Tanzen, lieben, sterben mit Romeo & Julia in Köln

Es war schön, in Köln viel zu früh anzukommen, um Viveka zu treffen, die dann doch noch einmal weg musste. Also habe ich mir die Nikon geschnappt und habe mich auf den Weg gemacht. Über das Gelände des Carlswerks, auf dem früher einmal Kabel fabriziert wurden. Heute residiert hier übergangsweise das Schauspiel Köln. Im Depot. Wahrscheinlich werden dort sonst die Bühnenbilder und die Ausstattung aufbewahrt, nun ist es der Ort des Geschehens. Bis das neue Schauspielhaus aus Ruinen auferstanden ist.

An diesem Abend wohnen dort Romeo und Julia. Wir befinden uns in der tiefen Vergangenheit Italiens, in Verona und stehen als Zuschauer zwischen den Fronten. Für die Montagues auf der einen Seite? Oder doch für die Capulets?

Wie geht man mit solch altem Stoff um? Was macht man mit dem Klassiker der Klassiker auf der Bühne? Ich war gespannt. Das Programmheft und meine ersten Blicke ins Netz hatten schon ein wenig vom Bühnenbild und den Kostümen gezeigt. Modern, wie es dann so heißt. Was ja nun zunächst nichts heißt. Wer möchte schon Shakespeare im Pumphosen.

Das Saallicht ist noch an, der Vorhang geschlossen, Musik dahinter. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen Maskenball, wie er im Amnesia auf Ibiza stattfinden könnte. Die Bühne besteht aus Glasboxen, die sich über Türen und Drehtüren öffnen und verändern lassen. Das Glas zeigt das ganze Geschehen. Anfangs hat jeder seine Box. Mal sind die Türen geschlossen und die Stimmen dringen nur über Mikros nach draußen, mal geben sie den Weg frei, um vorne an der Rampe zu spielen.

Wir haben im Stück einiges übersprungen und stürzen uns in das Aufeinandertreffen Romeos und Julias auf dem Kostümball der Capulets. Es wird getanzt. Wild, zeitgemäß, stilvoll. Julias Mutter heizt ein, ist die anfeuernde Gastgeberin. Ein fantastisches Tableau, das lange steht und dem man gerne zuschaut. Eher eine Performance als ein Schauspiel. Schönes Licht, gute Musik, ein spannendes Bild zum Auftakt. Das Ensemble tanzt ziemlich gut. Ich hätte noch lange zusehen können und hätte es einfach als Ballett genommen. Aber wird sind ja erst im zweiten Akt.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Romeo und Julia. Liebe auf den ersten Blick. Der Zwist der Familien, ein rasender Tybalt, ein erschlagener Mercutio und bald darauf ein erschlagener Tybalt. Was für ein Drama. Rasant gespielt, fesselnde Kampfszenen. Theater, Theater.

Und immer wieder schöne Bilder und Szenen. Die wunderbar gespielte Amme (Sabine Waibel) im Gespräch mit Bruder Lorenzo (Benjamin Höppner). Erst sprechen sie, dann unterhalten sie sich in Zitaten und dann in Songs. Purple Rain. Depeche Mode. Lust am Spiel. Es waren sicherlich muntere Proben. Viel durfte, viel ist geblieben. Es ist schön, wenn Schauspieler dürfen.

Der zarte Moment. Die Balkonszene. So schön gespielt, fein gesprochen. Die Nachtigall. Die Lerche. Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen. Wollen, dürfen, können. Gehen, bleiben, fliehen. Im Hintergrund nur ein säuselndes Liebespaarknäuel. In einer der Glaskabinen ineinander versunken. Wenn doch nur die Liebe immer die Oberhand behielte. Wenn sie doch die Kraft hätte, all das andere hinweg zu wischen. Wie könnten die beiden in den Sonnenaufgang gehen und die Welt mit Anmut bezaubern.

Wäre da nicht diese Welt. Wären da nicht diese Vorstellungen. Ein Montague? EIN MONTAGUE? Mitnichten. Die Mutter, Julias Mutter, einen Vater gibt es in der schön reduzierten Fassung nicht, hat andere Pläne. Paris soll es sein. Julias Gatte werden. Wo sie doch schon heimlich geheiratet. Romeo, der aus Verona verbannt ist. Hätte er Tybalt in seiner Raserei doch nicht erschlagen…

Ying und Yang. Die Liebe und die Rache vereint sind keine gute Rezeptur. Aber wem sagt man das 2017. Menschen. Es ist ein hin und her. Viel los auf der Bühne. Irgendwo ein Monolog, ein Dialog. Darüber, dahinter, daneben die anderen. Ein wildes Treiben. In einer Szene erheben sich die zerschlagenen Körper von Mercutio und Tybald. Zu Geistern werden sie, die im Raum sind. Zu Boten des Unheils, die im Spiel ihre Bahnen ziehen. Blut ist geflossen, die weiße Weste ist gefärbt. Es macht viel Spaß, dem allen zuzusehen. Romeo und Julia ist gute Unterhaltung. Bei Shakespeare im Buch und an diesem Abend auf der Bühne des Schauspiels Köln.

Es ist bekannt, am Ende ist das Liebespaar gestorben. Auch den Paris rafft es dahin. Die Mutter bleibt, die stark aufspielende Yvon Jansen, die kalt und warm und herrisch und besessen und mütterlich kann. Am Ende gab es viel Applaus für das Ensemble, für Romeo & Julia, für Thomas Brandt und Kristin Steffen, die auch im Verneigen nicht voneinander lassen konnten. So hat die Liebe doch gewonnen, denn der letzte Vorhang ist auch nur eine Vorstellung.

Der wunderbar wundersame Peer Gynt am Schauspiel Köln

Ach, was für ein schöner Abend! So erfrischend, so theatrig, so ein schönes Schauspiel voller Bilder, Sprache, Musik, Bühne, Kostüme.

Lange nicht mehr war ich im Theater. Die Aufführungen in der Waldorfschule meiner Kinder. Klassenspiele. Berührend. Aber in einem Stadttheater? Ich weiß nicht, wann zuletzt. Ich hatte mich nach meiner Zeit als Regieassistent am Nationaltheater in Mannheim entfremdet. War von Hans-Ulrich Becker zu Wally Bockmayer gewechselt und bin dann irgendwann in die Werbung.

Aber das Gefühl habe ich nie verloren. Die Sehnsucht auch nicht. Wenn das Saallicht ausgeht, der Vorhang langsam den Blick frei gibt und der Beleuchter die Lichtstimmung 1 hochfährt. Peer Gynt. Gespielt von einem 8-köpfigen Männerensemble unter der Regie des Intendanten Stefan Bachmann. Die schlichte Bühne mit großem, schrägem Drehkreis in der Mitte von Olaf Altmann und die Kostüme von Jana Findeklee und Jogi Tewes.

Acht Männer auf der Bühne. Jörg Ratjen, Nicolas-Frederick Djuren, Marek Harloff, Niklas Kohrt, Justus Maier, Max Mayer, Seán McDonagh, Peter Miklusz. Sieben plus Peer Gynt (Jörg Ratjen). Die Sieben spielen alle Rollen des Stücks. Sie sind Trolle mit langen Penissen, die Geliebte, ertrinkende Seemänner, Verrückte, Sklavinnen, Dorfbewohner, ein Geist, eine Braut, ein Schmied und einiges mehr.

Was ist das überhaupt für ein Stück? Eine Traumwelt, eine Abenteuerromanze, ein Märchen. Egal. Zu Beginn betritt Peers Mutter die Bühne. Ein Mann im grob-grünen Strickkleid. Sie stemmt ihre gespreizten Beine gegen die Wand der hohen Seite der Drehbühne und gibt sich ihren Wehen hin. Oben auf der Bühne erscheint Peer Gynt im babyblauen Strickanzug. Ibsen ist Norweger, die Kostüme sind gestrickt. Nicht im klassischen Muster, aber mit grober Nadel. Teils.

Die Reise beginnt. Peer fantasiert und lügt sich durch das Leben. Wird begehrt und ausgestoßen, verachtet und geliebt. Er will sein Ich entdecken, er will frei sein, er will lieben. Solvejg, das Mädchen aus seinem Dorf. Die Einzige, für die er neben seiner Mutter empfindet.

Fast drei Stunden dauert das Stück. Das kann im Theater lang werden. Wenn es nicht gut läuft sogar sehr lang. Das ist an diesem Abend nicht der Fall. Die Männer spielen um ihr Leben. Gehen tief in ihre Rollen, werden von einem maximal präsenten Gynt mitgezogen und geben alles. Die Trollfrau im grünen, gestrickten Tanga-Bikini. Wie eine Elfe über die Schräge der Drehbühne tanzend. Sich Peer im Geschlechtsakt hingebend. Später wird sie ihm einen Sohn gebären. Peer könnte im Reich der Trolle aufgenommen werden und entsprechend der Losung „Troll, sei dir selbst genug!“ leben. Vielleicht sogar glücklich werden.

Es ist der Kampf um dieses Glück. Dieses eigene Glück zwischen Peer Gynts Fantasie und der Wirklichkeit der Welt. Jörg Ratjen spielt das wunderbar eindrucksvoll. Nuanciert zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung, purer Lust, Angst und kindlicher Naivität. Es ist ein stilles Glück, ihm vom Zuschauerraum aus zusehen zu dürfen. Dieses Theater in diesen Zeiten. Diese gleichbleibende, fortwährende Faszination. Man könnte denken, das analoge Spiel auf der Bühne sei ein Anachronismus. Ist es nicht. Weil es um den Menschen geht. Um das Reflektieren des Menschseins. Ganz besonders in dieser Inszenierung.

Man leidet mit. Als die Mutter stirbt. Peer war lange weg, war reich geworden und wieder arm, hatte Amerika bereist und Marokko, war in der Irrenanstalt gelandet, war dort zum Kaiser aufgestiegen, hatte nach Gold gesucht und wurde auf dem Weg in die Heimat ein Schiffbrüchiger, der mit Geistern kämpft. Ein Stehaufmännchen. Einer, der sich die Schlinge um den Kopf legt, um ihn dann irgendwie wieder herauszuziehen. Durchgehend konfrontiert mit den Wirren der Welt. Und doch so voller Gefühl. Seine Mutter stirbt und er ergeht sich in Hoffnung. Als sie schon reglos hinter ihm liegt, spricht er weiter von Zukunft. Er will nicht. Er will die Dinge nicht wahr haben. Will sich der Realität auf keinen Fall stellen. So ist es ein Gag am Rande, dass seine weißblonde Perücke irgendwie auch an die Haare dieses amerikanischen Präsidenten erinnert. Peer Gynt ist ein Meister der „alternativen Wahrheit“. Als er sich von seiner Mutter dann doch verabschiedet und sie am Fuße der Drehbühne langsam aus dem Geschehen herausfährt, entsteht eines der schönsten Bilder dieser Inszenierung.

Und es sind viele schöne Bilder. Sehr schöne Bilder. Als das Schiff untergeht, rollen die ertrinkenden Matrosen im schummrigen Licht über die sich bewegende Schräge der Bühne. Poetik. Ästhetik. Ich staunte wie ein Kind. Diese Vorstellung hat auch etwas von Zirkus. Die acht Männer in ihren skurrilen Kostümen und Bewegungen. Ein wenig auch ein Schaubunden-Theater der Skurrilitäten. Das macht sehr viel Spaß. Das ist frech, lebendig. So wie die Sprache, in die immer wieder Begriffe der Jetztzeit eingeflochten sind, um die Ibsenschen Reime zu durchbrechen.

So viele Bilder noch in meinem Kopf. Die Sklavinnen mit den Peitschen, der reiche Peer mit seinen Doppelgängern hoch oben am Bühnenrand, der heranschleichende Tod mit der riesigen Suppenkelle, der Freudsche Irrenarzt und seine wahnsinnigen Insassen (darunter ein Albert Einstein), die singenden, schreienden Matrosen oben am Bug, die weggejagte Braut im weißen Kleid, der hausbauende Gynt mit der Axt, die Trolle in Strickhöschen, die von hoch oben gesprochene Predigt des Pfarrers, die erblindete Solvejg, die ihren lange ersehnten Peer im Schoß wiegt. Und, und, und. All das in einer Atmosphäre aus stimmigem Licht und passender Musik. Nicht Grieg, Beatles und Co. Passend. Berührend. Wie die ganze wunderbar wundersame Vorstellung, die ausverkauft war. Ein starkes Schauspiel in einer starken Inszenierung. Draußen in Mülheim am richtigen Ort.

Wie ist das eigentlich, auf dem Land zu leben?

Spielt ihr manchmal mit dem Gedanken? Rauszuziehen? Die Stadtgrenzen hinter euch zu lassen? Wer macht das?

Nun, ich habe das gemacht. Vor vielen, vielen Jahren. Aber es war kein Rausgehen oder Rückzug, sondern eine Heimkehr. Letztlich folge ich alten Pfaden und Mustern. Meine Kindheit habe ich auf dem Land verbracht. Wesentlich, unter anderem, in Kaisersesch in der Eifel. An meiner Seite war eine Hündin namens Jimmy, die ich von meinem Schulkollegen Mario übernommen habe, weil seine Familie sie in der Wohnung nicht mehr halten durfte. Weil ich es bis heute liebe, Probleme zu lösen und Wege zu finden, habe ich mich ihr angenommen. Das war 1975, ich war 10 Jahre alt und musste meine Mutter überzeugen. Das war mir gelungen.

Mit Jimmy lief ich durch die Wälder. War gerne mit meinen Gedanken für mich. Jimmy ging ihren Weg, Cooper geht seinen Weg, ich meinen.

Was ich sagen möchte: Man zieht nicht aufs Land. Man ist dort Zuhause oder nicht. Hier gelten eigene Regeln und Gesetze und Gepflogenheiten, gegen die man rebellieren kann. Die Erfahrung zeigt: Man reibt sich auf. Einen Kompromiss finden oder untergehen und zurück in die Stadt.

Das Wichtigste sind die Nachbarn. Aufeinander zugehen, sich helfen, einander lassen. Eigentlich wie in einer guten Beziehung. Das hat viel mit Freiheit zu tun. Die Freiheit des Andersdenkenden. In der Stadt kann man einfach die Leute wählen. Sich verabreden, die Straßenbahn nutzen, die U-Bahn, den Bus. Das ist hier ein wenig anders. Man muss klar kommen. Man muss reden. Man muss lassen können. Und dann wächst man zusammen und weiß, was man aneinander hat. Für lange Zeit. Weil man nicht umzieht, eine neue Wohnung sucht, der Nachbar geht. Man bleibt. Alle bleiben. Es ist ein auf Dauer ausgerichtetes Projekt.

Eben habe ich mit meinem Nachbarn das Hühnergehege mit einem Netz überspannt. Die Bergischen Kräher haben versucht, auszubrechen. Eines der Hühner hatte es geschafft. Über den Zaun, ab durch die Hecke und es ward nimmer wieder gesehen. Der Fuchs. Dann sitzt man vor der Werkstatt und redet über vieles. Über Hühner und einiges mehr.

Wahrscheinlich werde ich nicht mehr in die Stadt zurückkehren. Mir würde die schöne Einsamkeit fehlen, das alleine sein Können. Aber. Natürlich. Liebe ich die Stadt, die Kunst. Nächste Woche werde ich mir in Köln Peer Gynt ansehen. Ibsen. Hinfahren, zurückkehren. Die Welten verbinden.

Von der schönen Liebe in Zeiten des Bundestagswahlkampfs

Nicht mehr so oft schreiben. Nicht mehr so viel produzieren. Lieber warten, reifen lassen, sich die Fragen stellen.

Dieser Bundestagswahlkampf beschäftigt mich. Seit geraumer Zeit versuche ich, dahinter zu kommen. Es war mein innerer Plan, verstehen zu wollen und dann darüber zu schreiben. Nun habe ich ein Bild und eine Überzeugung, weshalb die Dinge so kommen, wie sie kommen werden. Das wollte ich dezidiert darstellen und auseinanderlegen. Differenzieren. Insbesondere nach einem Gespräch mit einer Freundin auf Norbert van Ackerens Atelierauflösung am Wochenende. Wir haben über Politik gesprochen und sie forscht in dem Bereich. Ich hatte ein Interview gelesen, das aus ihrem Haus stammt.

Die Dinge gehen auf und wenn man sich lange genug Gedanken macht, weiß man plötzlich mehr. Und dann ist es so banal und kaum mehr der Rede wert. Ich mag darüber nicht mehr schreiben. Mein Stimmzettel liegt bereits im Rathaus und wartet auf Begleitung. Es liegt nicht mehr in meinen Händen und es kommt, wie es kommen muss.

Was wichtiger ist als die Politik, ist die Liebe. Die schöne Liebe. Tun, was getan werden muss, und leben, was gelebt werden kann. Auch wenn sich die Menschen die Parolen an die Köpfe schmettern ist da immer noch das, was uns ausfüllt. Erfüllt.

Es kann nichts passieren, wenn man liebt. Wenn dieses Gefühl bis in die Zehen- und Fingerspitzen geht. Wenn es flutet. Wenn es kribbelt, als wäre man am Anfang des ersten Tages.

Manchmal verliere ich das Wesentliche aus dem Blick. Manchmal lasse ich mich ablenken und mein Geist flieht in merkwürdige Aufgaben, die eigentlich nicht meine sind. Da ist diese Neugierde, der Wille, irgendwo hinter zu schauen, irgendetwas Obskures zu verstehen. Wie dieses Internet, die Social Media, diese politischen Abstraktionen in Washington, Ankara, Mossul, Kobane, Rakka.

Don Quixote de la Mancha.

Fatamorganen. Facebook. Twitter. Die Klarstellungen, Behauptungen, Positionierungen, Kampfansagen, Beleidigungen, Herabwürdigungen, das sich drüber Stellen, Runtergucken, Verachten. Die Versuche, sich gegenseitig zu beleidigen – im Sinne einer vermeintlich guten Sache. Dieser Wahlkampf war langweilig? Er war abscheulich. Als hätten wir alle diese Demokratie nicht verdient.

Die wirklichen Fragen haben wir alle gemeinsam schön ausgeblendet. Wir haben eine Chance vertan, die sich nur alle 4 Jahre bietet. Wir haben nicht wirklich diskutiert, gesprochen. Waren nicht neugierig und offen. Alle wussten schon alles. Wie der Hase läuft und wie es zu geschehen hat. So viele Bundestrainer auf dem Platz.

Ich bin nun froh, dass es vorbei ist und freue mich über die Erkenntnis, das Liebe stärker und wichtiger ist als alle Politik. Sie erfüllt mich und gibt mir allen Grund, sie zu wählen und mich für sie einzusetzen. Ich wähle die Liebe. Die schöne Liebe. Die erfüllende Liebe. Die bewegende Liebe. Die Liebe, die so stark und präsent ist. Die nächsten Tage werde ich auf allen Plakaten nur noch Herzen sehen und Liebesbotschaften. Schreibt, was ihr wollt. Schreit, was ihr wollt. Ich werde Odysseus sein mit verschlossenen Sinnen und offenem Herzen.

Ich liebe dich. In Schwere und Leichtigkeit. Bei Sonne und Sturm. In Italien und im Auto auf dem Weg zu dir. Das ist meine letztliche Erkenntnis dieser Bundestagswahl 2017. Manchmal sind die Dinge so einfach.

DAVIDs DISPOSITION im Kulturhaus Zanders

David Grasekamp stellt aus. In Bergisch Gladbach im Kulturhaus Zanders. Sie haben ihm die Villa gegeben und er durfte. Wie er wollte. Hat er getan.

Was er getan hat, ist wild. Es wirkt. Anders, als man vermutet. Unter DIS-POSITIONEN verspricht er im Ausstellungsflyer Meditationen / Installationen / Objekte zur Malerei. Neben der Beschreibung steht ein Zitat von Ludger Schwarte aus seiner Veröffentlichung Notate für eine künftige Kunst. Unter anderem heißt es da: Eigenschaften der Dinge, Formen, Farben, Gerüche, Tönungen und Töne sind nicht die Grenzen, in denen Dinge eingeschlossen sind, die Differenz zu anderen Dingen, sondern die Weise, wie ein Ding in einem Raum wirkt, die Anwesenheit, die von einem Ding ausgeht.

So.

Wir nähern uns. DAVID hat das auch gemacht. Er hat sich zunächst in seinem bisherigen Kunstleben dieser Ausstellung genähert. Dann hat er für uns Zuschauer und Gäste in einer eindringlichen, sehr ruhigen, besonnenen Einführung Brücken gebaut. Danke. Es braucht den Kontext. Nicht, weil die Werke nicht für sich sprechen. Nein. Weil es um etwas Größeres geht. Das Zitat lässt es schon erahnen, in dieser Ausstellung ist etwas Theoretisches im Konkreten hinterlegt. Es ist eine tiefe Auseinandersetzung mit Kunst und insbesondere mit der Malerei.

Und so kommt es letztlich tatsächlich weniger auf die Objekte an, sondern auf die Botschaft. DISPOSITION. Etwas steht zur DISPOSITION. Es kann gegebenenfalls wegfallen.Ersetzt werden oder einfach auch aufgelöst. DAVID hat die Malerei in dieser Ausstellung dem Betrachter konsequent entzogen. Es gibt keine Malerei von DAVID im Kulturhaus Zanders.

Was macht er da? Er verweigert. Er malt nicht. Da sind weiße Leinwände. Da hängt eine bespannte Leinwand an der Wand und das Tuch ist an drei Seiten herausgeschnitten. Nach vorne gefallen liegt es auf dem Boden. Fast könnte man meinen, das Bild würde einem die Zunge herausstrecken.

In einer Ecke steht ein Bild in schwarze Folie verpackt. Kein Einblick. Auf einer Fensterbank liegen bespannte Rahmen übereinander. Vielleicht 10 Stück. Man ahnt, dass sie schwarz bemalt sind. Das obere zeigt den Rücken. Einblick verweigert. Kein Zugang. Auf einem Paletten-Hubwagen liegen in schwarze Folie verpackte Bilder. Kein Einblick. In einem Raum stehen verschlossene Transportkisten einer Kunstspedition. Verschlossen. An einer Wand steht eine monströse Leinwand. Weiß. Nichts. Nichts?

DAVID fordert die Betrachter. Aber nicht nur das. Er fordert die gesamte Kunstwelt. Was ist diese Kunst heute? Was sind die Kunstmessen in Basel und Köln? Was sind diese bespannten, bemalten Rahmen? Weshalb hat die Deutsche Bank in London dieses museale Foyer mit diesen riesigen Schinken zeitgenössischer Malerei? Ein wenig ist es wie im Fußball. Neymar für 220 Millionen zu St. Germain. Der Baselitz für. Der Beuys. Koons. Richter. Johns. Ein Lehmklumpen für Jonathan Meese. Hände rein, mansch-mansch, verkauft. Das Original.

Was sehen wir eigentlich, wenn wir Kunst sehen? Was sind die Kriterien? Und weshalb wird immer verglichen? Der mit dem. Jenes mit solchem.

DISPOSITION wirkt wie ein Weißabgleich. Alles auf NULL. Das habe ich gespürt, als ich in dem Raum saß. Ein kleiner Raum, zwei Fenster, eine Tür, ein Stuhl, eine weiße Wand und der Betrachter. In diesem Fall ich. DAVIDs Worte im Ohr, die Nicht-Malerei im Blick, die Projektionsfläche von einem Malermeister geweißt. Was weiß ich über Malerei? Was weiß ich über Kunst? In dieser Ausstellung verschwinden die Formen, die gemalten Inhalte, die Pinselstriche, all die Dinge, die zu sehen sind. Keine Farben. Weißabgleich im Kopf, im Hirn. Schaut doch mal hin! Seht doch mal hin! Spürt doch mal nach! Haut euch doch all die Kunst nicht wie Fastfood rein. Schlange stehen am Louvre und dann zur Mona Lisa, 35 Sekunden. Wie war die Mona Lisa? Gut. Echt gut. Schon richtig gut gemalt. Sollte man mal gesehen haben. Wie war die Ausstellung? Was hast du empfunden? Welche Gedanken hast du? Was macht das mit dir? Respekt erweisen. Möglichkeiten nutzen. Denkende, wahrnehmende, mitarbeitende Gesellschaft sein.

Ich mag die Ausstellung DISPOSITION sehr. Sie ist intelligent, sie ist rational auf den Punkt durchdacht und darüber hinaus ist sie hoch emotional, weil sie ermutigt, nachzudenken und nachzuempfinden. Es ist emotional ästhetisch, nicht hinter die Folien schauen zu können. Es ist der Gedanke, dass Kunst nicht liefern muss. Das sie nicht verpflichtet ist, sich uns in Schönheit, Krassheit, Anmut oder Botschaft zu präsentieren. Einen Scheiß muss sie. Nichts muss sie. Sie gehört sich allein und darf sich verschließen und tun und lassen, was sie will. Das ist die Freiheit der Kunst, die gerade beschnitten wird. Auf unterschiedliche Art. Der Streit um die politische Korrektheit und das Verschwinden von Werken, die nicht passen, weil sie anstößig sein könnten in ihren Positionen. Das hat Bedeutung für die Malerei. Das ist eine starke Vorgabe, was auf die Leinwand darf. Und was nicht.

DISPOSITION ist eine kraftvolle Neuausrichtung. DISPOSITION hat mit der Eröffnung am 3. September 2017 etwas sehr Neues erschaffen. Eine Stunde Null. Fangt noch einmal neu an. Die Welt der Leinwände ist weiß und frei und grenzenlos. In der Verweigerung der Farben ist DISPOSITION eine Auslöschung, die mit den wunderbaren Mitteln der Kunst Kunst und seine Konsumenten hinterfragt und inspiriert. DAVID sprach von Dystopie und Utopie. Es gibt eine Verzweiflung und eine Hoffnung. David Grasekamp hat sich dem Thema mit einer immensen Kraft und Klarheit gestellt. Die Ausstellung sollte über die Tate ins Guggenheim ziehen. Aber letztlich ist es egal, wo sie stattfindet. Der Gedanke ist ausgesprochen und in der Welt. Und da gehört er hin. Als Leuchtschrift oben an den Himmel über alles.

Wenn ich wie du Leser dieser Zeilen wäre, würde ich die Gelegenheit nutzen und mir die Ausstellung ansehen. Die Ausstellung läuft bis zum 24. September, hat außer montags und freitags täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Und das Beste: DAVID ist da. Immer. Ansprechbar. Macht mal, geht mal hin. Lohnt sich wie selten.

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