Projekt Elaine (Teil 9)

„Wie hast du es ausgehalten, nur dort zu sitzen und nie etwas zu sagen?“, fragte Susanne. Es war ein Spätsommertag und Cat und Sue waren nach der Schule in die Villa gegangen, um sich gemeinsam zurückzuziehen und zu lernen. Die Sonne stand auf der anderen Seite des Hauses, so dass es einigermaßen kühl und angenehm im Zimmer war. Für Sue war das alles immer noch neu. Sie war jetzt seit einem Monat in dieser Stadt und fast genauso lange kannte sie nun Cat, aus der sie nicht schlau wurde. Wie konnte man so sein? In der Öffentlichkeit sprechen, keinen Kontakt aufnehmen, der Welt den Rücken zukehren. Sue zog das an. Nach dem Kennenlernen im ersten Blick vorne in der Schulbank, diesem viel zu lange dauernden Moment, hatte sie Freundschaft geschlossen. Ihrer Mutter hatte sie erzählt, dass es in der Klasse ein Mädchen gebe, das ein wenig Großstadt sei, ein wenig Berlin, Geheimnis, verrückt, anders. Das hatte Sue von Anfang an gefallen, auch wenn sie vieles nicht verstehen konnte. Ab und an versuchte sie mit Fragen etwas zu erfahren, meistens liefen die Fragen ins Leere. Als wüsste Cat nicht zu antworten, als würde sie es selbst nicht wissen. Oder als wolle sie einfach nichts sagen.

Cat antwortete nicht auf Sues Frage. Sie lag auf ihrem Bett und hörte der Musik zu. Musik, die sie bislang nicht kannte oder zu der sie bislang keinen Zugang hatte. Sue hatte ihren USB-Stick mit ihren Favorites mitgebracht und in die Anlage gesteckt. Per Random-Play wühlte sich die Anlage durch Sues Musikgeschmack. Nichts Aktuelles, nur Songs der Vergangenheit. Siebziger, achtziger Jahre. Eurythmics, Iggy Pop, Prince und Verqueres wie Ton Steine Scherben. Cat genoss dieses neue Leben, das mit Sue Einzug gehalten hatte. Sie wollte langsam vorgehen, um nicht überrollt zu werden. Vieles ging ihr zu schnell, war zu radikal, hatte den Speed der Großstadt. Sue wollte alles auf einmal, wollte Cat begreifen. Cat wollte das nicht zulassen, weil es zu viel war. Sie hatte sich entschlossen, ihre Betonmauer nicht aufzugeben. Sie wollte Sue gerne herein lassen, aber nur in kleinen Dosen, in Schritten, die sie vertrug. Kamen Sues Fragen, antwortete knapp, ausweichend oder gar nicht. So war das Zusammensein aufregend, herausfordernd und teils auch merkwürdig. Dennoch oder gerade deshalb genossen es beide. Sie fühlten sich im Gleichgewicht, ausgewogen in dem, was sie waren und wofür sie standen. Keine war stärker oder überlegen, beide hatten ihr Geheimnis, ihren Bereich, in den sie die andere nur langsam herein ließen. Auch Cat hatte viele Fragen im Kopf, die sie nur sporadisch stellte. Sie genoss es, Sue Stück für Stück kennenzulernen. Sie wollte dieses neue Leben zelebrieren, weil es ihr so wertvoll war. Sie wollte die Kontrolle behalten, um nichts zu zerbrechen. Irgendwann war in ihr der Impuls, den nächsten Schritt zu gehen und wieder eine kleine Frage der Annäherung zu stellen.

„Sue, wo hast du diese ganze Musik her?“ Cat, die auf dem Rücken und mit dem Kopf am Fußende ihres breiten Bettes lag, setzte sich auf, sah Sue an, die es sich auf dem Jugendstilsofa, ihrem Lieblingsplatz der letzten Wochen, bequem gemacht hatte. „Gekauft, von Freunden, aus dem Netz gesaugt, von meinem Vater. Der hat ’ne riesige CD-Sammlung mit lauter Seventies- und Eighties-Kram in seinem Studio. Die totale Musik-Bibliothek.“ antwortete Sue. „Weißt du, ich kann mir dein Leben in Berlin so gar nicht vorstellen. Wie hält man es aus in einer Stadt, in der so viel passiert. Wie schafft man es, den Kopf frei zu halten und diese ganzen Menschen und Eindrücke zu wegzupacken.“ Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung. Sue lächelte, schloss die Augen, ließ ihr Berlin, ihre Erinnerungen vorbeiziehen. „Weißt du, da war jeder Tag anders. Plötzlich warst du aus irgendeinem Grund in einem anderen, total anderen Teil der Stadt. Bewegung. Immer was los. Ideen. Und meistens lief mir irgendwo Zao über den Weg. Das war manchmal komisch, als hätten wir uns angezogen. Weißt du, Zao ist ein wenig wie du. Da hab ich auch nie hintergeblickt. Aber wenn er plötzlich da war, in der U-Bahn, in ’nen Club rein kam, dann hat sich was verändert. Die Welt wurde besser. Für mich. Heller, weicher. Kann ich gar nich beschreiben.“

9 Antworten auf „Projekt Elaine (Teil 9)“

  1. Hallo Jens,

    großartig – eine weitere Fortsetzung! Es ist toll, wie Du Dich in die verschiedenen Charaktere hineinversetzt. Und Du schreibst aus der Perspektive einer Frau, weiblich. Das ist schon erstaunlich, für einen männlichen Schreiber, nein, Schriftsteller. Du scheinst eine fein ausgebildete Antenne für das weibliche Geschlecht zu haben. Nur weiter so.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ups, muss ich mir jetzt Sorgen machen? Stimmt etwas mit mir nicht, dass ich aus der Perspektive einer beziehungsweise gleich mehrerer Frauen schreibe. Habe ich eine fein ausgebildete Antenne für das Weibliche? Herrje, keine Ahnung. Kann ich dir auch nicht sagen, was da jetzt los ist:)

      Liebe Grüße

      Jens

    1. Hi Annegret,

      habe ich auch nicht als Kritik verstanden. Ich habe mich nur als Mann gefragt, was es für mich bedeutet, wenn ich so – also scheinbar ein klein wenig anders – bin. Uta hatte das vorgestern in einem Kommentar bereits ähnlich formuliert. Nun überlege ich halt, was das für mich bedeutet. Aus der Männerperspektive. Was würden die Jungs beim Fußball sagen? Oder was sagt mein Sohn? Bin ich dann so ein gefühlvoller Frauenversteher? Das hat ja eher einen leicht negativen, anbiedernden Touch. Als Nicht-Raubein ist das alles gar nicht so einfach…

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Hallo Jens,

        nun ja, ganz so alleine stehst du mit „diesem Talent“ nicht da. Arno Geiger schlüpft einen ganzen Roman lang in eine fiktive und nicht mehr ganz junge Sally – Er zieht das Einfühlen in diese Person ziemlich lang ziemlich kongruent durch; parallel zeichnet er die Figur ihres Ehemann als eine ziemlich desolate… und hat somit auch ein gutes Gefühl für eine auf den ersten Blick merkwürdig und unverständlich scheinende Beziehungsverklammerung.
        Andere Schriftsteller schreiben sich hinein in die Perspektive eines Hundes bzw. aus der heraus…
        Es ist ein Spiel mit Möglichkeiten – und wer sprachlich die Fähigkeit dazu hat: wunderbar. Schön, wenn wir in deinem Fall ZeugInnen dieses Spiels der Möglichkeiten werden können.

        Empfindsamkeit hat nichts mit „Weichei“ zu tun; ich halte sie für eine schöne Seite auch von ‚Männlichkeit‘; und sie ist eine Brücke in der Kommunikation zwischen Männern und Frauen…

        Viele schöne Grüße
        filomena

        1. Hi filo,

          ja, international und im großen Zusammenhang gesehen mit Sicherheit nicht. Und ich wehre mich auch nur ein klein wenig. Jetzt bin ich hier so in den Mittelpunkt gerückt und habe mich da wahrscheinlich selbst reingeschrieben. Wie komme ich da wieder raus? Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen und arbeite weiter. An meinen Jobs, Elaine, fiftyfifty. Aus meiner Perspektive, ganz egal, wie die aussehen mag. Was anderes kann ich eh nicht. Mein Blick auf die Welt, mein Blick, der sich die entsprechenden Worte sucht. Ich danke euch für die Kommentare und weiß sie auch sehr zu schätzen, auch wenn sich das vielleicht gerade nicht so anhört. Aber es ist ein diffiziles Thema für mich.

          Liebe Grüße

          Jens

  2. Hallo Jens,

    kann man nicht Frauenversteher und trotzdem ein Kerl sein? Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Gibt es bei Deinen Fußballkameraden nicht den einen oder anderen, der die Frauen gerne verstehen möchte? Warum funktionieren wir so, wie wir funktionieren? Funktionieren Männer anders als wir? Als Frauenversteher mußt Du kein Weichei sein, sorry. Und Dein Sohn, so wie er Dich erlebt, mit einer gewissen Weichheit gegenüber dem Weiblichen, den Frauen, das ist bestimmt nichts Negatives, sondern er profitiert unbeabsichtigt davon und entwickelt sich auch zum Frauenversteher. Frauen lieben Männer, die sie verstehen. Oder nicht?

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ein weites Feld, ein großes Thema. Und letztlich bin ich so, wie ich bin. Ich habe auch nicht vor, mich groß zu ändern oder anzupassen. Ich fühle mich zum Beispiel auch nicht als Weichei, laufe aber Gefahr, unter anderem mit meinen Gedichten in eine solche Ecke zu rutschen. Da würde ich mich nicht wohl fühlen. Das Kerlige, die Motorsäge, mein Fußball, mein Trecker sind mir schon wichtig. Handfestes. Es sind irgendwie beide Seiten da, wie wahrscheinlich bei allen Menschen. Über die Sprache lebe ich die andere Seite nur öffentlicher aus. Kann man nachlesen.

      Liebe Grüße

      Jens

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