Der Herr Cooper stellt sich gegen Atomkraft!

„Wir protestieren auf allen Vieren!“ Mit dem Herrn Cooper. Die Klasse meines Sohnes, die Schüler/innen hatten sich entschieden. Sie wollten das Atomdesaster in Japan nicht unkommentiert lassen und haben deshalb ihre Demonstrationsteilnahme organisiert. Komplett eigenständig und in Teamarbeit. Erst wollten sie nach Berlin fahren, um vor dem Reichstag zu mahnen, dort, wo die Gesetze gemacht werden und der Atomausstieg. Dann war Köln einfach näher und realistischer. Ihre Motivation: Nicht in einer solchen Welt leben wollen. Nicht zukünftig Kinder in eine Welt setzen, die einem jeden Augenblick um die Ohren fliegen kann.

Sie haben sich zwei Plakate gemalt. Mit einer Mutter aus der Klasse sind sie in den Baumarkt gefahren, um sich Latten zu kaufen. Den Stoff hatten sie sich von der Handarbeitslehrerin besorgt, die ihnen auch den Schlüssel zum Handarbeitsraum und den Nähmaschinen gab, wo sie Stoffe zusammengenäht haben. Die Farben hat die Kunstlehrerin aus dem Atelier der Schule zur Verfügung gestellt. Die Sprüche haben sie sich selber ausgedacht und die Verkleidung auch. „Heute Japan, morgen wir.“ Zum Beispiel.

Tatsächlich war am Samstagmorgen dann auch ein Großteil der Klasse inklusive Lehrer am Bahnhof. In weißen Anzügen mit Atemschutzmasken und den beiden großen Plakaten, die immer wieder von Fernsehkameras und Fotojournalisten aufgenommen wurden. Ela und ich sind mitgefahren, um ein wenig zu betreuen und auch dabei zu sein. Ela hat sich um Zoe gekümmert, ich um Cooper, der mit Anti-Atomkraftaufklebern protestierte.

Es war schön zu sehen, wie sich die Jim und seine Freunde eingesetzt haben. Mit wie viel Engagement sie sich entschieden haben, Meinung kund zu tun. Die sind jetzt vierzehn und haben kein Wahlrecht. Die müssen einfach zusehen, was geschieht. Jim hatte sich schon während seiner Marie Curie Biografiearbeit mit radioaktiver Strahlung beschäftigt. Er weiß, was geschieht, wenn die Strahlung austritt und in irgendeiner Form in den menschlichen Körper gelangt. Das heißt: Er weiß, was er tut und was er will und was er nicht will. Ich kann mich daran erinnern, wie das früher mit den Demonstrationen war. Da waren die Demonstrierenden die Spinner. So, wie es lange Zeit den Grünen vorgeworfen wurde. Jetzt stellen sie in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten und angesichts dessen, was in Japan gerade geschieht stellt sie die Frage: Wer spinnt hier?

Es war ein langer, anstrengender Tag am Samstag. Mit der ganzen Familie, mit Kind, Kegel und Hund auf einer Demo. Auf der Rückfahrt im Zug haben wir alle gepennt. Müde, aber glücklich, auf der bislang größten Anti-Atomkraft-Demonstration dabei gewesen zu sein. In Tunesien, Ägypten, Syrien, Jemen, Libyen usw. kämpfen die Menschen für Freiheit und Demokratie. Wir haben sie. Wir können auf die Straße gehen und sagen, was nicht in Ordnung ist. Friedlich. Das ist gelebte Demokratie, das ist, was die Aufklärung und die französische Revolution gebracht haben. Den mündigen Bürger, den Citoyen. Den aufgeklärten, politischen Staatsbürger, der sich einbringt, der Demokratie ein Gesicht gibt. Mir hat diese Demonstration ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn mir von der Bühne der Abschlusskundgebung einige Male zu oft gebrüllt wurde, um die Menge in Stimmung zu bringen. Das wäre nicht nötig gewesen, weil die, die da waren, wussten, weshalb sie da waren. Mir wäre es lieber, die Anti-Atomkraftbewegung könnte sich reformieren, könnte sich neu entdecken und öffnen. Manches wirkt wie aus einer alten Zeit. Ein wenig historisch. Die Situation in Deutschland hat sich geändert – die Anti-Atomkraftbewegung steht auf breiteren Füßen. Da könnten mehr Menschen ins Boot geholt werden, wie Baden-Württemberg gezeigt hat.

Bei uns in der Straße ist Japan gerade ein großes Thema. Durch die Bank wollen alle raus aus der Atomkraft – und zu den echten Ökostromanbietern wechseln, von denen es in Deutschland nur vier gibt. Wer sich für regenerative Energien wirklich einsetzen möchte, der wechsle seinen Anbieter.

Euch wünsche ich eine schöne Woche mit netten Begegnungen, guten Gesprächen und allem, was erfüllt und innerlich reich macht.

3 Antworten auf „Der Herr Cooper stellt sich gegen Atomkraft!“

  1. Hallo Jens,

    find‘ ich toll, wie sich dein Sohn und die ganze Gruppe um ihn herum sich engagieren. Wer sich in Sachen radioaktive Elemente ein bisschen schlau gemacht hat, dem wird angesichts der Ereignisse mehr als „schummrig“.
    Die echten Ökostromanbieter müssen auch in Österreich mit der Lupe gesucht werden. Denn obwohl kein AKW-Land kaufen wir zu – und der Bürger, dem das nicht passt, der hat zu tun einen passsenden Anbieter zu finden. Eine Auszeichnungspflicht, woher der Strom kommt, den wir verwenden, gibt es angeblich – aber sie darf momentan noch sehr sehr versteckt sein. Dem interessierten Bürger wird ordentlich Recherchearbeit abverlangt. Immerhin ist mehr Transparenz in Aussicht gestellt…
    Bezugnehmend auf deinen vorherigen Blogeintrag: die Summe der Geschehnisse macht sehr sehr müde… Mich treibt sie zuweilen in Momente der Resignation, eben auch aus der Befürchtung, man könne nicht wirklich was bewegen…

    Viele Grüße
    filo

    1. Hi filo,

      ich war auch ziemlich erstaunt. Gestern noch Kind, heute schon politsich denkender und handelnder Mensch. Eine tolle Klasse. Im Juli bin ich auf deren Klassenfahrt als Betreuer dabei – Frankreich/ Ardeche. Freue ich mich drauf. Jungbrunnen:) So viel Lachen und Optimismus.

      Bei uns in Deutschland sind es genau die vier Anbieter, die auf der Seite, die ich im Blog genannt habe, aufgeführt sind. Alle anderen zertifizieren nur um. Da wird auf dem Papier aus Atomstrom Ökostrom.

      Die Dinge bewegen sich langsam, aber sie bewegen sich. Überall auf der Welt. es dauert, bis das sichtbar wird. Und immer gibt es Rückschläge. Einfach weiteratmen, weiter lachen und sich am Leben freuen – wir haben nur das eine und die Zeit sollten wir für Sinnvolles nutzen. Angst, Zweifel, Wut oder gar Zorn sind nicht sinnvoll. Durch Zorn erzwungene Lösungen sind nicht nachhaltig. Da schwingt immer etwas nach, weil Gräben vertieft werden und Verletzungen entstehen. Ruhig, besonnen, gut handeln. Und sich freuen. Freuen, freuen, freuen jeden Tag:)

      Liebe Grüße

      Jens

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