Ahoi, mare Meeressehnen!

Bindet mich. Knebelt mich. Verstopft meine Ohren. Schützt mich wie einst Odysseus vor dem Ruf der Sirenen. Das Meeressehnen hat mich erfasst. Mitten im Januar, wo das Meer für mich so weit weg ist wie nie. In den letzten Tagen hat sich eine sonderliche Fügung ereignet. Ich hatte zwei meiner Gedichte eingesendet. An ein Magazin. Ich hoffe immernoch im Stillen, dass einst eines meiner Gedichte gedruckt wird. Es ist eine Eitelkeit, das gebe ich gerne zu. Es wäre ein erhabenes Gefühl, denke ich mir. Vielleicht aber auch nur der peinliche Wunsch, wahrgenommen zu werden. Müssten mir die Gedichte nicht eigentlich selbst genug sein? Müsste ich mir nicht selbst sagen, die sind gut? Nein, da wünscht sich etwas in mir über das Lob des Blogpublikums hinaus eine größere, umfassendere Anerkennung. Absolution. Du machst das Richtige, sieh nur, da steht es schwarz auf weiß. Gedruckt von einer großen Zeitschrift.

In diesem Falle keine Zeitschrift. Ein Magazin. Ein märchenhaftes Magazin. Ich hatte es abonniert bis zum Sommer. Das heißt, eine Freundin von mir aus Köln hatte es für mich abonniert. Als Geschenk, weil wir eine Meeresleidenschaft teilen. Sie ist Surferin. Gerade jetzt in diesem Augenblick ist sie auf Hawaii und surft. Wellenreiten. Das macht die Sache für mich besser und schlechter. Besser, weil ich in Gedanken mitsurfe, obwohl ich Windsurfer bin mit Haut und Haar. Schlechter, weil es die Sehnsucht steigert. Heute Nacht tobte der Wind ums Haus. Ich denke dann an Segelgrößen, Windrichtungen, wie ich fahren würde.

Dieses Magazin ist die mare. Die Zeitschrift der Meere. Reportagen rund um das Meer. Sie erscheint zweimonatlich und ihr könnt einen ersten Einruck auf mare.de gewinnen, wenn ihr wollt. Allerdings. Das was ihr dort erlebt, ist plastic gegen das wahre mare Feeling. Ich greife jetzt ein wenig in die Zauberkiste der Werbesprache und klaue mir aus meinem Handwerkskasten einige Superlative. In Gedanken, in Wirklichkeit tue ich euch das nicht an. Die mare hat Gewicht. Sie ist auf sattem Papier gedruckt. Eine haptische Wohltat. Die Seiten verknicken nicht, flattern nicht wie billige Segel im Wind. Nein, sie gleiten wie schweres Baumwolltuch über in die nächste Welt. Äh, auf die nächste Seite. Mit leichtem Schwung, als würde eine schwere Tür langsam ins Schloss fallen.

Im Sommer hatte ich das Abo auslaufen lassen. Wirtschaftskrise, der Korsikaurlaub musste bezahlt werden, Versicherungen, Gas, Strom der ganze Kladderadatsch. Schweren Herzens sparte ich mir aus einer unsinnigen Vernunftentscheidung heraus die 46,50 €. Entschied mich für Sicherheit statt Genuss. Legte mir geschwafelte Argumente im Innern meines Denkzentrums zurecht und sagte mir: Bleib unabhängig, du brauchst das nicht. Jim war tarurig. Weil er die mare verschlingt. Wir lesen sie abwechselnd komplett durch. Lasen zunächst und lesen jetzt wieder.

Ich sendete die Gedichte an den Verlag – „Am Morgen, Meerjungfrau“ und „Wiege der Welt“. In der Mail entschuldigte ich mich schon im Voraus für den Fall, dass meine unverlangt eingesendeten Gedichte (ich glaube, Verlage hassen das) als störend empfunden würden. Spam-Gedichte. Ich musste mich da selbst schützen, weil es ein wenig ein Gang nach Canossa ist, sich so auszuliefern und eventuell zu hören „Senden sie uns nie wieder so einen Schrott.“ Oh Seelengraus.

Die Antwort war mare typisch. Voller Stil. Wie das Papier, auf dem das Magazin gedruckt ist. Wie jedes Foto, das feinfühlig ausgewählt ist. Wie jeder leicht gleitende Text mit so tiefem Wellengang. Der Zweimonatsrhythmus, um Raum und Zeit für Perfektion zu haben. Und Ruhe für das eigene Tun. Die Antwortmail war voller Freundlichkeit. Eine sommerliche Meeresbrise. Eine Absage, weil keine zeitgenössischen Meeresgedichte mehr abgedruckt würden. Schade. Aber vielleicht, würde sie einmal passen, die Meerjungfrau. Es seien doch schöne Gedichte. Stein vom Herzen, respektvoller Umgang. Ein Mensch auf der anderen Seite der Mailleitung. Eine Frau. Vielleicht deshalb. Oder eben die mare.

Auf wundersame unerklärliche magische Weise kamen wir, Jim und ich, dann überraschenderweise zu den letzten drei, den verpassten Ausgaben. Gestern Abend, vorgestern Abend haben wir geschlungen. Eingetaucht in die Geschichten des Meeres. Da überkam sie mich, die tiefe Sehnsucht. Der Wunsch, es um mich herum zu spüren. Wieder auf Korsika zu sein, an diesem Tag mit dem außerordentlichen Wind. Habe das Erlebnis wie einen Film abgespeichert. Das Segel etwas zu groß mit fünf Quadratmetern, das Brett ist überpowert und deshalb unruhig. Ich muss etwas Druck rausnehmen, sonst schmeißt mich ein Spin-out in die Wellen. Der Druck lässt das Wasser an der führenden Finne verkochen. Es entsteht ein Luftraum, das Brett ist führungslos und stellt sich quer.

Die Geschwindigkeit ist irre. Um nicht an Höhe zu verlieren, muss ich leicht schräg zur Welle fahren. Das bedeutet ganz automatisch, dass ich auf den Wellenkamm hoch muss. Und bin ich oben, ist da ein Wellental, in das ich plumpse. Ja, ich falle auch rein. Lande nicht nach jedem Abheben so, wie es gut wäre. Wasserstart. Unter das Segel legen, es leicht hoch lupfen und sich vom Wind aufs Brett ziehen lassen. An diesem Tag springe ich den höchsten Sprung meines Lebens. Eine Zeit in der Luft.

Wenn ich die mare lese, bin ich dem Meer nah. Am Meer geht es mir immer ausgezeichnet. Ich hatte Meeresbiologie in Kiel studieren wollen, um ans Meer zu kommen. Der Numerus Clausus ließ mich nicht. Und tatsächlich, Sprache ist ja nun irgendwie auch mehr mein Ding. Einen mare Artikel, den ich gelesen habe, gibt es auch auf Spiegel online. Geschrieben von Zora del Buono. Dann könnt ihr ein wenig eintauchen ins mare Feeling, auch wenn das schwere Papier fehlt: Lüderitz in Namibia. Deutsche Geister in Südwest. Zora del Buono ist übrigens nicht nur Journalistin (sie nennt sich Reporterin), sonder auch Architektin und Schriftstellerin. Eine Frau so unfassbar wie das Meer. Viele ihrer Arbeiten findet ihr hier. Lohnt sich.

Euch wünsche ich einen Tag voller Meeresrauschen im Kopf. Ein Schmecken der salzigen Luft. Ha.

Wo wohnt Gott in Deutschland?

In den letzten Tagen kamen hier im Blog Glaubensfragen auf, die mich beschäftigt haben. Ich meine, die beschäftigen mich schon immer. Und ich sehe und fühle hin, was um mich herum geschieht. Mittlerweile habe ich nur noch wenig Kontakt zur Kirche, erlebe sie aber dann doch immer wieder über die Teilnahme an Konfirmationen und Beerdigungen. Bevor ich angefangen habe, diesen Artikel zu schreiben, habe ich Zahlen recherchiert. Ich wollte kurz wissen, was die Fakten sind. Nach Wikipedia sieht es so aus, dass derzeit 30,5% der Deutschen katholisch sind und 29,5% evangelisch. Macht 60% Christen. Im Westen sind es derzeit 72%, im Osten 25% (nach Zahlen der Evangelischen Kirche).

Weshalb ich recherchiert habe? Wozu ich die Zahlen brauche? Nun, ich habe den Eindruck, dass bei uns hier auf dem Land die Kirche in der Zeit, seit der ich hier wohne, sich immer weiter aufgelöst hat. Es gibt nicht mehr die Pfarrer, weil es die Stellen nicht mehr gibt. Vielerorts hier heißt es, die Kirche sei pleite. Und tatsächlich haben wir die Konfirmation meines Patenkindes in einer Kirche mit Gemeindehaus gefeiert, die zum Verkauf steht. Das war ein wenig gruselig. Die war schon entweiht oder wie das heißt und stand nun wie erschlagen da. Nachdem in unserer Gemeinde hier der Pfarrer durch Burn-out ausgeschieden ist, wird ein 50% Nachfolger gesucht. 50% Pfarrer?

Bei Beerdigungen habe ich zuletzt wechselnde Prediger erlebt, die ich nicht kannte. Und die scheinbar auch nicht von hier kamen, denn immer, wenn der Name des verstorbenen Menschen genannt wurde, mussten sie nachlesen. Da entstanden peinliche Pausen. Was ist da los? Ist das nur auf dem Land so, oder auch in der Stadt?

Nun habe ich der Kirche selbst den Rücken gekehrt, weil ich mit ihr so gar nicht zurecht kam und mich anderweitig spirituell wohler fühle. Aber es ist kein gutes Gefühl, wenn sich Glauben zurückzieht. Glauben die Menschen heute anders oder ist tatsächlich der Atheismus unaufhaltsam auf dem Vormarsch? Das behauptet zumindest der Vorsitzende der Europäischen Evangelischen Allianz, der Tscheche Jiri Unger aus Prag. „In einem Seminar der Allianz-Konferenz im thüringischen Kurort Bad Blankenburg bezeichnete er den Atheismus als die am schnellsten wachsende Weltanschauung in Europa.“

Zieht Gott aus? Aus Deutschland? Zieht er sich zurück? Oder ziehen sich die Menschen zurück? In die materielle Welt. In die Welt der Wissenschaft, der Fakten, Fakten, Fakten. Oder ist das alles gar nicht so und die Kirchen sind eigentlich voll, was ich irgendwie nicht glaube.

Mein Gefühl ist: Die Sehnsucht ist da, allein die Form passt nicht mehr. Kürzlich war ich auf einer sehr deprimierenden Trauerfeier. Es wurde nur von Leid und Schuld gesprochen. Die Verstorbene hätte uns zurück gelassen und wir müssten nun ohne sie sehen, wie wir das weltliche Sein bewältigen. Eine Beerdigung ist so schon eine emotional anstrengende Angelegenheit. Einen Menschen, den man gekannt hat, zu verabschieden. Das letzte Geleit. Wir saßen in der kalten Friedhofskapelle und es wurde immer kälter. Keine Hoffnung, ganz wenig Trost. Die einzige Handreichung: Gott. Gott macht, Gott tut, Gott überall. Irgendwie war es ein blutleerer, kühler Gott. Wie schön wäre es gewesen, Trost zu bekommen im schwierigen Augenblick. Ein Gefühl von: Alles ist gut. Menschlichen Trost. Ich habe einmal bei einer Konfirmation einen alten Pfarrer erlebt. Der war als Vertretung gekommen und hielt eine Predigt, die war so kraftvoll. Jedes Wort gefühlt. Da war wirklich etwas im Raum. Wieso ist das so selten der Fall?

Ein schwieriges Thema. Puh. Zwischendurch wollte ich es einfach lassen. Dann habe ich mir gedacht: Nö. Muss raus. Vielleicht gibt es Antworten. Würde mich interessieren.

„Let yourself fall in love every day“

Marihuana, Seventies, Lucy in the Sky of Diamonds, peace, rainbow, Sonnenblumen? Nö. Scott Schumann. The Sartorialist. Kennt ihr oder habt ihr bestimmt schon gehört. Ein Blogger aus Amerika, der sich überwiegend auf den Straßen von New York, Mailand und Paris rumtreibt. Was er dort macht? Er sucht. Menschen, mit ganz eigenem Stil. Modestil. Die fotografiert er und postet die Fotos meist ohne Kommentar in seinem Blog. Das macht er so überaus erfolgreich, dass er auf seiner Seite mit dem Claim werben kann: Selected as one of Time Magazine’s Top 100 Design Influencers…

The Sartorialist ist Elas Lieblingsblog. Grrr. Damit ist der gute Scott innerfamiliäre Blog-Konkurrenz. Quatsch. Er ist für mich ein Vorbild. Ich finde es einfach faszinierend, dass er so einen Blog so ökonomisch und reduziert elegant betreibt. Total schlicht. Ein Blogsystem von der Stange, eingereiht in die Welt der Blogger. Mit dem blogger.com-Button „Nächstes Blog“ oben auf der Stirn. Ansonsten Archiv und Fotos, Fotos, Fotos. Seit 2005. Und jetzt auch ein Video. Darin geht es um Scott Schumann. Ein Werbefilm von Intel. Oh. Egal. Schön gefilmt.

In New York. Scott Schumann draußen unterwegs. Ein Getriebener, ein Jäger mit dem Blick für den Augenblick. Eine Frau will die Straße überqueren, der Sartorialist spricht sie an. Darf ich? Wofür sollen die Fotos sein? Ich bin der Sartorialist. Oh. Ja. Also wirklich, von ihm fotografiert zu werden ist ein Stil-Adelsprädikat „absolut wirklich vorzeigbar, einzigartig individuell und nachahmenswert“. Falls ihr gerade nicht wisst, was ihr anziehen sollt (heute, morgen, übermorgen)… Er macht die Straße zum Laufsteg. Kein pompöser Firlefanz, kein Feuerwerk der Farben, keine für den Catwalk inszenierten Arabesken. Wahres Leben. Menschen, die so rausgehen.

In einer Szene wird gezeigt, wie sein Gummistiefel-Foto entstanden ist. Ich hatte es vorher in seinem Blog gesehen. Ein Bauarbeiter hat sich seine schweren Gummistiefel mit Tape zugeklebt. Wahrscheinlich, damit ihm beim Betonieren die Suppe nicht oben rein läuft. Kennt man ja von den Kindern (oder von früher): Der Schaft von Gummistiefeln ist einfach immer einen Zentimeter zu kurz. Schwapp, kein Wasser kommt raus. Scott Schumann hat die Stiefel im Vorbeifahren gesehen. Also den Mann mit den Gummistiefeln. Raus aus dem Auto. Darf ich mal? Schon war das Foto im Kasten. Sekunden. Schon im Blog.

Im Film sagt er, dass er Fotografieren nicht gelernt hat. „The way I do it is the way I do it“. New York. Frank Sinatra. I did it my way. Es fallen noch mehr Sätze wie „I just started doing“ oder „I’am just reacting“ und „Let yourself fall in love every day“. Er bezieht das auf Mode. Die Schönheit der Menschen mit ihrem ganz persönlichen Stil. Deshalb surfe ich gerne rüber zu Scotts Blog nebenan. Im Netz sind wir ja quasi Nachbarn. Und ein wenig habe ich mir bei ihm natürlich auch abgeschaut. Möglichst wenig Firlefanz. Eine klare Seite. Möchte Ela ja auch gefallen:)

Hier nun also der Youtube-Link, falls ihr Lust habt, Scott Schumann bei der Arbeit zuzusehen. Das Video findet ihr auch auf seiner Seite. Hier war es bis heute Morgen übrigens 1.010 mal kommentiert worden. Netter Fankreis. Ela ist nicht ganz alleine. Ich schnappe mir jetzt auch meine Kamera und schaue mal nach netten Bäumen, Pferden, Hunden, Wiesen, Wäldern – „The way I do it is the way I do it“:)

Euch einen schönen Tag auf eurem Weg. Vielleicht gelingt es euch, heute ein wenig mit euch selbst in Liebe zu fallen. Wäre doch schön.

„Mama, Papa, Jim, Cooper, Haus!“

Aus der großen Welt der Politik kehre ich zurück ins kleine Leben. Ganz schön aufregend, wenn ein Artikel plötzlich Wellen schlägt und so viele Besucher/innen in den Blog kommen. Es hat mir Spaß gemacht, zu politisieren, aber das hier ist kein Polit-Blog. Das gibt mein Leben tatsächlich nicht her. Ich habe eine Meinung, bin aber noch in der Phase, als erziehender Vater gebraucht zu werden. Deshalb die Überschrift heute.

Meine Kinder. Die Welt von Morgen. Sie sollen gut vorbereitet sein, wenn es los geht. Ihr Leben auf eigenen Füßen. Gestern Abend kam ich vom Fußball nach Hause. Es war kurz vor Zehn und Zoe konnte nicht schlafen. Das hat sie manchmal. Total müde, aber die Augen wollen nicht zufallen und der Geist will nicht ins Reich der Träume hinüberwandern. „Legst du dich noch kurz zu mir?“ Klar. Selbstverständlich. Gerne. Da liegt sie neben mir und schließt die Augen. Ich merke, wie wohl sie sich fühlt. Geborgen.

Ich rede noch ein wenig mit ihr. „Zoe, geht es dir gut?“ Eltern möchten das manchmal einfach hören. Und vielleicht gibt es ja einen Grund, weshalb sie nicht schlafen kann. Gedanken. Irgendetwas in der Schule. Probleme. „Papa, mir geht es gut.“ Schön. Eine Frage noch, denke ich. Mich interessiert es und ihr hilft es, auf andere Gedanken zu kommen und dann einzuschlafen. „Zoe, was ist dir wichtig im Leben?“ Die Antwort ist die heutige Überschrift. „Mama, Papa, Jim, Cooper, Haus!“ Das war schon immer so. Alle zusammen. Sicherheit. Heimat. Mich freut es. Ich glaube, wir können ihr ein gutes Zuhause geben. Meine Hand lege ich ihr auf den Kopf. Leicht, nicht drückend. Ihr Atem wird ruhiger und sie schläft. Drei, vielleicht vier Minuten hat die Aktion gedauert. Hätte es nicht geklappt, hätte ich ihr eine Geschichte erzählt. Das funktioniert schlafsicher.

Derweil liegt Jim in seinem Bett und schläft schon seit geraumer Zeit. Er ist am Samstag 14 geworden. Das wilde Alter beginnt. Am Sonntag hatten wir „Kindergeburtstag“. Ist natürlich nichts mehr mit kleinen Spielchen und Schokoladenessen. Im letzten Jahr war ich mit ihm uns seinen Freunden in Köln in der Kletterfabrik. Die Wände hoch. In diesem Jahr sollten Mädchen dabei sein. Ela hat den Vorschlag gemacht: Bowling. Jim war einverstanden, ich war dann drei Stunden mit sieben Teens plus Zoe bowlen. Die kleine Schwester durfte dabei sein. Sie hat gefragt und Jim fand es O.K. Da standen sie nun. Kicherten. Jungs-Mädchen-Thema. Handys, kurze SMS. „Och nö, kommt. Jetzt mal für die Zeit des Bowlings keine Handys.“ Jim hat kein Handy. Wir wollten das rauszögern. Auf dem Geburtstag hab ich dann gesehen, wie selbstverständlich die Dinger sind. Und wie die Finger beim Simsen fliegen.

Ela und ich haben dann beschlossen, dass Jim jetzt auch darf. Er hatte schon mal eins für eine Zugfahrt nach Dänemark, da hatte er aber gleich das ganze Guthaben per Internet verballert. Irgendwie war das an, obwohl wir vorher eingeschaltet hatten „Bei Verbindungsaufbau nachfragen.“ In Hamburg war die Karte leer. Vorm Umsteigen hatte er sich gerade noch mit „Bin fast im Zug gemeldet“. Später ist der Zug auf die Fähre gefahren und alle mussten aussteigen. Das wusste er nicht. Wir auch nicht. Er wollte lieber mal anrufen, aber Karte leer. Ts. Nun haben wir ihm also gestern gesagt: „Du kannst ein Handy haben“. Wollte er nicht. „Wisst ihr was, die Dinger interessieren mich nicht. Ich hab meinen iPod zum Musikhören. Mehr brauche ich nicht.“ Ah. Ja dann. „Wenn du doch willst, einfach sagen.“

Ganz schön kompliziert mit dem Erziehen. In Deutschland ist alles kontrolliert (außer Futtermittel scheinbar), nur Kindererziehung, die geschieht so. Ist ja auch gut so!!! Aber diese Vorstellung: Du kommst aus dem Krankenhaus und hast plötzlich ein Baby auf dem Arm. Und dann learning by doing. Von nix eine Ahnung. Tür auf, Eltern mit Baby raus und schönen Tag noch. Do it yourself. Heimwerkern. Irre.

Euch einen schönen, entspannten Tag.

„Der Mensch ist, was er tut. Nichts anderes.“

Das Zitat der Überschrift stammt von Jean Ziegler. Es steht jetzt hier in diesem Blog, weil es seinen Weg über einige Gedankenecken und Fügungen zu mir gefunden hat. Besser umgekehrt. Ich bin zu ihm geeilt. Einige Tage zuvor: Ich schreibe hier im Blog Google, Sex, Dreikönigstreffen! Bin angekratzt. Hörte Guido Westerwelle sich zurück in die Pole-Position schreien. Angriffe mit stumpfer Waffe. Politik in Deutschland – je lauter, desto besser. Große Buchstaben. Einfache Zusammenhänge. Leicht nachvollziehbar. Sündenböcke. Und die Medien spielen mit, nehmen die Informationen, um eine verkäufliche Ware zu haben. Mechanismen.

Also schreibe ich diesen angekratzten Text und schimpfe noch über die leseschwachen Heiligen Könige, die in diesem Jahr zu meiner Überraschung lesestark und pfiffig waren. Ein König des Wissens erläuterte mir sogar die drei Buchstaben C*M*B – nicht Caspar, Melchior, Balthasar, nein: Christus Mansionem Benedicat (Christus segne dieses Haus). Danke! Kann man immer brauchen, einen guten Segen. In diesem Jahr hätten wir statt der Kreide auch einen Aufkleber haben können – nicht abwaschbarer Segen. Eine Innovation der katholischen Kirche, von der ich mir in anderen Fragen diese Beweglichkeit wünschte. Nun gut, sie kommen zu uns und bringen den Segen. Als wehmütiger Traditionalist wählte ich die Vergänglichkeit des Kreidestaubs.

Zurück zum Thema. Der Beitrag Google… hatte vor allem Eva und Ewa (im Brigitte Woman Blog) zu Kommentaren bewegt, die wiederum mich bewegt haben. Verzweiflung. Unmut über den Zustand der Welt. Und ja: Nach dieser Finanzkrise entsteht der Eindruck, nichts zählt mehr außer Geld: USA vor der Fast-Pleite. Der Finanzminister bittet den politischen Feind auf Knien um Gnade. Griechenland. Portugal. Spanien. Sparprogramme, Unmut. Erste Anarchisten treten auf, Bomben explodieren in Botschaften in Rom. Italienische Anarchisten. Wut. Zorn. Weshalb? Tausende Milliarden Dollar zur Rettung der Banken, die schon wieder Milliarden an Boni ausschütten. Gleichzeitig wird „das Budget des Welternährungsprogramms der UNO um die Hälfte reduziert, von sechs auf drei Milliarden.“ Das sagt Jean Ziegler, schweizerischer Soziologieprofessor.

Ein Bekannter hat mir am Freitag einen Artikel der Zeit gemailt. „Ich bin ein weißer Neger“ Jean Ziegler im Interview. Der Mann ist 76 Jahre alt und mit 6 Millionen Euro verschuldet, weil er immer wieder wegen übler Nachrede verklagt und verurteilt wurde. Weil er Diktatoren beschimpft hat oder Banker seines Heimaltlandes. Ein streitbarer Geist, der viel erlebt hat und seit 50 Jahren über das ungerechte Gefälle zwischen erster und dritter Welt schreibt. Dieses Interview ist sehr besonders. Ich möchte euch empfehlen, es zu lesen. Nicht zwischendurch, sondern mit etwas Zeit. Es macht Mut. Nicht in die Richtung, die Welt lässt sich retten. Nein. Ganz und gar nicht. Aber in die Richtung: Es gibt Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. Die dem Unangenehmen nicht aus dem Weg gehen. Die kämpfen.

In meinem Magisterstudium hatte ich ITWZ belegt. Neben Germanistik und Politischer Wissenschaft mein drittes Fach. Internationale Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Entwicklungspolitik. Ich dachte, da lässt sich was ändern. In der Entwicklungspolitik liegt der Schlüssel zur Weltgerechtigkeit. Es war ein Versuchsstudiengang. Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler in einem Boot. Interdisziplinarität. Wir wurden an die Wand gedrückt. Wir sagen euch Geisteswissenschaftlern mal, was Entwicklung braucht: Zement! Um Beton mischen zu können, das Fundament von Farbriken, Industrie und Wohlstand. Ein Projekt, über das ich schrieb, war Ruanda. Ich dachte, es kann nicht nur darum gehen, einen Zugang zum Meer zu schaffen. Erst müssen wir das Land, die Menschen verstehen. Sozio-kulturelle Faktoren. „Bullshit“ war die Antwort. Sozio-kulturelle Faktoren kann keiner essen. Dann kamen die Massaker, die Entwicklungshelfer wurden ausgeflogen. Genozid. Alles Geld futsch, zum Teufel gejagt. Zurück blieb: Zement. Guten Appetit.

Ich hatte die Schnauze voll, wollte damit nichts mehr zu tun haben. Bin am Theater gelandet und wollte Botschaften von der Bühne senden. Nationaltheater Mannheim. Abonnement-Publikum. Türen knallen bei modernen, gewagteren Inszenierungen. Pfui-Rufe von den überwiegend älteren Damen des Abonnements. Intzrigen im Haus – Kampf Kreative gegen Technik, Technik gegen Kreative. Wo kämpfen? In Ruanda? Auf deutschen Bühnen?
Jetzt bin ich Werbetexter. Lebe zurückgezogen auf dem Land, kümmere mich um meine Familie, schreibe sanfte Gedichte und einen freundlichen Blog. Kratze nicht, lege mich nicht an.

Lese Ziegler. Was für ein Mann. Mit 76 in der Welt unterwegs für die UNO. Erst als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, jetzt als Mitglied im beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats. Es wird Zeit, sich wieder mehr einzumischen. Den Geldbesessenen dieser Welt ein Gegengewicht zu präsentieren. Eine Botschaft in die Welt zu senden „Ihr könnt nicht tun und lassen, was ihr wollt.“ Ziegler zitiert Brecht: „Was hat das alles denn genützt? All die Theaterstücke, die Schriften, dieses Ringen im Exil? Brecht dachte nach, und schließlich sagte er: Ohne uns hätten sie es leichter gehabt.“ Und er zitiert Walt Whitman: „Er erwachte am frühen Morgen und ging der aufgehenden Sonne entgegen… hinkend.“

Mit Gedichten gegen Mauern? Laotse. Das weiche Wasser, bricht den harten Stein. Viel weiches Wasser. Sehr, sehr, sehr viel weiches Wasser. Die Bewegungen der siebziger Jahre. Ohne die hätte es Abrüstung und Windkraft nie gegeben. Ciao.