Mit Interstellar 227 im doublespace

Entrückt.

Aus der Welt in die Welt. Wo sind wir? Wo leben wir? Wozu das alles?

Köln am Wochenende, an einem Freitag. Die Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache. Wir haben uns ein Hotelzimmer in Deutz genommen, sind ein kurzes Stück U-Bahn ohne Ticket gefahren und den Rest gelaufen. Labor Ebertplatz lag auf dem Weg, dort haben wir Judith getroffen, die gerade mit einer Ausstellungseröffnung beschäftigt war. Bilder aus geschreddertem Geld. Ein Mandala aus den Resten des Glaubens an Materialität. Der Übergang vom Glauben aus Papier ins existentielle Moment der Sinnlichkeit.

Wir hatten wenig Zeit, das Weltall wartete auf uns. Auf Facebook hatte ich über einen Kulturservice Karten gewonnen. Das Leben ist irreal.

Barbara Schachtner. Dorrit Bauerecker.

Wir hatten Supernova der beiden im Theater der Keller gesehen und auch vorher schon eine Performance/ ein Konzert/ ein Theaterstück im Rhenania im nächtlichen Schatten der Kranhäuser.

Doublespace. Doppelraum. Zwei Seiten einer Medaille. Das Hier und Jetzt. Der Space, der Raum, das Unerwartete, die Zukunft, das, woran wir noch nicht glauben. Können. Wollen. Verhext unsere Ahnungslosigkeit aus Unwissenheit.

Die beiden beherrschen ihre Metiers. Dorrit virtuos die Tasten von Akkordeon, Flügel, Mini-Piano. Barbara ihre Stimme und alles, was Körper klingen lässt.

Ich wusste nicht, was auf uns zukommen würde. Ich bin ein musikalisch Unbedarfter, der nur auf das hören kann, was geschieht. Das ist bei Interstellar 227 eine Menge.

Viele waren an dieser Produktion, die wie ein Stern vom Himmel gefallen ist, beteiligt. Norbert van Ackeren hat das Bühnenbild geschaffen. Den Raum, die Konvention, das Vereinbarte gesprengt. Mit Aufwand, wie wir beim gemeinsamen Abbau des Bühnenbildes am späten Samstagabend erfahren konnten.

Ein Karreé, ein Viereck, ein Geviert. Herabgefallen aus dem Universum, bestückt mit Aliens einer fremdem und doch bekannten Klangwelt. Grün, Stiefel mit Plateau-Sohlen, gehüllt in transparente Kunststoffstreifen. Wesen nicht von dieser Welt und doch.

Der Lauf eines extraterrestrischen Abends. Klänge, von Sensoren ausgelöst. Sensoren in Barbaras Handschuh. Die Interpretationen von Kompositionen für diese Aufführung geschaffen.

„INTERSTELLAR 2 2 7 hat mit den Komponisten Christina C. Messner und Roman Pfeifer zwei Verbündete für die Mission gefunden. Musik und Text weiterer Schöpfer*innen fließen in diese elektrisierende Performance aus Musik, Choreographie und Licht mit ein.“

Wir Erdlinge sitzen als Unwissende um das Karreé herum und sehen und staunen. Musik, Klänge, neue Dimensionen, das Bewegen in Richtung Mars. Das Alte trifft das Neue, das Bestehende das Zukünftige. Neue Musik, über Grenzen gehen, Grenzen ausloten, Genre vermischen. Ist das eine Oper, wenn die Musikerinnen spielen? Ist das szenisch musikalisches Theater? Ist das ein inszeniertes Konzert? Oder eine musikalische Performance?

Interstellar 227 ist so mutig, neu, konsequent, leidenschaftlich, anders. Ich saß dort mit offenem Mund und wusste nicht, wie mir geschieht. Supernova war noch eher Klang und Spiel, doublespace waghalsige neue Musik. Wechselten die Szenen, kamen die beiden mir vor wie Sniper, die ihre Instrumente aus dem Regal holen, um zu tun, was getan werden muss. Der Musik Bahn brechen.

Da hilft es, im Kostüm von Aliens zu agieren, weil man dann eh fremd ist und der Himmel keine Grenze. Das Gewohnte, die hässliche Konvention sprengen und doch das schöne Alte in Form des Liedes einbinden. Es sind gefühlvolle Wesen, diese Aliens, die uns haben teilhaben lassen. Brücken bauen, Seelen streicheln, Gehör fordern.

Ich war irgendwo draußen im Space unterwegs mit diesen Aliens. Und ich habe mich wohl gefühlt, aufgehoben, an die Hand genommen. Ein sehr fürsorglicher Umgang mit dem Neuen, verantwortungsvoll, schön.

Und gewaltig. Ein starker Eindruck, Impetus. Gravierend, relevant. Nichts, was einfach so vorübergeht.

Sie haben eine weitere Stufe erklommen, Komponisten*innen als Begleiter auf ihrer Sternenreise gewonnen. Und sicherlich zahlreiche Fans. Alle Plätze waren besetzt, der Applaus war lang. Es muss ein gutes Gefühl sein, in seinem Leben etwas so Besonderes auf die Beine gestellt und auf die Bühne gebracht zu haben.

doublespace gab es zunächst nur an zwei Abenden. Anfang nächsten Jahres wird es einen Termin in Bonn geben. Und dann hoffentlich noch mehr. Denn es braucht Menschen, die den Raum sprengen und ihn gleich einfach mal um einen zweiten erweitern. Ich liebe es, Menschen zu sehen und zu erleben, die den Blick nach vorne richten. Die Weg bahnen und bereiten für Neues, die Türen öffnen im Hören und Denken.

Interstellar 227 doublespace ist wertvoll. Atemberaubend sinnstiftend. Ich wünsche euch, den Abend einmal zu erleben.

Im Sommer 1990 war ich auf dem Weg nach Köln ins Theater. Die Vorstellung fiel aus und ich lief planlos durch die Innenstadt. Dom, Fußgängerzone. Da entstand am Abend Zuhause der Text: Das Spiel, die Realität, die Wirklichkeit und das Leben.

Ein ähnliches Gefühl hatte ich an diesem Wochenende. Das meinte ich zu Beginn des Beitrags mit dem Wort entrückt. Als ich Samstagnacht wieder aufs Land kam, war ich ziemlich geschafft. Zu viele Eindrücke. Das Hotel, Deutz, das Labor, die Feuerwache, Interstellar. Am nächsten Tag Flohmarkt an der Pferderennbahn, der erste Besuch in Max WG, die Sperren des Köln-Marathon umfahren, ein Spaziergang am Rhein, Essen im Offenbach, das Abbauen des Bühnenbildes.

Wo steht man im Leben? Was macht das Leben mit einem? Was macht man mit dem Leben? Es vorbeiziehen lassen oder formen? Ich möchte es so intensiv spüren wie am Wochenende. Ich möchte das Neue und das Alte sehen, möchte die Dinge verknüpfen und das Denken fliegen lassen. Alles miteinander verbinden. Das erzeugt Sinn. Ich mag es, wenn die Dinge aufgehen und Sinn ergeben. Wie auch immer.

P.S. Ich konnte es nicht lassen, jede Menge Fotos in guter Auflösung einzubinden. Sorry für die Ladezeiten. Aber ich möchte den Abend und das Wochenende fein dokumentieren.

Infos zum Projekt:

INTERSTELLAR 2 2 7
Barbara Schachtner: Stimme, Gesang, Sensoren, Performance
Dorrit Bauerecker: Klavier, Akkordeon, Toypiano, Sensoren, Performance

TEAM

INTERSTELLAR 2 2 7: Künstlerische Leitung / Ausführende
Monika M. Kozaczka: Produktionsleitung
Wolfram Lakaszus: Technischer Leiter / Entwicklung des Sensorsystems
Norbert van Ackeren: Szenographie
Sabine Seume: Dramaturgie / Choreographie
Sophia Spies: Kostüm
J.Garavaglia / C.Robles: Programmierung und Klangeffekte
Chikashi Miyama: C# Programmierung

Christina von Richthofen: Öffentlichkeitsarbeit
Anke von Heyl: Social Media-Beratung

AUFTRAGSKOMPOSITIONEN: Christina C. Messner, Roman Pfeifer

#doublespace wird gefördert von NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Kunststiftung NRW, Kultursekretariat Wuppertal, Kulturamt der Stadt Köln, Künstler-Union-Köln (KUK) mit freundlicher Unterstützung von ON Neue Musik Köln, Priesterseminar Köln, Alte Feuerwache Köln

Shigeru Takato berührt mich mit seinen Bildern im plus Raum für Bilder von Sebastian Linnerz

Shigeru Takato war einmal Bauingenieur. Das ist dieser Beruf, der aus Zahlen und Beton Brücken entstehen lässt. Heute ist Shigeru Takato Fotograf und lebt in Köln.

Wie der Name verrät, ist er in Japan geboren. Von dort ist er über Neuseeland irgendwann in Deutschland gelandet. Im Gepäck hatte er eine Idee, einen Wunsch, ein Gefühl, ein Projekt. Der Mond war ihm begegnet.

Uns allen begegnet der Mond häufig. Aber er hat ihn anders gesehen. Mit den Augen der Astronauten, die den Mond besucht haben. Dieser kleine Schritt. Dieses Amerika vor der Sowjetunion. Dieser Herr Armstrong und das Apollo-Programm.

1999 wurden in Sydney im Rahmen einer Ausstellung Fotografien der Apollo-Astronauten gezeigt. Geschossen auf dem Mond. In seiner Einführung zur Ausstellung erzählt Sebastian Linnerz die Geschichte. Hasselblad-Kameras hatten sie während ihrer Moonwalks an den Anzügen. Sie haben versucht, den Mond einzufangen und ihn mitzunehmen auf die Erde. Ein Foto nach dem anderen, die Kamera um wenige Grad geschwenkt, nur kleine Stücke, um Panoramen zu erzeugen.

Shigeru Takato ließen die Bilder nicht los. Jahr um Jahr nicht. Wahrscheinlich kann man nur spekulieren, was ihn angetrieben hat. Ich habe ihn gefragt, habe versucht Emotionen herauszukitzeln, Beweggründe, Antriebe. Er hat mich ein wenig erstaunt angesehen. Und geantwortet.

Mein Eindruck: Er wollte selbst dort oben stehen, wollte selbst dieses Gefühl haben, den Mond abzulichten. Nun. Klar. Geht nicht. Zwar wohnen dort oben Leute in einer Raumstation und es springen Verrückte aus der Stratosphäre auf die Erde, aber das Mondtaxi fährt noch nicht.

Er hörte von einer Landschaft, die ähnlich aussieht. Genutzt von der ESA, um die Marsoberfläche zu simulieren. Schauen, wie Sojurners & Co. dort zurechtkommen. Räder, Federbeine, Antriebe, Möglichkeiten, Pläne B bis X.

Manchmal muss man im Leben Kompromisse schließen. Wenn man nicht auf den Mond kommt, dann eben in eine Mondlanschaft auf der Erde. Kanaren.

Er kaufte sich eine analoge Hasselblad aus der Zeit um 1970, rüstete sie mit einem speziellen Infrarot-Film aus und flog los. Und landete in der Mondlandschaft und war Armstrong und fotografierte in Panoramen und schuf einen Mond auf der Erde. Festgehalten in Bildern, wie sie die Apollo 8-Crew vor 50 Jahren geschossen hatte.

So wird man Vasco da Gama oder ein Kolumbus. Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, dort zu stehen und dann die Filme zu entwickeln. Der Infrarot-Film hat Helles in Dunkles verwandelt, die Abzüge auf Silbergelantine haben den besonderen Glanz erzeugt. Sonnenlicht auf dem Mond. Aber das reichte ihm nicht. Er wollte dann doch noch ein wenig mehr. Den echten Mond. Wenn man erst Lunte gerochen hat.

Und so hat er den Mond bei Vollmond durch ein großes Teleskop auf der Insel fotografiert. Eine alte Nikon F2. 1970. Die Zeit der Mondreisen. Und hat das Bild erschaffen, dass ganz oben zu sehen ist. Der Titel.

So weit das Geschehen, der Ablauf, die Technik.

Und nun? Wechseln wir gemeinsam die Perspektive und drehen die Sache um. In meine Richtung. Was haben die Bilder mit mir gemacht? Nun hätte mein Inneres sagen können. Fake. Sind ja die Kanaren. Ist ja gar nicht der Mond.

Ist nicht passiert. Im Gegenteil. Alles in mir war bereit, den Mond so zu sehen. In seinen Details. In seiner Entfernung und Weite. In seiner Anmut, Schönheit und Verlässlichkeit. Denn ich war gerade 3 Wochen am Meer und habe ihn jeden Abend und jede Nacht von links nach rechts ziehen sehen. Mal blutrot und mal in dieser atemberaubenden Mondfinsternis.

Als Sebastians Karte kam, die gedruckte, herzliche Einladung, da wusste ich, dass ich mir das nicht entgehen lassen würde. Ein fotografisches Mondspektakel.

Hat sich gelohnt. Es sind nun wirklich einzigartige Bilder. Denn Shigeru Takato ist nicht nur ein sehr freundlicher, sympathischer, angenehmer Mensch. Er ist auch immer noch Bauingenieur. In sich. Nichts hat er dem Zufall überlassen (wahrscheinlich schon, aber würde so nicht ins Bild passen). Er hat alles vorbereitet. Vorab durchdacht und getestet. Die Zahlen spielen lassen. Blenden. Belichtungen. Adapter für das Teleskop. So kamen Ratio und Gefühl zusammen. So sind Bilder entstanden, die mich sehr bewegt haben.

Wenn man sie anschaut und danach die Augen schließt, kann man Armstrong sein. Sie ziehen hinein in die Szenerie. Sie zeigen, was hinter dem Wunsch steht, den Mond zu besuchen und zu bereisen. Sie haben etwas mit Weite und Sehnsucht zu tun. Und natürlich mit dem, was uns als Erdbewohner der nächste Nachbar bedeutet.

Ein Freund ist er, ein romantisches Wesen voller Geschichten. Ein Tröster und eine Schönheit. Ein Erzähler der Zeit, der durch die Tage, Wochen und Monate trägt. Einer, der seine Bahnen verändert und mal hier und mal dort auftaucht. Aber immer ist es so, dass ich mich freue, wenn ich ihn sehe. Und er gibt mir ein Gefühl, als sei das Universum doch nicht so ungewöhnlich unendlich, wie es zu sein scheint. Es gibt einen Halt. Einen Moonstop. Dort kann man landen und auf die Erde schauen, die auf dem Mond aufgeht, wenn man dort lange genug sitzt und wartet.

Schaut euch die Ausstellung an.

Bis zum 03. November 18. Künstlergespräch am 29. September um 11 Uhr.

Adresse:

plus Raum für Bilder, Schillingstraße 14, Köln.

Das plus bedeutet übrigens, dass der Raum etwas erweitert. Sebastian Linnerz ist ein Grafikdesigner und Fotograf, der sein Büro um diesen sehr besonderen Ausstellungsraum erweitert hat. So fein, wie er seine Ausstellungen kuratiert und vorbereitet, so fein ist auch seine zeitlose Sprache und Handschrift als Grafiker: www.SebastianLinnerz.de.

Shigeru Takato hat mir erlaubt, seine Fotografien abzulichten. Danke! Das Copyright seiner abfotografierten Bilder liegt selbstverständlich bei ihm. Aber: Was ich hier zeige, ist nicht das, was zu sehen ist. Das hier ist Web. Die Fotografien sind in echt und in Silbergelatine etwas ganz anderes. Fein gefertigt und von feinen Rahmen umhüllt. Das alles ist von einem Verständnis des Schönen und Perfekten geprägt.

Tanzen, lieben, sterben mit Romeo & Julia in Köln

Es war schön, in Köln viel zu früh anzukommen, um Viveka zu treffen, die dann doch noch einmal weg musste. Also habe ich mir die Nikon geschnappt und habe mich auf den Weg gemacht. Über das Gelände des Carlswerks, auf dem früher einmal Kabel fabriziert wurden. Heute residiert hier übergangsweise das Schauspiel Köln. Im Depot. Wahrscheinlich werden dort sonst die Bühnenbilder und die Ausstattung aufbewahrt, nun ist es der Ort des Geschehens. Bis das neue Schauspielhaus aus Ruinen auferstanden ist.

An diesem Abend wohnen dort Romeo und Julia. Wir befinden uns in der tiefen Vergangenheit Italiens, in Verona und stehen als Zuschauer zwischen den Fronten. Für die Montagues auf der einen Seite? Oder doch für die Capulets?

Wie geht man mit solch altem Stoff um? Was macht man mit dem Klassiker der Klassiker auf der Bühne? Ich war gespannt. Das Programmheft und meine ersten Blicke ins Netz hatten schon ein wenig vom Bühnenbild und den Kostümen gezeigt. Modern, wie es dann so heißt. Was ja nun zunächst nichts heißt. Wer möchte schon Shakespeare im Pumphosen.

Das Saallicht ist noch an, der Vorhang geschlossen, Musik dahinter. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen Maskenball, wie er im Amnesia auf Ibiza stattfinden könnte. Die Bühne besteht aus Glasboxen, die sich über Türen und Drehtüren öffnen und verändern lassen. Das Glas zeigt das ganze Geschehen. Anfangs hat jeder seine Box. Mal sind die Türen geschlossen und die Stimmen dringen nur über Mikros nach draußen, mal geben sie den Weg frei, um vorne an der Rampe zu spielen.

Wir haben im Stück einiges übersprungen und stürzen uns in das Aufeinandertreffen Romeos und Julias auf dem Kostümball der Capulets. Es wird getanzt. Wild, zeitgemäß, stilvoll. Julias Mutter heizt ein, ist die anfeuernde Gastgeberin. Ein fantastisches Tableau, das lange steht und dem man gerne zuschaut. Eher eine Performance als ein Schauspiel. Schönes Licht, gute Musik, ein spannendes Bild zum Auftakt. Das Ensemble tanzt ziemlich gut. Ich hätte noch lange zusehen können und hätte es einfach als Ballett genommen. Aber wird sind ja erst im zweiten Akt.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Romeo und Julia. Liebe auf den ersten Blick. Der Zwist der Familien, ein rasender Tybalt, ein erschlagener Mercutio und bald darauf ein erschlagener Tybalt. Was für ein Drama. Rasant gespielt, fesselnde Kampfszenen. Theater, Theater.

Und immer wieder schöne Bilder und Szenen. Die wunderbar gespielte Amme (Sabine Waibel) im Gespräch mit Bruder Lorenzo (Benjamin Höppner). Erst sprechen sie, dann unterhalten sie sich in Zitaten und dann in Songs. Purple Rain. Depeche Mode. Lust am Spiel. Es waren sicherlich muntere Proben. Viel durfte, viel ist geblieben. Es ist schön, wenn Schauspieler dürfen.

Der zarte Moment. Die Balkonszene. So schön gespielt, fein gesprochen. Die Nachtigall. Die Lerche. Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen. Wollen, dürfen, können. Gehen, bleiben, fliehen. Im Hintergrund nur ein säuselndes Liebespaarknäuel. In einer der Glaskabinen ineinander versunken. Wenn doch nur die Liebe immer die Oberhand behielte. Wenn sie doch die Kraft hätte, all das andere hinweg zu wischen. Wie könnten die beiden in den Sonnenaufgang gehen und die Welt mit Anmut bezaubern.

Wäre da nicht diese Welt. Wären da nicht diese Vorstellungen. Ein Montague? EIN MONTAGUE? Mitnichten. Die Mutter, Julias Mutter, einen Vater gibt es in der schön reduzierten Fassung nicht, hat andere Pläne. Paris soll es sein. Julias Gatte werden. Wo sie doch schon heimlich geheiratet. Romeo, der aus Verona verbannt ist. Hätte er Tybalt in seiner Raserei doch nicht erschlagen…

Ying und Yang. Die Liebe und die Rache vereint sind keine gute Rezeptur. Aber wem sagt man das 2017. Menschen. Es ist ein hin und her. Viel los auf der Bühne. Irgendwo ein Monolog, ein Dialog. Darüber, dahinter, daneben die anderen. Ein wildes Treiben. In einer Szene erheben sich die zerschlagenen Körper von Mercutio und Tybald. Zu Geistern werden sie, die im Raum sind. Zu Boten des Unheils, die im Spiel ihre Bahnen ziehen. Blut ist geflossen, die weiße Weste ist gefärbt. Es macht viel Spaß, dem allen zuzusehen. Romeo und Julia ist gute Unterhaltung. Bei Shakespeare im Buch und an diesem Abend auf der Bühne des Schauspiels Köln.

Es ist bekannt, am Ende ist das Liebespaar gestorben. Auch den Paris rafft es dahin. Die Mutter bleibt, die stark aufspielende Yvon Jansen, die kalt und warm und herrisch und besessen und mütterlich kann. Am Ende gab es viel Applaus für das Ensemble, für Romeo & Julia, für Thomas Brandt und Kristin Steffen, die auch im Verneigen nicht voneinander lassen konnten. So hat die Liebe doch gewonnen, denn der letzte Vorhang ist auch nur eine Vorstellung.

Saturday Night in Köln

Samstagnacht in Köln. Wir wollten uns mit Barbara und Norbert treffen. Eigentlich hier in Mühlhausen, aber die Wochenenden bei Künstlerfreunden sind rar. Auftritte, Jobs. So haben wir uns im Belgischen Viertel verabredet. In der Malschule Reinkarnation. Ein Auftritt von Barbara und Doris mit ihrem Programm Interstellar. Gerne. Immer wieder gerne.

Wir konnten in Barbaras Wohnung schlafen. Von dort haben wir uns am frühen Abend aufgemacht. Von Deutz an den Rhein auf die gegenüberliegende Seite des Doms. Die Sonne ging unter, die Betonstufen am Ufer waren voller Menschen. Es war warm im Oktober, ein Wettergeschenk, eine Sommerverlängerung.

Dort saßen wir und schauten wie alle. Dann machten wir uns auf den Weg. Über die Kaiser-Wilhelm-Brücke quer durch die Stadt ins belgische Viertel. Der Auftritt. Wir kamen zu spät. Ich hatte die Einladung falsch gelesen. 19.30 statt 19.00. Ohne Brille. Egal. Wir sahen, hörten das Ende und tauchten ein, halfen beim Abbau, verstauten die Bühne im Kombi und ergatterten einen Tisch draußen in einer Pizzeria. Aßen, tranken, lachten, lebten Köln. So schön. Mit Doris und Martin, Norbert kam später aus Düsseldorf und irgendwann fanden wir uns tanzend in der Wohngemeinschaft wieder. In der Bar zum Hotel, in dem Viveka und ich früher einmal im Fotografenzimmer übernachtet hatten. Wir tanzten und irgendwann war es 5 Uhr morgens. Wie die Zeit vergeht. Und wir machten uns auf den Weg nach Deutz. Mit niemandem bin ich so gerne unterwegs wie mit Viveka. Schlendern, schauen, staunen, lachen. Um 05:40 Uhr im Bett. Glücklich. Kölner Nächte.

Der wunderbar wundersame Peer Gynt am Schauspiel Köln

Ach, was für ein schöner Abend! So erfrischend, so theatrig, so ein schönes Schauspiel voller Bilder, Sprache, Musik, Bühne, Kostüme.

Lange nicht mehr war ich im Theater. Die Aufführungen in der Waldorfschule meiner Kinder. Klassenspiele. Berührend. Aber in einem Stadttheater? Ich weiß nicht, wann zuletzt. Ich hatte mich nach meiner Zeit als Regieassistent am Nationaltheater in Mannheim entfremdet. War von Hans-Ulrich Becker zu Wally Bockmayer gewechselt und bin dann irgendwann in die Werbung.

Aber das Gefühl habe ich nie verloren. Die Sehnsucht auch nicht. Wenn das Saallicht ausgeht, der Vorhang langsam den Blick frei gibt und der Beleuchter die Lichtstimmung 1 hochfährt. Peer Gynt. Gespielt von einem 8-köpfigen Männerensemble unter der Regie des Intendanten Stefan Bachmann. Die schlichte Bühne mit großem, schrägem Drehkreis in der Mitte von Olaf Altmann und die Kostüme von Jana Findeklee und Jogi Tewes.

Acht Männer auf der Bühne. Jörg Ratjen, Nicolas-Frederick Djuren, Marek Harloff, Niklas Kohrt, Justus Maier, Max Mayer, Seán McDonagh, Peter Miklusz. Sieben plus Peer Gynt (Jörg Ratjen). Die Sieben spielen alle Rollen des Stücks. Sie sind Trolle mit langen Penissen, die Geliebte, ertrinkende Seemänner, Verrückte, Sklavinnen, Dorfbewohner, ein Geist, eine Braut, ein Schmied und einiges mehr.

Was ist das überhaupt für ein Stück? Eine Traumwelt, eine Abenteuerromanze, ein Märchen. Egal. Zu Beginn betritt Peers Mutter die Bühne. Ein Mann im grob-grünen Strickkleid. Sie stemmt ihre gespreizten Beine gegen die Wand der hohen Seite der Drehbühne und gibt sich ihren Wehen hin. Oben auf der Bühne erscheint Peer Gynt im babyblauen Strickanzug. Ibsen ist Norweger, die Kostüme sind gestrickt. Nicht im klassischen Muster, aber mit grober Nadel. Teils.

Die Reise beginnt. Peer fantasiert und lügt sich durch das Leben. Wird begehrt und ausgestoßen, verachtet und geliebt. Er will sein Ich entdecken, er will frei sein, er will lieben. Solvejg, das Mädchen aus seinem Dorf. Die Einzige, für die er neben seiner Mutter empfindet.

Fast drei Stunden dauert das Stück. Das kann im Theater lang werden. Wenn es nicht gut läuft sogar sehr lang. Das ist an diesem Abend nicht der Fall. Die Männer spielen um ihr Leben. Gehen tief in ihre Rollen, werden von einem maximal präsenten Gynt mitgezogen und geben alles. Die Trollfrau im grünen, gestrickten Tanga-Bikini. Wie eine Elfe über die Schräge der Drehbühne tanzend. Sich Peer im Geschlechtsakt hingebend. Später wird sie ihm einen Sohn gebären. Peer könnte im Reich der Trolle aufgenommen werden und entsprechend der Losung „Troll, sei dir selbst genug!“ leben. Vielleicht sogar glücklich werden.

Es ist der Kampf um dieses Glück. Dieses eigene Glück zwischen Peer Gynts Fantasie und der Wirklichkeit der Welt. Jörg Ratjen spielt das wunderbar eindrucksvoll. Nuanciert zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung, purer Lust, Angst und kindlicher Naivität. Es ist ein stilles Glück, ihm vom Zuschauerraum aus zusehen zu dürfen. Dieses Theater in diesen Zeiten. Diese gleichbleibende, fortwährende Faszination. Man könnte denken, das analoge Spiel auf der Bühne sei ein Anachronismus. Ist es nicht. Weil es um den Menschen geht. Um das Reflektieren des Menschseins. Ganz besonders in dieser Inszenierung.

Man leidet mit. Als die Mutter stirbt. Peer war lange weg, war reich geworden und wieder arm, hatte Amerika bereist und Marokko, war in der Irrenanstalt gelandet, war dort zum Kaiser aufgestiegen, hatte nach Gold gesucht und wurde auf dem Weg in die Heimat ein Schiffbrüchiger, der mit Geistern kämpft. Ein Stehaufmännchen. Einer, der sich die Schlinge um den Kopf legt, um ihn dann irgendwie wieder herauszuziehen. Durchgehend konfrontiert mit den Wirren der Welt. Und doch so voller Gefühl. Seine Mutter stirbt und er ergeht sich in Hoffnung. Als sie schon reglos hinter ihm liegt, spricht er weiter von Zukunft. Er will nicht. Er will die Dinge nicht wahr haben. Will sich der Realität auf keinen Fall stellen. So ist es ein Gag am Rande, dass seine weißblonde Perücke irgendwie auch an die Haare dieses amerikanischen Präsidenten erinnert. Peer Gynt ist ein Meister der „alternativen Wahrheit“. Als er sich von seiner Mutter dann doch verabschiedet und sie am Fuße der Drehbühne langsam aus dem Geschehen herausfährt, entsteht eines der schönsten Bilder dieser Inszenierung.

Und es sind viele schöne Bilder. Sehr schöne Bilder. Als das Schiff untergeht, rollen die ertrinkenden Matrosen im schummrigen Licht über die sich bewegende Schräge der Bühne. Poetik. Ästhetik. Ich staunte wie ein Kind. Diese Vorstellung hat auch etwas von Zirkus. Die acht Männer in ihren skurrilen Kostümen und Bewegungen. Ein wenig auch ein Schaubunden-Theater der Skurrilitäten. Das macht sehr viel Spaß. Das ist frech, lebendig. So wie die Sprache, in die immer wieder Begriffe der Jetztzeit eingeflochten sind, um die Ibsenschen Reime zu durchbrechen.

So viele Bilder noch in meinem Kopf. Die Sklavinnen mit den Peitschen, der reiche Peer mit seinen Doppelgängern hoch oben am Bühnenrand, der heranschleichende Tod mit der riesigen Suppenkelle, der Freudsche Irrenarzt und seine wahnsinnigen Insassen (darunter ein Albert Einstein), die singenden, schreienden Matrosen oben am Bug, die weggejagte Braut im weißen Kleid, der hausbauende Gynt mit der Axt, die Trolle in Strickhöschen, die von hoch oben gesprochene Predigt des Pfarrers, die erblindete Solvejg, die ihren lange ersehnten Peer im Schoß wiegt. Und, und, und. All das in einer Atmosphäre aus stimmigem Licht und passender Musik. Nicht Grieg, Beatles und Co. Passend. Berührend. Wie die ganze wunderbar wundersame Vorstellung, die ausverkauft war. Ein starkes Schauspiel in einer starken Inszenierung. Draußen in Mülheim am richtigen Ort.