Am Ende ankommen

Anleger

Je höher man fliegt, desto länger dauert die Landung. Runter kommen sie alle. Auf die ein oder andere Art und Weise.

Eine Kur. Sieben Tage Meer atmen, Frieden finden.

Wie oft muss man die Insel umrunden? Wie viele Kilometer muss man am Strand laufen? Wie viel Meerluft muss man atmen?

Ich habe den Vögeln die Luft weggeatmet, den Pflanzen das Licht genommen, dem Meer den Wind. Ein wenig egoistisch habe ich sieben Tage genommen, was ich nehmen konnte. Aufladen, reinigen, ordnen. Katharsis hat einmal ein Freund gesagt, der sich von allem verabschiedet hatte, um nach dem Studium als Klempner zu arbeiten.

Wo will man hin? Der Himmel ist keine Grenze?

Die letzte Fahrt mit dem Rad heute. Um die Insel. Das Meer ruhig, dichte Wolkendecke, die Möwen auf dem Wasser, die Fähre in ruhiger Fahrt. Mit der Ruhe mitschwingen. Angekommen sein. Man muss auf sich aufpassen.

Gerade komme ich aus dem Whirlpool. Eine Stunde mit Blubber, netten Gesprächen und feinen 36 Grad. Mein Papa hat immer gesagt: Was soll das schlechte Leben nutzen? Ja. Was? Und was ist das gute Leben?

Eigentlich wissen wir es doch. Ohne alle Philosophie, Ratgeber, Coaches. Das Beste von uns nehmen und als Schatz in den Händen halten, es wahren, respektieren, schützen, lieben. Es ist einfach. Am Ende. Ankommen, wo man lange schon ist.

Den Himmel küssen, die Erde halten, das Meer zum Freund nehmen.

Vögel

Deich

Fähre

Konkret vs. gefühlt

Adler

Urlaub.

Ein Zustand. Eine Zahl in Tagen. Lande mal.

Seit Tagen laufe und radle ich um die Insel. Suche meine Lieblingsorte auf. Schaue aufs Meer. Fotografiere. Denke nach.

Es ist ein Luxus, den Kopf für sich zu haben. Sich Gedanken zu erlauben, die in nichts einzahlen. Es ist Freiheit. Diese wahre.

Nichts ist wesentlicher als die Freiheit des eigenen Denkens. Wenn das aufhört, wenn sich Schranken ins Denken schieben, wenn sich die Möglichkeit auflöst, die eigenen Gedanken zu denken, wird das Individuum zur Statue. In den letzten Tagen hat mich das Meer eingeladen, meinen Gedanken zu folgen. Es zwingt, quasi.

Bevor ich auf die Insel gefahren bin, hatte ich einen kurzen Austausch mit Bruno Schulz. Ein Werber wie ich, ein Autor wie ich. Er schreibt Geschichten. Vona ist ein Thema. Vona ist eine Isländerin. Schöne Texte. Googlet.

Auf Facebook hatte er einen Schiermonnikoog-Text geteilt. Ehrbezeugungen unter Autoren. In einer Nachricht hatte er kurz notiert: Du schreibst gegenständlicher.

Ja. Gegenständlichkeit. Das Konkrete versus dem Ungenauen, dem Gefühlten, der Abstraktion. Und schon sind wir mittendrin in den Zeiten, in denen wir leben. Wie viel Abstraktion ist möglich? Möglich in Form von akzeptiert. Möglich in Form von verständlich, verstanden.

Ich habe durch meine Kamera gesehen. Herr Cooper ist konkret, real. Manchmal aber ist der Blick durchs Objektiv ein Blick in eine Metapher. Wie viel Metapher verträgt eine materielle Welt?

Mein Blick lässt sich ins Konkrete ziehen. Werber, Handwerker, ins Alltägliche eingewoben. Es ist eine Sehnsucht. Es fängt dort an, wo sich das Konkrete auflöst. Hollywood ist konkret. Die amerikanischen Erzähler sind konkret. Jonathan Frantzen ist konkret. Alles hat Hand und Fuß. Konzepte sind konkret. Strategien sind konkret. Das Konkrete ist konkret.

Das Konkrete ist eng, die Grenze des Freien. Durch das Objektiv sehen und die Dinge dahinter sehen. Frei sein. Bilder, Worte leben. Unbekümmert.

Über die Insel laufen. Hinschauen. Lächeln. Eine Muschel. Eine Muschel ist keine Muschel. Nicht zwingend. Ein Horizont ist kein Horizont.

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Cooper_my friend

Fischerboot

Fischerboot2

Fischerboot3

Gras 3

Holzstück

Moon

Muschel2

Schnur

Strandbuggy

Dem Meer so nah auf Schiermonnikoog

Gras 2

Den ganzen Tag unterwegs. Mit Herrn Cooper, sofern er kann. Er wird alt, will nicht mehr so weit. Heute ist er stehengeblieben, hat mich angesehen, wollte umkehren, der alte Junge. Nicht mehr an der Leine am Fahrrad. O.K. Habe ihn gelassen, trotz Leinenpflicht und entsprechender Blicke.

Er geht seinen Weg, in seinem Tempo. Manchmal bricht er mir das Herz.

Das Meer. Wie ein großer Bruder. Beruhigend, schützend. Fahre über die Insel mit dem Rad, laufe am Strand entlang, die Kamera dabei. Viel Natur, überwältigend groß, schön. Alleine auf der riesigen Sandbank. Eine halbe Stunde bis zum Wasser laufen. Ein paar Fotos, wenig Worte.

Kanal

Chocomel

Dangerous

Gras

Kanal 2

Kiter 2

Kiter 3

Kiter

Leuchtturm

Leuchtturm2

Lifeguard

Lifeguard2

Lifeguard3

Muschel

Segel

Spuren 2

Strand_Linie

Strand_Mann

Vögel

Spuren

Jens

Lone at the beach

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Gestern super Wetter, heute ist es zugezogen. Ab Mittag. Wolken, Wind, später Regen. Am letzten Tag gibt es immer einiges zu tun. Sich verabschieden vom Meer. Sich alles noch mal so richtig reinziehen. Mit den Jungs ein letztes Bier im van der Werff. Kleine Geschenke kaufen.

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Nach dem Bier mit Jens und Jens haben sich unsere Wege getrennt. Jens wollte noch in den Bioladen, Jens in einen anderen Shop. Mich zog es ans Meer. Für Viveka. Sie liebt das Meer und wenn sie an der Küste ist, ist sie vom Strand nicht wegzubekommen. Tagelang, nächtelang. Sitzen, laufen, eintauchen, gucken. Es gab diese wunderbare Szene im letzten Jahr in Italien, als die Wellen hoch waren. Viveka schwamm raus, weit raus, lange raus. Dorthin, wo niemand mehr war. Ein kleiner Punkt draußen. Ich machte mir schon Sorgen, wusste nicht, wie gut sie schwimmen kann und wollte sie natürlich um keinen Preis der Welt durch eine Fehleinschätzung verlieren. Sie spielte mit den Wellen, dem Wasser, den Bojen.

Ich schnappte mir ein Bodyboard und schwamm raus. Mir war in den hohen Wellen schon ein wenig mulmig. Als ich zu ihr kam, lächelte sie. Alles in Ordnung. Sie muss einmal ein Fisch gewesen sein, eine Meerjungfrau, ein Delfin. Kein Problem. Stundenlang. Ihr Element.

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Und so bin ich heute raus auf die Sandbank. Die Ebbe hat es möglich gemacht, der Übergang ein kleiner Rinnsal. Kein Problem. So durch. Meine Rossis hatte ich vor der Abfahrt dick eingefettet, also konnte ich trockenen Fußes hinüber. Auflandiger Wind, kaum Vögel, mir entgegen fliegender Sand. Ich wusste nicht, wann die Flut einsetzen würde oder ob sie vielleicht schon… Ich habe eine Linie in den Sand gezogen – neben die Wassergrenze und habe geschaut. Keine Veränderung. Highest Peak, habe ich angenommen. Ein Niederländer mit hohen Gummistiefeln folgte mir und ging sicheren Schrittes Richtung Wellen.

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Gut. Ein Schauspiel. Der fliegende Sand, die ziehenden Wolken, das Getöse, die Weite. Der andere Mann verschwand in eine andere Richtung, wurde kleiner und kleiner und unbedeutender. Wen juckt es, wenn so ein schwarzer Punkt von irgendwelchen Naturkräften verschlungen wird. Ich machte mich auf den Weg. Fotografierte, was das Zeug hielt. Erreichte das Wasser, sah ein Fischerboot im Dunst des aufkommenden Regens verschwinden.

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Zum ersten Mal musste ich alle Einstellmöglichkeiten meiner Goretex-Jacke justieren. Nach unten hin abdichten, die Klettverschlüsse am Ärmel eng ziehen, die Kapuze ums Gesicht legen. Alles gut. Fotos nur mit dem Wind, um die Kamera zu schützen. Am Ende ist die Linse voller Tropfen. Und ich bin allein. Der andere Mann ist schon wieder auf sicherem Boden. Mir fehlt Herr Cooper. Egal, er brauchte heute eine Pause. Anstrengende Tage. Mit dem Fahrrad unterwegs, das ist für Hunde Leistungssport.

Ich bewege mich Richtung Land zusammen mit dem fliegenden Sand, erreiche den Übergang, das Flussbett. Geht noch. Die Hose ist eh nass, die Schuhe sind es auch. Ich denke an Viveka und sauge alles auf. Sie wäre noch geblieben. Ich fahre nach Hause, mir ist es kalt, die Finger sind klamm. Jens sitzt im Jacuzzi, ich setze mich dazu. Der Regen fällt, das Wasser wärmt. Schön. Luxus. Morgen geht es nach Hause. Ostern. Aufgetankt für die nächste Runde.

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Und hier zum Abschluss noch ein Video von Finn und Jim, der Support geleistet hat…

Mission Impossible auf dem Weg ans Ende der Welt

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Draußen schreit eine Möwe und die Welt ist eine Scheibe.

Zwei Tage hintereinander habe ich, haben wir es versucht. Ich wollte bis ans Ende der Welt vordringen. Also bis zum Ende der Insel. Das sind einige Kilometer immer am Strand lang. Meine Vorstellung war, das Ende der Insel, dieser kleinen Welt mit weit auslaufendem Horizont zu fotografieren. Rechts das Meer, links das Meer und dazwischen der letzte Sand unter den Füßen bis es tief abfällt. Bis zum Mariannengraben oder der letzten Ruhestätte der MH 370.

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Das Meer lockt, tröstet, fasziniert, inspiriert. Einfach am Wasser entlang. Den Fischerbooten zusehen, den Wellen, den Möwen, den kleinen Vögeln. Schauen, wie sich alles verändert. Durch Wind und Gezeiten. Gucken, was so angetrieben wird. Alles, was irgendwo über Bord gegangen ist. Von Holzkisten über Spüliflaschen bis zu Fischernetzen und Brettern mit Farbsprenkeln.

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Gestern der erste Versuch. Annäherung über Land. So weit wie möglich mit dem Fahrrad vordringen, dann querfeldein über Wiesen und durch Dünen bis zum Strand. Am Morgen hatte sich eine Gefolgschaft gesammelt. Entdecker, Eroberer. Conquerors. Eine Fahrrad-Armada begleitet durch einen hechelnden Herrn Cooper. Als wir am letzten möglichen Fahrrad-Parkplatz ankamen, stellte sich heraus, dass der Datumszeiger auf dem 15. April stand. Exakt. Und ab dem 15. April ist die Landschaft hinter diesem letzten Fahrrad-Parkplatz unzugänglich. Brutzeit. Vogelschutzgebiet. Ach. Kann man natürlich nicht machen. Mission abgebrochen.

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Heute Morgen dann die Idee: Wenn nicht über Land, dann den Weg am Meer entlang. Wieder sammelte sich ein Team. Eine lange Strecke ist das bis zum Ende der Insel. Viele Kilometer. Menschenleer. Nur Dünen rechts, Wellen links und dazwischen Strand und all der angespülte Müll. Ein Niemandsland. Eine Wüste. Ohne Getränkeverkauf, Raststätte. Unwirklich, unwirtlich. Ist trotzdem schön. Eine beeindruckende Landschaft. Groß, weit, scheinbar unendlich.

Wir waren unterwegs. Gut unterwegs und hatten schon eine weite Strecke mit weiten Augen hinter uns gelassen. Ab und an reduzierte sich die Gefolgschaft um einzelne Mitstreiter, die auf den Besuch des Endes der Welt gerne verzichteten und abdrehten. Da tauchten Schilder am Horizont auf. Zunächst klein. Dann größer. In einer Linie vom Meer zu den Dünen aufgereiht. „Sie verlassen nun den westdeutschen Sektor.“ Nein. Vogelschutzgebiet. Brutzone. „Auch hier, mein Sohn Brutus.“ Ab 15. April. Seit gestern. Ende Gelände. Aus der Traum. Vertagt auf einen Inselbesuch in der Zukunft.

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Also ist der verbleibende Trupp rechts abgebogen und hat sich auf den Heimweg gemacht – immer am Fuße der Dünen entlang. Bei strahlend blauem Himmel und dem Fernziel Strandcafe.