On Mars Q2

Durch die Fenster ohne Scheiben
Das Licht in den Garten
Der keiner ist

Die Kunst an der Wand
Hängend
Versteift
Begreifen suchen

Der Strommast
Ohne Kabel
Als Büste
CUT

Rundgang
Rund
Rundgang

Am hellichten Tag
Auf offener Flamme
Das Wesen geröstet
All das
Was schön ist

Unter Verrätern leben
Arschgeigen
Knorrigen

Gewalt ausüben
Ende setzen
Dem Strommast

Das Kabel

Wie er dort steht
Oben ohne

Fingerübungen des Begreifens
Ich verstehe es
Nicht

Offenes Nichts
Wird Zeit
Abzuheben
Komplikationen zu Lebzeiten

sEPTEMBER 2020

Karl Henckel, August Schönlau, die Kunst, die Photographie, die verwunschene Vergangenheit

Und alles, was man ist, summiert sich aus den Tagen zuvor.

Geräumt.

Das Haus meiner Eltern, meiner Mutter. Die Vergangenheit gefleddert. Hoffentlich, war sie beschäftigt und hat nicht zugesehen. Der Weg allen Irdischen. Am Ende des Lebens steht der Container. Das wahre Grab. Stahlblech, mit dem Haken vorne zum Aufladen und praktischen Abkippen. Alles gehen lassen, alles auf einen Haufen. Zermalmen, die Geschichte, Vergangenheit in einen Einheitsbrei verwandeln.

Drei Brüder.

Der Jüngste, der Held in der Geschichte.

Gekämpft, geheult, verzweifelt, überlegt, abgesprochen, gehofft, gefahren. Seit Dezember 2018. Diese erste Nacht durchgestanden.

Wir hatten keine Chance, wir konnten nichts tun, mussten dem Abschied, dem allmählichen Sterben zusehen. Es hat uns zusammengeschweißt. Ich weiß jetzt mehr denn je, was ich an ihnen habe. Was wir aneinander haben. Wie stark wir sind. Was wir können. Als Brüder, als Familie.

Das Haus geräumt, der Vergangenheit begegnet, unserem Leben damals in unserem Elternhaus. Wenn man jeden Gegenstand kennt, den man aus dem Fenster in den Container wirft. Wenn man Skrupel hat, wenn es einem weh tut, das zu tun. Wenn man sich fühlt, als würde man Verrat begehen am vergangenen Leben der Eltern.

Nun.

So läuft das, so ist es gut.

Polterabend, Scherben bringen Glück. Die Kaffeekannen der Konfirmationen. Tschüss.

Zu viel. Erinnerung.

Alles was wir wegwerfen, haben alle von uns angefasst. Irgendwann einmal in der Vergangenheit.

Ich bin ein wenig das Geschichtsbuch der Familie. Das ist so, wenn Literaturgeschichte die Herkunft ist. Einordnen. Die Jungs wollten die Bilder, die Vergangenheit nicht. Für mich waren sie die Missing Links in meiner Herkunft, die ich versuche, zusammenzutragen.

August Schönlau, lippischer Hofphotograph. Mein Urgroßvater. Gestorben 1939 in einem Cafe in Bad Salzuflen bevor der Spuk losging. Mein Vater, Rolf Schönlau, war dabei. „Er ging auf die Toilette und kam nicht zurück.Plötzlich rief eine Bedienung.“

Mein Vater, Rolf Schönlau, Augusts Enkel starb 2012 im Flur eines Restaurants. Ich habe gute Chancen, die Welt in einem gastronomischen Betrieb zu verlassen. Wäre O.K.

August Schönlau kannte Karl Henckel. Beide stammen aus dem lippischen Horn. Ich weiß nicht, ob sie Freunde waren. Klaus Henckel hatte in Dresden Kunst studiert und war in seine lippische Heimat zurückgekommen. Er malte Landschaften. Eine hing bei meiner Oma im Esszimmer. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein großes Bild mit Wachholdern. Ich mochte es als Kind.

Karl Henckel malte meinen Urgroßvater, den Mann mit dem Hut, der eine Blume im Revers trug. Ein feiner Mann. Meine mich plagende Sensibilität, diese Dünnhäutigkeit der Schwere des Lebens gegenüber glaube ich, bilde ich mir ein, von ihm zu haben. Das Gemälde hat meine Cousine, sie hat mir ein Foto geschickt. Ich möchte keinen anderen Urgroßvater, keine andere Herkunft haben. Es ist eine feine Linie väterlicherseits. Über meinen Großvater schreibe ich wenig, das fällt mir schwer.

Nationalsozialist, Kassierer, Russland, Gefangenschaft, spät zurückgekommen, Entnazifizierung, Bäume fällen für die Engländer, Rückkehr, Darmkrebs. In einem unserer letzten Gespräche erzählte mir mein Vater, wie sein Vater zurückkam. 1949, 1950. Völlig ausgemergelt. Wie er wieder weg musste, wie er wieder zurückkam und der Darmkrebs ihn zerfraß und mein Vater ihn pflegte. Und wie ihn sein Vater, als er noch konnte, aus Hamburg abholte, wohin mein Vater auf der Flucht vor dem Gymnasium hin abgehauen war. Dramatische Zeiten. Im rauen Haus war er. Über das Meer weg wollte er.

Auf dem Bild oben ist mein Großvater. Rechts, der Matrose. Links daneben sein Bruder in Mädchenkleidern. Die Eltern hatten sich eine Tochter gewünscht. Nun. Rudolf und August-Wilhelm.

Und dann war da noch ihr Bruder Hans-Martin, der 1943 gestorben ist bei einem Testflug. Karl Henckels hat ihn gemalt. Ich denke, ein Freundschaftsdienst.

So begegne ich meiner väterlich männlichen Linie. August, August-Wilhelm, Rudolf, Hans-Martin, Rolf Schönlau. Die Bilder stehen nun als Ahnengalerie in meinem Büro. Ich fühle mich den Männern meiner Vergangenheit verbunden. Auch Heinrich, dem Vater meiner Mutter.

Es war gestern ein emotional intensiver Tag.

Ich weiß noch nicht, wie ich mit all dem umgehen werde. Wohin ich all das packe. Es ist sehr aufwühlend und hat mit mir zu tun, mit der eigenen Seele und ihrer Herkunft. Ich habe viel erfahren in den letzten Monaten. Über mich, über das Leben.

Bekommst du Kinder, wirst du Vater, wirst du erwachsen. Sterben deine Eltern, Mutter und Vater, hebst du ab. Fliegst losgelöst. Mal sehen, was jetzt kommt. In mir ist eine unendliche Ruhe und Unaufgeregtheit.

Love it:)

Was mir gerade am Leben auf dem Land gefällt?

Der Garten
Die Sonne
Die unendlichen Details
Der Gang morgens und abends
Sind es die Stockrosen, die wir letztes Jahr gesät haben?
Die Pfefferminze nun an drei Stellen
Die Kamelie hat es geschafft
Der Gewürzgarten wird
Der Schnittlauch, die gesäte Petersilie geht auf
Adams Rose an Coopis Grab geht es gut
Wir kämpfen um Rosemaries Rose
Giselas Oleander ist angekommen
und wird gehätschelt wie ein Baby
Die drei Bottiche
Schutz vor Schnecken
mit Rucola, der bereits aufgeht
Kürbiskernen
Zucchini
Die beiden neuen Rosen
die im Keller überwinterten Geranien
Der Holunder kommt
der Kompost ist gefleddert
alle gute Erde verteilt
Das Blumenbeet vorm Haus
all die Vergissmeinicht
die Liebsten in der Ferne
Die gelben Tulpen
die Stiefmütterchen im Fenster
die vom Friedhof geretteten Büsche
die es hoffentlich schaffen werden
Der Teich
den wir Tag für Tag von der Algenplage befreien
die jungen Fische vom letzten Jahr
Der Apfelbaum, den ich operieren musste
der Pflaumenbaum, der meinen Haarschnitt anscheinend mag
Die Pflanzen, die auf Stein wachsen, aus Kaisersesch
die Gänseblümchen, die ich so mag
die neuen Futterstellen für Vögel
vor dem Küchenfenster
in der Korkenzieherweide über dem Teich
Die Traubenhyanzinthen, die schon fast verblüht sind
die Maiglöckchen unter den Buchen
die das Dach über Shois Skulptur sind
Ich bin süchtig nach dem Gang durch den Garten
voller Nachrichten ist er
voller kleiner Geschichten
In diesem Jahr
lasse ich wachsen
für alle
Es ist atemberaubend
hoffungsfroh
glückselig schön
umwerfend
liebreizend
ganz klein und ganz groß
Dazu läuft Musik aus offenen Fenstern
die Suppe kocht auf dem Herd
und ich liebe
Sie
meine Liebsten
den Garten
die Welt
So what

Italien, mon amour

Nun sitzen wir hier also fest in unserem Leben. Ich sitze Zuhause am Küchentisch, Ostermontag ist rum und ich scrolle durch Fotos, die vor einem Jahr entstanden sind. Viveka und ich in Italien. Italy. Ups. Was für ein Wort momentan.

Da sehe ich Bilder von mir, die Viveka am Lido von mir gemacht hat. Wir waren nach Stationen in Riva del Garda und Verona in Venedig angekommen, um meinen Geburtstag zu feiern. Mit Venedig verbindet mich einiges. Ich war als Kind mit meinen Eltern dort, später auf Klassenfahrt, im Studium auch und kurz bevor Max geboren wurde. Früher war ich öfter in Wien. Irgendwie liegt mir das Alte. Ich wohne seit jeher in alten Häusern, einen Neubau könnte man mir schenken. Meine Seele will in Geschichte baden.

Auf den Bildern habe ich das Handy in der Hand und telefoniere mit meiner Mutter. Leukämie. Fast wäre sie schon einige Wochen vorher gestorben, aber im April 2019 konnte sie gerade noch Zuhause leben mit Unterstützung. Und sie konnte telefonieren, was wenig später nicht mehr möglich war. Ich konnte ihr nah sein, konnte mit ihr reden. Konnte ihren Schmerz spüren, ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefertsein.

Kurz vor Corona in Deutschland ist sie gestorben. Am 1. März 2020. 49 Tage vor meinem Geburtstag. In buddhistischen Kreisen ein Zeitraum mit Bedeutung. Wir konnten bei ihr sein. Sie ist an einem Sonntag gestorben. Wir hatten alle Zeit. Als hätte ihr protestantisches Pflichtbewusstsein darauf geachtet, den Alltag nicht zu stören.

Wir konnten sie mit allen Ehren beerdigen. Eine Beerdigung mit vielen Menschen. Auf das Händeschütteln am Grab haben wir verzichtet, um Corona keinen Platz zu geben. Eine Woche später und wir wären am Arsch gewesen. Wir hätten nichts für sie tun können. Aus der Ferne zusehen. Puh.

Mein Herz schreit. Ich denke jeden Tag an sie. Wie es ist, wenn deine Mutter tot ist? Grauenhaft. Vivekas und meine Eltern sind in den letzten acht Jahren gestorben. Wir sind seit 2012 zusammen. 4 Beerdigungen. Ciao.

Und jetzt ein Ostern, das Fest der Auferstehung ohne alle. Pella in Sydney, Max in Köln, Liv und Gil in Essen. Unsere Eltern. Ein einsames Ostern. Gut, trotzdem schön, weil ich mich belüge und sage, alles ist OK. Mit Tricks durchs Leben kommen. Nicht verzweifeln, aufrecht bleiben, hinschauen, wo das Licht ist. Und zwischendurch in die Knie gehen.

In wenigen Tagen werde ich 55 Jahre alt. Von nun an muss ich ohne Eltern sehen, dass ich klar komme. Man kann sich das nicht ausmalen und vorstellen. Es ist hart. Es ist nicht schön, es ist, wie ein Teil aus sich rausgerissen.

Meine Eltern sind mir nah. Ich spüre sie in mir, ich weiß, welchen Teil sie in mir ausmachen, was von ihnen kommt. Ich war mit meinen Eltern in Venedig. Ich wäre jetzt so gerne dort.

Mein Geburtstag 2019. Mit dem Boot rüber nach St. Giorgio Maggiore. Viveka und ich ganz allein mit dem Blick über das Wasser auf den Markusplatz. Meine Mutter hat am Morgen angerufen – wie immer. Und letztes Jahr zum letzten Mal, das hatte ich nicht vor Augen.

Nun ist es ein Jahr später. Die Welt sieht komplett anders aus. Keine Ahnung, was kommt. Irgendwann ist Corona vorbei und wir gehen irgendwie über in irgendeine Normalität.

Für mich ist seit geraumer Zeit nichts mehr normal. Ehrlich? Mir reicht es jetzt. Genug fundamentale, existenzielle Ereignisse. Ich würde gerne einfach leben. Mich schön erinnern können. Das Wetter ist so schön, die Natur erwacht, es ist Frühling in Deutschland. Mein Kopf steckt voller schöner Erinnerungen. Heute auf dem Weg durch den Wald haben Viveka und ich unsere Reise im letzen Jahr Revue passieren lassen. Das machen wir gerne. Levanto, Moneglia, immer wieder Paris, Hamburg, Dresden, Mannheim, Lissabon, Köln, Köln, Köln. Riva del Garda, Verona, Venedig. Schiermonnikoog.

Wenn wir unterwegs sind, machen wir das Hardcore. Niemals Fernsehen gucken im Hotel, in der Unterkunft. Die Zeit nutzen, da sein, laufen, schauen, einatmen. Ich bin so gerne mit Viveka unterwegs. Tage und Nächte. Nachts ganz allein mit ihr am Louvre oder an der Rialto-Brücke. Kein Schwein da. Nur wir. Schauen und sich halten und sich küssen im Alleinsein. Möchte ich wieder.

Diese Welt hat derzeit zu viel Drama. Ich hoffe, das wird wieder weniger.

Mama!

Gestern wurde sie, haben wir sie. Beerdigt.

Ich möchte darüber schreiben, weil ich lieber schreibe als rede. Die Geschichte erspare ich euch. Wer von euch seine Mutter verloren hat, kennt das. Was, wie, wann, wo. Die Fakten sind ein sicheres Terrain und ein guter Weg, überhaupt sprechen zu können.

Letzten Sonntag, heute vor vor einer Woche ist sie am Morgen gestorben. Sie war krank, hat sich über eine lange Zeit Stück für Stück verabschiedet. Es war schmerzhaft. Aus dem Mosaik der Hoffnung lösten sich die Steinchen. Am Ende ging nichts mehr und wir mussten akzeptieren, was kein Kind akzeptieren möchte.

Es folgt das Procedere. Der Bestatter. Die Regularien. Wie bei meinem Vater habe ich die Traueranzeige getextet. Schreiben unter erschwerten Bedingungen.

Abschied nehmen in kleinen Schritten. Es durchsickern lassen.

Dort liegt sie im Krankenbett, atmet nicht mehr, ihre Wangen, die du küsst, sind noch warm. Deine Augen möchten den Moment halten, weil er der letzte ist. Das war es nun also. Mama.

Meine Brüder, ihre Frauen. Wir waren da, an diesem Wochenende. Haben sie gestreichelt, die Hand gehalten. Wollten es, konnten es nicht glauben. Zwischendurch das Zimmer verlassen, weil es zu viel wird. Komm damit klar. Versuch das mal.

Die letzten Küsse. Ein letzter Kuss auf die Stirn, ein letztes Mal die Hand gehalten. Und sich dann in ein Auto setzen und wegfahren und den Bestatter anrufen und die Formalitäten klären. Tagelang. An alles denken.

Alles ist egal. Alles funktioniert. Und in deinem Kopf, in deinem Körper, in deinem Herz ist ein Gefühl, dass du nie zuvor gefühlt hast. Es ist das ich-habe-gerade-meine-Mutter-verloren-Gefühl. Es hat etwas von Betäubung und davon, dass ein Nebel zudeckt, was fehlt. Neben der Spur. Nicht bei der Sache. Abwesend. Verletzt.

Auf dem Weg zur Beerdigung habe ich lange mit Viveka gesprochen. Über all das Fühlen, Spüren. Sie hat beide Eltern in kurzer Zeit verloren. In den letzten Jahren. Ich konnte es nur mit einem profanen Wort ausdrücken. Nabelschnur. Die Frau, mit der du verbunden warst. Von der du entnabelt wurdest. Mehr Nähe geht nicht. Ein System, ein Atem.

Letztlich bin ich unendlich traurig.

Nun.

Ein Trost ist alles, was nach ihrem Tod geschah. Die Nähe zu meinen Brüdern, meiner Familie. Der Zusammenhalt, das gemeinsam Durchstehen. Und die Beerdigung. Die kleine evangelische Kirche im Dorf voll. Die Pfarrerin, die sie hat lebendig werden lassen. Das Lied zum Ausgang, dass sie sich gewünscht hat. Und draußen vor der Kirche noch mehr Menschen und eine lange Reihe vor der Urne.

Die Kränze, die Gebinde, die Schalen. Und so viele Menschen.

Dann kamen wir aus der Friedhofskapelle und der Himmel öffnete sich und die Sonne schien auf unserem Weg zum Grab. Auf Mamas letztem Weg schien die Sonne. Später flogen Wildgänse über das Grab. Frühling. Unsere Tante, ihre Schwester, trug die Urne.

Alles war schön und unendlich traurig zugleich. Und ich bin weiter wie benommen. Funktioniere, kann alles machen und tun und bin trotzdem vom Realen getrennt.

Ich freue mich, dass so viele Menschen ihr Wertschätzung gezeigt haben. Ich bin glücklich über die Kraft meiner Familie und das pralle Leben, auf das wir zurückgeblickt haben. Viele Erinnerungen habe ich in den letzten Tagen gehört.

Nun muss ich, müssen wir sehen, wie wir ohne sie klar kommen.

Ihre Liebe trägt. Sie war eine besondere Frau. Ich liebe sie immer.