Köln, raum 13 und die Frage, wie man Geschichte und Zukunft leben möchte

Es geht immer so oder so.

Ja, generell ist das Kölsche Grundgesetz geduldig und findet für jede bequeme und unbequeme Lebenslage eine Antwort. Das muss wohl so sein, wenn man Erfahrungen wie diese Stadt gemacht hat. Mal ganz oben, mal ganz unten. Mal die leuchtende Metropole, mal die brennende Stadt. Man kann nicht verleugnen, wo man hergekommen ist. Rom, Mittelalter, der Kölner Kaufmann der guote Gêrhart, die aufstrebenden Zeiten, der Weg zur viertgrößten deutschen Stadt, 1945, die wilden 70er, die Kunstmetropole…

Eine schöne, eine tolle Stadt. Aber irgendwie auch eine Stadt, die sich arrangiert hat. Die manches geschehen lässt. Die Zügel gerne auch mal aus der Hand gibt. Die sich nicht traut, Juwel zu sein. Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Der FC, der Karnevalsclub. Am Ende der ersten Liga. Es ist ja immer noch gut gegangen.

Umfrage: Wenn Sie an Köln denken, was fällt Ihnen ein? Der Dom. Klar. Der Karneval an zwei. D’accord. Der Rhein, der Zoo, das römisch-germanische Museum, der FC, Willy Millowitsch… Alles am rechten Ort, alles eingespielt. Läuft wie der Rhein Tag für Tag. Veränderung, Zukunft? Die IAA soll vielleicht kommen. Köln zur Autostadt werden. Sicherlich gibt es in der Stadtentwicklung einiges, was Zeichen setzt. Welche? Und wie groß sind die? Und was bedeuten sie für eine Stadt wie Köln im Großen und Ganzen? Wo soll die Reise hingehen…

Treten wir einen kleinen Schritt zurück und blicken wir in das Leben eines normalen Menschen. Nehmen wir mich, weil ich hier gerade an der Tastatur sitze. Was treibt mich an? Ich möchte wie alle anderen gut leben. Ich möchte, das mein Leben Sinn macht und nicht einfach nur vorbei plätschert. Ich möchte Highlights und meiner Zukunft standhalten. Meinen Kindern möchte ich etwas geben, mein Haus gestalten, meinem Leben ein Fundament geben, es ausbauen, keine Angst vor dem Morgen haben.

Eine Stadt ist die Summe der in ihr lebenden Menschen. Über eine Million Wünsche und Hoffnungen. Sehnsüchte, Schicksale. Wie wollen wir leben? Wie können wir leben? Den Hintern hoch kriegen oder aussitzen? Abwarten und Tee trinken. Die machen lassen, die etwas davon verstehen. Vermeintlich.

Otto-Langen-Quartier Köln Mülheim. Das Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG. Zeitzeugen in Form von Backstein und Hallen aus Stahl. So ein Ort, der einmal Bedeutung hatte und für den Betrachter im Begriff ist/war, zu verfallen. So ist das, könnte man sagen. Die Zeiten gehen, das Neue kommt, das Alte weicht. Abrissbirne, Planierraupe, alles auf Null und neu hochziehen. Dafür gibt es die, die das können und in allen Städten genau so machen. Die mit dem Geld, das in Zeiten niedriger Zinsen verzweifelt nach Renditen sucht. Und findet.

Sieht man gerade. Ganz konkret. Wer sich interessiert und Veränderung einer Stadt einmal mit eigenen Augen live und in Farbe sehen möchte, der nimmt sich ein Gefährt und fährt die Deutz-Mülheimer-Straße entlang. Bis vor kurzem stand da noch ein lebendiges, historisches Industrieviertel, das Köln mit geprägt hat. Hier waren die Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Werkstore gegangen und hatten Motoren entwickelt. Industriewandel, Globalisierung, nichts bleibt, wie es ist.

Weg damit, braucht kein Mensch mehr. Könnte man sagen und meinen. Oder man macht sich Gedanken und erinnert sich. Würden Sie das Familienalbum wegwerfen? Die Großeltern verbannen, die Bilder von der Wand nehmen, sie aus dem eigenen Leben nehmen?

Das gesamte Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG ist ein bedeutendes Kapitel im Familienalbum der Stadt Köln. Wegen der Größe, all der Menschen, die hier gearbeitet haben und wegen einer kleinen Kleinigkeit Weltgeschichte, die alles verändert hat. „1864 war Nicolaus August Otto zusammen mit Eugen Langen Mitbegründer der weltweit ersten Motorenfabrik N. A. Otto & Cie. in Köln, aus der 1872 die Gasmotoren-Fabrik DEUTZ AG hervorging, die als technischen Direktor Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach als Leiter der Motorenkonstruktion engagierte.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ottomotor) Hier wurde der Otto-Motor erfunden!!!

Otto, Langen, Daimler, Maybach. Da klingelt doch was. Yep. Köln war die Wiege des Automobils, der Mobilisierung der Welt. Weiß kaum jemand so wirklich. Daimler, Stuttgart. Die haben da dieses Museum, das die Geschichte erzählt. Köln hat sich immer vornehm zurückgehalten.

Weshalb eigentlich?

Die Zurückhaltung geht aktuell so weit, dass das Areal abgeholzt wird wie der Regenwald. Nun dürfen sich da einige Investoren im Renditewahn austoben und aufgrund der hohen Grundstückspreise Luxuspaläste bauen für die oberen Zehntausend. Schickes Kölle. Ein wenig Düsseldorf-Flair am Rhein. Das wird dann Wohnen am Wasser und so heißen. Und in den Verkaufsbroschüren steht so Kram wie die Verbindung von urbanem, kulturellen Leben mit dem feinen Rückzug in die Ruhe der Schäl Sick.

Stadtentwicklung ist das nicht. Das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Sehr bequem für alle Beteiligten. Ein paar Sozialwohnungen rein und alle sind zufrieden. Oder entsteht da vielleicht eine tote Trabantenstadt? Wie die Kranhäuser, von denen die Betuchten auf das am Tag flanierende Fußvolk herab lächeln? Ein Veedel wird das nicht, weil ein Veedel Durchmischung, Proporz braucht. Von allem etwas. Das macht den Reiz aus. Nippes, Ehrenfeld, Sülz. Und dann das künstlich geschaffene Areal, dessen Mutter die Abrissbirne ist. Ups! Ui, alles weg. Die ganze Vergangenheit planiert für die schöne neue bunte Welt.

Keine Zeche Zollverein, kein Landschaftspark Nord, keine Erinnerung an die Bedeutung Kölns für die Welt.

Nun kann man den Otto-Motor durchaus kritisch sehen. Smog in Los Angeles, Kuala Lumpur, den chinesischen Städten. Die Sehnsucht nach Mobilität wächst weiter. Es wäre schön gewesen, wenn man in den historischen Gebäuden der Klöckner-Humboldt-Deutz AG schon in den Siebzigern Mobilität neu gedacht hätte. Einfach mal die Visionen und Utopien der Automobilmacher um Otto, Daimler & Co. weiter spinnen. Eine Mobilität ohne diesen kleinen CO2-Haken.

Hat keiner gemacht. Nicht in Konsequenz. Lohnt nicht, wollte keiner, will keiner so richtig wirklich.

Jetzt haben wir den Salat. Hier trifft das Lokale auf das Geschehen der Welt. Und alle finden sich ab. Moment. Fast alle. Nur ein kleiner Kreis nicht. Es gibt ein gallisches Dorf, einen letzten bewahrten Raum, einen Schutzraum, der sich um das Kölsche Familienalbum kümmert.

Vor einigen Jahren schon haben Anja Kolacek und Marc Leßle begonnen, einen Teil des Vermächtnisses zu bewahren. Es gibt noch einen etwa fünf Fußballfelder großen Bereich, der noch nicht verkauft wurde. Leider ist der Bereich Gold wert. Säcke voller goldener Taler. Einige sehen sich schon wie Dagobert in Goldtalern schwimmen. Wenn auch diese letzte Bastion fällt, ist für Köln der Drops gelutscht.

Dann ist alles weg und gönnerhafte Investoren werden einen Künstler beauftragen, dem Otto-Motor ein Denkmal zu setzen. Aus Messing gegossen, mit einer Tafel versehen und Tschüss. Einweihung mit Oberbürgermeisterin, Kölsch und Musik. In unserm Veedel. Peng!

Und wie sieht die Alternative aus?

Die Stadt wird schnell erwachsen, lässt Klüngel Klüngel sein, entscheidet sich, was sie wirklich will und setzt ein Zeichen. Für die Stadt, für die Menschen, die hier leben und sagen wir es ganz pathetisch: Für die Welt. Von hier aus hat der Otto-Motor, wer hätte das damals geahnt, seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Von hier sollten nun im Geiste der Erfinder ähnlich starke Impulse ausgehen. Innovationen, neue Ideen, Lösungen, Machbarkeit, Sinnhaftigkeit. Einen Raum schaffen, im dem ein neues Denken eine Heimat hat. Den Ball der Geschichte aufnehmen und neu Geschichte schreiben.

Im Jahr 2050 werden 80% der dann rund 10 Milliarden Menschen in Städten leben, die dann aus allen Nähten platzen. 1864 galt es die Welt zu mobilisieren, 2019 gilt es, wieder Herausforderungen anzunehmen und Zukunft zu gestalten. Und ja, wieder kann, darf und soll Köln eine Rolle spielen. Das Heft in die Hand nehmen.

Aber wie?

Fragt sich die Politik. Und hofft auf Antworten, die Raum 13 seit Jahren sucht und entwickelt. Es ist einfach, ein Viertel abzureißen und in Form von neuer Bausubstanz hoch zu ziehen. Das ist für Projektentwickler 08/15. Da rollen einfach Kolonnen.

Aber wie gestaltet man einen Ort mit Bedeutung? Ein Zentrum des Denkens, in dem Innovationen entstehen, die Köln und die Städte dieser Welt brauchen? Das ist ein großer Schuh, bei dem es manchem Angst und Bange wird. raum 13 setzt hier auf Kollaboration. Auf Menschen, die sich mit Ideen einbringen. Es mag für manchen befremdlich klingen, aber es ist die Kunst hier das Mittel der Entwicklung. Der Auftakt, die Ideengeberphase.

raum 13 hat den Ort bis jetzt bewahrt und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, um ein historisches Unrecht zu vermeiden. Um die Stadt vor sich selbst zu schützen. Um ihr eine Perle in die Hand zu geben. Ein Juwel, das sich schleifen lässt.

Wie schön wäre das denn, wenn es Köln gelingt, hier etwas Außerordentliches auf die Beine zu stellen? Ein Projekt, auf das man schaut. In Düsseldorf, Los Angeles, Kuala Lumpur. Wenn hier ein Ort von Bedeutung erhalten und gleichzeitig neu erschaffen würde? Wenn hier Antworten auf zentrale Fragen entwickelt würden? Köln nicht nur Dom, Karneval und die Stadt mit Herz, sondern auch mit Verstand und Ideen. Ein Ort des Denkens und Entwickelns im Geiste der Herkunft.

Was raum 13 alles gemacht, getan, veranstaltet, initiiert, umgesetzt, gedacht hat, ist aktuell in einer Ausstellung in den Räumen der IHK zu sehen. Dort wird ein Buch präsentiert, dass zeigt und beschreibt, wie die Reise bislang aussah und wie sie aussehen könnte. Da ist viel von Partizipation, Mitmachen und Transformation, Wandel die Rede. Es muss etwas geschehen, es kann etwas geschehen. Es ist ein Projekt der Hoffnung und Zuversicht. Es könnte ein Ort entstehen, an dem neu gedacht wird und Neues geschaffen wird. Innovation für den Menschen und die Menschheit. Groß gedacht. Als eine in der Arbeit von raum 13 Vision gewordene Utopie. Eine Vision, die sich verdichtet und im Zusammenspiel der Kräfte immer konkreter wird.

Nun ist es an der Stadt, das Areal zu kaufen und das Zepter in die Hand zu nehmen. Wie wollen wird leben? Köln hat es in der Hand, Charakter zu zeigen und nicht den immer gleichen Weg der Gentrifizierung zu gehen. Es braucht Mut, es braucht Zusammenhalt und letztlich einen Arsch in der Hose, die Stadt an diesem Ort zu gestalten.

Entwicklung bedeutet hier, Verantwortung zu übernehmen. Das Areal zu kaufen, ihm einen Sinn zu geben. Die Arbeit von raum 13 aufnehmen, weiterführen, ein Konzept entwickeln, Partizipationen suchen, die diesen Ort bewahren und neu aufladen. Professionelle, fundierte Stadtentwicklung im Schulterschluss von Politik, Verwaltung, Bürger*innen, Wissenschaft, raum 13 und Projektentwicklern, deren Werkzeug nicht die Abrissbirne ist.

P.S. Hier einige Links:

Zum Buch: https://www.yumpu.com/de/document/view/62854965/zukunfts-werk-stadt-das-buch

Zur Ausstellung: https://www.ihk-koeln.de/Ausstellungen.AxCMS?ActiveID=2328

Deutzer Appell: http://www.raum13.com/global_projects/details.php?id=176&state=current&type=projects

raum 13: http://www.raum13.com/home/

Die eindrucksvolle Begegnung mit Shoichi Sakurai

Ich kann es kaum fassen. Es ist. Sehr bewegend und berührend. Diese Begegnungen im Leben eines Menschen, die Spuren hinterlassen. Die tiefer gehen, unter die Haut und weiter in das innere Land. Die Ebenen, die Steppen, die Wälder, die Seen, Meere. Das innere Ausgefülltsein. Angerührt. Vom Leben liebkost. Der rotsatte Vollmond am Himmel des eigenen Fühlens.

Anfang Oktober habe ich Shoichi bei der Vernissage 4 by 4 im Kulturhaus Zanders das erste Mal gesehen. Ihn und auch seine Frau Colleen und deren beiden Werke. Helga und David hatten Viveka und mich den beiden vorgestellt. Offenes Lächeln, Herzlichkeit, die Aufregung des Kommenden.

Über die Ausstellung habe ich geschrieben.

Die Woche darauf trafen wir Anja und Marc von raum13 bei der Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache in Köln und vereinbarten ein Essen bei uns auf dem Land im alten Verwaltungsgebäude der Bleigrube Bliebach. Auch mit Norbert und Barbara von Schachten & Ackern. Und wir wollten gerne David und Barbara dabei haben, die gerne kommen wollten. Sie würden Shoichi mitbringen. Colleen musste frühzeitig nach Japan zurück. Schade. St.Martin. Das Glück miteinander teilen, den Tisch, das Mahl, die Freude.

Es kam dann ein wenig anders. Anja und Marc mussten das Wochenende nutzen, um Ihre Buchvorstellung in der IHK Köln aufzubauen, Barbara wollte gerne ein überraschendes Zeitfenster nutzen, um endlich mal wieder ihre Familie in Bayern zu sehen und Norbert musste nach Paris. Ein Job. So blieben Helga, David, Shoichi, Viveka und ich.

Es wurde ein außerordentlicher Abend. Den Tag über hatte ich gekocht, alles hatte funktioniert, die Freunde kamen. Wenn das Gefühl der Verbundenheit im Raum ist. Wenn man sich näher kommt. Wenn die Zeit Relevanz hat. Wenn es das Lächeln des Lebens ist.

Ich durfte neben Shoichi sitzen und wir sprachen über unser Leben, über Japan, die Kunst, unsere Kinder und über sein im Kulturhaus Zanders präsentiertes Werk Kimyo-na-Enkan. Die Antwort auf Helgas Strange Loops. Die tiefe Wahrheit der Verbundenheit, das alles miteinander zusammenhängt. Die Überlagerung der Zeiten und Welten. Connected. Das Ineinandergreifen des Schicksals. Das durchgehende Anstoßen, in Bewegung bringen, auslösen. Übergeordnet im Großen, heruntergebrochen bis auf das Kleinste.

Shoichi ist ein sehr feiner Mensch. Sanft, sehr höflich, aufmerksam, interessiert, lustig. Geschickt mit den Händen, dem Geist. Er wohnt mit Colleen in einem alten Tempelhaus unweit von Tokio. Die beiden sind jeder für sich und gemeinsam eine Welt. So wie das auch mit raum13 und Schachten & Ackern und dem Atelierhaus an der Agger der Fall ist.

An dem Abend entstand die Idee, Shoichis Gedanken seiner 4 by 4-Arbeit Pieces United weiter zu tragen. Manchmal fügen sich die Dinge. Als würde man ein Puzzle in die Luft werfen und am Boden treffen sich die Teile zum fertigen Bild. Wir gingen in den Garten und suchten nach einem Platz für seine Strange Loops Kimyo-na-Enkan.

Der kleine Wald, den wir kürzlich von den Brennholzstapeln befreit haben. Die beiden hohen Buchen als Dach. Ein Raum wie eine Kirchen-Apsis. Nach Osten ausgerichtet, in Richtung der aufgehenden Sonne. Japan. Hat gepasst. Im Westen liegen das Atelierhaus und Helgas Strange Loops. Eine feine Linie.

Für mich war die Skulptur schon im Kulturhaus Zanders ein Rock eines Samurais, im Kampf beschädigt. Das Symbol eines Kriegers, der nun als Schützer in unserem Garten steht.

Heute morgen habe ich den Platz vorbereitet. Mit Räucherstäbchen die Geister verführt. Shoichi kam dann und wir haben die Skulptur aufgebaut. Ausgerichtet, den Fuß mit Steinen beschwert, geschaut, dass sie gut sichtbar ist. Kommt man auf den Hof, sieht man sie. Sitzt man im Garten, sieht man sie. Kommt man aus dem Haus, ist sie da. Sie hat eine immense Präsenz und Energie. Sie ist sehr stark in ihrer Wirkung. Leuchtend.

Nun werden wir sehen, wie sich der Rock des Samurais, der Schützer in den Gezeiten des Lebens, in den Abläufen des Wetters und der Jahreszeiten verändern wird. Ich werde das dokumentieren und Shoichi auf dem Laufenden halten. Auf diese Art und Weise sind wir verbunden. Es ist ein Faden Pieces United.

Viveka kam von der Arbeit, wir saßen in der Küche, Shoichi kochte grünen Tee, Sencha und es war Raum und Zeit, zu reden. Wir haben uns sein Haus im Internet angesehen, über den fiftyfiftyblog gesprochen, über die Kunst von Vivekas Vater, die in unserem Haus lagert und über unsere Hunde. Shoichis Hund muss operiert werden, Cooper ist heute vor einem Jahr gestorben.

Heute ist Vollmond über dem Haus, Kimyo-na-Enkan ist in die Kathedrale unter den Buchen eingezogen, Coopis Todestag jährt sich. Strange Loops. Die Dinge kulminieren. Ich sitze in der Küche, der neue Spotify-Mix läuft, ich sehe Shoichi noch hier am Tisch sitzen. Am Freitag geht sein Flieger nach Tokio. Wir haben uns gegenseitig eingeladen, das Meer zu überwinden. Ich bin sehr berührt. Von allem.

Von dem Projekt werde ich berichten. Meine Kamera wird lernen, dem Freund im Garten ein Leben zu geben.

Shoichis Werk und Einblicke in das Tempelhaus: http://www.shoichi-sakurai.com

Weshalb ich in der Werbung arbeite

Arbeite ich in der Werbung?

Das alles ist eine lange Geschichte. Eigentlich erzähle ich sie nicht euch, sondern mir. Stefan, ein Kollege, der uns gerade verlassen hat, fragte mich einmal: „Jens, weshalb all diese Sachen. Der Blog, Facebook. Deine Bilder, Videos, Texte?“

Aus purer Eitelkeit, Stefan. Und weil all das irgendwo hin will. Das Texten, die Bilder, die Videos. Und weil es mein Tagebuch ist, in dem ich am Ende aller Tage nachblättern kann. Alles drin. All die Geschichten. Die Kinder, die Liebe, der Hund, die geliebten Frauen. Anekdoten, Storys, Kleinigkeiten, Meinungen, Politisches, Aufregung, Kunst, Kino. All das, was mich bewegt. Vielleicht ein ein wenig egozentrierter Blog. Ein Tagebuch eben. Öffentlich. Was manchmal zu Problemen geführt hat, weil Intimität im Denken und Fühlen manchmal exhibitionistisch wirkt. Für mich nicht.

Kapitel Werbung.

Ich wollte inszenieren. Ich habe unter anderem Germanistik studiert. Es sollte Bauigenieurwesen sein, ist aber Germanistik/ Politische Wissenschaft/ Internationale Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit an der RWTH Aachen geworden. Fokus Theater. Ein expressionistisches Stück als Zwischenprüfung. Gelber Fluss. Am Ende tragen die wahnsinnig gewordenen Soldaten des ersten Weltkrieges ein Kreuz durch den Giftgasnebel und streben nach Erleuchtung. Mein Professor hatte mir über Kommilitonen ausrichten lassen, ich solle jetzt aufhören, bevor auch ich der Welt entschwinden würde…

Es war immer genug Bodenhaftung da. Die Sorge bestand nicht. Gerne wäre ich in der Droge der Kunst höher geflogen. Hospitanz Stadttheater Aachen. Hospitanz Stadttheater Heidelberg. Regieassistenz Nationaltheater Mannheim. Ich wollte nach oben. Ich wollte inszenieren. Ich wollte Stücke auf die Bühne bringen, die etwas bewegen. Ich war jung, naiv, pseudo-idealistisch. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. 10 Jahre zu spät, vielleicht oder einfach nur blind.

Eine Familie gründen, Geld verdienen, Schotter machen. Eine Kölner Agentur, die mir eine Chance gibt als gut bezahlter Praktikant. Miete war drin, essen. Es lief. 01. April 1996: Adieu Praktikum, hasta la vista Baby. Selbstständigkeit. Eine Wohnung, ein Büro in Köln Ehrenfeld. Texten bis der Arzt kommt. Wenn mir im Leben immer etwas zugeflogen ist, dann waren es Worte. Aus Gedanken geflossene Worte. Ich glaube mein Gehirn arbeitet überwiegend in dem Modus, die 26 kleinen Freunde plus Umlaute in Reihenfolge zu bringen. Im Grunde bin ich ein antiquierter Computer, der mit Chiffren der Vergangenheit arbeitet. Ich liebe es, kann es nicht lassen. Sitze lange nach Feierabend am Küchentisch und haue Zeichen in den Blog.

Weshalb?

Es soll Sinn ergeben. Alles soll eine Ordnung haben. Die Dinge sollen sich zum Guten fügen.

Heute entwickle ich Marken. Ganz selten noch texte ich Broschüren. Frei mache ich das, Donnerstag und Freitag. Meistens. Da schreibe ich Presseberichte und über Biogasanlagen in Deutschland oder Müllaufbereitung in Kalifornien. Ich liebe das. Das ist einfach und entspannt. Finger fliegen lassen, lächeln, Kaffee trinken, raushauen. Wusch!

Einer meiner ersten Textjobs war ein Reisekatalog Spanien. Vier Wochen im Geiste durch alle Regionen. In der Bücherei Reiseführer ausleihen und Stories ausdenken, weshalb es in Andalusien oder im Baskenland so außerordentlich schön ist. Ich war auf Reisen, vor Ort. Im Geiste. Habe alles gerochen, gesehen, erlebt, gefühlt. In diesem Job braucht man eine gewisse Verrücktheit, die Fähigkeit, sich in Themen fallen zu lassen, sich aufzulösen, in dem Thema zu verschwinden. Am Ende des Tages gehst du nicht nach Hause und trinkst eine Tasse Tee. Es rattert. Die Maschine läuft, produziert.

Texter, Konzeptioner sind die schlechtbezahltesten Arbeiter, weil sie im Bett auf Nachtschicht sind. Du wachst auf und lächelst. Ja, jetzt, jetzt hab ichs. Und du ärgerst dich nicht, dass du aufgewacht bist, du freust dich, dass es Klick gemacht hat.

Du wartest immer auf das Klick. Irgendwo in deinem Kopf gibt es eine Lösung. Aber du siehst sie nicht. Ist wie Schach. Sinn ergeben.

Heute entwickle ich Marken. In den neunziger Jahren waren meine geisteswissenschaftlichen Freunde entsetzt. Schönlau in der Werbung. Der wollte doch am Theater die Welt revolutionieren. Jetzt verkauft er sich an den Klassenfeind. Der Marsch durch die Institutionen.

Ich mochte das Theater nicht mehr. Es war hierarchisch eklig. Es war bürgerlicher und spießiger als der Stammtisch zum goldenen Hirschen. Niemand wollte etwas bewegen. Es ging um Tarife, Regelungen, Ordnung, Abgrenzung. Es war Scheiße. Ein Umstoß war nicht in Sicht. Es ging darum, wer wo parkt. Wer wann etwas sagen darf. Um die Abnahme der Bühne durch die Feuerwehr. Und um Wasserleitungen in Schauspieler*innen-Garderoben: „Ich bin Nationaltheater-Schauspielerin!“. Herrje. Und ich bin der Regieassi, der damit kämpft, dass der Blitz eingeschlagen hat, die Beleuchtung abgefackelt ist und auch in der Generalrobe diese Bremse nicht funktioniert, die den Helden davor schützt, in der großen Rede auf dem kleinen Wagen auf den Arsch zu fallen. Göttliche Komödie.

Also Text. Werbung. Ein Auskommen, ein Arrangement, eine Zukunft. Lief. Der Herrgott hat mir ein vermarktbares Talent geschenkt. Geld, Familie, Haus, Landleben, Hund, Kombi. Das ganze Programm.

Irgendwann war Text plötzlich obsolet. Die Rechtschreibreform hatte für Zweifel gesorgt, ob Text tatsächlich noch den Stellenwert hat. Es wurde oberflächlicher, schludriger. Weniger wertvoll und damit preiswerter. Text im Web für Cents pro Zeile. Die schnelle, klingende Aneinanderreihung von Wörtern mit recht wenig Sinn und Verstand. So gar nicht mein Ding. Mechanisches Texten ohne Lust und Leidenschaft. Texten ist eine Droge. Die bringt dich drauf. Wenn es fließt, wird es automatisch. Die Buchstaben tanzen. Es ist ein Zustand, eine Dröhnung, ein Abfliegen.

Das ist meine Lust am Bloggen. Die Segel setzen, den Schirm aufspannen, abfliegen. Geiler ist nur Lyrik. Gedichte. Adieu Ratio, willkommen Paradies. Die Finger lecken nach schönen Worten, nach Konstruktionen, geheimen Codes und niemals zu entschlüsselnden Intimitäten. Fast nichts im Leben hat mich so glücklich gemacht wie ein schönes Gedicht. Klingt doof, ist unerklärlich. Aber einfach extrem intensiv.

Werbung.

War der Anfang. Später kam Marke hinzu, dann Kultur. Die Suche nach dem Unsichtbaren, nach dem, was niemand sieht. Dieses Phantom im Hintergrund. Der wahre Sinn.

Daran arbeite ich heute. Suche danach. Sitze in Workshops, höre zu, notiere. Und fühle nach. Was ist es? Es lässt sich nicht rational herleiten. Es hat nichts mit Zahlen und Diagrammen zu tun. Mit Menschen. Was bewegt Menschen dazu, etwas zu tun. Für eine Marke zu leben, zu arbeiten, zu brennen und sie zu kaufen. Ja, bei kaufen schreckt ihr auf. Ein unschönes monetäres Wort, aber die Basis für Sinnhaftigkeit. Für Gehälter. Für Existenz.

Marken geben Sinn, wenn sie die Menschen sehen. Warme Marken, herzliche Marken, soziale Marken. Marken als Fahne, auf denen etwas Gutes steht. Eine formulierte Vision in den letzten Monaten hieß: „Die Welt ein wenig schöner machen.“ Dafür lohnt es sich doch, zu arbeiten.

Arbeit einen Sinn geben macht mir mittlerweile viel mehr Spaß als vom Weltfrieden zu träumen. Ich arbeite in der Werbung, weil ich etwas bewegen kann. Weil ich in Unternehmen hineingeben kann, dass es alles immer auch mit Sinn und Verstand gibt. Wenn dabei Geld abfällt, bin ich d’accord. Soll es. Soll Mut bezahlt werden. Soll das Bessere im Sinne des Ganzen gewinnen.

Das Schönste ist, zu präsentieren und den neuen, veränderten Weg der Hoffnung zu zeigen. Wenn der Samen in Augen aufgeht, die leuchten. Und dann fängt die richtig harte Arbeit an, weil das Versprochene Realität werden soll. Und du kannst von deinem Versprechen nicht zurücktreten, du musst das Versprechen einer schöneren, besseren Welt gegen alle Skepsis einhalten. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Auf Worte Taten folgen lassen. In der Verantwortung stehen. Kein Werbegeschwafel. Kultur, Veränderung, Evolution. Kein einfaches Business. Aber das, was ich tun möchte.

Deutschland zufrieden wie nie

Die gute Nachricht:

„Noch nie war die Lebenszufriedenheit der Deutschen so hoch wie 2019. Sie liegt aktuell bei 7,14 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. Damit wird das Ergebnis von 7,05 Punkten aus dem Vorjahr um 0,09 Punkte verbessert. Das ostdeutsche Glücksniveau stieg sogar um 0,11 Punkte auf das Allzeithoch von 7,0 Punkten, der höchste Wert, der jemals seit dem Mauerfall vor 30 Jahren gemessen wurde. Der Glücksabstand zwischen West- und Ostdeutschland verringerte sich weiter auf aktuell 0,17 Punkte. An der Spitze des regionalen „Glücksrankings“ steht unangefochten Schleswig-Holstein, das Schlusslicht bildet erneut Brandenburg.“

Die gute alte Gretel von der Post hat nachgefragt und für mich überraschende Antworten bekommen. Diese verspießten, AFD wählenden, drängenden, besorgten Deutschen sind zufrieden wie nie. Ihr Arschgeigen! Zeigt das doch einfach mal. https://www.dpdhl.com/de/presse/specials/gluecksatlas.html

Ey, Alter!

Am gleichen Tag, an dem diese Studie erschienen ist, hat es ein Treffen zur Wasserstoff-Strategie Deutschlands gegeben und es wurde der Ausbau der Ladestationen für E-Mobilität verkündet und bis 2030 sollen 7 bis 10 Millionen E-Fahrzeuge die alten Kisten mit Puff, Puff ablösen. 3 Milliarden fließen. Zusätzlich. Nächstes Jahr fliegt unsere Ölheizung endlich raus. 40 % Förderung. Voll die Spendierhosen. Okidoki. Derweil haben wir heute die Umstellung unseres Hauses auf LED-Beleuchtung abgeschlossen.

Auf DLF habe ich gehört, dass 11.000 (!) Wissenschaftler mahnen. Wegen des Klimawandels. Es müsse schneller gehen. Derweil sendet mir mein hoch zufriedener deutscher Nachbar WhatsApp-Videos von dubiosen Kanälen, dass es den Klimawandel nicht gibt. Ey, Alter.

Leben läuft auf vielen Ebenen. Hierhin, dorthin. Du hast eine Zeit auf diesem Planeten und glaubst an dieses und jenes und bist überzeugt und die Realität ist die vom Leoparden gejagte Gazelle.

So ist goes sometimes. Sagt meine Allerallerliebste, die so schön verrückt und lebendig und besonders und aufregend überraschend ist. Nur so nebenbei: Ich liebe sie sehr.

Zurück zum Tag: In der Agentur habe ich auf dem Weg zu einem Konzept, das wir Ende November präsentieren, den Schlüssel gefunden. Manchmal sitzt du wie bekloppt vor deinem Rechner und schaust auf die Pixel und denkst und neigst zur Panik und weißt nicht, wo du es hernehmen sollst und dann irgendwann, als hätte ein Hirnhelfer den Knoten mit einem Krummsäbel zerteilt, weißt du es und kannst dem Faden folgen und die Ideen fassen und ordnen und in schöne Worte fassen und Bilder finden und. Hach. Habt ihr eine Vorstellung, welche Qualen Kreative auf dem Weg durchlaufen?

Und am Ende sieht alles so einfach und klar aus. Und sie fragen, weshalb das so viel kostet. Manchmal wäre ich lieber einen Tag im Wald und würde Holz machen. Und dann wieder nicht. Dieses Gefühl, wenn du es hast, wenn es anfängt zu tanzen und du wie in einem Hologramm alles ordnen kannst, ist Sex.

Liebe Menschen, Mitbürger*innen in Deutschland lasst uns für die Post weiter am Glück arbeiten und bewahren, was wir haben. Lasst uns einfach nur bewahren. Love you:)

Und dann noch:

Mit Interstellar 227 im doublespace

Entrückt.

Aus der Welt in die Welt. Wo sind wir? Wo leben wir? Wozu das alles?

Köln am Wochenende, an einem Freitag. Die Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache. Wir haben uns ein Hotelzimmer in Deutz genommen, sind ein kurzes Stück U-Bahn ohne Ticket gefahren und den Rest gelaufen. Labor Ebertplatz lag auf dem Weg, dort haben wir Judith getroffen, die gerade mit einer Ausstellungseröffnung beschäftigt war. Bilder aus geschreddertem Geld. Ein Mandala aus den Resten des Glaubens an Materialität. Der Übergang vom Glauben aus Papier ins existentielle Moment der Sinnlichkeit.

Wir hatten wenig Zeit, das Weltall wartete auf uns. Auf Facebook hatte ich über einen Kulturservice Karten gewonnen. Das Leben ist irreal.

Barbara Schachtner. Dorrit Bauerecker.

Wir hatten Supernova der beiden im Theater der Keller gesehen und auch vorher schon eine Performance/ ein Konzert/ ein Theaterstück im Rhenania im nächtlichen Schatten der Kranhäuser.

Doublespace. Doppelraum. Zwei Seiten einer Medaille. Das Hier und Jetzt. Der Space, der Raum, das Unerwartete, die Zukunft, das, woran wir noch nicht glauben. Können. Wollen. Verhext unsere Ahnungslosigkeit aus Unwissenheit.

Die beiden beherrschen ihre Metiers. Dorrit virtuos die Tasten von Akkordeon, Flügel, Mini-Piano. Barbara ihre Stimme und alles, was Körper klingen lässt.

Ich wusste nicht, was auf uns zukommen würde. Ich bin ein musikalisch Unbedarfter, der nur auf das hören kann, was geschieht. Das ist bei Interstellar 227 eine Menge.

Viele waren an dieser Produktion, die wie ein Stern vom Himmel gefallen ist, beteiligt. Norbert van Ackeren hat das Bühnenbild geschaffen. Den Raum, die Konvention, das Vereinbarte gesprengt. Mit Aufwand, wie wir beim gemeinsamen Abbau des Bühnenbildes am späten Samstagabend erfahren konnten.

Ein Karreé, ein Viereck, ein Geviert. Herabgefallen aus dem Universum, bestückt mit Aliens einer fremdem und doch bekannten Klangwelt. Grün, Stiefel mit Plateau-Sohlen, gehüllt in transparente Kunststoffstreifen. Wesen nicht von dieser Welt und doch.

Der Lauf eines extraterrestrischen Abends. Klänge, von Sensoren ausgelöst. Sensoren in Barbaras Handschuh. Die Interpretationen von Kompositionen für diese Aufführung geschaffen.

„INTERSTELLAR 2 2 7 hat mit den Komponisten Christina C. Messner und Roman Pfeifer zwei Verbündete für die Mission gefunden. Musik und Text weiterer Schöpfer*innen fließen in diese elektrisierende Performance aus Musik, Choreographie und Licht mit ein.“

Wir Erdlinge sitzen als Unwissende um das Karreé herum und sehen und staunen. Musik, Klänge, neue Dimensionen, das Bewegen in Richtung Mars. Das Alte trifft das Neue, das Bestehende das Zukünftige. Neue Musik, über Grenzen gehen, Grenzen ausloten, Genre vermischen. Ist das eine Oper, wenn die Musikerinnen spielen? Ist das szenisch musikalisches Theater? Ist das ein inszeniertes Konzert? Oder eine musikalische Performance?

Interstellar 227 ist so mutig, neu, konsequent, leidenschaftlich, anders. Ich saß dort mit offenem Mund und wusste nicht, wie mir geschieht. Supernova war noch eher Klang und Spiel, doublespace waghalsige neue Musik. Wechselten die Szenen, kamen die beiden mir vor wie Sniper, die ihre Instrumente aus dem Regal holen, um zu tun, was getan werden muss. Der Musik Bahn brechen.

Da hilft es, im Kostüm von Aliens zu agieren, weil man dann eh fremd ist und der Himmel keine Grenze. Das Gewohnte, die hässliche Konvention sprengen und doch das schöne Alte in Form des Liedes einbinden. Es sind gefühlvolle Wesen, diese Aliens, die uns haben teilhaben lassen. Brücken bauen, Seelen streicheln, Gehör fordern.

Ich war irgendwo draußen im Space unterwegs mit diesen Aliens. Und ich habe mich wohl gefühlt, aufgehoben, an die Hand genommen. Ein sehr fürsorglicher Umgang mit dem Neuen, verantwortungsvoll, schön.

Und gewaltig. Ein starker Eindruck, Impetus. Gravierend, relevant. Nichts, was einfach so vorübergeht.

Sie haben eine weitere Stufe erklommen, Komponisten*innen als Begleiter auf ihrer Sternenreise gewonnen. Und sicherlich zahlreiche Fans. Alle Plätze waren besetzt, der Applaus war lang. Es muss ein gutes Gefühl sein, in seinem Leben etwas so Besonderes auf die Beine gestellt und auf die Bühne gebracht zu haben.

doublespace gab es zunächst nur an zwei Abenden. Anfang nächsten Jahres wird es einen Termin in Bonn geben. Und dann hoffentlich noch mehr. Denn es braucht Menschen, die den Raum sprengen und ihn gleich einfach mal um einen zweiten erweitern. Ich liebe es, Menschen zu sehen und zu erleben, die den Blick nach vorne richten. Die Weg bahnen und bereiten für Neues, die Türen öffnen im Hören und Denken.

Interstellar 227 doublespace ist wertvoll. Atemberaubend sinnstiftend. Ich wünsche euch, den Abend einmal zu erleben.

Im Sommer 1990 war ich auf dem Weg nach Köln ins Theater. Die Vorstellung fiel aus und ich lief planlos durch die Innenstadt. Dom, Fußgängerzone. Da entstand am Abend Zuhause der Text: Das Spiel, die Realität, die Wirklichkeit und das Leben.

Ein ähnliches Gefühl hatte ich an diesem Wochenende. Das meinte ich zu Beginn des Beitrags mit dem Wort entrückt. Als ich Samstagnacht wieder aufs Land kam, war ich ziemlich geschafft. Zu viele Eindrücke. Das Hotel, Deutz, das Labor, die Feuerwache, Interstellar. Am nächsten Tag Flohmarkt an der Pferderennbahn, der erste Besuch in Max WG, die Sperren des Köln-Marathon umfahren, ein Spaziergang am Rhein, Essen im Offenbach, das Abbauen des Bühnenbildes.

Wo steht man im Leben? Was macht das Leben mit einem? Was macht man mit dem Leben? Es vorbeiziehen lassen oder formen? Ich möchte es so intensiv spüren wie am Wochenende. Ich möchte das Neue und das Alte sehen, möchte die Dinge verknüpfen und das Denken fliegen lassen. Alles miteinander verbinden. Das erzeugt Sinn. Ich mag es, wenn die Dinge aufgehen und Sinn ergeben. Wie auch immer.

P.S. Ich konnte es nicht lassen, jede Menge Fotos in guter Auflösung einzubinden. Sorry für die Ladezeiten. Aber ich möchte den Abend und das Wochenende fein dokumentieren.

Infos zum Projekt:

INTERSTELLAR 2 2 7
Barbara Schachtner: Stimme, Gesang, Sensoren, Performance
Dorrit Bauerecker: Klavier, Akkordeon, Toypiano, Sensoren, Performance

TEAM

INTERSTELLAR 2 2 7: Künstlerische Leitung / Ausführende
Monika M. Kozaczka: Produktionsleitung
Wolfram Lakaszus: Technischer Leiter / Entwicklung des Sensorsystems
Norbert van Ackeren: Szenographie
Sabine Seume: Dramaturgie / Choreographie
Sophia Spies: Kostüm
J.Garavaglia / C.Robles: Programmierung und Klangeffekte
Chikashi Miyama: C# Programmierung

Christina von Richthofen: Öffentlichkeitsarbeit
Anke von Heyl: Social Media-Beratung

AUFTRAGSKOMPOSITIONEN: Christina C. Messner, Roman Pfeifer

#doublespace wird gefördert von NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Kunststiftung NRW, Kultursekretariat Wuppertal, Kulturamt der Stadt Köln, Künstler-Union-Köln (KUK) mit freundlicher Unterstützung von ON Neue Musik Köln, Priesterseminar Köln, Alte Feuerwache Köln