Another day in paradise

Im Leben muss man ständig etwas wagen. Sonst geht man unter, ertrinkt in Starre und Langeweile. Nun bin ich nicht der Mutigste unter der Sonne und manchmal, das gebe ich zu, macht mir das Leben ein wenig Angst. So ein wahrer Held wird aus mir wohl nie werden, auch wenn meine Kräfte und Energien manchmal wundersame Dinge geschehen lassen, die ich mir nicht erklären kann. Weshalb ich?

Diesen Sommer habe ich für uns einen Urlaubsort gesucht. Letztes Jahr Frankreich, Menton. Zwischen Monaco und der italienischen Grenze. Der Campingplatz hat zugemacht. Au Revoir. Also. Nun geschah es zu jener Zeit, dass mein väterlicher Freund Raimund mit seiner netten Freundin zu meiner Lesung nach Duisburg kam. Wir haben uns unterhalten. Wir sprachen auch über Urlaub und Italien und er erzählte von diesem Campingplatz direkt am Meer. In meinem Gehirn tiggerte es. Krawumm, wusch. Äh. Raimund, wo? Er nannte den Ort und gab mir Infos, die ich so halb absicherte, um später bei Google aus der Erinnerung den Weg dorthin zu finden.

Yep. Ich fand ihn. Und stellte eine Anfrage. Und erhielt eine Antwort. Die Reservierung wurde bestätigt. Umgehend. Nun hatte ich der Anfrage eine Zeile hinzugefügt, die mir wichtig war: Blick aufs Meer. Bingo. Asta la vista Baby.

Nun hätte ich nicht mit diesem Blick gerechnet. Viveka, Zoe und ich fuhren die Nacht durch. Zoe ist jetzt 18 und hat einen Führerschein, der sie überall hin trägt. Mittlerweile sind meine Kinder volljährig. Meine Mutter sagt immer, dass sie es sich nicht vorstellen könne, dass ihr ältester Sohn nun Mitte Fünfzig sei. Ja. So ist es. Man kann es sich nicht vorstellen. Wie so manches anderes auch nicht. Zum Beispiel, dass ich nun stolzer Träger einer Lesebrille bin. Puh. Ich bin gespannt, was an dieser alten Karre als Nächstes ausfällt. O.K. An dieser Stelle stelle ich mich der Realität und zeige mich euch mit Brille. Wusch. Alter Sack.

Es fällt mit schwer, den Zerfall zu akzeptieren. Egal. Man gewöhnt sich an alles und ich will hier auch nicht rumheulen. Gibt Schlimmeres.

Wir kamen auf jeden Fall an. Zu dem verwunschenen Ort führte nur ein alter Eisenbahntunnel. Man musste warten. Lange warten. Alle 20 Minuten geht die Ampel auf Grün und der Tross setzt sich in atemberaubender Geschwindigkeit in Bewegung. Sagen wir mal, das erste Fahrzeug würde sich in dem etwa 3 Meter breiten Tunnel aus irgendwelchen Gründen quer stellen, dann würde die gesamte Meute munter reinrauschen und man könnte sagen: Ende Gelände.

Nun sind Italiener muntere Menschen mit Esprit und Dampf im Kessel. Die Ausfahrt zum Campingplatz war dann auch sehr sportlich. Es wurde kurz hell zwischen zwei Tunneln, ich las das Schild und versuchte mit angemessener Geschwindigkeit den Tross zu verlassen. Blinker, Spiegel, Gas halten, ein wenig wegnehmen, raus, scharf bremsen wegen der Kurve. Durchatmen. Angekommen. Der Tunnel hat uns ins Licht geführt. Nun, das ganze Leben ist immer ein wenig wie Sterben und doch wiedergeboren werden, weil die Zeit einfach noch nicht reif ist.

Und dann. Ja, der Rest ist Geschichte. Weil ich etwas von Meerblick geschrieben hatte, bekamen wir diesen Platz. Oben. Ganz vorne. Mit Blick auf die Bucht. „Wie habt ihr den bekommen? Wir dachten, ihr seid Italiener?“ Nun. Weiß nicht. Grazie. Das Leben. Die Gefälligkeitsbank. Manchmal zahlt das Schicksal aus. Man muss was tun. Hier etwas geben, dort. Fair sein. Lächeln schenken. Pfadfinder im Herzen sein. Sehen, dass die ältere Dame eine Hand braucht, sie nehmen, halten und ihr das Gefühl geben, sie sei Greta Garbo. Mindestens. Warum nicht? Ist das nicht unsere Sehnsucht? Ein wenig Aufmerksamkeit, ein freundliches Wort, wahrgenommen werden?

Egal. Es kann auch ganz anders gewesen sein. Ein Buchungsfehler, ein Zufall, eine Ironie, ein verwehter Zettel, eine Laune, eine Arabeske des Lebens. Auf jeden Fall haben wir die Zelte aufgebaut, den Gaskocher mit einem Spanngurt auf die Obstkisten drapiert. Meine Küche mit Meerblick. Wie gerne habe ich gekocht. Wie sehr hat mich der Blick gefesselt. Morgens, mittags, nachmittags, abends. Zwei Hängematten. Und Viveka sagte permanent: Wie auf Jamaika. Sie hat dort fast zwei Jahre in den Hills gelebt. Ziegen gehütet. Sie muss es wissen. Mir kam es auch so vor. Irgendwann: Wie auf Jamaika.

Nun. 3 Wochen. Es war schwer, zurückzukehren. Aus der Hängematte an den Schreibtisch. Von Jamaika nach Deutschland. Von der Nachrichtenlosigkeit in die News. Ich will das alles gar nicht mehr wissen. Wie er wann wo aus welcher Sinnlosigkeit heraus.

Es war ein bedeutender Urlaub. Ich war unendlich verliebt. Viveka fehlt mir sehr. Seit fünf Jahren nun. Wochenenden. Wenn man aus dem Paradies kommt, ist die Realität ein wenig wie geteert und gefedert werden. Meine Deutschlehrerin schrieb einmal unter einen Aufsatz: „Jens, hüten Sie sich vor Übertreibungen.“

Den Gefallen konnte ich ihr nie tun. Es würde mich langweilen, die Dinge nicht zu überzeichnen. Es ist dramatischer und dramatischer ist spannender und spannender ist unterhaltsamer und unterhaltsamer ist lustiger. Gestern Abend, kurz vor dem Abschied, haben Viveka und ich im Bett anlässlich des Todes von Jerry Lewis auf YouTube einige Clips geschaut. Jerry Lewis im Boxring. Das war übertrieben. Und so lustig. Wir haben ziemlich gelacht. So ist das mit dem Leben, du lachst, du weinst, du gehst zur Arbeit, du verabschiedest dich, das Schicksal beschenkt dich, das Schicksal zeigt sich als Arschloch. Nun. Leben eben. Kriegen, was du kriegen kannst. Den schönen Blick, das feine Gefühl, das Tiefe.

Lichter der Nacht

durchgang

Habe ich euch, habe ich meinem fiftyfifty-Tagebuch schon erzählt, wie ich Viveka kennengelernt habe? 2011 war das. In Italien. Levanto. Ein Jahr später habe ich sie dort wiedergetroffen. Ich war relativ frisch getrennt und experimental mit dieser kompletten Patchwork-Combo unterwegs. Mir ging der Arsch auf Grundeis und mein persönliches Ziel dieses Urlaubs war, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Manchmal muss man im Leben ganz kleine Brötchen backen.

Dann kam es anders. Plötzlich verbrachte ich die Nächte mit Viveka am Strand. Bis in die frühen Morgenstunden haben wir am Meer gesessen und dem Mond zugesehen, wie er von Nacht zu Nacht praller wurde. Wir waren ganz alleine an einem der schönsten Orte der Welt. Alles lag uns zu Füßen und das Meer war so schön und der Himmel unbeschreiblich und das Gefühl nicht zu toppen.Die Nächte waren so außerordentlich warm, dass T-Shirts bis zum Morgengrauen reichten. Und Sternschnuppen fielen ins Meer. Es war einfach unglaublich.

lichtball

Wir saßen dort, schauten aufs Meer und redeten die Nächte durch. Viveka fragte mich, ob wir einmal ausgehen würden. Ja. Und ob. Da war die Via del amore in den Cinque Terre noch geöffnet. Und es gab diese kleine Bar am Felsen, in der man direkt am Abgrund saß und weit über die Bucht von Monterosso schauen konnte. Vorher hatten wir in Riomaggiore Fritto Misto in der Papiertüte gekauft und auf einem Felsen gegessen. Viveka hatte eine freche Möwe gefüttert. Die Via del amore. Diesen Weg am Meer entlang, die Skulptur der Liebenden, durch die man aufs Meer schaut, die Wände voller gemalter Herzen. Zwei Spritz in der Bar und diese Frage in meinem Kopf, weshalb sich Brad und Angelina nicht jeden Abend hierher fliegen lassen? Das hatte ich mich tatsächlich gefragt. Mein Glück war überbordend.

Es war geschehen. Das Meer, die Sternschnuppen, die Wärme. Italien. Wir haben uns verliebt. Das ist nun über vier Jahre her.

orange

Seither sind wir unterwegs. Am Wochenende. Von hier nach dort und zurück. Und seither haben wir so viele Nächte zum Tag gemacht. In Paris, Dresden, Hamburg, Essen, Köln, Stuttgart, Aachen, Duisburg, Mannheim und wieder Paris. Wir sind beide Widder. Viveka ist am gleichen Tag geboren wie mein Vater. Und: Viveka ist Ostersonntag geboren. Ich bin Ostersonntag geboren. So sind wir einander nah und es gibt Dinge, in denen wir gleich funktionieren. Eines ist das Laufen durch Städte und Nächte.

riesenrad

Wir gehen weite Wege. Die erste Nacht in Paris sind wir durchlaufen. Bis zum Eiffelturm, die Seine entlang zurück und nur das letzte Stück mit dem Bus wieder zum Montmatre. Ich liebe es, mit Viveka durch Städte und Nächte zu laufen. Und mit ihr über diese Städte und Nächte zu sprechen. Oder in diesem Blog all die Bilder aus diesen Städten und Nächten zu sehen. All das liebe ich. Und noch mehr liebe ich sie.

Der letzte Ausflug: Das letzte Wochenende in Essen. Lichterfest. Ein illuminiertes Riesenrad. Gebäude in Farben und Klänge gehüllt. Und zwischendurch diese ganz normalen Lichter der Nacht, die so schön sind. Weil bald St. Martin ist, teile ich sie, was ich manchmal, aber nicht immer mache, unverweilt mit euch. Die Nacht ist so faszinierend wie das Licht. Danke, Essen.

sparkasse

dank

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auditorium

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Die kleine Welt geht

Selfie

Wisst ihr, manchmal ist es anders. Es fühlt sich nicht mehr so an.

Winter 2010. Kirschblütenblättersehnsucht. Vor 6 Jahren. Ich glaube, es lag Schnee. Die Zeiten waren für Freie nicht gerade rosig. Manchmal dachte ich, mein Telefon ist kaputt. Spielball der Zeiten. Kein Netz, kein doppelter Boden. Ich hatte keine Kohle, ein Jahr lang, mir neue Joggingschuhe zu kaufen. Hei. Kein wahres Problem, kein Hunger. Nun, schön war es trotzdem nicht.

Cocooning. In solchen Zeiten stürzen sich die Menschen ins Private. Die fallenden Türme, die Lehmann Brothers, haben Arroganz genommen. Hochfliegende sind gelandet. Aus Kaviar wurden Fritten. Menschen neigen im Überfluss zur Dekadenz.

Dieser Blog hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Manchmal habe ich über Banalitäten geschrieben, die mir jetzt fremd sind. Jeden Tag ein Beitrag. Aus dem Leben heraus, aus dieser Familie, dieser Schule, diesem Alltag.

Es fällt mir gerade schwer. Das kleine Leben ist mir aus den Fingern gerutscht. Ein wenig bin ich unter die Räder gekommen. Die Sehnsüchte des Umfelds sind groß. Es fällt mir schwer, gerecht zu werden.

Transformation, Übergang.

Zoe und Ela sind gerade in Neuseeland. Wenn Ela zurückkommt, werden wir unser Leben trennen und die Schule verkaufen. Es wird eine Annonce geben. Es schmerzt, das zu schreiben. Mein Inneres hatte einen anderen Plan. Heimat, ankommen, bleiben. Ich war das Umziehen satt.

Über dieses kleine Leben kann ich nicht mehr schreiben, weil es schon verflogen ist. Ihr wisst, was es mir wert wahr. Nun, ich bin Buddhist. Gehen lassen, nicht anhaften. Den Geist nehmen und fliegen. Ja.

2016 wird ein Jahr des Abschieds. Schritt für Schritt, ein Abenteuer. Sachen verticken, räumen. Sehen, was wichtig ist. Viveka und ich können noch nicht zusammenziehen. Noch müssen wir uns kümmern. Es fehlen 3 Jahre. Wir haben einen Elternjob. Zwischenzeit.

Ein anderes Haus kaufen? Eine Wohnung mieten? Bei einem Freund einziehen?

Gerne würde ich mal wieder über einen Spaziergang im Maikäfertal schreiben. Über diese Leichtigkeit. Über die Freude an einem Schwarzstorch, einem Reiher, einem Bussard. Es hat sich verändert. Viveka und ich waren am Wochenende wieder in Köln, haben bei einer Freundin geschlafen, Kunst erlebt, Köln bei Nacht, waren am Rhein spazieren, sind in der Nacht in einem Atelier gelandet, es war groß.

Was zählt?

FaceTime mit Zoe. Cappucino am Morgen mit Jim. Telefonieren mit Viveka, mailen mit Viveka, lachen mit Viveka, Paris mit Viveka. An sie denken. Über die Autobahn gleiten, der Mund steht nicht still.

Fiftyfifty war einmal anders. Vielleicht sollte ich mit einem neuen Blog starten. Hier einen Schlussstrich ziehen und etwas ganz Neues anfangen, was meinem neuen Leben entspricht. Essen, Köln, Attendorn. Kunst, Werbung, neues Leben. Es fällt mir schwer, Abschied zu nehmen. Aber, es braucht einen Sinn.

Viveka, zum Beispiel, ist in diesem Blog nie angekommen. Dreieinhalb Jahre. Zu sehr war er von Ela geprägt. Ich würde es mir wünschen, weil sie es verdient hat. Weil sie ein besonderer Mensch ist, weil ich sie sehr liebe. Manchmal ist die Vergangenheit ein Anker, der feststeckt. Ich würde mir wünschen, es wäre leichter.

Morgen noch arbeiten. Dann Männer-Weihnachten mit Jim und Cooper. Dann Paris. Viveka und ich haben eine Wohnung ganz nah an einem Park gemietet. Liebevoll eingerichtet. Airbnb. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr. Die Stadt der Liebe, der Freude. Mein Herz hüpft. Ich küsse die Stadt, die Liebe, die Freude. Viveka.

Ja:)

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Diese besonderen Tage. Sie lächeln, schmeicheln, sind charmant.

Am Morgen musste ich früh raus. Ein Termin in Soest von der Agentur aus. Mit dem Coupé mit den vielen PS. Hemd, Sakko. Das Sakko, dass ich letztes Jahr trug, als wir dieses Treffen in Frankfurt hatten. Zum Jahresauftakt. Reden, präsentieren, schauen, feiern.

Am Abend waren wir in einem italienischen Restaurant an der Hanauer Landstraße. Holztische, die Wände voller Fotos. Italien. Früher. Heute. Filmschauspieler. Diven. Geschichten. Mochte ich sehr. Das Essen war vorzüglich, die Stimmung exzellent. Ein guter Einstieg mit den neuen Kollegen/innen. Das Restaurant hieß: DAS LEBEN IST SCHÖN. Heute fand ich vier Visitenkarten in der Brusttasche meines Sakkos, die hatte ich damals eingesteckt. Manchmal sind es diese kleinen Überraschungen, die verzaubern.

Es war ein guter Termin heute. Es macht Spaß, Ergebnisse zu präsentieren. Zu reden, gemeinsam zu überlegen und letztlich Veränderung zu bewirken. Erntezeit. Wir Kreativen ernten. Wir säen, wir ernten. Es ist ein schöner Beruf, der aus Gedanken Bilder formt.

In den letzten Tagen bin ich ein wenig feinfühlig. Sensibel. Das sind Augenblicke, wenn der Panzer abgelegt ist, den wir brauchen, um dem Draußen standzuhalten. Auch das kennt ihr. Landläufig wird das Moment der Schwäche genannt. Ich liebe das. Sehr. Da wohnt Authentizität drin, Wahrheit, Ehrlichkeit, eine kraftlose Kraft, die etwas Edles hat. Dann sind die Sinne weich, die Finger fühlen mehr, die Augen verzeihen und ein Kuss wäre viel zu viel.

Staumauer

Nach der Arbeit habe ich mich in mein Auto gesetzt. Bin nach Hause gefahren. Da traf ich auf die Bigge. Den See, an dem ich immer entlang fahre. Bald schon ein Jahr. Im Winter gab es ein Bild, dass mich morgens umgehauen hat. Öfter. Da liegt so ein Ausflugsdampfer im Hafen. Vertäut. Eine Lichterkette zieht sich vom Bug bis zum Heck. Morgens, im Dunkeln, oft im Morgennebel, war das ein Bild, dass ich gerne eingefangen hätte. Ich habe es gelassen, als Zeichen des Respekts für das Unantastbare. Manchmal müssen wir kleine Opfer bringen, um nicht zu verbrennen.

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Heute war nicht so ein Tag des Verzichts. Ich durfte im Vollen schwelgen. In Emotionen. Auf dem Rückweg stand die Sonne tief über dem See. Die Bäume spiegelten sich im stillen Wasser. Die Wolken, die Boote. Ich lief hierhin, dorthin, schoss 100 Fotos. Es war unglaublich. Prall. Satt. Dieser Herbst ist für mich besonders.

Bigge

Als ich zurück kam in die alte Schule, setzte ich mich an den Küchentisch, um mir die Fotos auf dem Rechner anzuschauen, da kam eine Mail von Zoe. Sie ist gerade in Köln bei Jens und schreibt an ihrer Biographiearbeit, die sie nach den Ferien präsentieren muss. Vor großem Publikum. Eltern, Lehrer, Schüler, Verwandte. Ein Podium, 100 und mehr Menschen, die zuhören. Ein großes Ding, ich werde aufpassen müssen, dass mir nicht die Tränen kommen. Meine Kleine.

Die Mail: Der Text. Sie hat über Pina Bausch geschrieben. Ich habe den Text gelesen. Au Backe. Sie kann schreiben, sie kann fühlen. Eine lebendige Pina Bausch. Dann kam noch eine Mail und ich las die Worte:

unsere Gefühle
sind Heiligtümer

Manchmal ist das Leben schön. Und gleichzeitig eine Nummer zu groß. Habe ich euch mal gesagt, dass ich Boote liebe?

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Segelboote

The AMERICAN DREAM in Italy

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Zurück in Levanto.

Zumindest gerade hier. Ein wenig erinnern. Auf dem Bett abhängen. Heute Morgen habe ich die Kids mit nach Köln genommen. Ich hatte zwei Kundentermine, sie Karten für die gamescom. Wahnsinn. 1. Publikumstag. 10 Uhr. Sie haben ihre Sachen bei Jens deponiert und ich habe sie dann kurz vor dem Messegelände rausgelassen. Überall junge Menschen. Die Zoobrücke voller Zocker. Junge Burschen in T-Shirts mit wilden Aufdrucken. Peng, Peng, Ratatata. Autoschlangen. Gameswahn.

Ich habe mal für Electronic Arts gearbeitet. SIMS, FIFA und einige Egoshooter stammen von denen. Ich habe die Spiele für den Handel vor dem Erscheinen beschrieben. Ich wusste dann immer, was neu ist. In den Foren habe ich mir die Sprache gezogen und dann die Spekulationen gelesen, was wohl so neu sein wird – während die Infos auf meinem Schreibtisch lagen. Skurril. Die Games-Generation. Vielleicht wird die Bundestagswahl 2021 mit Joysticks ausgespielt. Battlefield Bundestag – den Etat der anderen Parteien zerbomben. AMERICAN DREAM.

Levanto 2013. Dort hat ein Graffiti-Wettbewerb stattgefunden. Alle drei Jahre werden unter den Torbögen der alten Eisenbahntrasse, die mitten durch die Stadt führt, die Wände mit neuen Graffitis versehen. Im Rahmen eines offiziellen Wettbewerbs. Wandverschönerung. Und: Es gibt ein Thema, dem sich die Künstler stellen müssen.

Der Sohn einer Freundin von Viveka, die in einem kleinen Dorf oberhalb Levantos wohnt, wollte teilnehmen. 13 ist er. Filippo heißt er. Netter Bursche. Gutes Grinsen. Und er hat eine gute Freundin, Margherita, die Sprayerin ist und sich Soni nennt. Jung sind die beiden. Sie haben sich vorbereitet, haben die Rückseite des Gartenhauses besprayt, haben sich angemeldet. Filippos Mama wollte ihm den Untergang ersparen und meinte, sie sollten doch erst einmal sprayen lernen und dann in drei Jahren… Hey. Wenn man 13 ist, dann sind drei Jahre ein gefühltes halbes Leben. Sie haben Kohle zusammengekratzt, die Anmeldegebühr von 25 Euro bezahlt und sich was überlegt.

Filippo hat die Farben besorgt, auf die er als Wettbewerbsteilnehmer im örtlichen Farbenladen 10% Rabatt bekommen hat. Waren trotzdem insgesamt noch 37 Euro. Abstottern. Wieder ein gefühltes halbes Leben. Der Wettbewerb rückte näher, die beiden hatten sich was ausgedacht, der Startschuss fiel am Morgen und nach zwei Stunden war ihr Graffiti fertig. Drei Tage später waren dann auch die anderen soweit, die sich etwas mehr Zeit gelassen hatten.

Spannung. Jurysitzungen. Abwägungen. Tja. The winners are: Soni and Filippo. The AMERICAN DREAM war wahr geworden. Du musst nur an dich glauben, heißt es in den Hollywood-Schinken immer. Stimmt doch. Das Foto oben zeigt das Werk der beiden. Der verbeulte Eimer als Quelle des Dreams, die Sterne wie Flausen im Kopf schwebend, das Meer mit dem Delphin, Levanto.

O.K. Ich gebe zu, ich war auch skeptisch, anfangs. Aber als ich die fertig gestaltete Wand gesehen hatte, war ich dann auch really deeply impressed. Es ist so schön, Talente zu sehen. Junge Menschen mit Gaben. Hoffnung. Optimismus. AMERICAN DREAM. Gefällt mir gut. Schön laut, schön bunt – so wie bei uns in der Werbung. Knallen muss es halt. Jung. Wild. Leidenschaftlich.

Und wisst ihr, was die beiden gewonnen haben, neben einem Schulterklopfer des Bürgermeisters? Ein Abendessen. Samstagsabends in einem Restaurant am Meer. Fillipo & Soni. Ich könnte heulen, so schön ist die Vorstellung. Geht’s noch romantischer?