Shigeru Takato berührt mich mit seinen Bildern im plus Raum für Bilder von Sebastian Linnerz

Shigeru Takato war einmal Bauingenieur. Das ist dieser Beruf, der aus Zahlen und Beton Brücken entstehen lässt. Heute ist Shigeru Takato Fotograf und lebt in Köln.

Wie der Name verrät, ist er in Japan geboren. Von dort ist er über Neuseeland irgendwann in Deutschland gelandet. Im Gepäck hatte er eine Idee, einen Wunsch, ein Gefühl, ein Projekt. Der Mond war ihm begegnet.

Uns allen begegnet der Mond häufig. Aber er hat ihn anders gesehen. Mit den Augen der Astronauten, die den Mond besucht haben. Dieser kleine Schritt. Dieses Amerika vor der Sowjetunion. Dieser Herr Armstrong und das Apollo-Programm.

1999 wurden in Sydney im Rahmen einer Ausstellung Fotografien der Apollo-Astronauten gezeigt. Geschossen auf dem Mond. In seiner Einführung zur Ausstellung erzählt Sebastian Linnerz die Geschichte. Hasselblad-Kameras hatten sie während ihrer Moonwalks an den Anzügen. Sie haben versucht, den Mond einzufangen und ihn mitzunehmen auf die Erde. Ein Foto nach dem anderen, die Kamera um wenige Grad geschwenkt, nur kleine Stücke, um Panoramen zu erzeugen.

Shigeru Takato ließen die Bilder nicht los. Jahr um Jahr nicht. Wahrscheinlich kann man nur spekulieren, was ihn angetrieben hat. Ich habe ihn gefragt, habe versucht Emotionen herauszukitzeln, Beweggründe, Antriebe. Er hat mich ein wenig erstaunt angesehen. Und geantwortet.

Mein Eindruck: Er wollte selbst dort oben stehen, wollte selbst dieses Gefühl haben, den Mond abzulichten. Nun. Klar. Geht nicht. Zwar wohnen dort oben Leute in einer Raumstation und es springen Verrückte aus der Stratosphäre auf die Erde, aber das Mondtaxi fährt noch nicht.

Er hörte von einer Landschaft, die ähnlich aussieht. Genutzt von der ESA, um die Marsoberfläche zu simulieren. Schauen, wie Sojurners & Co. dort zurechtkommen. Räder, Federbeine, Antriebe, Möglichkeiten, Pläne B bis X.

Manchmal muss man im Leben Kompromisse schließen. Wenn man nicht auf den Mond kommt, dann eben in eine Mondlanschaft auf der Erde. Kanaren.

Er kaufte sich eine analoge Hasselblad aus der Zeit um 1970, rüstete sie mit einem speziellen Infrarot-Film aus und flog los. Und landete in der Mondlandschaft und war Armstrong und fotografierte in Panoramen und schuf einen Mond auf der Erde. Festgehalten in Bildern, wie sie die Apollo 8-Crew vor 50 Jahren geschossen hatte.

So wird man Vasco da Gama oder ein Kolumbus. Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, dort zu stehen und dann die Filme zu entwickeln. Der Infrarot-Film hat Helles in Dunkles verwandelt, die Abzüge auf Silbergelantine haben den besonderen Glanz erzeugt. Sonnenlicht auf dem Mond. Aber das reichte ihm nicht. Er wollte dann doch noch ein wenig mehr. Den echten Mond. Wenn man erst Lunte gerochen hat.

Und so hat er den Mond bei Vollmond durch ein großes Teleskop auf der Insel fotografiert. Eine alte Nikon F2. 1970. Die Zeit der Mondreisen. Und hat das Bild erschaffen, dass ganz oben zu sehen ist. Der Titel.

So weit das Geschehen, der Ablauf, die Technik.

Und nun? Wechseln wir gemeinsam die Perspektive und drehen die Sache um. In meine Richtung. Was haben die Bilder mit mir gemacht? Nun hätte mein Inneres sagen können. Fake. Sind ja die Kanaren. Ist ja gar nicht der Mond.

Ist nicht passiert. Im Gegenteil. Alles in mir war bereit, den Mond so zu sehen. In seinen Details. In seiner Entfernung und Weite. In seiner Anmut, Schönheit und Verlässlichkeit. Denn ich war gerade 3 Wochen am Meer und habe ihn jeden Abend und jede Nacht von links nach rechts ziehen sehen. Mal blutrot und mal in dieser atemberaubenden Mondfinsternis.

Als Sebastians Karte kam, die gedruckte, herzliche Einladung, da wusste ich, dass ich mir das nicht entgehen lassen würde. Ein fotografisches Mondspektakel.

Hat sich gelohnt. Es sind nun wirklich einzigartige Bilder. Denn Shigeru Takato ist nicht nur ein sehr freundlicher, sympathischer, angenehmer Mensch. Er ist auch immer noch Bauingenieur. In sich. Nichts hat er dem Zufall überlassen (wahrscheinlich schon, aber würde so nicht ins Bild passen). Er hat alles vorbereitet. Vorab durchdacht und getestet. Die Zahlen spielen lassen. Blenden. Belichtungen. Adapter für das Teleskop. So kamen Ratio und Gefühl zusammen. So sind Bilder entstanden, die mich sehr bewegt haben.

Wenn man sie anschaut und danach die Augen schließt, kann man Armstrong sein. Sie ziehen hinein in die Szenerie. Sie zeigen, was hinter dem Wunsch steht, den Mond zu besuchen und zu bereisen. Sie haben etwas mit Weite und Sehnsucht zu tun. Und natürlich mit dem, was uns als Erdbewohner der nächste Nachbar bedeutet.

Ein Freund ist er, ein romantisches Wesen voller Geschichten. Ein Tröster und eine Schönheit. Ein Erzähler der Zeit, der durch die Tage, Wochen und Monate trägt. Einer, der seine Bahnen verändert und mal hier und mal dort auftaucht. Aber immer ist es so, dass ich mich freue, wenn ich ihn sehe. Und er gibt mir ein Gefühl, als sei das Universum doch nicht so ungewöhnlich unendlich, wie es zu sein scheint. Es gibt einen Halt. Einen Moonstop. Dort kann man landen und auf die Erde schauen, die auf dem Mond aufgeht, wenn man dort lange genug sitzt und wartet.

Schaut euch die Ausstellung an.

Bis zum 03. November 18. Künstlergespräch am 29. September um 11 Uhr.

Adresse:

plus Raum für Bilder, Schillingstraße 14, Köln.

Das plus bedeutet übrigens, dass der Raum etwas erweitert. Sebastian Linnerz ist ein Grafikdesigner und Fotograf, der sein Büro um diesen sehr besonderen Ausstellungsraum erweitert hat. So fein, wie er seine Ausstellungen kuratiert und vorbereitet, so fein ist auch seine zeitlose Sprache und Handschrift als Grafiker: www.SebastianLinnerz.de.

Shigeru Takato hat mir erlaubt, seine Fotografien abzulichten. Danke! Das Copyright seiner abfotografierten Bilder liegt selbstverständlich bei ihm. Aber: Was ich hier zeige, ist nicht das, was zu sehen ist. Das hier ist Web. Die Fotografien sind in echt und in Silbergelatine etwas ganz anderes. Fein gefertigt und von feinen Rahmen umhüllt. Das alles ist von einem Verständnis des Schönen und Perfekten geprägt.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei

Wo kommen die Dinge her, wo gehen sie hin? Was passiert zwischendurch und was passiert überhaupt. Der Vorteil des Älterwerdens ist der Gewinn an Demut. Zu oft haben die voreiligen Schlüsse nicht nachhaltig gegriffen. Meinungen sind weggebröckelt, Argumente haben sich aufgelöst, die Zeit hat ihre Spielchen gespielt und die Regeln haben ihre Antiregeln provoziert.

Letzte Woche. Freitag. Eine Einladung in Helga & Davids Atelierhaus in Cyriax, Overath. Ein rotes Holzhaus an der Agger. Ein wenig schwedisch, ein wenig wie bei Findus & Petterson (kennt man, wenn man Kinder hat, die um 2000 geboren sind).

Eine Einladung, Helgas Werk zu erleben. Ich gebe zu, ich habe mir mal wieder keine Gedanken gemacht. Was ist das? Faulheit, oder der Wunsch, unbefleckt zu schauen? Ich kann es nicht sagen. Nichts erwarten, nichts wollen, nehmen, was kommt, sehen, was es zu sehen gibt, hoffen, vielleicht. Still. Für sich. Irgendwo im Inneren.

Heute Morgen bin ich aufgewacht mit einer Sehnsucht. Erlaubt mir, abzuschweifen, ich werde zurückkommen, glaubt mir. Der Wecker schickte mir dieses penetrante Digitalgeräusch in die Ohren. Alarm. Dann setzte ich mich auf und mein erster Gedanke war ein schöner. Eine Sehnsucht nach den Magic Moments. Wie soll ich erklären, was die Magic Moments sind. Sie sind ein Gefühl von mir. Sehr weich, sehr samtig, sehr luftig und frei, begleitet von einem Lächeln und einer verführerischen Sorglosigkeit. Es ist Glück, das sich offenbart. Es ist das Wissen, dass es da ist. Irgendwo. Dass es sich zeigt. Grinst. Spaß hat. Mit mir. Es ist schön, sehr schön, dieses Gefühl der Magic Moments.

Nach dem Renovieren letzte Woche haben Viveka und ich uns auf den Weg gemacht. Erst Helga und David, später die Party von Kurt Steinhausen in Köln. Kunst & Party. Immer eine gute Mischung.

Erst haben wir lange in der Küche gesessen. Feinen Kuchen gegessen, Kaffee aus Indonesien getrunken, Tee aus Japan. Geredet. Angenähert. Ein Palaver unter Indianern, bevor es zur Zeremonie ging. Wir waren gekommen, Helgas Kunst zu sehen. Ich kenne Helgas Kunst. Sie ist die Künstlerin unter den drei malenden Künstlern, die ich intensiv begleite: Helga Mols, David Grasekamp, Norbert van Ackeren.

An diesem Freitag nun, eigentlich weiß ich gar nicht, wie mir geschehen ist, hat Helga alles erzählt. Viveka und ich saßen auf dem Sofa im Atelier in der oberen Etage. Helga zeigte uns Köpfe. Gemalt. 1991. 1992. Biographisch. Psychologisch. Seelenvoll. Ich-Auseinandersetzung, Suche nach künstlerischer Identität. Ein Spiel mit Ausdruck, Farben, Formen. Eine spätere Wiederaufnahme des Themas. Um 1995. Eine andere Sprache, ein anderer Angang.

Ich saß da und spürte, wie sich in meinem Kopf Dinge ordnen wollten. 2008 habe ich geholfen, Helgas Ausstellung im Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach aufzubauen. Später habe ich die Texte zum Katalog geschrieben. Manchmal mache ich Sachen, die ich eigentlich nicht kann. Egal. Ich hatte ein Gespür, einen Instinkt.

Neun Jahre später und viele Bilder weiter saß ich nun also dort und ordnete. Dann haben wir den Ort gewechselt und haben uns ihre neueren Bilder der Jetztzeit im unteren Atelier angesehen, in der Malschule. Ausgehend von den Strange Loops, über die ich 2011 hier geschrieben habe.

Ihre Ausstellung „FARBRAUSCH — Ausstellung von Helga Mols in der IHK Köln“ 2016/2017 in Köln hatte ich geschwänzt. Aus persönlichen Gründen. Ich hatte keinen Kopf für Kunst und anderes. Katharsis. Zeit der Reinigung. Manchmal kann man nur für sich atmen.

Nun sah ich die Bilder unten im Atelier und der Kreis wurde geschlossen. Das hat mich bewegt. Helga Mols malt nun seit rund 30 Jahren. In der Zeit hat sie einen Weg verfolgt, den sie immer wieder verlassen hat. Um den Hauptstrang anzureichern. Sie hat probiert, experimentiert, ihre zentralen Themen gestärkt. Die Geschichte lässt sich jetzt erzählen, aufzeigen, dokumentieren. Ich verstehe jetzt ihre Magenta-Bilder aus dem Kulturhaus Zanders.

Sie hat sich Farben erschlossen, angeeignet. Wenn man fragt, was ihre Stillleben und Blumen und Zweige mit den Strange Loops zu tun haben, dann gibt es eine Antwort: Alles ist eins. Das Konkrete geht im Abstrakten auf, die Köpfe tauchen in den Linien auf, die Amaryllis auch, die Magenta-Bilder, die Spritzbilder. FLOW, das mit Leinwand bezogene Auto, das im vermeintlichen Windkanal der Farben Tupfer wie Fliegen gesammelt hat (FLOW gehört zu meinen liebsten Arbeiten. All over. Würde ich einmal ein Museum gestalten, gäbe es einen schönen Raum.)

Helga Mols hat es geschafft. Sie hat ihr Leben der Kunst gewidmet und ist bereits jetzt so weit, dass sie ein Lebenswerk hat. Ihr Werk ist lesbar, die Etappen sind nachvollziehbar, die Schichten der Abstraktion bauen auf einer ermalten Welt auf.

Für mich ist es ein Luxus, wie aus Zufall einen Teil des Weges erlebt zu haben. Und für mich war es ergreifend, dort zu sitzen, im Innersten, im Atelier und all das zu sehen. Das war ein Erlebnis, das Antrieb ist für Magic Moments. Von nichts kommt nichts.

Ich würde mir einen Katalog wünschen, der das Werk stringent aufbereitet. Eine fein kuratierte Ausstellung, die Irritationen in Kongruenz überführt. Das Unsichtbare ins Sichtbare kehrt. Manchmal, und das ist das Schöne der Kunst, gibt es eine Logik, die in abstraktem Chaos aufgeht. Es gibt einen Schlüssel, der sich nicht berechnen lässt. Das ist keine Raketentechnologie, das ist höhere Kunst. Es sind Chiffren, die sich dem Wesen der menschlichen Seele nähern. Da sind wir noch lange nicht. Der genetische Code ist Kindergarten gegenüber dem, was sich in den tiefen unserer Seelen ausdrückt. Da wären wir wieder bei den Köpfen des Anfangs. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Den gilt es, zu beflügeln.

Bilder hängen, schweigen. Bilder wirken, erzählen, schreien, leben. Sie sehen wollen, sie sehen können.

Die Adaption des Ichs in Helga Mols Malerei. Das Abenteuer, das Infinitesimale zu suchen. Sich auf einen Weg ohne Ende zu begeben. Und doch näher zu kommen. Immer mehr zu wissen, das Wissen wieder zu verlieren, sich aus einer Sackgasse herauszuarbeiten, um wieder einen Schritt weiter zu kommen.

Es war ein luxuriöser Nachmittag. Geschenkte Zeit. Geschenkt, wie die Zeichnung oben. 2013. Eine Verbindung zur Ausstellung 2008, so wie alles verbunden ist. Ich weiß noch nicht, wie ich mit den Geschenken meiner Künstlerfreunde umgehen soll, wie ich sie in mein Leben integriere. Ich bin kein Sammler, der Besitz interessiert mich nicht. Die Bilder hier zu haben jedoch, ist ein schönes Gefühl. Wir werden sehen. Ich sage auf jeden Fall: Danke. Für Gedanken, die sich nicht kaufen lassen. Ich liebe das.

Die Kuh von Norbert van Ackeren zur Weihnacht

Nun. Es geht auf das Ende zu. 2017 haucht den Atem aus. Ich muss zugeben, ich werde ein wenig sentimental. Das hat auch damit zu tun, dass ich heute meinen letzten Job abgeliefert habe. Eine Präsentation vor Nonnen. Monate Arbeit. Kopfzerbrechen, Seelenqualen. Einer sozialen Sache gerecht zu werden, ist etwas anderes.

Sie haben sich bedankt. Sie waren in der Sache kritisch, letztlich glücklich und mir gegenüber sehr nett. Ihren Segen für das nächste Jahr habe ich. Das war ein schönes und besonderes Gefühl. Von Herzen. Es war ein außerordentlicher Nachmittag, für den ich nicht unbedingt ein Gehalt gebraucht hätte.

Morgen noch. Eine Stunde Arbeit und dann wars das. Noch ein Brunch in der Agentur, am Nachmittag kommt Viveka, wir werden einen Baum besorgen, einkaufen, die Liebe feiern. Mindestens.

Doch zuvor fliegt mich dieses Jahr an. Ich bin immer noch auf der Suche. Eben habe ich eine weitere Speicherkarte gefunden und die unverarbeiteten Bilder. Duisburg. Norberts Atelierauflösung. Kein Wort drüber verloren, obwohl ich das Atelier zuvor so lange hab sehen wollen. Es war überwältigend. Riesige Arbeiten. Starke Kunst. Gewaltige Bilder.

Ich habe es nicht geschafft, darüber zu schreiben. Wie so oft in diesem Jahr. Die Bilder eingefangen. Liegen gelassen. Der Kopf war woanders.

Ein wenig bin ich irritiert.

Klar, die Dinge haben sich verändert. Ich mag nicht mehr über jede Kleinigkeit schreiben. Die Zeiten sind vorbei, als ein Grashalm im Wind eine Story war. Es interessiert mich nicht mehr. Ganz einfach. Aber dennoch ist da der Wunsch, zu schreiben. Die Buchstaben fliegen zu lassen. Nur ist die Kunst, das Alphabet durcheinander zu wirbeln, etwas anderes, als der Wunsch, tatsächlich zu schreiben.

Es ist eine mir fremde Ernsthaftigkeit eingezogen. Woher auch immer sie kommt. Wer weiß. Zeiten der Veränderung, des Umbruchs, des Aufbrechens und Ankommens.

So klicke ich mich durch die Bilder der Speicherkarten. Norbert van Ackeren. Die Kuh. Ich liebe sie. Einfach nur eine Kuh, wie ich sie hier den ganzen Sommer über sehe. Ein Portrait. Wunderbar. Ein fester Blick, eine Offenheit, ein Charakter, eine Seele. Egal, ob Tier oder Mensch. Für etwas stehen. Das sein, was man ist. Damit zufrieden sein. Es ist ein schönes Bild, gut gemalt, voller Ausdruck.

In meinem Kopf gibt es kleine Galerie, die ich besuchen kann. Darin gibt es einige Bilder, die ich mal gesehen habe. In Galerien, Museen. Eines ist eine Skulptur aus Pompeji, ein kleiner, zarter Faun. Ich mag es, wenn die Dinge zart sind. Wenn sie etwas Feines ausstrahlen, eine Kraft ohne Aufwand. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kuh Einzug halten wird. Genaueres weiß ich erst später. Ich entscheide das nicht. Wir werden sehen.

So weit. Gute Nacht. Morgen noch und dann Ferien. Zwei Wochen. Ich möchte nichts mehr sehen und werde mich mit Viveka einschließen und nur noch zum Feiern rauskommen.

Tanzen, lieben, sterben mit Romeo & Julia in Köln

Es war schön, in Köln viel zu früh anzukommen, um Viveka zu treffen, die dann doch noch einmal weg musste. Also habe ich mir die Nikon geschnappt und habe mich auf den Weg gemacht. Über das Gelände des Carlswerks, auf dem früher einmal Kabel fabriziert wurden. Heute residiert hier übergangsweise das Schauspiel Köln. Im Depot. Wahrscheinlich werden dort sonst die Bühnenbilder und die Ausstattung aufbewahrt, nun ist es der Ort des Geschehens. Bis das neue Schauspielhaus aus Ruinen auferstanden ist.

An diesem Abend wohnen dort Romeo und Julia. Wir befinden uns in der tiefen Vergangenheit Italiens, in Verona und stehen als Zuschauer zwischen den Fronten. Für die Montagues auf der einen Seite? Oder doch für die Capulets?

Wie geht man mit solch altem Stoff um? Was macht man mit dem Klassiker der Klassiker auf der Bühne? Ich war gespannt. Das Programmheft und meine ersten Blicke ins Netz hatten schon ein wenig vom Bühnenbild und den Kostümen gezeigt. Modern, wie es dann so heißt. Was ja nun zunächst nichts heißt. Wer möchte schon Shakespeare im Pumphosen.

Das Saallicht ist noch an, der Vorhang geschlossen, Musik dahinter. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen Maskenball, wie er im Amnesia auf Ibiza stattfinden könnte. Die Bühne besteht aus Glasboxen, die sich über Türen und Drehtüren öffnen und verändern lassen. Das Glas zeigt das ganze Geschehen. Anfangs hat jeder seine Box. Mal sind die Türen geschlossen und die Stimmen dringen nur über Mikros nach draußen, mal geben sie den Weg frei, um vorne an der Rampe zu spielen.

Wir haben im Stück einiges übersprungen und stürzen uns in das Aufeinandertreffen Romeos und Julias auf dem Kostümball der Capulets. Es wird getanzt. Wild, zeitgemäß, stilvoll. Julias Mutter heizt ein, ist die anfeuernde Gastgeberin. Ein fantastisches Tableau, das lange steht und dem man gerne zuschaut. Eher eine Performance als ein Schauspiel. Schönes Licht, gute Musik, ein spannendes Bild zum Auftakt. Das Ensemble tanzt ziemlich gut. Ich hätte noch lange zusehen können und hätte es einfach als Ballett genommen. Aber wird sind ja erst im zweiten Akt.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Romeo und Julia. Liebe auf den ersten Blick. Der Zwist der Familien, ein rasender Tybalt, ein erschlagener Mercutio und bald darauf ein erschlagener Tybalt. Was für ein Drama. Rasant gespielt, fesselnde Kampfszenen. Theater, Theater.

Und immer wieder schöne Bilder und Szenen. Die wunderbar gespielte Amme (Sabine Waibel) im Gespräch mit Bruder Lorenzo (Benjamin Höppner). Erst sprechen sie, dann unterhalten sie sich in Zitaten und dann in Songs. Purple Rain. Depeche Mode. Lust am Spiel. Es waren sicherlich muntere Proben. Viel durfte, viel ist geblieben. Es ist schön, wenn Schauspieler dürfen.

Der zarte Moment. Die Balkonszene. So schön gespielt, fein gesprochen. Die Nachtigall. Die Lerche. Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen. Wollen, dürfen, können. Gehen, bleiben, fliehen. Im Hintergrund nur ein säuselndes Liebespaarknäuel. In einer der Glaskabinen ineinander versunken. Wenn doch nur die Liebe immer die Oberhand behielte. Wenn sie doch die Kraft hätte, all das andere hinweg zu wischen. Wie könnten die beiden in den Sonnenaufgang gehen und die Welt mit Anmut bezaubern.

Wäre da nicht diese Welt. Wären da nicht diese Vorstellungen. Ein Montague? EIN MONTAGUE? Mitnichten. Die Mutter, Julias Mutter, einen Vater gibt es in der schön reduzierten Fassung nicht, hat andere Pläne. Paris soll es sein. Julias Gatte werden. Wo sie doch schon heimlich geheiratet. Romeo, der aus Verona verbannt ist. Hätte er Tybalt in seiner Raserei doch nicht erschlagen…

Ying und Yang. Die Liebe und die Rache vereint sind keine gute Rezeptur. Aber wem sagt man das 2017. Menschen. Es ist ein hin und her. Viel los auf der Bühne. Irgendwo ein Monolog, ein Dialog. Darüber, dahinter, daneben die anderen. Ein wildes Treiben. In einer Szene erheben sich die zerschlagenen Körper von Mercutio und Tybald. Zu Geistern werden sie, die im Raum sind. Zu Boten des Unheils, die im Spiel ihre Bahnen ziehen. Blut ist geflossen, die weiße Weste ist gefärbt. Es macht viel Spaß, dem allen zuzusehen. Romeo und Julia ist gute Unterhaltung. Bei Shakespeare im Buch und an diesem Abend auf der Bühne des Schauspiels Köln.

Es ist bekannt, am Ende ist das Liebespaar gestorben. Auch den Paris rafft es dahin. Die Mutter bleibt, die stark aufspielende Yvon Jansen, die kalt und warm und herrisch und besessen und mütterlich kann. Am Ende gab es viel Applaus für das Ensemble, für Romeo & Julia, für Thomas Brandt und Kristin Steffen, die auch im Verneigen nicht voneinander lassen konnten. So hat die Liebe doch gewonnen, denn der letzte Vorhang ist auch nur eine Vorstellung.

Saturday Night in Köln

Samstagnacht in Köln. Wir wollten uns mit Barbara und Norbert treffen. Eigentlich hier in Mühlhausen, aber die Wochenenden bei Künstlerfreunden sind rar. Auftritte, Jobs. So haben wir uns im Belgischen Viertel verabredet. In der Malschule Reinkarnation. Ein Auftritt von Barbara und Doris mit ihrem Programm Interstellar. Gerne. Immer wieder gerne.

Wir konnten in Barbaras Wohnung schlafen. Von dort haben wir uns am frühen Abend aufgemacht. Von Deutz an den Rhein auf die gegenüberliegende Seite des Doms. Die Sonne ging unter, die Betonstufen am Ufer waren voller Menschen. Es war warm im Oktober, ein Wettergeschenk, eine Sommerverlängerung.

Dort saßen wir und schauten wie alle. Dann machten wir uns auf den Weg. Über die Kaiser-Wilhelm-Brücke quer durch die Stadt ins belgische Viertel. Der Auftritt. Wir kamen zu spät. Ich hatte die Einladung falsch gelesen. 19.30 statt 19.00. Ohne Brille. Egal. Wir sahen, hörten das Ende und tauchten ein, halfen beim Abbau, verstauten die Bühne im Kombi und ergatterten einen Tisch draußen in einer Pizzeria. Aßen, tranken, lachten, lebten Köln. So schön. Mit Doris und Martin, Norbert kam später aus Düsseldorf und irgendwann fanden wir uns tanzend in der Wohngemeinschaft wieder. In der Bar zum Hotel, in dem Viveka und ich früher einmal im Fotografenzimmer übernachtet hatten. Wir tanzten und irgendwann war es 5 Uhr morgens. Wie die Zeit vergeht. Und wir machten uns auf den Weg nach Deutz. Mit niemandem bin ich so gerne unterwegs wie mit Viveka. Schlendern, schauen, staunen, lachen. Um 05:40 Uhr im Bett. Glücklich. Kölner Nächte.