Die eindrucksvolle Begegnung mit Shoichi Sakurai

Ich kann es kaum fassen. Es ist. Sehr bewegend und berührend. Diese Begegnungen im Leben eines Menschen, die Spuren hinterlassen. Die tiefer gehen, unter die Haut und weiter in das innere Land. Die Ebenen, die Steppen, die Wälder, die Seen, Meere. Das innere Ausgefülltsein. Angerührt. Vom Leben liebkost. Der rotsatte Vollmond am Himmel des eigenen Fühlens.

Anfang Oktober habe ich Shoichi bei der Vernissage 4 by 4 im Kulturhaus Zanders das erste Mal gesehen. Ihn und auch seine Frau Colleen und deren beiden Werke. Helga und David hatten Viveka und mich den beiden vorgestellt. Offenes Lächeln, Herzlichkeit, die Aufregung des Kommenden.

Über die Ausstellung habe ich geschrieben.

Die Woche darauf trafen wir Anja und Marc von raum13 bei der Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache in Köln und vereinbarten ein Essen bei uns auf dem Land im alten Verwaltungsgebäude der Bleigrube Bliebach. Auch mit Norbert und Barbara von Schachten & Ackern. Und wir wollten gerne David und Barbara dabei haben, die gerne kommen wollten. Sie würden Shoichi mitbringen. Colleen musste frühzeitig nach Japan zurück. Schade. St.Martin. Das Glück miteinander teilen, den Tisch, das Mahl, die Freude.

Es kam dann ein wenig anders. Anja und Marc mussten das Wochenende nutzen, um Ihre Buchvorstellung in der IHK Köln aufzubauen, Barbara wollte gerne ein überraschendes Zeitfenster nutzen, um endlich mal wieder ihre Familie in Bayern zu sehen und Norbert musste nach Paris. Ein Job. So blieben Helga, David, Shoichi, Viveka und ich.

Es wurde ein außerordentlicher Abend. Den Tag über hatte ich gekocht, alles hatte funktioniert, die Freunde kamen. Wenn das Gefühl der Verbundenheit im Raum ist. Wenn man sich näher kommt. Wenn die Zeit Relevanz hat. Wenn es das Lächeln des Lebens ist.

Ich durfte neben Shoichi sitzen und wir sprachen über unser Leben, über Japan, die Kunst, unsere Kinder und über sein im Kulturhaus Zanders präsentiertes Werk Kimyo-na-Enkan. Die Antwort auf Helgas Strange Loops. Die tiefe Wahrheit der Verbundenheit, das alles miteinander zusammenhängt. Die Überlagerung der Zeiten und Welten. Connected. Das Ineinandergreifen des Schicksals. Das durchgehende Anstoßen, in Bewegung bringen, auslösen. Übergeordnet im Großen, heruntergebrochen bis auf das Kleinste.

Shoichi ist ein sehr feiner Mensch. Sanft, sehr höflich, aufmerksam, interessiert, lustig. Geschickt mit den Händen, dem Geist. Er wohnt mit Colleen in einem alten Tempelhaus unweit von Tokio. Die beiden sind jeder für sich und gemeinsam eine Welt. So wie das auch mit raum13 und Schachten & Ackern und dem Atelierhaus an der Agger der Fall ist.

An dem Abend entstand die Idee, Shoichis Gedanken seiner 4 by 4-Arbeit Pieces United weiter zu tragen. Manchmal fügen sich die Dinge. Als würde man ein Puzzle in die Luft werfen und am Boden treffen sich die Teile zum fertigen Bild. Wir gingen in den Garten und suchten nach einem Platz für seine Strange Loops Kimyo-na-Enkan.

Der kleine Wald, den wir kürzlich von den Brennholzstapeln befreit haben. Die beiden hohen Buchen als Dach. Ein Raum wie eine Kirchen-Apsis. Nach Osten ausgerichtet, in Richtung der aufgehenden Sonne. Japan. Hat gepasst. Im Westen liegen das Atelierhaus und Helgas Strange Loops. Eine feine Linie.

Für mich war die Skulptur schon im Kulturhaus Zanders ein Rock eines Samurais, im Kampf beschädigt. Das Symbol eines Kriegers, der nun als Schützer in unserem Garten steht.

Heute morgen habe ich den Platz vorbereitet. Mit Räucherstäbchen die Geister verführt. Shoichi kam dann und wir haben die Skulptur aufgebaut. Ausgerichtet, den Fuß mit Steinen beschwert, geschaut, dass sie gut sichtbar ist. Kommt man auf den Hof, sieht man sie. Sitzt man im Garten, sieht man sie. Kommt man aus dem Haus, ist sie da. Sie hat eine immense Präsenz und Energie. Sie ist sehr stark in ihrer Wirkung. Leuchtend.

Nun werden wir sehen, wie sich der Rock des Samurais, der Schützer in den Gezeiten des Lebens, in den Abläufen des Wetters und der Jahreszeiten verändern wird. Ich werde das dokumentieren und Shoichi auf dem Laufenden halten. Auf diese Art und Weise sind wir verbunden. Es ist ein Faden Pieces United.

Viveka kam von der Arbeit, wir saßen in der Küche, Shoichi kochte grünen Tee, Sencha und es war Raum und Zeit, zu reden. Wir haben uns sein Haus im Internet angesehen, über den fiftyfiftyblog gesprochen, über die Kunst von Vivekas Vater, die in unserem Haus lagert und über unsere Hunde. Shoichis Hund muss operiert werden, Cooper ist heute vor einem Jahr gestorben.

Heute ist Vollmond über dem Haus, Kimyo-na-Enkan ist in die Kathedrale unter den Buchen eingezogen, Coopis Todestag jährt sich. Strange Loops. Die Dinge kulminieren. Ich sitze in der Küche, der neue Spotify-Mix läuft, ich sehe Shoichi noch hier am Tisch sitzen. Am Freitag geht sein Flieger nach Tokio. Wir haben uns gegenseitig eingeladen, das Meer zu überwinden. Ich bin sehr berührt. Von allem.

Von dem Projekt werde ich berichten. Meine Kamera wird lernen, dem Freund im Garten ein Leben zu geben.

Shoichis Werk und Einblicke in das Tempelhaus: http://www.shoichi-sakurai.com

Mit Interstellar 227 im doublespace

Entrückt.

Aus der Welt in die Welt. Wo sind wir? Wo leben wir? Wozu das alles?

Köln am Wochenende, an einem Freitag. Die Premiere von Interstellar 227 in der Alten Feuerwache. Wir haben uns ein Hotelzimmer in Deutz genommen, sind ein kurzes Stück U-Bahn ohne Ticket gefahren und den Rest gelaufen. Labor Ebertplatz lag auf dem Weg, dort haben wir Judith getroffen, die gerade mit einer Ausstellungseröffnung beschäftigt war. Bilder aus geschreddertem Geld. Ein Mandala aus den Resten des Glaubens an Materialität. Der Übergang vom Glauben aus Papier ins existentielle Moment der Sinnlichkeit.

Wir hatten wenig Zeit, das Weltall wartete auf uns. Auf Facebook hatte ich über einen Kulturservice Karten gewonnen. Das Leben ist irreal.

Barbara Schachtner. Dorrit Bauerecker.

Wir hatten Supernova der beiden im Theater der Keller gesehen und auch vorher schon eine Performance/ ein Konzert/ ein Theaterstück im Rhenania im nächtlichen Schatten der Kranhäuser.

Doublespace. Doppelraum. Zwei Seiten einer Medaille. Das Hier und Jetzt. Der Space, der Raum, das Unerwartete, die Zukunft, das, woran wir noch nicht glauben. Können. Wollen. Verhext unsere Ahnungslosigkeit aus Unwissenheit.

Die beiden beherrschen ihre Metiers. Dorrit virtuos die Tasten von Akkordeon, Flügel, Mini-Piano. Barbara ihre Stimme und alles, was Körper klingen lässt.

Ich wusste nicht, was auf uns zukommen würde. Ich bin ein musikalisch Unbedarfter, der nur auf das hören kann, was geschieht. Das ist bei Interstellar 227 eine Menge.

Viele waren an dieser Produktion, die wie ein Stern vom Himmel gefallen ist, beteiligt. Norbert van Ackeren hat das Bühnenbild geschaffen. Den Raum, die Konvention, das Vereinbarte gesprengt. Mit Aufwand, wie wir beim gemeinsamen Abbau des Bühnenbildes am späten Samstagabend erfahren konnten.

Ein Karreé, ein Viereck, ein Geviert. Herabgefallen aus dem Universum, bestückt mit Aliens einer fremdem und doch bekannten Klangwelt. Grün, Stiefel mit Plateau-Sohlen, gehüllt in transparente Kunststoffstreifen. Wesen nicht von dieser Welt und doch.

Der Lauf eines extraterrestrischen Abends. Klänge, von Sensoren ausgelöst. Sensoren in Barbaras Handschuh. Die Interpretationen von Kompositionen für diese Aufführung geschaffen.

„INTERSTELLAR 2 2 7 hat mit den Komponisten Christina C. Messner und Roman Pfeifer zwei Verbündete für die Mission gefunden. Musik und Text weiterer Schöpfer*innen fließen in diese elektrisierende Performance aus Musik, Choreographie und Licht mit ein.“

Wir Erdlinge sitzen als Unwissende um das Karreé herum und sehen und staunen. Musik, Klänge, neue Dimensionen, das Bewegen in Richtung Mars. Das Alte trifft das Neue, das Bestehende das Zukünftige. Neue Musik, über Grenzen gehen, Grenzen ausloten, Genre vermischen. Ist das eine Oper, wenn die Musikerinnen spielen? Ist das szenisch musikalisches Theater? Ist das ein inszeniertes Konzert? Oder eine musikalische Performance?

Interstellar 227 ist so mutig, neu, konsequent, leidenschaftlich, anders. Ich saß dort mit offenem Mund und wusste nicht, wie mir geschieht. Supernova war noch eher Klang und Spiel, doublespace waghalsige neue Musik. Wechselten die Szenen, kamen die beiden mir vor wie Sniper, die ihre Instrumente aus dem Regal holen, um zu tun, was getan werden muss. Der Musik Bahn brechen.

Da hilft es, im Kostüm von Aliens zu agieren, weil man dann eh fremd ist und der Himmel keine Grenze. Das Gewohnte, die hässliche Konvention sprengen und doch das schöne Alte in Form des Liedes einbinden. Es sind gefühlvolle Wesen, diese Aliens, die uns haben teilhaben lassen. Brücken bauen, Seelen streicheln, Gehör fordern.

Ich war irgendwo draußen im Space unterwegs mit diesen Aliens. Und ich habe mich wohl gefühlt, aufgehoben, an die Hand genommen. Ein sehr fürsorglicher Umgang mit dem Neuen, verantwortungsvoll, schön.

Und gewaltig. Ein starker Eindruck, Impetus. Gravierend, relevant. Nichts, was einfach so vorübergeht.

Sie haben eine weitere Stufe erklommen, Komponisten*innen als Begleiter auf ihrer Sternenreise gewonnen. Und sicherlich zahlreiche Fans. Alle Plätze waren besetzt, der Applaus war lang. Es muss ein gutes Gefühl sein, in seinem Leben etwas so Besonderes auf die Beine gestellt und auf die Bühne gebracht zu haben.

doublespace gab es zunächst nur an zwei Abenden. Anfang nächsten Jahres wird es einen Termin in Bonn geben. Und dann hoffentlich noch mehr. Denn es braucht Menschen, die den Raum sprengen und ihn gleich einfach mal um einen zweiten erweitern. Ich liebe es, Menschen zu sehen und zu erleben, die den Blick nach vorne richten. Die Weg bahnen und bereiten für Neues, die Türen öffnen im Hören und Denken.

Interstellar 227 doublespace ist wertvoll. Atemberaubend sinnstiftend. Ich wünsche euch, den Abend einmal zu erleben.

Im Sommer 1990 war ich auf dem Weg nach Köln ins Theater. Die Vorstellung fiel aus und ich lief planlos durch die Innenstadt. Dom, Fußgängerzone. Da entstand am Abend Zuhause der Text: Das Spiel, die Realität, die Wirklichkeit und das Leben.

Ein ähnliches Gefühl hatte ich an diesem Wochenende. Das meinte ich zu Beginn des Beitrags mit dem Wort entrückt. Als ich Samstagnacht wieder aufs Land kam, war ich ziemlich geschafft. Zu viele Eindrücke. Das Hotel, Deutz, das Labor, die Feuerwache, Interstellar. Am nächsten Tag Flohmarkt an der Pferderennbahn, der erste Besuch in Max WG, die Sperren des Köln-Marathon umfahren, ein Spaziergang am Rhein, Essen im Offenbach, das Abbauen des Bühnenbildes.

Wo steht man im Leben? Was macht das Leben mit einem? Was macht man mit dem Leben? Es vorbeiziehen lassen oder formen? Ich möchte es so intensiv spüren wie am Wochenende. Ich möchte das Neue und das Alte sehen, möchte die Dinge verknüpfen und das Denken fliegen lassen. Alles miteinander verbinden. Das erzeugt Sinn. Ich mag es, wenn die Dinge aufgehen und Sinn ergeben. Wie auch immer.

P.S. Ich konnte es nicht lassen, jede Menge Fotos in guter Auflösung einzubinden. Sorry für die Ladezeiten. Aber ich möchte den Abend und das Wochenende fein dokumentieren.

Infos zum Projekt:

INTERSTELLAR 2 2 7
Barbara Schachtner: Stimme, Gesang, Sensoren, Performance
Dorrit Bauerecker: Klavier, Akkordeon, Toypiano, Sensoren, Performance

TEAM

INTERSTELLAR 2 2 7: Künstlerische Leitung / Ausführende
Monika M. Kozaczka: Produktionsleitung
Wolfram Lakaszus: Technischer Leiter / Entwicklung des Sensorsystems
Norbert van Ackeren: Szenographie
Sabine Seume: Dramaturgie / Choreographie
Sophia Spies: Kostüm
J.Garavaglia / C.Robles: Programmierung und Klangeffekte
Chikashi Miyama: C# Programmierung

Christina von Richthofen: Öffentlichkeitsarbeit
Anke von Heyl: Social Media-Beratung

AUFTRAGSKOMPOSITIONEN: Christina C. Messner, Roman Pfeifer

#doublespace wird gefördert von NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Kunststiftung NRW, Kultursekretariat Wuppertal, Kulturamt der Stadt Köln, Künstler-Union-Köln (KUK) mit freundlicher Unterstützung von ON Neue Musik Köln, Priesterseminar Köln, Alte Feuerwache Köln

VERÓNICA von Helga Mols und der Umgang mit der Gegenwart

VERÓNICA, 120 x 95 cm, Gouache und Öl auf Leinwand, Pflanzenfarbe auf Baumwolltuch, 2019 – von Helga Mols

Ausgestellt im Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach im Rahmen der AdK-Ausstellung „alles ist eitel“ – der Titel entstammt aus einem Gropius-Gedicht, in dem eitel im Sinne von vergänglich verwendet wird. Es ging also um Vergänglichkeit.

Mit Ihrem Bild zitiert Helga Mols den spanischen Künstler Francisco de Zurbarán (1598-1664). Sein Schweißtuch der Veronika (Öl auf Leinwand, 105×83,5, 1658, Spanien, Museo Nacional de Escultura Valladolid) könnt ihr euch HIER anschauen.

Die heilige Veronika hat Jesus auf dem Weg zum Kreuz mit einem Tuch den Schweiß abgewischt. Dieses Tuch ist, in einem Tresor, in eine der zentralen Säulen des Petersdoms eingelassen. Eine sehr heilige, wichtige Reliquie der katholischen Kirche, die nur einmal im Jahr gezeigt wird.

Immer wieder haben Künstler das Motiv aufgenommen, unter anderem El Greco, Guido Reni, Albrecht Dürer…

Und nun Helga Mols in ihrer Zurbarán-Interpretation.

Ihr Tuch ist kein Schweißtuch, sondern eine Windel, durch die sie in den letzten Jahren den Saft gepresster Früchte filtriert hat. Ihr geht es um die Natur, die Schöpfung im Kontext von Vergänglichkeit. Vergänglichkeit im Jahr 2019. Was könnte einem da einfallen? Nun.

Mir gefällt das Zitat, die feine künstlerische Idee der Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema, das gleichermaßen platt wie tief ist. Wie über Natur sprechen im Jahr 2019, ohne in Stereotype zu fallen?

Jesus, der Beginn der christlichen Zeitrechnung vor 2019 Jahren. Was ist seither geschehen? Ein dreißigjähriger Krieg, in dessen Kontext Gropius die Vorlage der Ausstellung gegeben hat. Die Entwicklung der christlich geprägten westlichen Welt, die sich entwickelt und aufgeklärt hat, um über den Glauben an die Technik die Natur ins Hintertreffen geraten zu lassen.

Nun könnte man viel in Helga Mols VERÓNICA hinein interpretieren und Verbindungen zwischen den Vorbildern und Zeiten herstellen, die Farben mit Bedeutungen aufladen und letztlich in der Interpretation alles verkomplizieren. Hatte ich vor. Auf die Strange Loops einzugehen, die den Hintergrund bilden. Die Farbtöne, das Braun, Beige, Rötliche, das trockener Saft sein könnte. Mach ich nich.

Das Bild ist ein zartes Band und als solches wirkungsvoll und schätzenswert. Es ist eine mit der Natur gelebte Verbindung. Es ist ein Spiegelbild dieses sensitiven Lebens von Helga und David im Atelierhaus an der Agger. Auf dem Weg dorthin fährt man durch Cyriax, wo neben den Grundmauern eines alten Klosters ein Jahrhunderte alter Baum steht. Fährt man den Weg im Dunkeln, steigt David aus, um in der feuchten Jahreszeit die Salamander von der Straße auf die Wiese zu tragen. Verliert ein Baum auf dem Grundstück einen riesigen Ast und muss dieser Baum gefällt werden, geschieht das nicht einfach so. Fliegt ein Vogel vor ein Fenster des Atelierhauses und überlebt mit Schock, hält ihn David so lange warm, bis er wieder bei Sinnen ist und davonfliegen kann. Es ist ein verwunschener Ort an der Agger, der so viel Einfluss auf das Leben und Arbeiten der beiden Künstler hat.

Von daher ist VERÓNICA weniger in der Vergangenheit als vielmehr in der Gegenwart verankert, verortet. Als ein feines Zeichen, das zitiert, die Botschaft aber wie damals im Tuch trägt. Und erinnert man sich daran, was wir im Religionsunterricht und in den Unterweisungen der Kirche gelernt haben, so ist Jesus der Retter der Welt, der alle Schuld auf sich nimmt. Eine schöne Idee, die ich nie verstanden habe. Dieses Schweißtuch ist nicht in Schweiß getränkt, sondern in Fruchtsaft.

Das empfinde ich als ausgesprochen schön und optimistisch. Eine kluge Botschaft, in der es um Einklang geht. Im Wesen profan, im Leben unendlich wertvoll. Steht man vor VERÓNICA und schaut sich das Bild an, wirkt es. Es trägt die Aura des roten Hauses an der Agger mit all seiner künstlerischen Energie und dem Leben, für das es steht, in sich. Vital, schlüssig, fein, zurückhaltend.

Es hat sich gelohnt, das Bild live zu erleben und ich kann mich wieder einmal nur dafür bedanken, dass Helga und David die wertvolle Arbeit leisten, die sie leisten. Denn das Künstlerische gewinnt als Methode dieser Zeit zunehmend an Bedeutung. Wo das Rationale die Grenzen längst überschritten hat, bietet die Kunst den Raum, neu und anders zu denken. Das ist der Weißabgleich, der so zwingend geboten ist. Das Besinnen, das VERÓNICA ermöglicht.

AdK-Ausstellung: es ist alles eitel

Ausstellungsort: Kulturhaus Zanders, Hauptstraße 267-269, 51465 Bergisch Gladbach

Ausstellungsdauer: bis zum Sonntag, 14. April 2019

Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags, sonntags von 15 bis 18 Uhr

Zusammenschau, Sebastian Linnerz, Graham Foster

Video Graham Foster: Zeichnungen Treatment. Hier das Video: Graham Foster Treatment (einfach mit der Maus über Graham Foster Treatment fahren und klicken)

Wenn ich Texte über Kunst und Künstler lese, dann klingt das oft so wissend und stringent und abschließend. Als wüsste man, worüber man schreibt. Einordnend, strukturierend, erklärend.

Ich weiß nicht, vielleicht schreibe ich auch so. Ich hoffe nicht.

Gerade komme ich aus der Eifel. Meine Mutter ist ziemlich krank. Medizin hilft ihr, zu überleben. Läuft die Chemie aus dem Ruder, wird es ihr übel. Und wir schauen zu und überlegen und denken und machen und tragen. Und rufen den Notarzt, der sie ins Krankenhaus bringt und wir warten vor der Notaufnahme und werden dann irgendwann gerufen und irgendeine Wunderpille lässt sie lächeln und mit Vergnügen ein Brötchen essen, das wir ihr schnell von der Tanke geholt haben.

Die logische Erkenntnis des Lebens auf dem Weg ist, dass das Leben Komplikationen bereit hält. Immer wieder.

Nun hat man auf der einen Seite eine Mutter, auf der anderen Seite ein Leben, das nach Gestaltung ruft. Arbeiten, leben. Es sich teilen mit anderen. Den Sehnsüchten auf der Spur, der Liebe.

Wie eigentlich immer drängen sich die Dinge dicht und überlagern sich. Es folgt nicht C auf B auf A. Es geschieht gleichzeitig.

Kunst.

Freitag „Problemzonen“ in Köln. Kunstverein Kölnberg. Ich werde später darüber schreiben, ich möchte mich an die Reihenfolge halten und schauen, dass ich das Erlebte und Gesehene noch erinnern und fassen kann. Deshalb zunächst plus/ Raum für Bilder. Fünfter Geburtstag der Galerie von Sebastian Linnerz. Vergangenen Freitag vor einer Woche. Köln, unweit des Ebertplatzes.

Zum Jubiläum eine Ausstellung mit neuen Werken von 16 Künstler*innen, die in den letzten 5 Jahren dort ausgestellt haben. Harte Aufgabe. Much to much Input. Ich kannte nicht alle Künstler*innen und ihre Werke und musste anhand der ausgestellten Werke versuchen, zu verstehen. Ich habe versagt. Ein Freitag nach einer langen Woche, ich bin nur ein Blogger aus Leidenschaft, ohne Anspruch an irgendeine Professionalität. Hier schreibe ich ausschließlich, wozu ich Lust habe. Nun.

Also war ich weder vorbereitet noch in der Lage, dem Ausgestellten gerecht zu werden.

Deshalb habe ich mich entschieden, auszuwählen.

Graham Foster.

Ich habe ihn gefragt, ob ich sein Bild fotografieren darf. Yes. Und ich habe mich mit ihm unterhalten über sein Bild und seine Arbeit.

Graham Foster ist Brite. Das unterscheidet ihn von mir. Das bedeutet, dass er einen anderen kulturellen Hintergrund hat, was ihn wiederum spannend macht. Nun ist anders sein allein nicht Grund genug. Es muss schon in einer Form anders sein, die globaler ist. Graham Foster ist schräg. Ich habe über ihn bereits geschrieben, und da nannte ich ihn Crazy Graham Foster. Daran hat er sich erinnert. Jetzt weiß ich, was crazy für mich bedeutet, aber ich weiß nicht, was crazy für Graham Foster bedeutet. Mein crazy ist ein Kompliment. Es bedeutet: Dass mich das, was ich als crazy bezeichne, berührt und bewegt.

Ja, das Werk Graham Fosters gehört zu den Werken, die mich berühren.

In dieser Ausstellung war es sein vierbeiniges Wesen mit Hufen und Klauen und Nasenhorn und Ledergeschirr, dass den Schwanz (Penis) des Tieres hoch bindet, und Propeller am Hintern. Darunter ein Satz in Fantasiesprache, die chinesisch anmutet und mit dem Stempel zu tun hat, der das Bild mit chinesischen Zeichen abbindet, die den Namen Graham Foster darstellen.

Die Zeichnung liegt unter einer Glasplatte, die ein riesiges iPad darstellt. Weshalb?

Graham hat mir erzählt, dass er eine Zeit lang ausschließlich mit dem iPad gezeichnet hat. Sein eigentliches Sujet sind seine wunderbaren Objekte, die nicht nur crazy, sondern wundervoll wahnsinnig sind. In seiner Welt sind sie sicherlich geordnet und verständlich, aber für Außenstehende wie mich sind sie wie Zeichen, die man erst entschlüsseln muss. Sie sind modern und archaisch zugleich. Es tauchen Uniformen und Rangabzeichen und Ornamente und Fratzen und Tiergesichter auf, die skurril anmuten könnten.

Tun sie nicht.

British humor. Spricht man mit Graham Foster über seine Kunst, überfällt ihn dieses wunderschön süffisante britische Lächeln. Seine Werke sind bei allem scheinbaren Abgrund von Humor durchzogen. Sie sind in einem tiefen künstlerischen Ansinnen witzig. Überall kleine Arabeseken und Applikationen der Ironie. Bund, wild, voller Andeutungen. Graham Foster nimmt das Leben auf die Schippe. Seine Arbeiten sind voller Details. In Sebastian Linnerz Ausstellungskatalog, in dem er alle Künstler mit Fotos aus ihren Ateliers vorstellt, ist der Blick auf Fosters Arbeitstisch hinterlegt. Werkzeuge und Materialien des lustvoll ironischen Blicks auf die Wirklichkeit.

Kindlich, infantil, bitterböse, leicht und schwer zugleich. Zeichen wie Marterpfähle. Irgendetwas zwischen Aufarbeitung einer militärisch-kolonialen Obsession der Vergangenheit und der Lust, über alles zu lachen oder zumindest zu schmunzeln.

Es war wieder ein sehr schöner Abend in Sebastian Linnerz Galerie, die zur Vernissage bestens besucht war. Ich fühle mich dort sehr wohl, weil dort sehr liebevoll und ganz im Sinne und Geiste der Kunst gearbeitet wird. Ein Projekt. Keine Ausrichtung auf Rendite. Dem Schönen, dem Guten verpflichtet. Wie funktioniert das 2019? Auf den Porsche verzichten, die Penthousewohnung. Arbeiten, lieben und dem eigenen Herzen verpflichtet sein. Macht nicht reich, aber erfüllt. Weil es Sinn macht. Danke, Sebastian Linnerz, immer wieder.

Nun freue ich mich, Zeit zu finden, über die nächste Ausstellung zu schreiben. Und dann, die nächste Ausstellung zu sehen. Helga Mols in Bergisch Gladbach.

Infos zur Galerie und zur Ausstellung: https://www.sebastianlinnerz.de

In love with van Ackerens van Gogh

Die Dinge kulminieren. Mir ist dieses Wort eingefallen und ich denke, es bedeutet etwas in die Richtung, dass es sich hoch schaukelt. Eines kommt zum anderen. Man weiß nicht, ob die Puzzleteile passen, aber man glaubt, weil man es möchte. Dann entsteht etwas Besonderes, das einen selbst erhöht. Menschen sind Meister im sich selbst belügen. Das ist ein guter Trick, der funktioniert. Ich weiß das, vielleicht aus eigener Erfahrung. Das ist das persönliche Stockholm-Syndrom, das einen tanzen lässt im Schlund der ewigen Hölle.

Die letzten beiden Worte habe ich wegen ihrer schönen Dramatik geschrieben. Höllenschlund. Als würde man unter Drogen an einem Strand nächtelang mit den Wellen und Gezeiten tanzen. Hingeben. Alles.

Das Bild oben, ist mein favourite. Norbert van Ackeren hat es gemalt. Normalerweise schreibe und artikuliere ich solche Dinge nicht, weil sie so klingen, als würde man im Konsumrausch sein Lieblingseis nennen. In diesem Falle möchte ich es schreiben. Er ist mein an mein Herz gewachsener Lieblingskünstler. Der Eine ist Fan von Borussia Dortmund, der Andere bin ich. Lasst uns kein Aufhebens machen. Das Eine ist nicht schlechter als das Andere. Oder besser, oder klüger.

Ab und an, immer seltener besuche ich Instagram. Dann schaue ich, was verschiedene Menschen gerade so machen. Die pure Neugierde. Unverbindlich und ohne Augenkontakt. Ah. So. Gut.

Also öffnete ich Instagram am Laptop und schaute, was bei Norbert los ist. Da war plötzlich der van Gogh. Eine Zäsur, auf die ich gewartet hatte. CUT, habe ich einmal in meinem Blog geschrieben. Schnitt, heißt das im Film. van Ackeren malt van Gogh. Ein Porträt, ein Hintergrund in Pink. Es hat mich getroffen wie ein Schlag. Es war, als wäre der Durchbruch geschafft. Diese elende Strecke bis zum nächsten kleinen Ziel. Diese Trippelschritte, die dem Gipfel niemals näher kommen. Wer kennt das nicht? Was passiert schon Großes im Leben? Geburtstag, Heirat, Party, Weihnachten, Grillfest, Urlaub, mal Österreich, mal Thailand und ab und an diese einmaligen Gespräche, die vom Himmel fallen und das Herz und die Seele streicheln. Oder ein Wort, das einem die Adern küsst. Pulsierend. Peng.

Ich weiß wirklich nicht, was geschehen ist. Zunächst. Was ist der Unterschied zwischen Norberts van Gogh und Norberts Trakl? Das Pink? Beide sind seine Seele, sein Ich, seine Kraft. Ich weiß auch, dass er sie fühlt. Und wenn er sie fühlt und er sie
malt, dann fühle ich sie auch und werde froh. Das ist die unbändige Kraft der Kunst. Sie lässt Seelen miteinander sprechen. Atomare Kommunikation. Partikel. Pigmente. Im Falle Norbert van Ackerens metallurgische Ströme zwischen den Welten. Kupfer, Eisen. Zersetzend, verändernd, liebend. Ein sanfter Firn. Viel weniger gewaltig als im Denken vernommen. Es passiert, langsam, es lebt, bleibt, stürzt, steigt.

Dieser van Gogh fesselt mich. Sein Blick ist nicht weniger als die Mona Lisa, die ich gerade erst gesehen habe. Auge in Auge im chinesischen Teenie-Selfie-Gewitter mit dem Rücken zu Leonardos Braut. Eine Dreiviertel Stunde im Sog der Social-Media-Post-Wut. Knips. Schrecklich war das, klar. Respektlos, dumm und ahnungslos. Nun. So sind wir. Der Eine dort, die Andere woanders. Wir haben unsere Felder, auf denen wir unsere Ahnungslosigkeit in Perfektion ausspielen. Man muss verzeihen können, lieben, Pflaster vergeben, leichte Küsse der Besserung.

Das Bild ist van Gogh. van Gogh hat es gemalt. So ähnlich. Ich kenne es. Aber es nicht das, was ich hier gesehen habe. Man könnte sagen, jemand anderes spielt Halleluja in einer neuen Version nach Cohen und Buckley. So ist es nicht. Es ist im Gleichen etwas ganz Neues. Mich hat es als Sehnsucht getroffen. Als Wunsch und Möglichkeit und Auferstehung. Es ist eine Epiphanie. Klar gekennzeichnet und stark im Ausdruck. Pop Art und van Ackeren und van Gogh. Das Wesen. Das Kulminierende.

Ich liebe dieses Bild, weil es voller Hoffnung ist aus dem nicht Pinken heraus.

Was es ist? Kommt, ihr seht es. Schaut hin. Nehmt euch einen langen Augenblick. Lasst wirken. Bitte. Steht im Louvre und denkt groß im Kleinen.

Und?

Yep. Wie immer beim Menschen.

Die Augen, der Blick. In diesem Fall ist geschehen, dass er lebt. Im Zwiespalt. Lebendig oder tot? Hinausschauend nach vorne oder nach Innen? In diesem Bild steckt alles, was uns bewegt. Hoffnung und Selbstzweifel, Kraft und Mutlosigkeit. Es ist eine Metapher.

Solche Bilder gelingen nicht oft. Dieser van Gogh ist eine Ikone. Er rührt mich tief. Ich kann ihn anschauen und anschauen bis zu dem Gefühl, dass ich mit ihm sprechen möchte. Ich weiß, klingt nach kurz vor Einweisung. So ist Kunst, alles andere sind Abziehbilder. Arm anlecken und drauf und wie Pirat fühlen.

Hätte ich ein Museum für moderne Kunst. Contemporary. Big ass. Ich würde es sofort machen.