
Ach!
Man braucht so wenig. Autos, pah. Metalliclackierungen. Alus. Pads mit i und gleichnamige phones und tablets und Reisen hierhin, dorthin, wild, aufwendig, weit weg.
Es ist Erntezeit. Kürzlich kam Michael mit dem Pferdewagen und hat die Kartoffeln gebracht. Anderthalb Zentner, die jetzt im Keller liegen. Direkt neben dem Regal mit den aufgereihten Äpfeln. Herbst. Drowning by number. Peter Greenaway, die Anfangsszene, der Mann in der Badewanne, die Äpfel überall. Das Paradies, der Sündenfall, das Ertrinken. Gluck, gluck, weg war er (Schillers Taucher in der Kurzfassung meines Papas).

Sonntag hatte Ela Geburtstag. Alle da. Schönes Fest auf dem Land. Bergische Kaffeetafel mit vielen Köstlichkeiten. Erst wandern, dann einkehren. Home, sweet home. Am Tag zuvor hatte ich mit Vi erst Pilze gesammelt, dann die Holunderbeeren geerntet. Von dem Baum vorne am Haus, der die bösen Geister fern hält, die hier im Haus früher wie verrückt rumspukten (ehrlich, ihr glaubt nicht… egal). Die Wissenden sagen, dass ein Haus einen Holunderstrauch braucht. Finde ich auch. Er sieht schön aus, wird regelmäßig beschnitten, wächst wie bekloppt, hält uns die dunklen Gestalten vom Hals und hat uns in diesem Jahr reichlich beschenkt. Dicke, schwarze Holunderbeeren.
Angesichts der Erntemenge haben wir uns entschieden, nun, nach Jahren, einen eigenen Dampfentsafter zu kaufen. Weil der immer fehlte, wenn wir ihn spontan brauchten (haben wir uns von Freunden auf dem Berg geliehen, wo wir ihn dann holen mussten. Und zurückbringen. Und verabreden. Und.) Samstagmorgen bei der Bäuerlichen, der Genossenschaft, wo es alles gibt. Neben diesem schrecklichen Seitenbacher-Müsli auch Rattengift und Rattenfallen und Pferdefutter und Zement und Haushaltswaren und Lacke und Arbeitschuhe und Pflanzen und Sägeketten und Gummistifel und Arbeitshosen und Kinderspielzeug und Messer und eben Dampfentsafter. Ein Abenteuerladen nach meinem Geschmack. Nichts passt zusammen, alles ist da und alles ist robust und gut und für das Landleben gemacht. Unromantisch, unprätentiös wie die Frau in unserem Dorf, die von ihren Kindern zu Weihnachten das Bolzenschussgerät zum Kaninchenschlachten bekommen hat. Landleben. Für die, die vielleicht innerlich verklären.
Der rote Saft lief wunderbar aus dem Topf. Holunderblut, so sah es aus. Purpur, rot, edel, königlich. Es hat gedauert, all die Beeren zu entsaften. Einen Nachmittag bis in den frühen Abend. Dann waren sieben Liter in Flaschen. Guter Saft für den Winter, wenn der Husten kommt und der warme Saft die Bronchien tröstet. Mit ein wenig Honig und Orangensaft. Im Keller stehen sie, bei den Äpfeln und Kartoffeln. Neben den Flaschen mit dem Holunderblütensirup aus dem Frühjahr. Der Keller ist bereitet, es mag der kalte Winter kommen, wir werden trotzen. Das Holz, zehn Raummeter sind gesägt, der Schornsteinfeger hat den Kamin geputzt, es ist gerichtet.

Zur Kaffeetafel hab ich, unkonventionellerweise, Pilze zugesteuert. Frisch gesammelt. Zwei schöne Steinpilze und viele Maronen. Mittlerweile weiß ich, wo sie stehen. Die Pfifferlinge haben sich schon verabschiedet, einige wunderbare Steinpilzexemplare hatten sich den Würmern hingegeben (was für eine Schande, die waren so prall und groß und… Ach.) Aber die Maronen, die sprießen. Man muss sie schneiden, um das Pilzgeflecht nicht zu zerreißen. Und man muss sie auf Würmer kontrollieren, weil die von unten in den Stil eindringen und sich bis zur Kappe durchfuttern. Die Maronen sehen wunderbar aus und schneidet man sie auf, trifft man oft auf ein Labyrinth aus Wurmgängen. Ganz besonders bei den Maronen. Dann gehen sie zurück.
Wie man sie erkennt, die Maronen? Der Name sagt es. Der Hut ist maronenbraun. Die Röhren, die man in den meisten Fällen entfernen muss (einfach mit dem Messer oder den Fingern rausheben), sind schon nach kurzer Zeit gelblich. Ganz junge Maronen haben weiß-beige Röhren. Drückt man drauf, auf die Röhren, werden sie blau. Sieht giftig aus, ist es aber nicht. Hat man das Röhrengeflecht beiseite geschoben, schaut man von unten auf den Hut, der dort gelb ist und bei Berührung auch blau wird. Anfangs. Ich reinige die Maronen direkt im Wald. Schaue nach Würmern, beseitige das Geflecht und entferne die holzigen Stile. Mit meinen Laguiole, was mir immer eine große Freude ist. Ich habe ein Taschenmesser, so wie mein Opa Heinrich ein Taschenmesser hatte. Ich sehe ihn, wie er damit Blumen anschnitt. So in etwa schneide ich die Maronen. Opa, ach.
Maronen ohne Röhren und Stiele sind richtig lecker. Sie haben ein festes Fleisch und zerfallen in der Pfanne kaum. Es war eine große Pfanne am Sonntag. Und alle haben überlebt! Natürlich habe ich gewarnt, damit jede und jeder weiß, was sie, was er tut. Allerdings hatte ich jeden Pilz zweimal in der Hand und habe genau geschaut. Wie gesagt: Steinpilze, Maronen.

Nun steht im Garten noch der letzte Mangold und der letzte Salat sowie ein wenig Petersilie, im Flur und in der Küche warten die letzten Kürbisse und Zucchini auf die Verarbeitung und dann legt sich alles schlafen. Das Feuer im Ofen wird brennen, Herr Cooper wird sich wie eine Katze davorhauen und es werden viele kurze Tage sein, bis die Krokusse endlich kommen.
Es war ein schöner Sommer. Aufregend. Voll. Verführerisch. Eine große Ernte in diesem Jahr. Grund genug für ein inneres Erntedankfest. Am Wochenende noch die letzten Pilze, bevor der erste Frost kommt und dann, abwarten und Tee trinken.