Der komische Mann neben mir…

… ist weder mein Alter Ego, noch meine Stimme aus dem Off. Gestern auf dem Flug nach Berlin. Ja, wir waren gestern ganz nebenbei mal schnell in Berlin. Super-Hyper-Kulminationstag. Alles kommt zusammen. Zoe krank, spuckt. Um 14 Uhr ging der Flieger. Präsentation vor Ort. Die Nacht nicht geschlafen. Morgens Jobs auf dem Schreibtisch. Und nebenbei ein wenig bloggen. Jim hat dann auf Zoe aufgepasst, die mittags dank Okoubaka – behaupte ich jetzt mal – wieder so weit fit war, dass sie ihrem Bruder eine Pizza in den Ofen schieben konnte.

Aber zu dem komischen Mann. Der saß im Flieger auf der anderen Seite des Gangs. Allein. Ein älterer Herr, schwarze Aktentasche, Nadelstreifen-Anzug, Camelhaar-Mantel, englisches Schuhwerk, lichtes Haar, Brille und einen Wust Papiere auf dem Schoß. Ganz normal. Forschung, Business, irgendsowas. Dann ging die Show los. Flugzeit Köln – Berlin so rund 50 Minuten. Als wolle er jede Sekunde dieser 50 Minuten ausnutzen, legte er los. Zunächst öffnete er eine Kladde mit einem Manuskript. Alles voller Korrekturen. Durchgestrichen, drüber geschrieben, wild. Neben den Korrekturen alles voller Post-its, diese leuchtenden Klebezettel für das Aufpappen von Extrainformation. Was der DIN-A4 Zettel nicht mehr aufnimmt, schluckt der Post-it-Zettel. Ich dachte: Respekt. Viel Information, alles anlaog, steht da schwarz auf weiß und es hatte den Anschein, als wüsste der Mann, was da alles so steht. Ich hätte längst nicht mehr durchgeblickt. Plötzlich schrieb er dann wie wild. Ich zuckte jedes Mal auf, wenn er mit einer neuen Tätigkeit begann, weil er alles im fahrigen Hypertempo vollzog. Brüche, Kannten, körperliche Explosion. Unwirsch, ruckartig, getrieben, verzweifelt schnell. Ich begann mich zu fragen: Was ist denn das für einer?

Er ließ den Text offen liegen. Den Text aus der Kladde, die eine von vielen Kladden war. Er holte einen Stapel Zeitungen heraus und begann, sie wie wild durchzublättern. Zerrte an den Seiten, damit sie schneller umschlagen. Durchkreuzte im Vorbeiflug mit dem Kugelschreiber einzelne Artikel, andere riss er heraus. Als würde ein Wolf sein Zähne in die Beute schlagen. Ratsch, ratsch auf einen Stapel. Die gefledderten Zeitungsreste in das Netz des Nachbarsitzes. Dieses Ratschzack-Geräusch ging mir jedes Mal durch Mark und Bein, weil es so gewalttätig ausgeführt wurde. Ich dachte: Ja, is’ ja Terroralarm. Da kann man schon Mal terrorisiert werden. Ich meine, das war ja nicht die Absicht des Mannes. Er war in seinen fünfzig Minuten. Zwischendurch dann wieder an eine andere Kladde. Gleiches Schauspiel. Streichen, schreiben, kleben. Und wieder Zeitungen. Tageszeitungen, Illustrierte. Dann ein Manuskript mit Zeichnungen. Ein Wust an Information, Projekten. Und das Highlight: Ein Adressbuch. Dick, prall. Er öffnet es. Eine Doppelseite voller rosa Post-its. Alle voller durchgestrichener Telefonnummern. Außer drei.

Der Flieger landet. Wir stehen noch nicht, da fliegt das Adressbuch auf, ein Blackberry wird aus dem Jacket gerissen. Eine der Nummern gewählt. Nix. Schon durchgestrichen. Abgehakt. Die Nächste. Wir stehen auf. Er rafft seine Sachen, die Kladden, die ausgerissenen Artikel verschwinden in der schwarzen Aktentasche. Das Blackberry am Ohr. Er zwängt sich auf engem Raum in seinen Mantel. Drängelt ein wenig. Verlässt vor uns den Flieger. Fliegt davon. Was war das? Ein komischer Mann neben mir. Eigentlich hatte ich schlafen wollen, aber solchen Schauspielen des Lebens kann ich mich einfach nicht entziehen. Das hätte man nicht inszenieren können. Oder es hätte einem niemand geglaubt. Extrem guter Schauspieler, ganz in seiner Rolle.

Euch viel Spaß heute mit euren Schauspielen des Lebens. In der großen weiten Welt gibt’s ja immer genug zu gucken. Zoe ist übrigens wieder fast fit. Liegt im Ofenzimmer und genießt das umhätschelt Werden. Jim hat sich gestern bestens um sie gekümmert. Oder umgekehrt. Wir haben tausend Mal zwischendurch angerufen. Schlechtes Gewissen. Krankes Kind ohne Mama und Papa zu Hause. War aber alles O.K. Puh. Ciao.

4 Antworten auf „Der komische Mann neben mir…“

  1. Herrlich. Vielen Dank für die schöne Geschichte. Es gab mal eine Zeit, da war ich öfter mit dem Flieger unterwegs und wenn es nicht gerade frühmorgens war und ich noch die halbe Stunde Schlaf einfach brauchte, da habe ich immer die anderen Fluggäste beobachtet. Der Fliger erschien mir dann als geschützter Raum, Menschen taten Dinge, deren sie sich wahrscheinlich gar nicht bewusst waren, dass viele andere es sehen konnten. Als wenn die enge Röhre des Flugzeuges ihnen Schutz bietet. Immer wieder interessanr, wobei mir ein „Exemplar“, wie du es beschreibst nie begegnet ist.

    1. Hi Raoul,

      gerne geschehen. Die sache mkt dem Flieger ist schon komisch. Die Menschen sind da wirklich anders. Ich schaue den Schauspielen einfach so gerne zu. Bin jetzt aber froh, erst einmal nicht mehr fliegen zu müssen.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    gar nicht so leicht, das kranke Kind Zuhause zu lassen. Aber mit dem großen Bruder hat das ja gut geklappt. Die zwei haben scheinbar gute Teamarbeit geleistet, ohne die Eltern. Geht doch!

    Und Sherlock Holmes war ohne Mr. Watson unterwegs. Deine Schilderung – sehr detailgetreu – über den 50-Minuten-voll-auskostenden-Hektiker war einfach umwerfend. Muß ein faszinierendes Schauspiel gewesen sein, live, ohne Regisseur. Solche „Kleinigkeiten“ bereichern den Alltag, lassen uns lächeln.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Anngret,

      genau an dem Tag. Flüge gebucht. Enger Zeitrahmen. Große Aufregung wegen der Präsentation. Kommt unsere Arbeit an… Und dann: Achja, ich bin ja Papa. Mussten wir jetzt durch und hat gut geklappt. Die beiden waren ein gutes Team und auch stolz, diese Herausforderung gemeistert zu haben. War ja auch letztlich nicht so schlimm, weil Zoe wieder soweit fit war. Der Mann gestern war schon der Burner. Einfach irre. Und ich weiß nicht, was der da eigentlich gemacht hat. Miste. Zu neugierig aber auch…

      Liebe Grüße

      Jens

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