassen. In den Buchten vor Levanto abtauchen. So weit es geht, so weit der Atem trägt. Im warmen Wasser frei bewegen. Sich drehen im Blau, im Grün. Auf Paris bei Nacht herabblicken. Kettenkarussell im Sonnenschein, fliegen, abheben, weg sein. Die Hand neben sich greifen, den Sitz heranziehen, versuchen, einander zu küssen. Ein Moment Unendlichkeit, entflogen, entschwebt, entkommen. Vor Korsika auf dem Surfbrett stehen, im Trapez hängen, schräg die in die Bucht einlaufenden Wellen anfahren, an der Fußschlaufe ziehen, ein Hüpfer ins Wellental, Segel dicht nehmen, Wasserspritzer im Gesicht, Geschwindigkeit, noch ein wenig mehr, Lust, Leben, Grinsen.

Ein Gedicht schreiben. Für was auch immer. Diesem Gefühl des Moments Ausdruck verleihen, in sich spüren, wie Tore aufgehen, wie sich Worte suchen, finden, ordnen. Als wäre alles immer schon da gewesen, als gäbe es einen inneren, unbekannten Plan, als würde eine geheime Hand den Stift und das Leben führen.

Mein Highlight? Top of all? Küssen. In allen Varianten. Die Königin, das Berühren der Lippen. Ganz zart. Wenn alles sich verbindet, wenn die Gefühle zu einem werden, wenn man den Moment für immer halten möchte. Die Augen sind geschlossen, der Verstand steht lächelnd am Rand. Es ist Strom, der fließt. Kontakt, Impuls. Für wie viele Küsse hat ein Leben Platz? Für wie viele von denen, die nicht nur hingehaucht sind, sondern das ganze Programm abspielen?

Draußen regnet es im Februar. Es ist kalt und ich sitze allein in der Küche. Der Kaffee ist kalt geworden, Viveka werde ich erst am Abend sehen. Eben habe ich mit Norbert van Ackeren telefoniert, er hat heute Geburtstag. Nächste Woche treffen wir ihn und Barbara in Duisburg. Ein Kunstprojekt. Anmut. Nie war die schöne Seite des Lebens wichtiger, lange hatte Kunst nicht mehr eine solche Bedeutung. Ich liebe. Ich liebe es. Der einzige Reichtum des Menschen ist die Kunst, lieben zu können und Liebe zu spüren. Alles andere ist Martyrium.

56c43d11ed780

Die Lyrik starb in der Mayerschen, Woody schenkte uns Marvin

Wiehltalsperre_Wald

Diese Welt würde mich taumeln lassen, ständen die mir gewachsenen Füße nicht auf einem Boden, der die Sterne zu Griffen macht, die Bäume zu Halt, die Sonne zur Mutter Theresa des Gewissens, das Tagwerk zum Steigbügel mutigen Weitergehens. Atmen nicht vergessen.

Das Wochenende liegt hinter mir. Es begann mit einem Tumult. Es hätte von Anfang an so schön sein können, war es aber nicht. Menschen sind ein fürchterlich unberechenbarer Faktor. Irgendetwas fällt ihnen immer ein.

Durch den Tag gehen, Dinge tun, die getan werden müssen. Durch die Wohnung putzen, das Essen bereiten. Vergan, unvegan. Dinkel-Spaghetti mit frittierten Tomaten und Spaghetti-Frutti di mare mit angeschwitzter Paprika und kleinen, in Olivenöl ausgebackenen Zucchini-Würfeln. Essen hält Leib und Seele zusammen, heißt es.

Das Leben in den eigenen vier Wänden gestalten.

Ela ist wieder weg, Viveka war da und ist auch wieder weg. Ich sitze in meinem indischen Bett aus Mangoholz, höre Bowie in Dauerschleife und denke. Nach. Über diesen konzentrierten Wust. Gerade brauche ich die große Schaufel, um das alles zu bearbeiten. Die Dinge gehen. Tendenziell. Bowies Lazarus. Look up, I’m in heaven. I’ve got drama, can’t be stolen. Die Abschiedsplatte. Look up here man, I’m in danger. Nichts mehr zu verlieren, keinen Dollar mehr verdient, den er hätte ausgeben können. Sauber gehen.

Dieses Wochenende stand im Zeichen von Lyrik. Mit Jim habe ich über die Expressionisten gesprochen. Er mag Alfred Liechtenstein. Mit Zoe über die Lyrik des Barock. Sie lernt, zu interpretieren. Methodisch. Am Donnerstag war Elternabend. Ihr Deutschlehrer ist ein beeindruckender Mann. Aktuell teilen sie Deutsch. In Politik und Deutsch. Und in Poetik, die eine andere Lehrerin gibt. Das ist schön intensiv. In Poetik hatten sie letzte Woche Haikus. 5 – 7 – 5. 15 Minuten Selbsterfahrung. Silben zählen, Worte reihen, Zeilen. Zoe hat mich nach meinem Haiku gefragt.

Die Liebe ist mein
gestohlen am ersten Tag
gestreichelt, geküsst

Es ist ein gutes Gefühl, von Gedichten, Poemen umgeben zu sein. Zoe hat ihren Conrady in die Küche gebracht. Ein Schulbuch voller Gedichte. Ein Abriss. Alle Zeiten, alle Stile, alles. Wie hat mich dieses Buch gefreut, dass sie so geherzt hat. Jim meinte, mit der Romantik hätte er Probleme. Eichendorff.

Ich konnte ihn verstehen. Aber dann habe ich nachgedacht, und meine Bücher vom Speicher geholt. Novalis.

An-

Was paßt, das muss sich ründen,
Was sich versteht, sich finden,
Was gut ist, sich verbinden,
Was lebt, zusammen sein.
Was hindert, muss entweichen,
Was krumm ist, muß sich gleichen
Was fern ist, sich erreichen,
Was keimt, das muß gedeihn.

Gib treulich mir die Hände,
sei Bruder mir, und wende
Den Blick vor deinem Ende
Nicht wieder weg von mir.
Ein Tempel, wo wir knieen,
Ein Ort, wohin wir ziehen,
Ein Glück, für das wir glühen,
Ein Himmel mir und dir!

Ich habe es Viveka vorgelesen. Mehrfach. Wir haben dann noch Heine gelesen und Schlegel und Brentano und Hölderlin. Romantik zum Frühstück. Und anschließend mit Herrn Cooper in den Wald. Dieses Mal weiter weg ans Ende der Wiehltalsperre. Allein im Wald. Der Schnee der letzten Wochen geschmolzen, Nebel. Moos, grünes Gras zwischen den Bäumen, Eisschollen auf dem Weg. Ein Glück, für das wir glühen.

Nun liegen sie hier. Lasker-Schüler, Fried, Neruda. Die Menschheitsdämmerung. Trakl.

Jetzt höre ich Trouble Man von Marvin Gaye. 1972. Letztes Wochenende saß ich bei Viveka in Essen auf dem Sofa. Sie kam gerade von Stevie, ihrem besten Freund, dem Vater ihrer Kinder, der zwei Stockwerke höher wohnt. Er hatte die Platte gerade aufgelegt. Geerbt von Woody, einem Jamaikaner, der im letzten Winter gestorben ist. Er war ein Freund von Viveka. Über 70. Kurz vor seinem Tod hatten wir ihn auf der Straße getroffen. Er kam vom Yoga, hatte eine Erkältung, lehnte eine Einladung zum Kaffee ab. Eine Woche später war er tot. Die Einschläge kommen näher, meint ein Fußballkollege, daran muss ich mich noch gewöhnen, werde es aber sicherlich nicht tun. Viveka hatte die Platte geerbt und Stevie geschenkt. Er hatte sie letztes Wochenende gehört und Viveka hatte sie dann über Spotify „aufgelegt“. Und ich saß da auf dem Sofa und hatte ein unendlich schönes Gefühl der Ruhe, so, wie man es manchmal hat, wenn sich die Dinge aus dem Schicksal heraus fügen.

Musik, Lyrik. Bowie, Novalis, Gaye.

Kürzlich war ich in der Mayerschen, um für Ela ein Buch zu kaufen. Weihnachtsgeschenk. Als ich all die Bücher sah, wollte ich mir Lyrik kaufen. Stöbern, nachsehen, was es gibt. Es gibt sie nicht mehr zu kaufen. In diesem riesigen Laden 30 cm Gedichte. Grünbein ist wohl der letzte Mohikaner. Reste. Dazwischengeklemmt. Sentimentalitäten. Lyrik verkauft sich nicht, wird nicht gelesen. Ich habe die Verkäuferin gefragt, sie zuckte mit den Achseln.

2016. Keine Gedichte mehr zu kaufen. Bin ich froh, dass ich noch welche habe. Notfalls leihe ich mir Zoes Conrady.

Das Foto übrigens entstand, als Viveka meinte: Stopp. Schau! Ja. Es war eine besondere Stimmung. Wald- und Wassergeister. Mindestens. Wir haben den Weg verlassen und uns durch den nebligen Wald geschlagen, in dem das Moos von den Bäumen hing. Ich sang in tiefer Stimme und besonders laut ein Lied vom Versinken im tiefen Grund. Herr Cooper sah mich irritiert an, Frau Beckmann lachte und das Wild machte sich vom Acker. Romantik ist, wenn alle guten Geister sich verlassen und das Chaos in der Tiefe des Waldes sich in Unwichtigkeit ordnet. So einfach ist das. Grins.

Dieser Marvin Gaye ist der Hammer. Danke Woody, wüsste ich nicht, dass deine Asche an einem weit entfernten Ort verstreut wurde, ich würde denken, dir heute begegnet zu sein. Dort.