VERÓNICA von Helga Mols und der Umgang mit der Gegenwart

VERÓNICA, 120 x 95 cm, Gouache und Öl auf Leinwand, Pflanzenfarbe auf Baumwolltuch, 2019 – von Helga Mols

Ausgestellt im Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach im Rahmen der AdK-Ausstellung „alles ist eitel“ – der Titel entstammt aus einem Gropius-Gedicht, in dem eitel im Sinne von vergänglich verwendet wird. Es ging also um Vergänglichkeit.

Mit Ihrem Bild zitiert Helga Mols den spanischen Künstler Francisco de Zurbarán (1598-1664). Sein Schweißtuch der Veronika (Öl auf Leinwand, 105×83,5, 1658, Spanien, Museo Nacional de Escultura Valladolid) könnt ihr euch HIER anschauen.

Die heilige Veronika hat Jesus auf dem Weg zum Kreuz mit einem Tuch den Schweiß abgewischt. Dieses Tuch ist, in einem Tresor, in eine der zentralen Säulen des Petersdoms eingelassen. Eine sehr heilige, wichtige Reliquie der katholischen Kirche, die nur einmal im Jahr gezeigt wird.

Immer wieder haben Künstler das Motiv aufgenommen, unter anderem El Greco, Guido Reni, Albrecht Dürer…

Und nun Helga Mols in ihrer Zurbarán-Interpretation.

Ihr Tuch ist kein Schweißtuch, sondern eine Windel, durch die sie in den letzten Jahren den Saft gepresster Früchte filtriert hat. Ihr geht es um die Natur, die Schöpfung im Kontext von Vergänglichkeit. Vergänglichkeit im Jahr 2019. Was könnte einem da einfallen? Nun.

Mir gefällt das Zitat, die feine künstlerische Idee der Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema, das gleichermaßen platt wie tief ist. Wie über Natur sprechen im Jahr 2019, ohne in Stereotype zu fallen?

Jesus, der Beginn der christlichen Zeitrechnung vor 2019 Jahren. Was ist seither geschehen? Ein dreißigjähriger Krieg, in dessen Kontext Gropius die Vorlage der Ausstellung gegeben hat. Die Entwicklung der christlich geprägten westlichen Welt, die sich entwickelt und aufgeklärt hat, um über den Glauben an die Technik die Natur ins Hintertreffen geraten zu lassen.

Nun könnte man viel in Helga Mols VERÓNICA hinein interpretieren und Verbindungen zwischen den Vorbildern und Zeiten herstellen, die Farben mit Bedeutungen aufladen und letztlich in der Interpretation alles verkomplizieren. Hatte ich vor. Auf die Strange Loops einzugehen, die den Hintergrund bilden. Die Farbtöne, das Braun, Beige, Rötliche, das trockener Saft sein könnte. Mach ich nich.

Das Bild ist ein zartes Band und als solches wirkungsvoll und schätzenswert. Es ist eine mit der Natur gelebte Verbindung. Es ist ein Spiegelbild dieses sensitiven Lebens von Helga und David im Atelierhaus an der Agger. Auf dem Weg dorthin fährt man durch Cyriax, wo neben den Grundmauern eines alten Klosters ein Jahrhunderte alter Baum steht. Fährt man den Weg im Dunkeln, steigt David aus, um in der feuchten Jahreszeit die Salamander von der Straße auf die Wiese zu tragen. Verliert ein Baum auf dem Grundstück einen riesigen Ast und muss dieser Baum gefällt werden, geschieht das nicht einfach so. Fliegt ein Vogel vor ein Fenster des Atelierhauses und überlebt mit Schock, hält ihn David so lange warm, bis er wieder bei Sinnen ist und davonfliegen kann. Es ist ein verwunschener Ort an der Agger, der so viel Einfluss auf das Leben und Arbeiten der beiden Künstler hat.

Von daher ist VERÓNICA weniger in der Vergangenheit als vielmehr in der Gegenwart verankert, verortet. Als ein feines Zeichen, das zitiert, die Botschaft aber wie damals im Tuch trägt. Und erinnert man sich daran, was wir im Religionsunterricht und in den Unterweisungen der Kirche gelernt haben, so ist Jesus der Retter der Welt, der alle Schuld auf sich nimmt. Eine schöne Idee, die ich nie verstanden habe. Dieses Schweißtuch ist nicht in Schweiß getränkt, sondern in Fruchtsaft.

Das empfinde ich als ausgesprochen schön und optimistisch. Eine kluge Botschaft, in der es um Einklang geht. Im Wesen profan, im Leben unendlich wertvoll. Steht man vor VERÓNICA und schaut sich das Bild an, wirkt es. Es trägt die Aura des roten Hauses an der Agger mit all seiner künstlerischen Energie und dem Leben, für das es steht, in sich. Vital, schlüssig, fein, zurückhaltend.

Es hat sich gelohnt, das Bild live zu erleben und ich kann mich wieder einmal nur dafür bedanken, dass Helga und David die wertvolle Arbeit leisten, die sie leisten. Denn das Künstlerische gewinnt als Methode dieser Zeit zunehmend an Bedeutung. Wo das Rationale die Grenzen längst überschritten hat, bietet die Kunst den Raum, neu und anders zu denken. Das ist der Weißabgleich, der so zwingend geboten ist. Das Besinnen, das VERÓNICA ermöglicht.

AdK-Ausstellung: es ist alles eitel

Ausstellungsort: Kulturhaus Zanders, Hauptstraße 267-269, 51465 Bergisch Gladbach

Ausstellungsdauer: bis zum Sonntag, 14. April 2019

Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags, sonntags von 15 bis 18 Uhr

Zusammenschau, Sebastian Linnerz, Graham Foster

Video Graham Foster: Zeichnungen Treatment. Hier das Video: Graham Foster Treatment (einfach mit der Maus über Graham Foster Treatment fahren und klicken)

Wenn ich Texte über Kunst und Künstler lese, dann klingt das oft so wissend und stringent und abschließend. Als wüsste man, worüber man schreibt. Einordnend, strukturierend, erklärend.

Ich weiß nicht, vielleicht schreibe ich auch so. Ich hoffe nicht.

Gerade komme ich aus der Eifel. Meine Mutter ist ziemlich krank. Medizin hilft ihr, zu überleben. Läuft die Chemie aus dem Ruder, wird es ihr übel. Und wir schauen zu und überlegen und denken und machen und tragen. Und rufen den Notarzt, der sie ins Krankenhaus bringt und wir warten vor der Notaufnahme und werden dann irgendwann gerufen und irgendeine Wunderpille lässt sie lächeln und mit Vergnügen ein Brötchen essen, das wir ihr schnell von der Tanke geholt haben.

Die logische Erkenntnis des Lebens auf dem Weg ist, dass das Leben Komplikationen bereit hält. Immer wieder.

Nun hat man auf der einen Seite eine Mutter, auf der anderen Seite ein Leben, das nach Gestaltung ruft. Arbeiten, leben. Es sich teilen mit anderen. Den Sehnsüchten auf der Spur, der Liebe.

Wie eigentlich immer drängen sich die Dinge dicht und überlagern sich. Es folgt nicht C auf B auf A. Es geschieht gleichzeitig.

Kunst.

Freitag „Problemzonen“ in Köln. Kunstverein Kölnberg. Ich werde später darüber schreiben, ich möchte mich an die Reihenfolge halten und schauen, dass ich das Erlebte und Gesehene noch erinnern und fassen kann. Deshalb zunächst plus/ Raum für Bilder. Fünfter Geburtstag der Galerie von Sebastian Linnerz. Vergangenen Freitag vor einer Woche. Köln, unweit des Ebertplatzes.

Zum Jubiläum eine Ausstellung mit neuen Werken von 16 Künstler*innen, die in den letzten 5 Jahren dort ausgestellt haben. Harte Aufgabe. Much to much Input. Ich kannte nicht alle Künstler*innen und ihre Werke und musste anhand der ausgestellten Werke versuchen, zu verstehen. Ich habe versagt. Ein Freitag nach einer langen Woche, ich bin nur ein Blogger aus Leidenschaft, ohne Anspruch an irgendeine Professionalität. Hier schreibe ich ausschließlich, wozu ich Lust habe. Nun.

Also war ich weder vorbereitet noch in der Lage, dem Ausgestellten gerecht zu werden.

Deshalb habe ich mich entschieden, auszuwählen.

Graham Foster.

Ich habe ihn gefragt, ob ich sein Bild fotografieren darf. Yes. Und ich habe mich mit ihm unterhalten über sein Bild und seine Arbeit.

Graham Foster ist Brite. Das unterscheidet ihn von mir. Das bedeutet, dass er einen anderen kulturellen Hintergrund hat, was ihn wiederum spannend macht. Nun ist anders sein allein nicht Grund genug. Es muss schon in einer Form anders sein, die globaler ist. Graham Foster ist schräg. Ich habe über ihn bereits geschrieben, und da nannte ich ihn Crazy Graham Foster. Daran hat er sich erinnert. Jetzt weiß ich, was crazy für mich bedeutet, aber ich weiß nicht, was crazy für Graham Foster bedeutet. Mein crazy ist ein Kompliment. Es bedeutet: Dass mich das, was ich als crazy bezeichne, berührt und bewegt.

Ja, das Werk Graham Fosters gehört zu den Werken, die mich berühren.

In dieser Ausstellung war es sein vierbeiniges Wesen mit Hufen und Klauen und Nasenhorn und Ledergeschirr, dass den Schwanz (Penis) des Tieres hoch bindet, und Propeller am Hintern. Darunter ein Satz in Fantasiesprache, die chinesisch anmutet und mit dem Stempel zu tun hat, der das Bild mit chinesischen Zeichen abbindet, die den Namen Graham Foster darstellen.

Die Zeichnung liegt unter einer Glasplatte, die ein riesiges iPad darstellt. Weshalb?

Graham hat mir erzählt, dass er eine Zeit lang ausschließlich mit dem iPad gezeichnet hat. Sein eigentliches Sujet sind seine wunderbaren Objekte, die nicht nur crazy, sondern wundervoll wahnsinnig sind. In seiner Welt sind sie sicherlich geordnet und verständlich, aber für Außenstehende wie mich sind sie wie Zeichen, die man erst entschlüsseln muss. Sie sind modern und archaisch zugleich. Es tauchen Uniformen und Rangabzeichen und Ornamente und Fratzen und Tiergesichter auf, die skurril anmuten könnten.

Tun sie nicht.

British humor. Spricht man mit Graham Foster über seine Kunst, überfällt ihn dieses wunderschön süffisante britische Lächeln. Seine Werke sind bei allem scheinbaren Abgrund von Humor durchzogen. Sie sind in einem tiefen künstlerischen Ansinnen witzig. Überall kleine Arabeseken und Applikationen der Ironie. Bund, wild, voller Andeutungen. Graham Foster nimmt das Leben auf die Schippe. Seine Arbeiten sind voller Details. In Sebastian Linnerz Ausstellungskatalog, in dem er alle Künstler mit Fotos aus ihren Ateliers vorstellt, ist der Blick auf Fosters Arbeitstisch hinterlegt. Werkzeuge und Materialien des lustvoll ironischen Blicks auf die Wirklichkeit.

Kindlich, infantil, bitterböse, leicht und schwer zugleich. Zeichen wie Marterpfähle. Irgendetwas zwischen Aufarbeitung einer militärisch-kolonialen Obsession der Vergangenheit und der Lust, über alles zu lachen oder zumindest zu schmunzeln.

Es war wieder ein sehr schöner Abend in Sebastian Linnerz Galerie, die zur Vernissage bestens besucht war. Ich fühle mich dort sehr wohl, weil dort sehr liebevoll und ganz im Sinne und Geiste der Kunst gearbeitet wird. Ein Projekt. Keine Ausrichtung auf Rendite. Dem Schönen, dem Guten verpflichtet. Wie funktioniert das 2019? Auf den Porsche verzichten, die Penthousewohnung. Arbeiten, lieben und dem eigenen Herzen verpflichtet sein. Macht nicht reich, aber erfüllt. Weil es Sinn macht. Danke, Sebastian Linnerz, immer wieder.

Nun freue ich mich, Zeit zu finden, über die nächste Ausstellung zu schreiben. Und dann, die nächste Ausstellung zu sehen. Helga Mols in Bergisch Gladbach.

Infos zur Galerie und zur Ausstellung: https://www.sebastianlinnerz.de

In love with van Ackerens van Gogh

Die Dinge kulminieren. Mir ist dieses Wort eingefallen und ich denke, es bedeutet etwas in die Richtung, dass es sich hoch schaukelt. Eines kommt zum anderen. Man weiß nicht, ob die Puzzleteile passen, aber man glaubt, weil man es möchte. Dann entsteht etwas Besonderes, das einen selbst erhöht. Menschen sind Meister im sich selbst belügen. Das ist ein guter Trick, der funktioniert. Ich weiß das, vielleicht aus eigener Erfahrung. Das ist das persönliche Stockholm-Syndrom, das einen tanzen lässt im Schlund der ewigen Hölle.

Die letzten beiden Worte habe ich wegen ihrer schönen Dramatik geschrieben. Höllenschlund. Als würde man unter Drogen an einem Strand nächtelang mit den Wellen und Gezeiten tanzen. Hingeben. Alles.

Das Bild oben, ist mein favourite. Norbert van Ackeren hat es gemalt. Normalerweise schreibe und artikuliere ich solche Dinge nicht, weil sie so klingen, als würde man im Konsumrausch sein Lieblingseis nennen. In diesem Falle möchte ich es schreiben. Er ist mein an mein Herz gewachsener Lieblingskünstler. Der Eine ist Fan von Borussia Dortmund, der Andere bin ich. Lasst uns kein Aufhebens machen. Das Eine ist nicht schlechter als das Andere. Oder besser, oder klüger.

Ab und an, immer seltener besuche ich Instagram. Dann schaue ich, was verschiedene Menschen gerade so machen. Die pure Neugierde. Unverbindlich und ohne Augenkontakt. Ah. So. Gut.

Also öffnete ich Instagram am Laptop und schaute, was bei Norbert los ist. Da war plötzlich der van Gogh. Eine Zäsur, auf die ich gewartet hatte. CUT, habe ich einmal in meinem Blog geschrieben. Schnitt, heißt das im Film. van Ackeren malt van Gogh. Ein Porträt, ein Hintergrund in Pink. Es hat mich getroffen wie ein Schlag. Es war, als wäre der Durchbruch geschafft. Diese elende Strecke bis zum nächsten kleinen Ziel. Diese Trippelschritte, die dem Gipfel niemals näher kommen. Wer kennt das nicht? Was passiert schon Großes im Leben? Geburtstag, Heirat, Party, Weihnachten, Grillfest, Urlaub, mal Österreich, mal Thailand und ab und an diese einmaligen Gespräche, die vom Himmel fallen und das Herz und die Seele streicheln. Oder ein Wort, das einem die Adern küsst. Pulsierend. Peng.

Ich weiß wirklich nicht, was geschehen ist. Zunächst. Was ist der Unterschied zwischen Norberts van Gogh und Norberts Trakl? Das Pink? Beide sind seine Seele, sein Ich, seine Kraft. Ich weiß auch, dass er sie fühlt. Und wenn er sie fühlt und er sie
malt, dann fühle ich sie auch und werde froh. Das ist die unbändige Kraft der Kunst. Sie lässt Seelen miteinander sprechen. Atomare Kommunikation. Partikel. Pigmente. Im Falle Norbert van Ackerens metallurgische Ströme zwischen den Welten. Kupfer, Eisen. Zersetzend, verändernd, liebend. Ein sanfter Firn. Viel weniger gewaltig als im Denken vernommen. Es passiert, langsam, es lebt, bleibt, stürzt, steigt.

Dieser van Gogh fesselt mich. Sein Blick ist nicht weniger als die Mona Lisa, die ich gerade erst gesehen habe. Auge in Auge im chinesischen Teenie-Selfie-Gewitter mit dem Rücken zu Leonardos Braut. Eine Dreiviertel Stunde im Sog der Social-Media-Post-Wut. Knips. Schrecklich war das, klar. Respektlos, dumm und ahnungslos. Nun. So sind wir. Der Eine dort, die Andere woanders. Wir haben unsere Felder, auf denen wir unsere Ahnungslosigkeit in Perfektion ausspielen. Man muss verzeihen können, lieben, Pflaster vergeben, leichte Küsse der Besserung.

Das Bild ist van Gogh. van Gogh hat es gemalt. So ähnlich. Ich kenne es. Aber es nicht das, was ich hier gesehen habe. Man könnte sagen, jemand anderes spielt Halleluja in einer neuen Version nach Cohen und Buckley. So ist es nicht. Es ist im Gleichen etwas ganz Neues. Mich hat es als Sehnsucht getroffen. Als Wunsch und Möglichkeit und Auferstehung. Es ist eine Epiphanie. Klar gekennzeichnet und stark im Ausdruck. Pop Art und van Ackeren und van Gogh. Das Wesen. Das Kulminierende.

Ich liebe dieses Bild, weil es voller Hoffnung ist aus dem nicht Pinken heraus.

Was es ist? Kommt, ihr seht es. Schaut hin. Nehmt euch einen langen Augenblick. Lasst wirken. Bitte. Steht im Louvre und denkt groß im Kleinen.

Und?

Yep. Wie immer beim Menschen.

Die Augen, der Blick. In diesem Fall ist geschehen, dass er lebt. Im Zwiespalt. Lebendig oder tot? Hinausschauend nach vorne oder nach Innen? In diesem Bild steckt alles, was uns bewegt. Hoffnung und Selbstzweifel, Kraft und Mutlosigkeit. Es ist eine Metapher.

Solche Bilder gelingen nicht oft. Dieser van Gogh ist eine Ikone. Er rührt mich tief. Ich kann ihn anschauen und anschauen bis zu dem Gefühl, dass ich mit ihm sprechen möchte. Ich weiß, klingt nach kurz vor Einweisung. So ist Kunst, alles andere sind Abziehbilder. Arm anlecken und drauf und wie Pirat fühlen.

Hätte ich ein Museum für moderne Kunst. Contemporary. Big ass. Ich würde es sofort machen.

Shigeru Takato berührt mich mit seinen Bildern im plus Raum für Bilder von Sebastian Linnerz

Shigeru Takato war einmal Bauingenieur. Das ist dieser Beruf, der aus Zahlen und Beton Brücken entstehen lässt. Heute ist Shigeru Takato Fotograf und lebt in Köln.

Wie der Name verrät, ist er in Japan geboren. Von dort ist er über Neuseeland irgendwann in Deutschland gelandet. Im Gepäck hatte er eine Idee, einen Wunsch, ein Gefühl, ein Projekt. Der Mond war ihm begegnet.

Uns allen begegnet der Mond häufig. Aber er hat ihn anders gesehen. Mit den Augen der Astronauten, die den Mond besucht haben. Dieser kleine Schritt. Dieses Amerika vor der Sowjetunion. Dieser Herr Armstrong und das Apollo-Programm.

1999 wurden in Sydney im Rahmen einer Ausstellung Fotografien der Apollo-Astronauten gezeigt. Geschossen auf dem Mond. In seiner Einführung zur Ausstellung erzählt Sebastian Linnerz die Geschichte. Hasselblad-Kameras hatten sie während ihrer Moonwalks an den Anzügen. Sie haben versucht, den Mond einzufangen und ihn mitzunehmen auf die Erde. Ein Foto nach dem anderen, die Kamera um wenige Grad geschwenkt, nur kleine Stücke, um Panoramen zu erzeugen.

Shigeru Takato ließen die Bilder nicht los. Jahr um Jahr nicht. Wahrscheinlich kann man nur spekulieren, was ihn angetrieben hat. Ich habe ihn gefragt, habe versucht Emotionen herauszukitzeln, Beweggründe, Antriebe. Er hat mich ein wenig erstaunt angesehen. Und geantwortet.

Mein Eindruck: Er wollte selbst dort oben stehen, wollte selbst dieses Gefühl haben, den Mond abzulichten. Nun. Klar. Geht nicht. Zwar wohnen dort oben Leute in einer Raumstation und es springen Verrückte aus der Stratosphäre auf die Erde, aber das Mondtaxi fährt noch nicht.

Er hörte von einer Landschaft, die ähnlich aussieht. Genutzt von der ESA, um die Marsoberfläche zu simulieren. Schauen, wie Sojurners & Co. dort zurechtkommen. Räder, Federbeine, Antriebe, Möglichkeiten, Pläne B bis X.

Manchmal muss man im Leben Kompromisse schließen. Wenn man nicht auf den Mond kommt, dann eben in eine Mondlanschaft auf der Erde. Kanaren.

Er kaufte sich eine analoge Hasselblad aus der Zeit um 1970, rüstete sie mit einem speziellen Infrarot-Film aus und flog los. Und landete in der Mondlandschaft und war Armstrong und fotografierte in Panoramen und schuf einen Mond auf der Erde. Festgehalten in Bildern, wie sie die Apollo 8-Crew vor 50 Jahren geschossen hatte.

So wird man Vasco da Gama oder ein Kolumbus. Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, dort zu stehen und dann die Filme zu entwickeln. Der Infrarot-Film hat Helles in Dunkles verwandelt, die Abzüge auf Silbergelantine haben den besonderen Glanz erzeugt. Sonnenlicht auf dem Mond. Aber das reichte ihm nicht. Er wollte dann doch noch ein wenig mehr. Den echten Mond. Wenn man erst Lunte gerochen hat.

Und so hat er den Mond bei Vollmond durch ein großes Teleskop auf der Insel fotografiert. Eine alte Nikon F2. 1970. Die Zeit der Mondreisen. Und hat das Bild erschaffen, dass ganz oben zu sehen ist. Der Titel.

So weit das Geschehen, der Ablauf, die Technik.

Und nun? Wechseln wir gemeinsam die Perspektive und drehen die Sache um. In meine Richtung. Was haben die Bilder mit mir gemacht? Nun hätte mein Inneres sagen können. Fake. Sind ja die Kanaren. Ist ja gar nicht der Mond.

Ist nicht passiert. Im Gegenteil. Alles in mir war bereit, den Mond so zu sehen. In seinen Details. In seiner Entfernung und Weite. In seiner Anmut, Schönheit und Verlässlichkeit. Denn ich war gerade 3 Wochen am Meer und habe ihn jeden Abend und jede Nacht von links nach rechts ziehen sehen. Mal blutrot und mal in dieser atemberaubenden Mondfinsternis.

Als Sebastians Karte kam, die gedruckte, herzliche Einladung, da wusste ich, dass ich mir das nicht entgehen lassen würde. Ein fotografisches Mondspektakel.

Hat sich gelohnt. Es sind nun wirklich einzigartige Bilder. Denn Shigeru Takato ist nicht nur ein sehr freundlicher, sympathischer, angenehmer Mensch. Er ist auch immer noch Bauingenieur. In sich. Nichts hat er dem Zufall überlassen (wahrscheinlich schon, aber würde so nicht ins Bild passen). Er hat alles vorbereitet. Vorab durchdacht und getestet. Die Zahlen spielen lassen. Blenden. Belichtungen. Adapter für das Teleskop. So kamen Ratio und Gefühl zusammen. So sind Bilder entstanden, die mich sehr bewegt haben.

Wenn man sie anschaut und danach die Augen schließt, kann man Armstrong sein. Sie ziehen hinein in die Szenerie. Sie zeigen, was hinter dem Wunsch steht, den Mond zu besuchen und zu bereisen. Sie haben etwas mit Weite und Sehnsucht zu tun. Und natürlich mit dem, was uns als Erdbewohner der nächste Nachbar bedeutet.

Ein Freund ist er, ein romantisches Wesen voller Geschichten. Ein Tröster und eine Schönheit. Ein Erzähler der Zeit, der durch die Tage, Wochen und Monate trägt. Einer, der seine Bahnen verändert und mal hier und mal dort auftaucht. Aber immer ist es so, dass ich mich freue, wenn ich ihn sehe. Und er gibt mir ein Gefühl, als sei das Universum doch nicht so ungewöhnlich unendlich, wie es zu sein scheint. Es gibt einen Halt. Einen Moonstop. Dort kann man landen und auf die Erde schauen, die auf dem Mond aufgeht, wenn man dort lange genug sitzt und wartet.

Schaut euch die Ausstellung an.

Bis zum 03. November 18. Künstlergespräch am 29. September um 11 Uhr.

Adresse:

plus Raum für Bilder, Schillingstraße 14, Köln.

Das plus bedeutet übrigens, dass der Raum etwas erweitert. Sebastian Linnerz ist ein Grafikdesigner und Fotograf, der sein Büro um diesen sehr besonderen Ausstellungsraum erweitert hat. So fein, wie er seine Ausstellungen kuratiert und vorbereitet, so fein ist auch seine zeitlose Sprache und Handschrift als Grafiker: www.SebastianLinnerz.de.

Shigeru Takato hat mir erlaubt, seine Fotografien abzulichten. Danke! Das Copyright seiner abfotografierten Bilder liegt selbstverständlich bei ihm. Aber: Was ich hier zeige, ist nicht das, was zu sehen ist. Das hier ist Web. Die Fotografien sind in echt und in Silbergelatine etwas ganz anderes. Fein gefertigt und von feinen Rahmen umhüllt. Das alles ist von einem Verständnis des Schönen und Perfekten geprägt.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei

Wo kommen die Dinge her, wo gehen sie hin? Was passiert zwischendurch und was passiert überhaupt. Der Vorteil des Älterwerdens ist der Gewinn an Demut. Zu oft haben die voreiligen Schlüsse nicht nachhaltig gegriffen. Meinungen sind weggebröckelt, Argumente haben sich aufgelöst, die Zeit hat ihre Spielchen gespielt und die Regeln haben ihre Antiregeln provoziert.

Letzte Woche. Freitag. Eine Einladung in Helga & Davids Atelierhaus in Cyriax, Overath. Ein rotes Holzhaus an der Agger. Ein wenig schwedisch, ein wenig wie bei Findus & Petterson (kennt man, wenn man Kinder hat, die um 2000 geboren sind).

Eine Einladung, Helgas Werk zu erleben. Ich gebe zu, ich habe mir mal wieder keine Gedanken gemacht. Was ist das? Faulheit, oder der Wunsch, unbefleckt zu schauen? Ich kann es nicht sagen. Nichts erwarten, nichts wollen, nehmen, was kommt, sehen, was es zu sehen gibt, hoffen, vielleicht. Still. Für sich. Irgendwo im Inneren.

Heute Morgen bin ich aufgewacht mit einer Sehnsucht. Erlaubt mir, abzuschweifen, ich werde zurückkommen, glaubt mir. Der Wecker schickte mir dieses penetrante Digitalgeräusch in die Ohren. Alarm. Dann setzte ich mich auf und mein erster Gedanke war ein schöner. Eine Sehnsucht nach den Magic Moments. Wie soll ich erklären, was die Magic Moments sind. Sie sind ein Gefühl von mir. Sehr weich, sehr samtig, sehr luftig und frei, begleitet von einem Lächeln und einer verführerischen Sorglosigkeit. Es ist Glück, das sich offenbart. Es ist das Wissen, dass es da ist. Irgendwo. Dass es sich zeigt. Grinst. Spaß hat. Mit mir. Es ist schön, sehr schön, dieses Gefühl der Magic Moments.

Nach dem Renovieren letzte Woche haben Viveka und ich uns auf den Weg gemacht. Erst Helga und David, später die Party von Kurt Steinhausen in Köln. Kunst & Party. Immer eine gute Mischung.

Erst haben wir lange in der Küche gesessen. Feinen Kuchen gegessen, Kaffee aus Indonesien getrunken, Tee aus Japan. Geredet. Angenähert. Ein Palaver unter Indianern, bevor es zur Zeremonie ging. Wir waren gekommen, Helgas Kunst zu sehen. Ich kenne Helgas Kunst. Sie ist die Künstlerin unter den drei malenden Künstlern, die ich intensiv begleite: Helga Mols, David Grasekamp, Norbert van Ackeren.

An diesem Freitag nun, eigentlich weiß ich gar nicht, wie mir geschehen ist, hat Helga alles erzählt. Viveka und ich saßen auf dem Sofa im Atelier in der oberen Etage. Helga zeigte uns Köpfe. Gemalt. 1991. 1992. Biographisch. Psychologisch. Seelenvoll. Ich-Auseinandersetzung, Suche nach künstlerischer Identität. Ein Spiel mit Ausdruck, Farben, Formen. Eine spätere Wiederaufnahme des Themas. Um 1995. Eine andere Sprache, ein anderer Angang.

Ich saß da und spürte, wie sich in meinem Kopf Dinge ordnen wollten. 2008 habe ich geholfen, Helgas Ausstellung im Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach aufzubauen. Später habe ich die Texte zum Katalog geschrieben. Manchmal mache ich Sachen, die ich eigentlich nicht kann. Egal. Ich hatte ein Gespür, einen Instinkt.

Neun Jahre später und viele Bilder weiter saß ich nun also dort und ordnete. Dann haben wir den Ort gewechselt und haben uns ihre neueren Bilder der Jetztzeit im unteren Atelier angesehen, in der Malschule. Ausgehend von den Strange Loops, über die ich 2011 hier geschrieben habe.

Ihre Ausstellung „FARBRAUSCH — Ausstellung von Helga Mols in der IHK Köln“ 2016/2017 in Köln hatte ich geschwänzt. Aus persönlichen Gründen. Ich hatte keinen Kopf für Kunst und anderes. Katharsis. Zeit der Reinigung. Manchmal kann man nur für sich atmen.

Nun sah ich die Bilder unten im Atelier und der Kreis wurde geschlossen. Das hat mich bewegt. Helga Mols malt nun seit rund 30 Jahren. In der Zeit hat sie einen Weg verfolgt, den sie immer wieder verlassen hat. Um den Hauptstrang anzureichern. Sie hat probiert, experimentiert, ihre zentralen Themen gestärkt. Die Geschichte lässt sich jetzt erzählen, aufzeigen, dokumentieren. Ich verstehe jetzt ihre Magenta-Bilder aus dem Kulturhaus Zanders.

Sie hat sich Farben erschlossen, angeeignet. Wenn man fragt, was ihre Stillleben und Blumen und Zweige mit den Strange Loops zu tun haben, dann gibt es eine Antwort: Alles ist eins. Das Konkrete geht im Abstrakten auf, die Köpfe tauchen in den Linien auf, die Amaryllis auch, die Magenta-Bilder, die Spritzbilder. FLOW, das mit Leinwand bezogene Auto, das im vermeintlichen Windkanal der Farben Tupfer wie Fliegen gesammelt hat (FLOW gehört zu meinen liebsten Arbeiten. All over. Würde ich einmal ein Museum gestalten, gäbe es einen schönen Raum.)

Helga Mols hat es geschafft. Sie hat ihr Leben der Kunst gewidmet und ist bereits jetzt so weit, dass sie ein Lebenswerk hat. Ihr Werk ist lesbar, die Etappen sind nachvollziehbar, die Schichten der Abstraktion bauen auf einer ermalten Welt auf.

Für mich ist es ein Luxus, wie aus Zufall einen Teil des Weges erlebt zu haben. Und für mich war es ergreifend, dort zu sitzen, im Innersten, im Atelier und all das zu sehen. Das war ein Erlebnis, das Antrieb ist für Magic Moments. Von nichts kommt nichts.

Ich würde mir einen Katalog wünschen, der das Werk stringent aufbereitet. Eine fein kuratierte Ausstellung, die Irritationen in Kongruenz überführt. Das Unsichtbare ins Sichtbare kehrt. Manchmal, und das ist das Schöne der Kunst, gibt es eine Logik, die in abstraktem Chaos aufgeht. Es gibt einen Schlüssel, der sich nicht berechnen lässt. Das ist keine Raketentechnologie, das ist höhere Kunst. Es sind Chiffren, die sich dem Wesen der menschlichen Seele nähern. Da sind wir noch lange nicht. Der genetische Code ist Kindergarten gegenüber dem, was sich in den tiefen unserer Seelen ausdrückt. Da wären wir wieder bei den Köpfen des Anfangs. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Den gilt es, zu beflügeln.

Bilder hängen, schweigen. Bilder wirken, erzählen, schreien, leben. Sie sehen wollen, sie sehen können.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei. Das Abenteuer, das Infinitesimale zu suchen. Sich auf einen Weg ohne Ende zu begeben. Und doch näher zu kommen. Immer mehr zu wissen, das Wissen wieder zu verlieren, sich aus einer Sackgasse herauszuarbeiten, um wieder einen Schritt weiter zu kommen.

Es war ein luxuriöser Nachmittag. Geschenkte Zeit. Geschenkt, wie die Zeichnung oben. 2013. Eine Verbindung zur Ausstellung 2008, so wie alles verbunden ist. Ich weiß noch nicht, wie ich mit den Geschenken meiner Künstlerfreunde umgehen soll, wie ich sie in mein Leben integriere. Ich bin kein Sammler, der Besitz interessiert mich nicht. Die Bilder hier zu haben jedoch, ist ein schönes Gefühl. Wir werden sehen. Ich sage auf jeden Fall: Danke. Für Gedanken, die sich nicht kaufen lassen. Ich liebe das.