Mama!

Gestern wurde sie, haben wir sie. Beerdigt.

Ich möchte darüber schreiben, weil ich lieber schreibe als rede. Die Geschichte erspare ich euch. Wer von euch seine Mutter verloren hat, kennt das. Was, wie, wann, wo. Die Fakten sind ein sicheres Terrain und ein guter Weg, überhaupt sprechen zu können.

Letzten Sonntag, heute vor vor einer Woche ist sie am Morgen gestorben. Sie war krank, hat sich über eine lange Zeit Stück für Stück verabschiedet. Es war schmerzhaft. Aus dem Mosaik der Hoffnung lösten sich die Steinchen. Am Ende ging nichts mehr und wir mussten akzeptieren, was kein Kind akzeptieren möchte.

Es folgt das Procedere. Der Bestatter. Die Regularien. Wie bei meinem Vater habe ich die Traueranzeige getextet. Schreiben unter erschwerten Bedingungen.

Abschied nehmen in kleinen Schritten. Es durchsickern lassen.

Dort liegt sie im Krankenbett, atmet nicht mehr, ihre Wangen, die du küsst, sind noch warm. Deine Augen möchten den Moment halten, weil er der letzte ist. Das war es nun also. Mama.

Meine Brüder, ihre Frauen. Wir waren da, an diesem Wochenende. Haben sie gestreichelt, die Hand gehalten. Wollten es, konnten es nicht glauben. Zwischendurch das Zimmer verlassen, weil es zu viel wird. Komm damit klar. Versuch das mal.

Die letzten Küsse. Ein letzter Kuss auf die Stirn, ein letztes Mal die Hand gehalten. Und sich dann in ein Auto setzen und wegfahren und den Bestatter anrufen und die Formalitäten klären. Tagelang. An alles denken.

Alles ist egal. Alles funktioniert. Und in deinem Kopf, in deinem Körper, in deinem Herz ist ein Gefühl, dass du nie zuvor gefühlt hast. Es ist das ich-habe-gerade-meine-Mutter-verloren-Gefühl. Es hat etwas von Betäubung und davon, dass ein Nebel zudeckt, was fehlt. Neben der Spur. Nicht bei der Sache. Abwesend. Verletzt.

Auf dem Weg zur Beerdigung habe ich lange mit Viveka gesprochen. Über all das Fühlen, Spüren. Sie hat beide Eltern in kurzer Zeit verloren. In den letzten Jahren. Ich konnte es nur mit einem profanen Wort ausdrücken. Nabelschnur. Die Frau, mit der du verbunden warst. Von der du entnabelt wurdest. Mehr Nähe geht nicht. Ein System, ein Atem.

Letztlich bin ich unendlich traurig.

Nun.

Ein Trost ist alles, was nach ihrem Tod geschah. Die Nähe zu meinen Brüdern, meiner Familie. Der Zusammenhalt, das gemeinsam Durchstehen. Und die Beerdigung. Die kleine evangelische Kirche im Dorf voll. Die Pfarrerin, die sie hat lebendig werden lassen. Das Lied zum Ausgang, dass sie sich gewünscht hat. Und draußen vor der Kirche noch mehr Menschen und eine lange Reihe vor der Urne.

Die Kränze, die Gebinde, die Schalen. Und so viele Menschen.

Dann kamen wir aus der Friedhofskapelle und der Himmel öffnete sich und die Sonne schien auf unserem Weg zum Grab. Auf Mamas letztem Weg schien die Sonne. Später flogen Wildgänse über das Grab. Frühling. Unsere Tante, ihre Schwester, trug die Urne.

Alles war schön und unendlich traurig zugleich. Und ich bin weiter wie benommen. Funktioniere, kann alles machen und tun und bin trotzdem vom Realen getrennt.

Ich freue mich, dass so viele Menschen ihr Wertschätzung gezeigt haben. Ich bin glücklich über die Kraft meiner Familie und das pralle Leben, auf das wir zurückgeblickt haben. Viele Erinnerungen habe ich in den letzten Tagen gehört.

Nun muss ich, müssen wir sehen, wie wir ohne sie klar kommen.

Ihre Liebe trägt. Sie war eine besondere Frau. Ich liebe sie immer.

Cabaret Cöln und die wilde Welt der neuen Roaring 20’s

Was für eine Nacht!

Kann man nicht kaufen, nicht bestellen. Muss man hineinfallen.

Norbert van Ackeren hatte uns zum Geburtstag eingeladen. Nach Nippes, Köln. Später. Den Beginn des Abends hatte er in die Palmstraße unweit des Rings gelegt. Das schon jetzt legendäre Cabaret Cöln mit Cultfaktor 1.000 gab seine Fastelovend-Show.

Palmstraße, die Modemanufaktur von Fenja Ludwig, die Heimat des Cabarets Cöln, der Ort des Geschehens. WAS FÜR EINE SHOW! Was für eine Power auf dem Schneidetisch, der an dem Abend zu den Brettern wurde, die die Welt bedeuten. Tanz, Gesang, Musik, Burlesque. Hingabe, Leidenschaft, Lust. Kostüme, nackte Haut, Verwandlungen, Tempiwechsel. Besinnlich in jenem Moment, frech, komisch im nächsten.

Profis, die den Abend gerockt haben. Songs geschmettert, fein intoniert, Körper bewegt, inszeniert. Man darf froh sein, wenn man dabei war. Das Leben macht Geschenke und verteilt manchmal Pralinen. Einfach so.

Die dritte Show der Cabaret Cöln-Kompanie. Zwei Abende für je 40 Glückliche. Dann ist voll. Intimer geht nicht, näher dran geht nicht und so ist man mitten im Geschehen und das Herz schlägt höher und die Bilder überschlagen sich und wollen nicht mehr vergessen werden. Die Bilder einer Revue, wie man sie sich vorstellt. Unbändige Künstler*innen, die alles geben. Die ihre Energie auf die Bühne schmettern. Ganz leise, fein, innerlich konzentriert und wild und bunt und extravagant. Die pure Lust der Bühnenkunst. Eingefügt in diesen exzellenten Charme des Raumes. Absolute Professionalität ohne sterile Perfektion. Raum für Lebendigkeit.

Jede/r hilft jeder/m. Singen, tanzen, Stagehand sein. Requisiten abräumen, das Musikpult bedienen, den Song bringen, den Tanz, den anderen beim An- und Ausziehen helfen. Eine echte Showtruppe, die man nur lieben kann und küssen möchte für das, was sie können, machen, tun, bieten. So leicht und schön kann Leben sein.

Ich freue mich auf die nächste Show. Und die übernächste.

Meine Liebste und ich haben uns dann zu Fuß auf den Weg zur Geburtstags- und Aftershow-Party in Nippes gemacht. Mitten durch die Karnevals-Samstagnacht. Diese Stadt ist herrlich verrückt. Schauspiele allerorten. Bilder, Bilder, Bilder. Und ein rauschendes Fest bei Norbert. Tanzen bis in den Morgen. Die Stars des Cabarets treffen, das Gefühl haben, am schönsten, richtigsten Ort der Welt zu sein.

Der ganze Abend war für mich so eine Art Heimkehr. 1994 am Ring um die Ecke, unweit der Palmstraße. Theater Kaiserhof. Ich war gerade aus Mannheim vom Nationaltheater gekommen und bei Wally Bockmayer als Regieassistent der Rocky Horror-Show gelandet. Irgendwann im Januar, Februar ließen die Kräfte der Stars nach. 6x die Woche spielen. Die Krankmeldungen rauschten rein. Anfangs besetzten wir morgens um, brachten Schritte und Songs bei. Dann wurde es zu viel und plötzlich stand ich auf der Bühne als Janet. Unter anderem.

Wer Wallys-Inszenierungen kennt, weiß was getragen wird. Ich hatte mich in ein schwarzes Lacklederkleid gezwängt. Schwarze Langhaarperücke und Highheel-Lacklederstiefel. So kam ich zum Schlusssong die Showtreppe runter. Der Saal tobte, jeder wusste, dass ich eigentlich nichts konnte. Playback. Der Auftritt und Applaus meines Lebens. Irgendwo gibt es in einer Kiste noch ein Video.

In der Pause baute ich zusätzlich die Bühne um, gab Gigi Herr ihre Requisiten. Halb angezogen für den nächsten Auftritt gab ich dann per Telefon der Technik das GO für die zweite Hälfte. Ich stand am Telefon, sprach kurz mit den Jungs und dann plötzlich hing meine Unterhose auf den Knien. Ein Joke der Tänzerinnen, die ihre Spiegel neben dem Telefon hatten. The same procedure as every evening. Technik: „Haben Sie es wieder gemacht?“, „Yep, haben sie. Wir können dann.“ Licht an, Einsatz der Band, the show must go on…

Über den Ring rüber ist Pauls südafrikanisches Restaurant. Mit Paul habe ich 92 bei den Händelfestspielen im Goethetheater Bad Lauchstädt Alcina inszeniert. Später waren wir damit auch in Potsdam im Schloss Sanssouci. Paul treffe ich ab und an in seinem Restaurant. Was ich sagen will: Das Viertel um die Palmstraße herum ist für mich ein wenig Heimspiel.

Mein Herz ist von der Bühne niemals losgekommen. Wenn ich im Theater sitze und der Vorhang aufgeht, sehe ich mich hinter der Bühne stehen. Lichtstimmung 1, der Inspizient ruft die Schauspieler*innen für die nächste Szene, die Requisite räumt, die Maske steht bereit… Hach.

Was für ein Abend das war. Wie früher, nur anders. Wild und schön im Heute.

Danke Norbert, danke Cabaret Cöln, danke Leben:)

Das Cabaret Cöln und die Künstler*innen findet Ihr überwiegend auf Facebook (https://www.facebook.com/cabaretcoeln/) sowie auf Instagram unter folgenden Hashtags:

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#fenjaludwig #livianeador #felipegonzales #konradbohley #chang13 #borispolonski #barbaraschachtner #camilascholtbach
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10 Jahre fiftyfiftyblog

18. Februar 2010, Start des fiftyfiftyblogs.

Nun. Kein großes Tam-Tam mit Kapelle und Kuchen.

Kurz gesagt: Viel passiert. Könnt ihr ja alles nachlesen. 1.066 Beiträge.

Ich feiere still – jedes Jahr ein Foto.

Köln, raum 13 und die Frage, wie man Geschichte und Zukunft leben möchte

Es geht immer so oder so.

Ja, generell ist das Kölsche Grundgesetz geduldig und findet für jede bequeme und unbequeme Lebenslage eine Antwort. Das muss wohl so sein, wenn man Erfahrungen wie diese Stadt gemacht hat. Mal ganz oben, mal ganz unten. Mal die leuchtende Metropole, mal die brennende Stadt. Man kann nicht verleugnen, wo man hergekommen ist. Rom, Mittelalter, der Kölner Kaufmann der guote Gêrhart, die aufstrebenden Zeiten, der Weg zur viertgrößten deutschen Stadt, 1945, die wilden 70er, die Kunstmetropole…

Eine schöne, eine tolle Stadt. Aber irgendwie auch eine Stadt, die sich arrangiert hat. Die manches geschehen lässt. Die Zügel gerne auch mal aus der Hand gibt. Die sich nicht traut, Juwel zu sein. Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Der FC, der Karnevalsclub. Am Ende der ersten Liga. Es ist ja immer noch gut gegangen.

Umfrage: Wenn Sie an Köln denken, was fällt Ihnen ein? Der Dom. Klar. Der Karneval an zwei. D’accord. Der Rhein, der Zoo, das römisch-germanische Museum, der FC, Willy Millowitsch… Alles am rechten Ort, alles eingespielt. Läuft wie der Rhein Tag für Tag. Veränderung, Zukunft? Die IAA soll vielleicht kommen. Köln zur Autostadt werden. Sicherlich gibt es in der Stadtentwicklung einiges, was Zeichen setzt. Welche? Und wie groß sind die? Und was bedeuten sie für eine Stadt wie Köln im Großen und Ganzen? Wo soll die Reise hingehen…

Treten wir einen kleinen Schritt zurück und blicken wir in das Leben eines normalen Menschen. Nehmen wir mich, weil ich hier gerade an der Tastatur sitze. Was treibt mich an? Ich möchte wie alle anderen gut leben. Ich möchte, das mein Leben Sinn macht und nicht einfach nur vorbei plätschert. Ich möchte Highlights und meiner Zukunft standhalten. Meinen Kindern möchte ich etwas geben, mein Haus gestalten, meinem Leben ein Fundament geben, es ausbauen, keine Angst vor dem Morgen haben.

Eine Stadt ist die Summe der in ihr lebenden Menschen. Über eine Million Wünsche und Hoffnungen. Sehnsüchte, Schicksale. Wie wollen wir leben? Wie können wir leben? Den Hintern hoch kriegen oder aussitzen? Abwarten und Tee trinken. Die machen lassen, die etwas davon verstehen. Vermeintlich.

Otto-Langen-Quartier Köln Mülheim. Das Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG. Zeitzeugen in Form von Backstein und Hallen aus Stahl. So ein Ort, der einmal Bedeutung hatte und für den Betrachter im Begriff ist/war, zu verfallen. So ist das, könnte man sagen. Die Zeiten gehen, das Neue kommt, das Alte weicht. Abrissbirne, Planierraupe, alles auf Null und neu hochziehen. Dafür gibt es die, die das können und in allen Städten genau so machen. Die mit dem Geld, das in Zeiten niedriger Zinsen verzweifelt nach Renditen sucht. Und findet.

Sieht man gerade. Ganz konkret. Wer sich interessiert und Veränderung einer Stadt einmal mit eigenen Augen live und in Farbe sehen möchte, der nimmt sich ein Gefährt und fährt die Deutz-Mülheimer-Straße entlang. Bis vor kurzem stand da noch ein lebendiges, historisches Industrieviertel, das Köln mit geprägt hat. Hier waren die Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Werkstore gegangen und hatten Motoren entwickelt. Industriewandel, Globalisierung, nichts bleibt, wie es ist.

Weg damit, braucht kein Mensch mehr. Könnte man sagen und meinen. Oder man macht sich Gedanken und erinnert sich. Würden Sie das Familienalbum wegwerfen? Die Großeltern verbannen, die Bilder von der Wand nehmen, sie aus dem eigenen Leben nehmen?

Das gesamte Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz AG ist ein bedeutendes Kapitel im Familienalbum der Stadt Köln. Wegen der Größe, all der Menschen, die hier gearbeitet haben und wegen einer kleinen Kleinigkeit Weltgeschichte, die alles verändert hat. „1864 war Nicolaus August Otto zusammen mit Eugen Langen Mitbegründer der weltweit ersten Motorenfabrik N. A. Otto & Cie. in Köln, aus der 1872 die Gasmotoren-Fabrik DEUTZ AG hervorging, die als technischen Direktor Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach als Leiter der Motorenkonstruktion engagierte.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ottomotor) Hier wurde der Otto-Motor erfunden!!!

Otto, Langen, Daimler, Maybach. Da klingelt doch was. Yep. Köln war die Wiege des Automobils, der Mobilisierung der Welt. Weiß kaum jemand so wirklich. Daimler, Stuttgart. Die haben da dieses Museum, das die Geschichte erzählt. Köln hat sich immer vornehm zurückgehalten.

Weshalb eigentlich?

Die Zurückhaltung geht aktuell so weit, dass das Areal abgeholzt wird wie der Regenwald. Nun dürfen sich da einige Investoren im Renditewahn austoben und aufgrund der hohen Grundstückspreise Luxuspaläste bauen für die oberen Zehntausend. Schickes Kölle. Ein wenig Düsseldorf-Flair am Rhein. Das wird dann Wohnen am Wasser und so heißen. Und in den Verkaufsbroschüren steht so Kram wie die Verbindung von urbanem, kulturellen Leben mit dem feinen Rückzug in die Ruhe der Schäl Sick.

Stadtentwicklung ist das nicht. Das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Sehr bequem für alle Beteiligten. Ein paar Sozialwohnungen rein und alle sind zufrieden. Oder entsteht da vielleicht eine tote Trabantenstadt? Wie die Kranhäuser, von denen die Betuchten auf das am Tag flanierende Fußvolk herab lächeln? Ein Veedel wird das nicht, weil ein Veedel Durchmischung, Proporz braucht. Von allem etwas. Das macht den Reiz aus. Nippes, Ehrenfeld, Sülz. Und dann das künstlich geschaffene Areal, dessen Mutter die Abrissbirne ist. Ups! Ui, alles weg. Die ganze Vergangenheit planiert für die schöne neue bunte Welt.

Keine Zeche Zollverein, kein Landschaftspark Nord, keine Erinnerung an die Bedeutung Kölns für die Welt.

Nun kann man den Otto-Motor durchaus kritisch sehen. Smog in Los Angeles, Kuala Lumpur, den chinesischen Städten. Die Sehnsucht nach Mobilität wächst weiter. Es wäre schön gewesen, wenn man in den historischen Gebäuden der Klöckner-Humboldt-Deutz AG schon in den Siebzigern Mobilität neu gedacht hätte. Einfach mal die Visionen und Utopien der Automobilmacher um Otto, Daimler & Co. weiter spinnen. Eine Mobilität ohne diesen kleinen CO2-Haken.

Hat keiner gemacht. Nicht in Konsequenz. Lohnt nicht, wollte keiner, will keiner so richtig wirklich.

Jetzt haben wir den Salat. Hier trifft das Lokale auf das Geschehen der Welt. Und alle finden sich ab. Moment. Fast alle. Nur ein kleiner Kreis nicht. Es gibt ein gallisches Dorf, einen letzten bewahrten Raum, einen Schutzraum, der sich um das Kölsche Familienalbum kümmert.

Vor einigen Jahren schon haben Anja Kolacek und Marc Leßle begonnen, einen Teil des Vermächtnisses zu bewahren. Es gibt noch einen etwa fünf Fußballfelder großen Bereich, der noch nicht verkauft wurde. Leider ist der Bereich Gold wert. Säcke voller goldener Taler. Einige sehen sich schon wie Dagobert in Goldtalern schwimmen. Wenn auch diese letzte Bastion fällt, ist für Köln der Drops gelutscht.

Dann ist alles weg und gönnerhafte Investoren werden einen Künstler beauftragen, dem Otto-Motor ein Denkmal zu setzen. Aus Messing gegossen, mit einer Tafel versehen und Tschüss. Einweihung mit Oberbürgermeisterin, Kölsch und Musik. In unserm Veedel. Peng!

Und wie sieht die Alternative aus?

Die Stadt wird schnell erwachsen, lässt Klüngel Klüngel sein, entscheidet sich, was sie wirklich will und setzt ein Zeichen. Für die Stadt, für die Menschen, die hier leben und sagen wir es ganz pathetisch: Für die Welt. Von hier aus hat der Otto-Motor, wer hätte das damals geahnt, seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Von hier sollten nun im Geiste der Erfinder ähnlich starke Impulse ausgehen. Innovationen, neue Ideen, Lösungen, Machbarkeit, Sinnhaftigkeit. Einen Raum schaffen, im dem ein neues Denken eine Heimat hat. Den Ball der Geschichte aufnehmen und neu Geschichte schreiben.

Im Jahr 2050 werden 80% der dann rund 10 Milliarden Menschen in Städten leben, die dann aus allen Nähten platzen. 1864 galt es die Welt zu mobilisieren, 2019 gilt es, wieder Herausforderungen anzunehmen und Zukunft zu gestalten. Und ja, wieder kann, darf und soll Köln eine Rolle spielen. Das Heft in die Hand nehmen.

Aber wie?

Fragt sich die Politik. Und hofft auf Antworten, die Raum 13 seit Jahren sucht und entwickelt. Es ist einfach, ein Viertel abzureißen und in Form von neuer Bausubstanz hoch zu ziehen. Das ist für Projektentwickler 08/15. Da rollen einfach Kolonnen.

Aber wie gestaltet man einen Ort mit Bedeutung? Ein Zentrum des Denkens, in dem Innovationen entstehen, die Köln und die Städte dieser Welt brauchen? Das ist ein großer Schuh, bei dem es manchem Angst und Bange wird. raum 13 setzt hier auf Kollaboration. Auf Menschen, die sich mit Ideen einbringen. Es mag für manchen befremdlich klingen, aber es ist die Kunst hier das Mittel der Entwicklung. Der Auftakt, die Ideengeberphase.

raum 13 hat den Ort bis jetzt bewahrt und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, um ein historisches Unrecht zu vermeiden. Um die Stadt vor sich selbst zu schützen. Um ihr eine Perle in die Hand zu geben. Ein Juwel, das sich schleifen lässt.

Wie schön wäre das denn, wenn es Köln gelingt, hier etwas Außerordentliches auf die Beine zu stellen? Ein Projekt, auf das man schaut. In Düsseldorf, Los Angeles, Kuala Lumpur. Wenn hier ein Ort von Bedeutung erhalten und gleichzeitig neu erschaffen würde? Wenn hier Antworten auf zentrale Fragen entwickelt würden? Köln nicht nur Dom, Karneval und die Stadt mit Herz, sondern auch mit Verstand und Ideen. Ein Ort des Denkens und Entwickelns im Geiste der Herkunft.

Was raum 13 alles gemacht, getan, veranstaltet, initiiert, umgesetzt, gedacht hat, ist aktuell in einer Ausstellung in den Räumen der IHK zu sehen. Dort wird ein Buch präsentiert, dass zeigt und beschreibt, wie die Reise bislang aussah und wie sie aussehen könnte. Da ist viel von Partizipation, Mitmachen und Transformation, Wandel die Rede. Es muss etwas geschehen, es kann etwas geschehen. Es ist ein Projekt der Hoffnung und Zuversicht. Es könnte ein Ort entstehen, an dem neu gedacht wird und Neues geschaffen wird. Innovation für den Menschen und die Menschheit. Groß gedacht. Als eine in der Arbeit von raum 13 Vision gewordene Utopie. Eine Vision, die sich verdichtet und im Zusammenspiel der Kräfte immer konkreter wird.

Nun ist es an der Stadt, das Areal zu kaufen und das Zepter in die Hand zu nehmen. Wie wollen wird leben? Köln hat es in der Hand, Charakter zu zeigen und nicht den immer gleichen Weg der Gentrifizierung zu gehen. Es braucht Mut, es braucht Zusammenhalt und letztlich einen Arsch in der Hose, die Stadt an diesem Ort zu gestalten.

Entwicklung bedeutet hier, Verantwortung zu übernehmen. Das Areal zu kaufen, ihm einen Sinn zu geben. Die Arbeit von raum 13 aufnehmen, weiterführen, ein Konzept entwickeln, Partizipationen suchen, die diesen Ort bewahren und neu aufladen. Professionelle, fundierte Stadtentwicklung im Schulterschluss von Politik, Verwaltung, Bürger*innen, Wissenschaft, raum 13 und Projektentwicklern, deren Werkzeug nicht die Abrissbirne ist.

P.S. Hier einige Links:

Zum Buch: https://www.yumpu.com/de/document/view/62854965/zukunfts-werk-stadt-das-buch

Zur Ausstellung: https://www.ihk-koeln.de/Ausstellungen.AxCMS?ActiveID=2328

Deutzer Appell: http://www.raum13.com/global_projects/details.php?id=176&state=current&type=projects

raum 13: http://www.raum13.com/home/

Die eindrucksvolle Begegnung mit Shoichi Sakurai

Ich kann es kaum fassen. Es ist. Sehr bewegend und berührend. Diese Begegnungen im Leben eines Menschen, die Spuren hinterlassen. Die tiefer gehen, unter die Haut und weiter in das innere Land. Die Ebenen, die Steppen, die Wälder, die Seen, Meere. Das innere Ausgefülltsein. Angerührt. Vom Leben liebkost. Der rotsatte Vollmond am Himmel des eigenen Fühlens.

Anfang Oktober habe ich Shoichi bei der Vernissage 4 by 4 im Kulturhaus Zanders das erste Mal gesehen. Ihn und auch seine Frau Colleen und deren beiden Werke. Helga und David hatten Viveka und mich den beiden vorgestellt. Offenes Lächeln, Herzlichkeit, die Aufregung des Kommenden.

Über die Ausstellung habe ich geschrieben.

Die Woche darauf trafen wir Anja und Marc von raum13 bei der Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache in Köln und vereinbarten ein Essen bei uns auf dem Land im alten Verwaltungsgebäude der Bleigrube Bliebach. Auch mit Norbert und Barbara von Schachten & Ackern. Und wir wollten gerne David und Barbara dabei haben, die gerne kommen wollten. Sie würden Shoichi mitbringen. Colleen musste frühzeitig nach Japan zurück. Schade. St.Martin. Das Glück miteinander teilen, den Tisch, das Mahl, die Freude.

Es kam dann ein wenig anders. Anja und Marc mussten das Wochenende nutzen, um Ihre Buchvorstellung in der IHK Köln aufzubauen, Barbara wollte gerne ein überraschendes Zeitfenster nutzen, um endlich mal wieder ihre Familie in Bayern zu sehen und Norbert musste nach Paris. Ein Job. So blieben Helga, David, Shoichi, Viveka und ich.

Es wurde ein außerordentlicher Abend. Den Tag über hatte ich gekocht, alles hatte funktioniert, die Freunde kamen. Wenn das Gefühl der Verbundenheit im Raum ist. Wenn man sich näher kommt. Wenn die Zeit Relevanz hat. Wenn es das Lächeln des Lebens ist.

Ich durfte neben Shoichi sitzen und wir sprachen über unser Leben, über Japan, die Kunst, unsere Kinder und über sein im Kulturhaus Zanders präsentiertes Werk Kimyo-na-Enkan. Die Antwort auf Helgas Strange Loops. Die tiefe Wahrheit der Verbundenheit, das alles miteinander zusammenhängt. Die Überlagerung der Zeiten und Welten. Connected. Das Ineinandergreifen des Schicksals. Das durchgehende Anstoßen, in Bewegung bringen, auslösen. Übergeordnet im Großen, heruntergebrochen bis auf das Kleinste.

Shoichi ist ein sehr feiner Mensch. Sanft, sehr höflich, aufmerksam, interessiert, lustig. Geschickt mit den Händen, dem Geist. Er wohnt mit Colleen in einem alten Tempelhaus unweit von Tokio. Die beiden sind jeder für sich und gemeinsam eine Welt. So wie das auch mit raum13 und Schachten & Ackern und dem Atelierhaus an der Agger der Fall ist.

An dem Abend entstand die Idee, Shoichis Gedanken seiner 4 by 4-Arbeit Pieces United weiter zu tragen. Manchmal fügen sich die Dinge. Als würde man ein Puzzle in die Luft werfen und am Boden treffen sich die Teile zum fertigen Bild. Wir gingen in den Garten und suchten nach einem Platz für seine Strange Loops Kimyo-na-Enkan.

Der kleine Wald, den wir kürzlich von den Brennholzstapeln befreit haben. Die beiden hohen Buchen als Dach. Ein Raum wie eine Kirchen-Apsis. Nach Osten ausgerichtet, in Richtung der aufgehenden Sonne. Japan. Hat gepasst. Im Westen liegen das Atelierhaus und Helgas Strange Loops. Eine feine Linie.

Für mich war die Skulptur schon im Kulturhaus Zanders ein Rock eines Samurais, im Kampf beschädigt. Das Symbol eines Kriegers, der nun als Schützer in unserem Garten steht.

Heute morgen habe ich den Platz vorbereitet. Mit Räucherstäbchen die Geister verführt. Shoichi kam dann und wir haben die Skulptur aufgebaut. Ausgerichtet, den Fuß mit Steinen beschwert, geschaut, dass sie gut sichtbar ist. Kommt man auf den Hof, sieht man sie. Sitzt man im Garten, sieht man sie. Kommt man aus dem Haus, ist sie da. Sie hat eine immense Präsenz und Energie. Sie ist sehr stark in ihrer Wirkung. Leuchtend.

Nun werden wir sehen, wie sich der Rock des Samurais, der Schützer in den Gezeiten des Lebens, in den Abläufen des Wetters und der Jahreszeiten verändern wird. Ich werde das dokumentieren und Shoichi auf dem Laufenden halten. Auf diese Art und Weise sind wir verbunden. Es ist ein Faden Pieces United.

Viveka kam von der Arbeit, wir saßen in der Küche, Shoichi kochte grünen Tee, Sencha und es war Raum und Zeit, zu reden. Wir haben uns sein Haus im Internet angesehen, über den fiftyfiftyblog gesprochen, über die Kunst von Vivekas Vater, die in unserem Haus lagert und über unsere Hunde. Shoichis Hund muss operiert werden, Cooper ist heute vor einem Jahr gestorben.

Heute ist Vollmond über dem Haus, Kimyo-na-Enkan ist in die Kathedrale unter den Buchen eingezogen, Coopis Todestag jährt sich. Strange Loops. Die Dinge kulminieren. Ich sitze in der Küche, der neue Spotify-Mix läuft, ich sehe Shoichi noch hier am Tisch sitzen. Am Freitag geht sein Flieger nach Tokio. Wir haben uns gegenseitig eingeladen, das Meer zu überwinden. Ich bin sehr berührt. Von allem.

Von dem Projekt werde ich berichten. Meine Kamera wird lernen, dem Freund im Garten ein Leben zu geben.

Shoichis Werk und Einblicke in das Tempelhaus: http://www.shoichi-sakurai.com