May Daddys wear CHUCKS???

Sommer. 2012.

Nicht hier, aber woanders. Italy. Tatsächlich werde ich in den nächsten Tagen die Biege machen. Über die Alpen, bzw. durch den Gotthardt mittendurch. Nun habe ich ein Problem: Schuhe. Was ziehe ich an? Die Wettervorhersage am Ort des Geschehens an der ligurischen Küste spricht in der 16-Tage Vorschau von blauem Himmel, blauem Himmel, blauem Himmel. 28 Grad und so. An einem Tag, also nicht mehrere Tage hintereinander addiert.

Da wäre also Sommerschuhwerk angesagt. Ein leichter, bequemer Schuh. Flach, bequem, easy.

Meine Kinder sind da immer fein raus, die tragen seit Jahren Chucks. Diese amerikanischen Leinen-Turnschuhe, die es bereits seit 1917 gibt. Also nicht ganz ein Modeschuh, sondern eher ein Klassiker. Getragen von Menschen quer durch die Kulturgeschichte. Ich habe mal recherchiert und bin wie fast immer bei Spiegel-Online fündig geworden. „100 Jahre Turnschuhkult – O Sohle mio!“ Dort steht unter anderem: „In den späten Sechzigern tauchten auch Yoko Ono und John Lennon in Chucks auf. Genau wie viele andere Hippies, die sie mit Peace-Zeichen bemalten und Blumen durch die Schnürbandösen flochten. In den Siebzigern beanspruchten die Punks die Chucks für sich. Schwarz mussten sie sein, logisch, der Schuh wurde so lange mit Tape oder Sicherheitsnadeln geflickt, bis er endgültig auseinanderfiel. In den Achtzigern paarten Hard-Rocker wie Van Halen ihre Chucks mit engen Streifenhosen. In den Neunzigern ergänzten Chucks das Grunge-Outfit: Eddie Vedder und Kurt Cobain trugen sie zu zerlöcherter Jeans und Holzfällerhemd.“

Yoko Ono, John Lennon, Van Halen, Eddie Vedder, Kurt Cobain – da könnte ich doch auch? Hm. Weiß nicht. Irgendwie gerade die Domäne meiner Kinder. Und Eltern sollen ja nicht. Also erziehungstechnisch. Jugendkult. Abgrenzungsmechanismen. Weil das ja deren Mode ist und wenn ich deren Mode übernehme ist es ja unsere Mode, was deren Spaß an ihrer Mode schmälert. Oder so. Oder anders. Vertrackt. So in blau fänd ich die ja nicht schlecht. Uni.

Oder doch lieber ganz normale, schöne Sneaker? Also die, die heute getragen werden. Vorzugsweise auch von der Jugend. Diese ganz flachen Leisetreter. Wisst ihr, welche ich meine? Also wir haben früher ja immer Joggingschuhe getragen. Erst von adidas, dann Nikes und später Asics. Alles nicht ganz so einfach – insbesondere für Daddys. Oder doch lieber feste Sommerschuhe? Mag ja eingentlich den kräftigen Auftritt. Grübel, denk, überleg…

iPhone or no iPhone, that’s the question.

Alle haben eines. Ein Vierer oder sogar Vierer S. In meinem Metier, unter den Kreativen geht es eigentlich gar nicht ohne. Kommunikation. Kontakte. Checken. Online sein. Mails abrufen. Simsen. In die Cloud. Skypen, was in der Apple-Welt irgendwie anders heißt. Möglichkeiten über Möglichkeiten. Irgendeine Frage? Zück, ich antworte schneller als dein Schatten. Konzentrierter Blick, Fingergeschiebe. Kribbeln im Kopf, Kabel im Kopf, Verbindungen, eingeklinkt in die MATRIX. Es wird alles wahr und Big Brother is watching you. Loosing my religion.

Hat ja eine gewisse Erotik, so ein Teil. Kommunikation mit Anfassen. Touch. Touch me. Touchscreen. Die sensiblen Fingerspitzen über das nackte Display. Uaahh. Berührtsein, Verführtsein. Nun hatte ich die letzten Tage auch noch jobmäßig mit dem Ding zu tun und musste in den Apple-App-Store, um auch morgen noch kraftvoll zubeißen, äh mitreden zu können. Ist das alles schön bunt hier? Apps für alles und jenes.

Dieser Haushalt ist mittlerweile total verappt und ich fühle mich manchmal veräppelt, wenn ich nicht mitreden kann. Die Begeisterung ist so hoch. Ungebrochen. Beim Mittagessen muss ich dringend darauf hinweisen, dass die Devices off gehen. „Bitte schalten Sie jetzt ihre Mobilgeräte aus, wir wollen essen.“ Seit wir W-Lan haben sind alle ständig drauf. Noch schnell das Tutorial reinziehen, die App laden, den Clip schauen. Guck mal hier! Boah, ey!

Nun bin ich der einzige komplett apfelfreie Mitbewohner hier und habe auf der Stirn groß stehen: Letzter Mohikaner. Und ich muss zugeben. Es zuckt. Soll ich? Soll ich nicht? Das Gänseblümchen-Orakel befragen? Ich glaube, ich werde standhalten. Vor allem, weil jetzt auch schon die Telekom-Hotline auf mich einredet. Als ich da anrief wegen eines kleinen technischen Problems im Teamwork von Router und Telefonanlage hat sich diese hübsch klingende junge Frau als Sirene und Schlange Ka in mein Ohr gewunden. „Du willst es doch auch. Smart. Phone. Äpfelchen, fein geschnitten wie früher. Der Vertrag läuft bald aus, wir beiden könnten jetzt und hier verlängern. Eine unheimliche Beziehung eingehen, intensiv. Touch. Screen. Der Apfel mit dem Biss.“ Wer hat die denn geschult? Direkt von der Erotikmesse engagiert. Normalerweise sage ich bei aufkommendem Verkaufsgeschwätz „Danke und weiter, bitte“. Aber hier. Fast hätte ich zu allem Ja und Amen gesagt, aber eine letzte Gehirnzelle Verstand hat mich zurückgehalten. Das iPhone, ein zweischneidiges Schwert. Meint auch der Spiegel.

Denn es ist eine größere Frage, die über das Telefonieren hinaus geht: Wie willst du leben? Ständig online? Im Wald Mails checken? Im Auto skypen? Mille Grazie. Monsieur NON. Das möschte isch nischt. And so werde ich einen anderen Weg gehen. Nach Waldbröl. Zum nächsten Elektronikfachhändler meines Vertrauens. Hier gibt es all die großen Märkte mit M und Himmelsringen nicht. Ich werde mir mal bei euronics erläutern lassen, was es für mein Leben nach Vertragsende so an Alternativen gibt. Was will ich wirklich? Da wird der Handyvertrag zur psychologischen Weichenstellung, zur Lebensentscheidung:).

ARTsehnen – ein Bild pour moi

Ja, was hängt denn da an der Wand?

Mein Papa hat immer gesagt: „Was ist das? Hängt an der Wand und wenn es runterfällt, ist die Uhr kaputt? PECH!“ Ich hatte jetzt Glück. Weil ich nach all den schönen Bildern, die ich in der letzten Zeit in den Ateliers gesehen habe, den Wunsch hatte, ein Bild in meinem Zimmer aufzuhängen. Leider habe ich nicht das Geld, all die tolle Kunst zu kaufen. Das würde meinen Etat deutlich überstrapazieren. Gerade erst ist die Kohle für eine neue Heizung rausgegangen. Wenn ich mir das vorstelle – kaufe Viessmann statt Bilder. Wie doof. Aber: That’s reality.

Also eine Alternative. Archiv. Damals. Ja, ich habe mich auch einmal versucht. Habe eine Zeit lang Bilder produziert. Das bedeutet, der Feuerlöscher oben stammt von mir. Diesen Feuerlöscher habe ich sogar für wenig Geld bekommen. Ich weiß, Meese würde sagen: Design, Illustration, keine Kunst. Ist in Ordnung. Für mich ist es auch mehr ein persönliches Zeichen so wie ein Tattoo, das eine eigene Geschichte erzählt. Ein Tagebucheintrag, eine Erinnerung, eine Begebenheit, Familienalbum, etwas von Früher. Ohne Anspruch, ohne Bedeutung für die Welt.

Ich freue mich, dass es nun dort hängt und ich was zu gucken habe vom Bett aus – zusätzlich zum neuen Dachfenster, durch das ich mir gestern Nacht ein imposantes Gewitter angeschaut habe. Das Bild gehört übrigens zu einer Reihe. Ich habe gleich drei davon gemacht. Das Erste heißt „Fridge“, weil es eine Kühlschranktür trägt, die eine Geschichte hat. Eine weiße Kühlschranktür auf einem dunkelblauen Hintergrund. Ölfarbe. Das Zweite hat keinen Namen. Es trägt drei Beile mit grasgrünen Köpfen vor einem Hintergrund in Orange. So kann ich in den nächsten Monaten wechseln. Ich werde euch dann mit Fotos auf dem Laufenden halten. Fridge hat lange in einer Kölner Agentur gehangen und sollte mir damals für 1.000 DM abgekauft werden. Konnte mich nicht trennen. Tagebücher verkauft man nicht.

So. Das wars für die Woche. Ende, aus, Kindergarten. Schluss mit lustig und rein ins Weekend, von dem ich noch nicht weiß, wohin es mich verschlägt. Es war etwas Schönes geplant, dass sich zerschlagen hat und nun durch etwas anderes Schönes ersetzt werden will. Falls sich Plan A entscheidet, nicht Wirklichkeit zu werden (wovon ich ausgehe), habe ich einen Plan B, einen guten Freund, der Hilfe beim Fensterstreichen braucht. Da wäre mit Plan A fast lieber… Ciao, bye, Love, Peace und Eierlikör in Dosen.

Glen Hansard: Rhythm and Repose – out now:)

Glen Hansard ist im fiftyfiftyblog schon öfter vorgekommen. Weil er hier in der Alten Schule neben Damien Rice zu den Lieblings-Singer-Songwritern gehört und oft läuft. Nun ist seine neue CD erschienen – das erste Soloalbum. Rhythm and Repose. Letztes Jahr im Herbst habe ich ihn in Berlin gesehen. Da war er solo auf Tour – ohne die Frames und ohne Markéta Irglová, mit der er im Film Once ein Liebespaar gespielt hat, das dann im Leben ein Liebespaar wurde, das unter dem Namen The Swell Season gemeinsam CDs veröffentlicht hat und getourt ist. Ich habe die beiden in Düsseldorf live gesehen. Falling slowly…

Sie sind kein Paar mehr. Glen ist solo, Markéta auch – zumindest musikalisch. Ansonsten, keine Ahnung. Ist auch egal. Glen ist im Frühjahr nach Amerika gegangen, ist mit Eddie Vedder von Pearl Jam getourt und hat in New York gelebt, wo er die neuen Songs geschrieben und im Studio mit guten Musikern eingespielt hat. Am 15. Juni ist es rausgekommen. Hier liegt es nun vor mir und ich habe es mehrfach gehört.

Nun bin ich kein Musikjournalist, es ist schon verwegen, dass ich mir anmaße, über Kunst zu schreiben, nur weil ich gerne in Museen gehe. Aber auch hier: Egal. Blogger dürfen ja fast alles. Wilder Freestyle.

Die Platte klingt erwachsen. Als wäre etwas mit Glen Hansard geschehen dort drüben in Amerika, wo die Verrückten wohnen, die keine Grenzen akzeptieren. Heißt es. Im Land der Träumer. Der Klang ist voller, variantenreicher, spannender. Er spielt mit seiner Stimme, geht tief ins Gefühl. Geht durch die Genre, färbt seinen Folk. Mein Liebling auf der CD: Bird of Sorrow.

„Even if a day feels too long, if you feel like you can’t wait another one
and you’re slowly giving up on everything, love is gonna find you again.
Love is gonna find you, you better be ready then.“

Yes. Wie aus der Seele gesprochen, gesungen. Der Mann weiß, wovon er singt. Er traut sich, ist authentisch, mutig, leidenschaftlich. All das, was einen Singer-Songwriter ausmacht. Er hat gesagt, ein Busker, ein Straßenmusiker muss da raus gehen und alles geben, komplett ins Gefühl gehen, sonst kann er einpacken.

„well I’m not leaving you here, I’m not leaving you here. I’m not leaving.
I’m hanging on
hanging on, with the faithful.“

Das kann er, wie kaum ein anderer. 1970 ist er in Dublin geboren, hat mit 13 die Schule geschmissen und sich auf den Weg gemacht, den er nun seit fast 30 Jahren geht. Wer ihn auf der Bühne sieht, weiß, dass er für die Musik lebt. Er geht nicht. Bleibt. Auf der Bühne. Singt, singt, singt. Streichelt seine Gitarre, haut auf sie ein, liebt sie. Das Holzdeck ist zerschlissen, die Stege darunter scheinen durch. Auf seine Stimme nimmt er keine Rücksicht, er singt, was gesungen werden muss, koste es, was es wolle. Und wenn die Saiten reißen, reißen die Saiten. Dann nimmt er eine andere Gitarre, bis seine zurück ist zum nächsten Song. Und es passiert, das bei diesem Song wieder eine Saite reißt, weil er manchmal wie ein Irrer spielt. Irrer Ire.

What are we gonna do. Ich habe eine schöne, pure Version auf Youtube gefunden.

„What are we gonna do
if we lose that fire?

I don’t want to change you.
But you’re a long long way from the path you came
I’m trying to show you something.
A good good heart will always find the way.“

Es sind 11 Songs auf der Platte, die sich alle lohnen. Weil die Musik Spaß macht, weil sie gut ist, weil die Texte nicht vom Himmel gefallen sind, weil viele gute Musiker mitgespielt haben und weil sogar Markéta Irglová mitsingt. Geht doch. Zusammenarbeiten, auch, wenn man sich getrennt hat. Wo ist das Problem?

Noch einmal, ja: Mir singt Glen aus der Seele. Er hat eine Platte gemacht, die er in jedem Ton, in jeder Silbe gespürt hat. Authentisch. Wer Glen Hansard immer schon gemocht hat, sollte sich Rhythm and Repose zulegen und dem Album einen würdigen Platz im Plattenschrank einräumen. Alle anderen sollten das auch tun:) Es ist wie mit dem Kinderbuchtitel „Buster, so einen kann man nicht von den Bäumen pflücken.“ So ein Album kann man nicht machen, das ist da. In der Seele, im Herzen, im Körper, in den Fingern, in der Erinnerung, in der Luft, in all den Momenten, die da waren, die weh taten, die sich aufgelöst haben in Neuem, in Licht, in Lachen, Küssen, Vergessen.

Eine Zugabe noch. Glen würde 11 geben und mehr. Maybe tonight.

„Well I want to do what’s right
but maybe not tonight.“

Geht mir auch oft so.

Ach, und noch einen. Weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt: Song of good hope.

„Take you time babe, it’s not as bad as it seems“ :)))))


Photo by Jana @ simulacra.cz (Thanx, Jana! Nice pic:))) )