Rat Pack on the Run

Es hatte den ganzen Tag geschneit und die weiten Felder waren bis zum Horizont mit einer dicken weißen Schicht bedeckt. Es war Abend, der Vollmond schien, keine Wolke bewegte sich am Himmel. Sterne über Sterne prangten am Himmel, als ein kleiner Pritschen-LKW mit Plane sich über die Landstraße schlängelte.

Schwimmen mit dem Enkel des Monsieur Hulot

Ich gebe ihm einmal den Namen Bruno. En francais c’est: Brünoo. Der Enkel des Jaques Tati, des Monsieur Hulot, der sich 1953 filmisch in den Ferien tummelte. Ich bin ihm begegnet. Nicht Jaques, nein, bewahre, Bruno. In den Ferien, wie hätte es anders sein können. Das Leben verläuft in Parallelen, um zu sagen “Seht her, ich bin wunderbar und voller fantastischer Zufälle.”

Es hat mich, der Ferien und der Kinder wegen, die bewegt werden wollten, in dieses öffentliche Hallenbad getrieben. In dieses Aquarium voller badebeanzugter Menschen mit ihren so unterschiedlichen Körpern und Stilen.

Besuch von Heinrich

Guten Morgen. Er sagte es, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. Mir wurde es kalt und warm, als er plötzlich mitten auf der Wiese vor mir stand, in seinem dunkelbraunen Anzug im Fischgrät-Muster. Heinrich! Meine Stimme war gelähmt. Hinter ihm standen zwei Männer, die ich noch nie gesehen hatte – zumindest nicht von Angesicht zu Angesicht. Das konnte nicht sein, die drei hier an einem Sommertag auf einer Wiese voller Blumen, aufgetaucht aus dem Nichts. Ihre dunklen Augen fixierten mich und sahen mir auf den Grund meiner Seele. Geröntgt, gescannt. Ich konnte ihnen nichts vormachen, sie kannten mich in- und auswendig. Mein Tarnmantel rutschte von den Schultern, meine Schutzmauer aus Beton bröckelte und fiel zu Boden, meine Sätze und Worte der Irreführung blieben mir im Hals stecken. Von einer Sekunde auf die andere transparent, komplett durchsichtig. Sie haben mich durchschaut. Wir standen dort in der Sonne still und unbeweglich wie auf einem Gemälde. Mir war klar, sie stehen dort und sind gleichzeitig in mir, ein Teil von mir, mein Fundament, meine Geschichte. Meine Augen zuckten, versuchten standzuhalten, etwas zu erkennen, sich zu wehren. Der Blick huschte über die starren Gesichter. Hätte ich versucht, ihre Blicke aufzunehmen, sie hätten mich umgeworfen, hypnotisiert. Zu intensiv, zu plötzlich. Was war das? Eine Fantamorgana, ein Trugbild, ein Spiel meiner Psyche, meines Ichs? Gänsehaut überzog meinen Körper, der linke Fuß begann zu zittern. Mir kam der Gedanke, wegzulaufen, der Situation zu entfliehen und gleichzeitig wusste ich, dass die Sache ausgetragen werden musste. Sie würden mich finden, überall, sie waren andere Wesen. Sie brauchten kein Fernglas, kein Telefon, keine Abhöranlagen, keinen Plan, kein Auto oder Flugzeug. Das Zittern des Fußes nahm mir den sicheren Stand und verstärkte die Unsicherheit. Sie standen und standen, fixierten mich und reichten keine Hand. Hätte ich wenigstens sprechen können – frech herausschreien „Was wollt ihr verdammten Idioten hier auf dieser Wiese? Haut ab, lasst mich. Verpisst euch dorthin, wo ihr hergekommen seid.“ Angst stieg in mir auf – merkwürdigerweise nicht vor den Männern, sondern vor mir. Vor mir? Weshalb sollte ich vor mir Angst haben? Fast hätte ich mir in die Hose gemacht, wie peinlich. Als wäre die Situation nicht kurios genug gewesen, stürzte plötzlich ein Bussard vom Himmel und griff mit der Kraft seiner Greifer eine kleine Maus. Meinem Gesicht englitt ein zynisches Lächeln. Ihr glaubt, ich bin eine kleine Maus und ihr könnt mich hier stellen? Meine Seele kontrollieren, mich hopps nehmen, mir rücksichtslos auf den Zahn fühlen? Ich hatte Ihnen nichts getan, niemals. Vielleicht hatte ich sie verraten, aber das war eine Sache des Standpunktes.

Projekt Elaine 14

Am nächsten Morgen brannte der Scheinwerfer noch. Im Zimmer roch es nach Ölfarbe. Es war dunkel, früh am Morgen, kein Vogel krähte oder zwitscherte. Cat fragte sich oft, wo und wie Vögel im Winter wohl schlafen. Mit der Kälte, dem Frost umgehen. Nur mit so ein paar Federn bekleidet. Manchmal taten sie ihr leid, vor allem die kleinen. In der Nacht hatte sie unruhig geschlafen, wirr geträumt, gleichzeitig schön und schrecklich. Ihre Seele, ihr Geist hatte sich ausgetobt und für Cat ungewöhnliche Szenen und Bilder in den Raum geworfen. Sie war verunsichert, überrascht. Ein Blick auf ihr Wandbild genügte als Erklärung. Wenn sich etwas löst, reißt es vieles mit sich. Manchmal staut sich etwas und bricht sich zum richtigen oder falschen Zeitpunkt seine Bahn. Unvorhergesehen. Cat stand auf, schaltete den Scheinwerfer aus und berührte mit der Spitze ihres Zeigefingers das Werk, um zu sehen, zu spüren, ob es real ist, ob die Farbe getrocknet ist und nicht abblättert, einfach abfällt von der Wand, vom Grund des Bildes. Sie zog sich an, schnappte sich ihre Tasche, schlich in die Küche, goss sich einen Kaffee auf, trank ihn langsam und dachte an Sue. Dieses Gefühl, diese Sehnsucht war wieder da. Sie wollte zu ihr, wollte, dass sie wieder da ist, wollte sich entschuldigen und eine Entschuldigung hören. Sie würde sich bewegen müssen, in jedem Fall. Sie konnte nicht klar denken, konnte sich nicht konzentrieren. Sie hatte Angst, einen Fehler gemacht zu haben und mit einem Satz eine Freundin, die Freundin verloren zu haben. Ihr fehlte die Erfahrung im Umgang mit Streitsituationen. Sie hatte Neuland betreten. Ihrer Mutter wollte sie sich nicht anvertrauen, weshalb, wusste sie selbst nicht genau.

Projekt Elaine 13

Wie sollte sie reagieren? Cat fühlte sich verraten, vor den Kopf gestoßen. In Momenten der Krise öffnet die Seele die Schotten, lässt alles passieren, die Vorurteile, gefärbten Erinnerungen, unschönen Konstruktionen. Die zu Anklagen formulierten Hypothesen, die sich wie junge Staatsanwälte auf ihre Gegenüber werfen, um ihnen die Klauen des Rechts, der Moral in die ungeschützten Flanken zu rammen. Die Farben ändern sich, aus Annahmen werden Gewissheiten. Cat legte sich ins Bett, sagte ihrer Mutter, sie sei krank, habe Fieber, eine Erkältung, Kopfschmerzen, ihre Tage und überhaupt. Ihre Mutter ließ sie. Brachte frischen Orangensaft, mundgerecht geschnittenes Obst, kümmerte sich, genoss es. Drei sorgfältig auf einen kleinen Teller dekorierte Zwiebacke dokumentierten den Status anerkannte Krankheit.

Projekt Elaine 12

In der Schule wurde es für Susanne und Cat schwieriger. Während Cat früher, vor Susannes Auftauchen, einfach mehr oder weniger unbehelligt in ihrer Bank saß und ihr Außenseitertum stoisch pflegte, wurde die Bank der beiden nun zu einer Provokation. Cat schwieg weiterhin, hielt ihren Status, Susanne positionierte sich als kritische Stimme. Sie ging keinen Millimeter auf irgendwen zu. Im Gegenteil. Sie ging allen aus dem Weg, hielt sich an Cat. Wirkte fast arrogant. Im Unterricht war sie nicht bereit, irgendetwas hinzunehmen und ging keiner Diskussion aus dem Weg. Ihr Mantra war das Hinterfragen von Aussagen. Wo sie ein Klischee witterte, eine allgemein, akzeptierte Meinung, ein dahin gesagtes Argument, intervenierte sie. Vor allem bei Beiträgen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. „Woher weißt du das? Das ist doch jetzt einfach nur so gesagt, weil alle das so sagen. Hast du vorher mal nachgedacht?“