On Mars Q2

Durch die Fenster ohne Scheiben
Das Licht in den Garten
Der keiner ist

Die Kunst an der Wand
Hängend
Versteift
Begreifen suchen

Der Strommast
Ohne Kabel
Als Büste
CUT

Rundgang
Rund
Rundgang

Am hellichten Tag
Auf offener Flamme
Das Wesen geröstet
All das
Was schön ist

Unter Verrätern leben
Arschgeigen
Knorrigen

Gewalt ausüben
Ende setzen
Dem Strommast

Das Kabel

Wie er dort steht
Oben ohne

Fingerübungen des Begreifens
Ich verstehe es
Nicht

Offenes Nichts
Wird Zeit
Abzuheben
Komplikationen zu Lebzeiten

sEPTEMBER 2020

WEIGERUNG P4

Dekonstruktion

Auflösung Alltag

Das Geschrei

Widerlich

Einmal einfach
Still

Erklärungen
Fuck you
Danke

Still

Babel
Kakophonie
Der Zeit

Gesalbte
Opfer
Gekrönte

Schmierige Argumentation
Aus Kartons
Von Paletten
Regalen
Schubladen
Setzkästen
Schiebesystemen
Tupperware
Gefrierbeuteln

Der Auftakt
Erstes Wort
Erster Ton

Ende
Fullstop
Mehr kommt nicht der Horizont ist die obere Kante des Laptops

Ein Virus
Denken an Krücken

Piss off

sEPTEMBER 2020

Liebeserklärung an die Stadt Köln und raum13

IHR SCHREIBT GESCHICHTE!

Wer hätte jemals für möglich gehalten, was gerade in Köln geschieht?

Eine Stadt stellt sich auf die Seite der Kunst und auf die Seite eines Kunstprojektes, dass sich wie David gegen Goliath gegen eine vermeintliche Übermacht aufstellt.

Veedel gegen Investoren.

Bislang schienen Investoren sakrosankt. Die investieren, kommen mit Geld, gestalten quasi kostenlos. Man muss sich um nichts kümmern. Stadtentwicklung all inclusive. Kleiner Nachteil: Es gibt nur die billigen Getränke. Muss sich ja rechnen. Das ist so eine Art Fake. Alles sieht proper und geschniegelt aus. Die Facility Manager kümmern sich um fein gemähte Rasenflächen und die Mülltonnen sind irgendwo schön versteckt. Städtische Idylle im oberen Kauf- und Mietpreissegment. Weshalb also der Vergleich mit den billigen Getränken?

Weil etwas fehlt, was viel mehr kostet als Fassade!

Inhaltlichkeit, Menschenorientierung, Entwicklung entlang den Bedürfnissen einer Stadt und ihrer Menschen. Weshalb ist es denn so schön in Nippes und Ehrenfeld? Weshalb leben denn die Menschen dort so gerne? Weil da was los ist. Weil das lebendige Viertel sind. Weil sich da Kulturen treffen. Weil da die Dönerbude und die Kölschkneipe lebendig nebeneinander koexistieren. Dat is Kölle. Das macht Köln zu dieser wunderbar sympathischen Stadt.

Feiert mal Karneval auf der Neusser. Und dann feiert mal Karneval unter den Kranhäusern. Gute Nacht, Marie. Kannste knicken. Und wie wird das wohl zukünftig auf der anderen Seite sein? Da wo die alten Industriegebäude standen? Da wird gerade viel betoniert. Stahlbeton als Fundament einer neuen Lebenswelt für gut Betuchte. Ein Reichen-Ghetto. Da kommt dann irgendeine Schickimicki-Gastronomie hin, die Stimmung bis zum Abwinken garantiert.

Und nun zur Liebeserklärung:

Kölle, du min Stadt, du min Hätz. Was hast du mich überrascht. Ich muss mich bei dir entschuldigen, weil ich skeptisch war, ob du das mit dem Otto-Langen-Quartier kapierst und ob du richtig reagierst. WOW! Was für eine Performance in den letzten Monaten. Was für bahnbrechende Entscheidungen, die in ihrer Größe und Bedeutung kaum zu fassen sind.

Du hast dich entschieden, die Flächen des Otto-Langen-Quartiers per Vorkaufsrecht zu übernehmen. Das war schon großes Kino. Aber dann bist du noch einen Schritt weiter gegangen und hast eine Resolution verfasst, in der du raum13 zum Ankerpunkt der Entwicklung im neuen Otto-Langen-Veedel machst.

Die Politiker*innen deiner zauberhaft wunderbaren Stadt haben, wie im Märchen, fraktionsübergreifend gemeinsam (bis auf die immer-sowieso-gegen-alles-kopf-in-den-sand-und-merkel-muss-weg-hinderer-politikvermeider) entschieden und eine Resolution verfasst.

Ladies and gentlemen, so geht Geschichte. Ich erlaube mir zu zitieren:

„Die oben genannten Fraktionen, Gruppen und Einzelvertreter des Rates der Stadt Köln:

1. …

2. sprechen sich dafür aus, dass raum13 — Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste weiterhin den Ankerpunkt im ehemaligen Hauptverwaltungstrakt der Gasmotorenfabrik Deutz für eine ganzheitliche Entwicklung des Otto-Langen-Quartiers in einem gemeinwohlorientierten Nutzungsmix aus Wohnen, sozialen, kulturellen und gewerblichen Nutzungen bilden und dies auch unter Berücksichtigung der besonderen Rahmenbedingungen des Denkmalschutzes. 


3. streben für die Stadt Köln oder eine mit ihr verbundene Entwicklungsgesellschaft spätestens über die Anwendung des besonderen Vorkaufrechtes den Kauf und somit die Sicherung der unter 3. ausgeführten Ziele und Rahmenbedingungen an.“

Hat es das schon gegeben?

Das ist groß. Das ist sehr groß. Das hat Bedeutung.

Die viertgrößte Stadt Deutschlands setzt Gentrifizierung Grenzen. Sie schreit in die Welt! Sie sagt: Wir wollen es anders als bisher machen. Sie vertrauen dem Kunstkollektiv raum13. Sie setzen ein Zeichen, das Wellen schlagen wird. Der Blick richtet sich nach Köln. Wie läuft das da? Was passiert da? Ist das ein alternativer, ein besserer Weg?

Köln hat sich mit dieser Entscheidung, so sie tatsächlich und letztendlich umgesetzt wird, zurückgemeldet und einen Anspruch formuliert. Wir wollen unsere Stadt selbst gestalten. Wir wollen eine lebendige, lebenswerte Stadt gerade auch dort sein, wo Neues entsteht bzw. Altes bewahrt wird.

Viele werden kommen und schauen. Viele werden berichten. Viele werden über das „Modell“ Köln sprechen. Politiker*innen anderer Städte werden sich fragen: Sollen wir es wie in Köln machen?

Mit der Entscheidung hat sich Köln entschieden, ein Leuchtturm in Sachen Stadtentwicklung zu sein. Dafür liebe ich diese Stadt nur umso mehr. Congratulation, Respekt! Endlich Champions League:)

Und raum13?

Ach Anja, ach Marc. HOPE! haben wir einmal gesagt. Dran glauben. Dranbleiben. Einstecken, weitermachen. Hoffnung nicht verlieren, arbeiten, Möglichkeiten aufzeigen, eine Vision entwickeln.

Neun Jahre habt ihr geschuftet, geackert, Überzeugungsarbeit geleistet, begeistert. Ihr habt eine unbändige Energie, mit der ihr die Geschichte der Stadt Köln ein Stück verschoben habt. Einen Tick auf eine neue Bahn.

HOPE!

Da geht was. Welt ist nicht immer so, wie wir sie sehen. Es ist nicht, wie es gerade ist oder zu sein scheint. Der Staus quo steht auf einem wackeligen Sockel. Es ist, wie wir es wollen. Und wenn am Anfang nur steht: Es soll anders sein. Wenn es nur darum geht, den Standard aufzuhalten, weil er nicht gut ist.

Ihr habt gezeigt, dass es anders geht. Ihr habt Geduld bewiesen. Und vor allem: Weitblick.

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen? FUCK.

Der soll daran glauben und die Welt zu einem schöneren Ort machen.

Das habt ihr getan. Ihr habt einen Ort, der so historisch, so wichtig ist, vor der Abrissbirne gerettet! Ihr habt eine Fläche, die Millionen, Millionen, Millionen von Euro wert ist, den Plattmachern entzogen, um sie den Menschen und dem Leben in der Stadt Köln an die Hand zu geben.

In Markenworkshops suchen wir stets nach dem WHY. Dem wahren Antrieb. Der tieferen Bedeutung von Unternehmen auch für Gesellschaft. Unternehmen, die etwas bewirken wollen, die der Menschheit etwas geben wollen fernab von Profit, sind immer die besseren, geschätzteren Unternehmen.

In der Immobilienbranche, bei den Projektentwicklern scheint es das WHY nicht zu geben. Die haben nur das WAS sie machen und das WIE sie es machen. Kaufen – abreißen – hochziehen – vermieten – verkaufen – Rendite einstreichen. Klingt so langweilig wie das, was ohne WHY entsteht. Weshalb sollten die an einen Fahrradladen denken? Oder an einen Unverpacktladen? Oder eine Krabbelgruppe? Oder einen Proberaum? Oder eine Theaterbühne? Oder einen PC-Reparaturladen? Oder einen Schuster? Oder einen Buchladen? Oder einfach einen Treffpunkt für Menschen? Oder eine Kölschkneipe? Kommt im Investorendenken nicht vor. Ist nicht im Mindset, in der Gedankenwelt. Bringt nix.

Hat man aber ein WHY wie raum13, denkt man an das Wohl der Menschen, dann hat man auch Argumente, die am Ende des langen Überzeugungswegs gepunktet haben. Ein lebendiges Viertel. Für Menschen gemacht. Mit dem, was sich Menschen wünschen. So, wie Menschen leben wollen. Schön, nett, durchdacht. Mit allem, was die Menschen brauchen. Es geht darum, Menschen, Kölner*innen glücklich zu machen. Über einen partizipativen Prozess. Transformation durch das Einbinden der Menschen, die in dieser Stadt leben. Die wissen, was sie für ihr Glück brauchen. Die das sagen, formulieren und in die Diskussion geben. Nur dann kann entstehen, was echt ist.

Letztlich einen Ort schaffen, an dem man auch Karneval feiern kann. Und alles andere tun kann, was mit Veedel zu tun hat. Diese Stadt hat eine Historie. Diese Stadt ist besonders. Diese Stadt hat es verdient, ihr Glück zu mehren, ihre Menschen zu ehren und der Welt zu zeigen, dass es auch anders geht.

Ihr habt es geschafft, Anja, Marc, raum13 mit all euren Helfer*innen, Unterstützer*innen, Fans, die Weichen zu stellen, das Fundament für Entwicklung zu bauen. Mit all den wunderbaren Menschen, die ihr um das Projekt geschart habt. Mit all den Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Architekten*innen, Politiker*innen, Kulturschaffenden, Denker*innen, helfenden Händen.

Dafür liebe ich euch. Dafür liebe ich raum13. Ihr gebt Hoffnung, auch mir.

Jetzt bleibt nur noch, die letzten Schritte zu gehen, bevor das einzigartige, wunderbare, formidable Projekt seine Arbeit vollends aufnehmen und finalisieren kann.

Erstens: Möglichst die Räumungsklage überstehen. Der Noch-Besitzer schachert und will raum13 raus haben. In der Annahme, das würde die Preisverhandlungen mit der Stadt Köln positiv beeinflussen? Keine Ahnung. Wahrscheinlich geht es um Geld. Rendite. Immobilienmensch ohne WHY. Nur irgendwie – Kohle machen. Schade, dass er auf der falschen Seite der Geschichte steht und in den Geschichtsbüchern der Hinderer sein wird. Der, der die Knüppel zwischen die Beine wirft. Er könnte sich einbringen, er könnte die Seiten wechseln, er könnte seinem Herz einen Ruck geben, er könnte mitmachen. Mach doch.

Zweitens: Schnell kaufen, liebe Stadt, damit es losgehen kann und raum13 seine Energie nicht für sinnlose Prozesse verballert. Die Zeit für all den Quatsch ließe sich kreativer nutzen. Lasst raum13 schnell durchstarten. BITTE:)

Lang geworden der Text. Hat sich einiges aufgestaut. Aber die Liebe muss eben raus.

Wenn ihr was für raum13 tun möchtet, dann schreibt über das Projekt. Postet in den Social Media, geht auf die raum13-Seite und informiert euch über Veranstaltungen und Aktionen. Macht mit bei einem großen Projekt. Werdet Teil von etwas Großem. Geht hin! Ihr seid alle willkommen. Es ist so außerordentlich spannend und erwärmend, dort vor Ort zu sein. Ihr solltet euch einen Gefallen tun und mal reinspüren. Lohnt sich.

Hier der Link zu raum13: https://www.raum13.com

Karl Henckel, August Schönlau, die Kunst, die Photographie, die verwunschene Vergangenheit

Und alles, was man ist, summiert sich aus den Tagen zuvor.

Geräumt.

Das Haus meiner Eltern, meiner Mutter. Die Vergangenheit gefleddert. Hoffentlich, war sie beschäftigt und hat nicht zugesehen. Der Weg allen Irdischen. Am Ende des Lebens steht der Container. Das wahre Grab. Stahlblech, mit dem Haken vorne zum Aufladen und praktischen Abkippen. Alles gehen lassen, alles auf einen Haufen. Zermalmen, die Geschichte, Vergangenheit in einen Einheitsbrei verwandeln.

Drei Brüder.

Der Jüngste, der Held in der Geschichte.

Gekämpft, geheult, verzweifelt, überlegt, abgesprochen, gehofft, gefahren. Seit Dezember 2018. Diese erste Nacht durchgestanden.

Wir hatten keine Chance, wir konnten nichts tun, mussten dem Abschied, dem allmählichen Sterben zusehen. Es hat uns zusammengeschweißt. Ich weiß jetzt mehr denn je, was ich an ihnen habe. Was wir aneinander haben. Wie stark wir sind. Was wir können. Als Brüder, als Familie.

Das Haus geräumt, der Vergangenheit begegnet, unserem Leben damals in unserem Elternhaus. Wenn man jeden Gegenstand kennt, den man aus dem Fenster in den Container wirft. Wenn man Skrupel hat, wenn es einem weh tut, das zu tun. Wenn man sich fühlt, als würde man Verrat begehen am vergangenen Leben der Eltern.

Nun.

So läuft das, so ist es gut.

Polterabend, Scherben bringen Glück. Die Kaffeekannen der Konfirmationen. Tschüss.

Zu viel. Erinnerung.

Alles was wir wegwerfen, haben alle von uns angefasst. Irgendwann einmal in der Vergangenheit.

Ich bin ein wenig das Geschichtsbuch der Familie. Das ist so, wenn Literaturgeschichte die Herkunft ist. Einordnen. Die Jungs wollten die Bilder, die Vergangenheit nicht. Für mich waren sie die Missing Links in meiner Herkunft, die ich versuche, zusammenzutragen.

August Schönlau, lippischer Hofphotograph. Mein Urgroßvater. Gestorben 1939 in einem Cafe in Bad Salzuflen bevor der Spuk losging. Mein Vater, Rolf Schönlau, war dabei. „Er ging auf die Toilette und kam nicht zurück.Plötzlich rief eine Bedienung.“

Mein Vater, Rolf Schönlau, Augusts Enkel starb 2012 im Flur eines Restaurants. Ich habe gute Chancen, die Welt in einem gastronomischen Betrieb zu verlassen. Wäre O.K.

August Schönlau kannte Karl Henckel. Beide stammen aus dem lippischen Horn. Ich weiß nicht, ob sie Freunde waren. Klaus Henckel hatte in Dresden Kunst studiert und war in seine lippische Heimat zurückgekommen. Er malte Landschaften. Eine hing bei meiner Oma im Esszimmer. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein großes Bild mit Wachholdern. Ich mochte es als Kind.

Karl Henckel malte meinen Urgroßvater, den Mann mit dem Hut, der eine Blume im Revers trug. Ein feiner Mann. Meine mich plagende Sensibilität, diese Dünnhäutigkeit der Schwere des Lebens gegenüber glaube ich, bilde ich mir ein, von ihm zu haben. Das Gemälde hat meine Cousine, sie hat mir ein Foto geschickt. Ich möchte keinen anderen Urgroßvater, keine andere Herkunft haben. Es ist eine feine Linie väterlicherseits. Über meinen Großvater schreibe ich wenig, das fällt mir schwer.

Nationalsozialist, Kassierer, Russland, Gefangenschaft, spät zurückgekommen, Entnazifizierung, Bäume fällen für die Engländer, Rückkehr, Darmkrebs. In einem unserer letzten Gespräche erzählte mir mein Vater, wie sein Vater zurückkam. 1949, 1950. Völlig ausgemergelt. Wie er wieder weg musste, wie er wieder zurückkam und der Darmkrebs ihn zerfraß und mein Vater ihn pflegte. Und wie ihn sein Vater, als er noch konnte, aus Hamburg abholte, wohin mein Vater auf der Flucht vor dem Gymnasium hin abgehauen war. Dramatische Zeiten. Im rauen Haus war er. Über das Meer weg wollte er.

Auf dem Bild oben ist mein Großvater. Rechts, der Matrose. Links daneben sein Bruder in Mädchenkleidern. Die Eltern hatten sich eine Tochter gewünscht. Nun. Rudolf und August-Wilhelm.

Und dann war da noch ihr Bruder Hans-Martin, der 1943 gestorben ist bei einem Testflug. Karl Henckels hat ihn gemalt. Ich denke, ein Freundschaftsdienst.

So begegne ich meiner väterlich männlichen Linie. August, August-Wilhelm, Rudolf, Hans-Martin, Rolf Schönlau. Die Bilder stehen nun als Ahnengalerie in meinem Büro. Ich fühle mich den Männern meiner Vergangenheit verbunden. Auch Heinrich, dem Vater meiner Mutter.

Es war gestern ein emotional intensiver Tag.

Ich weiß noch nicht, wie ich mit all dem umgehen werde. Wohin ich all das packe. Es ist sehr aufwühlend und hat mit mir zu tun, mit der eigenen Seele und ihrer Herkunft. Ich habe viel erfahren in den letzten Monaten. Über mich, über das Leben.

Bekommst du Kinder, wirst du Vater, wirst du erwachsen. Sterben deine Eltern, Mutter und Vater, hebst du ab. Fliegst losgelöst. Mal sehen, was jetzt kommt. In mir ist eine unendliche Ruhe und Unaufgeregtheit.

Crazy Corona Cabaret Cöln furioso and a star is born CHRIS $ CRASS

Hey.

Was war das, bitte schön?

Im Blog hatte ich über diesen fulminanten Abend in Köln mit dem Cabaret Cöln und der Party im Anschluss bei Norbert geschrieben. Leben at it’s highest. Knallgas. Vibration. Roaring times.

Danach das Halsband, der Käfig, die Handschellen, das dicke Seil um den Fuß. Rien ne va plus. Eingefroren, frozen people. Mehr oder weniger. Manchmal mehr, manchmal weniger. Black Dark Corona Lady. Wenn’s doch nur ein Drink wäre.

Ich fing gerade an, hier in der Idylle des ländlichen Frühlings in der Hängematte wegzudösen. Abhängen als Faultier im Winterschlaf und warten auf Irgendwas. So tun, als wäre nichts. Die Bäume sehen aus wie immer, der Kräutergarten entwickelt sich. So what? Is schon schön.

Auf Dauer verhungere ich im Schlaraffenland.

Das Schönste, was in den letzten Wochen geschehen ist, passierte gestern Abend. 21 Uhr.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, versammeln Sie sich vor den Bildschirmen und erleben Sie ein Programm, wie es noch nie da gewesen ist. Pralles Las Vegas, das komprimierte Moulin Rouge, die gesamte Kraft des Cabaret versammelt auf einem Live-Instagram-Kanal.

Wie nur habe ich mich gefreut, sie zu sehen.

LUDVÌK
YESCOW
HYBRIS DAHOUT
LIVIANE Á D’OR
CHRISS CRASS &
CHANGDARC

Wahrscheinlich wissen sie es nicht, aber sie retten Leben in dieser dürftigen Zeit.

Sie haben ein Programm auf die Beine gestellt und es live über Instagram gesendet. Moderiert von der wunderbaren Changdarc.

Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und ich erwartete nichts, weil ich in meinem Leben noch niemals Cabaret über einen Instagram-Kanal live gesehen habe. Gerade erlebe ich viele Dinge, die ich zuvor nicht erlebt habe. Zum Beispiel Videochatten mit Kunden, die in ihrem Wohnzimmer sitzen. Chill mal.

Und nun das Cabaret Cöln vom Wohnzimmer aus. Aufs Sofa, einschalten, sehen, staunen, es nicht glauben, kurz vor Tränen.

Klar, das Lob gilt den Pfleger*innen, den medizinischen Kräften, den Kassierer*innen in den Supermarchés, die uns am Leben halten. Merci beaucoup. Und dann ist da aber neben dem Körper die Seele, die sich sehnt. Die erleben möchte, die hungert nach allem. Beschäftigung, Inspiration, gestreichelt werden.

Cabaret Köln.

Gerade rechtzeitig. Den Hunger stillen, den Durst nach Leben. Vielen Dank, euch.

Ich sitze dort und traue meinen Augen nicht. Wir Office-Menschen sitzen im Homeoffice, die Cologne Cabarettis bauen sich ihre eigenen Bühnen Zuhause. Stay at home, perform at home. Homestages.

Grandiosofurioso.

Changdarc begrüßte, leitete ein, sang, interviewte und war hübsch hinreißend wie immer. Es folgten grandiose Nummern. Eine neue Burlesque von der wunderbaren LIVIANE Á D’OR, LUDVÌK als Trucker zwischen den Welten. Hinreißend. Der Onkel aus dem Osten, der Hut und der Bart aus dem wilden Westen. Geschmeidiges Tanzen, spielen mit den Genre, flirten, Bier trinken. Die Kamera ganz nah, weit weg. Was alles möglich ist.

Der unglaubliche CHRIS $ CRASS. Ich kannte ihn nicht, und plötzlich schaue ich zu aus ungewöhnlicher Perspektive. Unter dem Bett her mit Blick auf einen Spiegel? Perücke, Brille, Minirock. „Ich bin Mann, aber trage auch gerne Highheels.“ Räkeln vor dem Spiegel, Lächeln im Interview. So sympathisch. So mutig. So leicht. Changdarc hält einen Zettel mit dem Namen hoch und schreibt Criss mit zwei S. Cris meint, nun, eigentlich nur mit einem S. Und Changdarc macht aus dem S ein Dollarzeichen und der neue Name ist geboren: Cris $ Crass. Make Dollars, Baby.

Barbara. Ihre Stimme. Sie dreht sich auf einer Plattform. Die kleinste Theater-, Oper-Drehbühne der Welt. Wo ein Wille, da ein Motor. Ihre wunderbare Stimme. Ich kenne sie so, das Bild erinnert mich an Duisburg-Ruhrort. Schachten & Ackern. Sie in dem Raum mit den Fäden. Alles verbindet sich. Es ist unglaublich, was diese Zeiten entstehen lassen.

Ich liebe das. Die Tiefe der Improvisation, die Möglichkeiten des Arrangierens.

Und dann Camila Scholtbach. HYBRIS DAHOUT. Ich traue meine Augen und Ohren nicht. Sie performt in ihrer Wohnung in einem Ikea-Ivar. Sie schlängelt sich durch die Ebenen des Regals. Ich sehe einen Hochseilakt, stelle mir eine 20 Meter hohe Museumswand vor. Auf halber Höhe das Regal und Camilla, die sich von Fach zu Fach schlängelt. Ganz großes Kino. Die maximale Komprimierung der Situation. Im Wohnzimmerregal gefangen. Küche, Badezimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad, Balkon, Wohnzimmer. Fuck. Anmut. Ästhetik. Minimalism. Hochachtung.

Viveka und ich saßen gebannt vor dem Bildschirm und konnten kaum glauben, was wir sahen. Es war eine wertvolle, wunderbare Zeit. Die Kunst ist der Sauerstoff der Menschheit. Ich lag gestern Abend im Sauerstoffzelt und wurde beatmet. Ohne euch geht Leben nicht. Ich danke euch, ich küsse euch.

Wenn es nicht mindestens Liebe ist.

Ich freue mich, euch live in Köln zu sehen. Bleibt gesund und weiterhin die Freude der Menschheit.