Die Einsamkeit der Primzahlen…

…von Paolo Giordano. Ela hat das Buch aus der Bücherei mitgebracht. Sie hat es gelesen und für gut empfunden. Wir geben hier intern immer Empfehlungen ab, wenn wir ein Buch gelesen haben. Weil wir dauernd lesen, gibt es viele Empfehlungen. Mit der Zeit sind wir scheinbar kritischer geworden, denn wirklich überzeugte Top-Empfehlungen sind rar. Desto schöner ist es, wenn ein „das wird dir sicherlich gefallen“ kommt.

Projekt Elaine (Teil 10)

Das Zimmer war groß, hatte für ein Mädchenzimmer luxuriöse Ausmaße. Cat hatte es in einer Mischung aus modern und alten Möbeln eingerichtet. Ihre Mutter hatte sie unterstützt. Von der Tür aus fiel der Blick geradeaus durch die Fenster des Erkers in den Garten, unter den beiden Sprossenfenstern rechts des Erkers stand Cats Bett, ein japanisches Bett ohne Rahmen. Der Futon auf einem flachen Tatami, einer Matte aus Reisstroh. Rechts an der Wand, neben dem Bett, stand ihr Klavier, ein altes deutsches Modell mit Rennermechanik und tiefem Klang. Ein Erbstück, eine kleine Kostbarkeit, ein Bechstein. In die Mitte der Wand links hatte sie ihr Jugendstilsofa, auch ein Erbstück. gestellt. Kitschig elegant verschnörkelt mit neuem Samtbezug. Auf dem Boden rund ums Zimmer waren, an die Wand gelehnt, Cats Schätze, ihre Bücher, aufgereiht. In der Mehrzahl Bildbände, Kunstbände. Viele Renaissance-Klassiker und noch viel mehr Contemporary Art, moderne Architektur und modernes Design. Über dem Jugendstilsofa hing eine Original Andy Warhol Lithografie. Joseph Beuys, Cats Kunstidol, mit Hut und festem Blick, in nummerierter Auflage. Ihre Mutter hatte die Lithografie über Umwege und einen befreundeten Galeristen besorgt. Es war Cats Konfirmationsgeschenk, ihr Stolz, die Seele ihres Zimmers. Ganze Nachmittage verbrachte Cat damit, in ihren Kunstbänden zu lesen. Selbst traute sie sich nicht, einen Pinsel in die Hand zu nehmen, oder einen Stift, eine Bleistift, einen Marker. Im Atelier war alles vorhanden. Ihre Mutter hatte es ihr oft angeboten. „Wenn du malen willst, zeichnen, Ideen hast, dann steht dir mein Atelier jederzeit offen. Geh runter, geh rein, nimm was du brauchst. Papier ist im Schrank, Stifte und Maluntensilien in den Schubladen. Ich würde mich freuen, einmal etwas von dir zu sehen. Dein Kopf muss voller Bilder sein. Lass sie raus, Catherine.“ Cat reagierte nicht auf das Angebot ihrer Mutter, sie ignorierte es. Sie. Nach außen. In ihr tobte längst ein Kampf. Gerne hätte sie es ausprobiert. Aber sie hatte einen besonderen Ehrgeiz entwickelt, eine Vorstellung von Perfektion. Sie wollte nicht kopieren, nicht einfach an Themen anschließen, sie aufnehmen, variieren. Sie wollte ihre eigene Kunst.

Heute ist Zartertag!

Hä? Niederländer mit Rechtschreibe-Problemen? Samstag, Zaterdag? Nö. Zartertag, so wie Vatertag oder Muttertag. Alles ist zart. Weich. Weichei oder was? Ja, genau. Exaktemento. Habe heute überhaupt keine Lust auf Härte, Business, Ellenbogen, Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Effektivität und den ganzen Trallala. Abgrenzung, Abschätzung, Rüdenbeschnüffelung. Komme gerade von draußen. Die Welt ist eingefroren, die Sonnenstrahlen heben sich leicht über den schneebedeckten Boden. Ein halber Mond schaut vom Himmel herab auf alles drauf. Fließende Übergänge. Hart gefrorene weiche Welt.

Der komische Mann neben mir…

… ist weder mein Alter Ego, noch meine Stimme aus dem Off. Gestern auf dem Flug nach Berlin. Ja, wir waren gestern ganz nebenbei mal schnell in Berlin. Super-Hyper-Kulminationstag. Alles kommt zusammen. Zoe krank, spuckt. Um 14 Uhr ging der Flieger. Präsentation vor Ort. Die Nacht nicht geschlafen. Morgens Jobs auf dem Schreibtisch. Und nebenbei ein wenig bloggen. Jim hat dann auf Zoe aufgepasst, die mittags dank Okoubaka – behaupte ich jetzt mal – wieder so weit fit war, dass sie ihrem Bruder eine Pizza in den Ofen schieben konnte.

Maria!

Maria? Ihr glaubt jetzt, ich verfalle dem Weihnachtswahn und ergehe mich in Krippenspielen? No. Maria ist unsere Heilpraktikerin, die unsere Familie seit einigen Jahren betreut. Ela hat sie entdeckt. Das Thema Gesundheit liegt in unserer Familie bei Ela in guten Händen. Und Ela als Gesundheitsministerin der Alten Schule hat sich für Maria entschieden. Maria war früher Bäuerin, lebt auf einem Hof in der Nähe und führt heute äußerst erfolgreich ihre Praxis. Neue Patienten/innen nimmt sie schon lange nicht mehr auf.

Mittwoch habe ich meinen Botox-Tag!

Gestern Nachmittag habe ich Jim aus der Schule abgeholt. Er hatte noch Gitarrenunterricht und danach fährt kein Schulbus mehr. Er probt für Jugend musiziert ein Stück von Metallica und eines von Pink. Also 25 Kilometer bis zur Schule und zurück. Landleben. Weil wir ein sehr schönes, zeitlich aber enges Wochenende hatten, waren wir nicht zum Einkaufen gekommen. Und weil ein Supermarkt auf der Strecke liegt, der neben dem Bioladen zu unseren Einkaufsquellen gehört, bin ich da kurz rein. Einmal durch, alles reingeworfen und wieder raus. Im Düsenjäger-Modus. Gibt es das Wort Düsenjäger noch?

Lauter nackte Menschen.

Ein Fifty-fifty-Wochenende. Die Kinder waren bei der Oma Kekse backen, Ela und ich hatten frei. Allerdings sind wir Freitagabend gleich getrennte Wege gegangen, weil wir uns schon lange vorher verschieden verabredet hatten. Ela mit Kurt zum Tanzen, ich mit den Fußballjungs zum Zug durch die Kölner Altstadt. Da haben wir einen gemeinsamen Abend ohne Kinder und sind dann auf getrennten Wegen in Köln unterwegs. Aber der Abend hat trotzdem viel Spaß gemacht, auch wenn ich viel zu viel Bier getrunken habe und tatsächlich am Samstagmorgen unter Kopfschmerzen litt. Der Wetterwechsel, von warm auf kalt. Ts.

Der Flieger von Maarten ‚t Hart


Gestern Morgen begegneten mir oben über dem Dorf auf dem Weg zum Mühlenberg diese Stare, die sich als letzte vom Acker machen und nach Mallorca oder sonst wohin abfliegen. Sie saßen oben im Baum und unterhielten sich. Es herrschte eine intensive Stimmung, wie ihr an dem Blau erkennen könnt. Die blaue Stunde gibt es also auch am Morgen. Am Abend dann schnappte ich mir meinen alten niederländischen Freund Maarten ‚t Hart. Besser gesagt, eines seiner Bücher. Ein sehr spezieller Autor, der es einem nicht immer ganz leicht macht. Irgendwann bin ich auf sein Buch „Das Wüten der ganzen Welt“ gestoßen. Es hatte einen elend langen Einstieg, in der es um die Tristesse armer niederländischer, streng religiöser Trödler ging. Hört sich nicht gerade sexy an. Aber das Buch ist so gut geschrieben, das es allein mit der Sprache fesselt und dann noch in eine moderne, ausgesprochen feinfühlig gesponnene Handlung führt. Mittlerweile habe ich alle in Deutschland erschienenen ’t Harts gelesen. Bis auf einen.

Romantic Days!

Ewa hatte gestern im Brigitte Woman Blog auf meinen Darling und Bjørnstad Artikel reagiert und in einem Kommentar wunderbar beschrieben, wie sie die letzten sechs Wochen des Jahres entspannt, genussvoll und frei angeht. Hundertprozentig genau so, wie sie sich das vorstellt. Ganz ihrer Stimmung entsprechend. Alles kann, nichts muss. Aber: Kein Stress. Hat mich schwer beeindruckt dieser Kommentar.

Projekt Elaine (Teil 9)

„Wie hast du es ausgehalten, nur dort zu sitzen und nie etwas zu sagen?“, fragte Susanne. Es war ein Spätsommertag und Cat und Sue waren nach der Schule in die Villa gegangen, um sich gemeinsam zurückzuziehen und zu lernen. Die Sonne stand auf der anderen Seite des Hauses, so dass es einigermaßen kühl und angenehm im Zimmer war. Für Sue war das alles immer noch neu. Sie war jetzt seit einem Monat in dieser Stadt und fast genauso lange kannte sie nun Cat, aus der sie nicht schlau wurde. Wie konnte man so sein? In der Öffentlichkeit sprechen, keinen Kontakt aufnehmen, der Welt den Rücken zukehren. Sue zog das an. Nach dem Kennenlernen im ersten Blick vorne in der Schulbank, diesem viel zu lange dauernden Moment, hatte sie Freundschaft geschlossen. Ihrer Mutter hatte sie erzählt, dass es in der Klasse ein Mädchen gebe, das ein wenig Großstadt sei, ein wenig Berlin, Geheimnis, verrückt, anders. Das hatte Sue von Anfang an gefallen, auch wenn sie vieles nicht verstehen konnte. Ab und an versuchte sie mit Fragen etwas zu erfahren, meistens liefen die Fragen ins Leere. Als wüsste Cat nicht zu antworten, als würde sie es selbst nicht wissen. Oder als wolle sie einfach nichts sagen.

Darling und Bjørnstad

Guten Morgen. Die Uhr am Rechner zeigt 8:00 Uhr. Komme gerade vom Meditieren und gleich geht es mit Cooper raus. Heute Morgen bin ich in einer wahrlich melancholisch weichen Stimmung. Diese Woche ist Ela, meine Liebste, dran, mit den Kindern aufzustehen. Wir wechseln im Wochenrhythmus. 6:00 Uhr ist einfach sehr früh. Ich lag noch in meinem Bett und hörte diese ganzen Geräusche. Die Stimmen. Zoe, Jim, Ela. Coopers Krallen auf dem Holzboden. Tipp, tipp, Tipp. Das Frühstück, das Lachen, das Aufsetzen der Tassen auf dem Holztisch. Das Rauschen der elektrischen Zahnbürsten nebenan und das irgendwann immer kommende „Wir müssen los“. Der Bus wartet nicht.

Schmetterling, Cooper, Fischrettung

Seid ihr schon einmal von einem Schmetterling geweckt worden? Gestern Morgen flatterte einer bei mir am Schlafzimmerfenster und wollte raus in die warme Novemberluft. Zuvor hatte er wochenlang in einer Zimmerecke gehangen und uns war nicht ganz klar, ob er schläft oder gar nicht mehr lebt. Er lebt. Ich habe ihn dann ganz vorsichtig genommen, ohne mit den Fingern an seine Flügel zu kommen, und habe ihn dann draußen fliegen lassen. In einen schönen blauen Novemberhimmel mit weißen Wolken.

Projekt Elaine (Teil 8)

Cats Zimmer war zu ihrer Zuflucht geworden, nachdem sich Cats Vermutung, dass sie und Susanne Freundinnen werden würden, auf den ersten Blick bestätigt hatte. Susanne verbrachte seither einen Großteil ihrer Zeit in der Villa am Stadtrand. Manchmal schlief sie auf dem großen, alten Jugendstilsofa in Cats Zimmer. Als Susanne das erste Mal in die Klasse kam, eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn, war sie von allen beäugt worden. Die Neue. Sie hasste das Gestarre in dem Augenblick, die oberflächlich bewertenden Blicke, den ersten zählenden Eindruck. Was wussten all diese Augen schon von ihr. Die Lehrerin begrüßte sie, winkte sie nach vorne, um sie der Klasse vorzustellen. „Du bist Susanne Schuhmacher. Darf ich vorstellen, eure neue Mitschülerin. Setz dich vorne zu Catherine und dann komm erst einmal an. Herzlich willkommen.“

Sweet Dreams are made of this!

Während ein Sturmtief über Deutschland fegte, um unsere Köpfe frei und unsere Verklemmungen wegzublasen, während in Köln der Bär am Alter Markt tobte (endlich, endlich…), zog in unserem Dorf eine kleine Schar Unerschrockener los, eine alte Tradition zu begehen. „Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…“ Von Haus zu Haus. Die Kinder mit Laternen und Fackeln vorne, die Paps und Mams als grooviger Backround-Chor dahinter. Dieses Mal bei einem Wetter, das einem die Schuhe ausgezogen hat. Wind, Sturm, peitschender Regen. Der Mann am Boden hat nur Lumpen an, Brrrr. Herrje.

Bär, tanzt in mir

für filo

Im Nebelmantel
der kratztanzende Bär
mit plumpstoßenden Tatzen
im Wirbel der Blicke

Stoße dich weg
mit der Faust
auf die Brust
die Striemen
der Krallen
egal

Du glaubst
du bist stark
Tanzbär

Mit Kraft aller Welten
schnapp ich deine Kehle
und halt dich umschlossen
im friedlichen Kuss

Wir werden uns drehen
kratzpfotiges Wesen
und Streifen am Boden
gemeinsamer Zeit
hinterlassen

Du trottest
gehst weg
ich weine
um dich
deine Augen
dein Blick
dein felliger Körper
die Schwere
der Taten