Leute, lest Böll!

Lesebefehl. Leute, wie Jim und seine Jungs immer sagen. Leute, Leute. Annegret hatte mich im Forum darauf gebracht, als sie Bölls Irisches Tagebuch empfahl. Habe ich mir bestellt. Dazu die Ansichten eines Clowns. Texte, die aus der Nachkriegszeit stammen. Fünfziger, sechziger Jahre.

Ich habe es bislang weder geschafft Grass, noch Lenz, noch Böll zu lesen. Meine literaturgeschichtlichen Studien haben diesen Zeitraum ausgeblendet. Ein Zufall? Hat sich nicht ergeben? Mitnichten. Ein Schutzreflex. Gestern Abend habe ich begonnen, Ansichten eines Clowns zu lesen. Gestern waren die Bücher eingetroffen. Am Abend vorm Ofen nach einer Partie Rommee mit Zoe, die mich ziemlich abgezogen hat (Grrrr – wir spielen seit cirka zwei Jahren. Jede Partie geht bis 1.000 Punkte. Wer 1.000 Punkte auf dem Konto hat, hat verloren. Der/ die andere erhält einen Punkt. Wer insgesamt 20 Punkte hat, gewinnt komplett. Ein Sieg über die letzten zwei, drei Jahre. Momentan steht es 17 zu 16 für mich. Zoe steht seit gestern Abend kurz vor der 17. Ausgleich. Allmählich wird es spannend.), fragte ich sie: Tagebücher oder Clown. Klar, Clown. war nicht anders zu erwarten. Suggestivfrage. Tatsächlich wollte ich zunächst lieber das Buch lesen. Den Mankell habe ich zur Seite gelegt. Mankell vs. Grass, was für ein ungleicher Kampf.

Ich begann zu lesen und wusste sofort, dass er es hat. Dicht, sprachlich intensiv. Und vor allem: Einen 100 Kilometer dicken Unterbau. Gefühlte, erlebte Wirklichkeit als Subtext. Der Mann war sechs Jahre lang im Krieg. Kam zurück, schrieb. Wand sich im Nachkriegs-Deutschland. Die Ansichten eines Clowns sind aufwühlend. Ein authentisches Buch, aus dem Leben, der Erfahrung heraus geschrieben. 253 kleine, eng beschriebene Seiten. Bei Seite 97 habe ich aus Vernunftgründen das Licht gelöscht.

Als Annegret das Wort Böll schrieb, war es für mich ein Flash. Ich habe Böll vergessen. Ignoriert. 1972 hat er den Literatur-Nobelpreis bekommen. Woran erinnere ich mich? Olympische Spiele in München, Anschlag auf die israelischen Sportler. Hubschrauber, Kampf, Explosion. Ich war sieben Jahre alt. An eine Nobelpreisvergabe erinnere ich mich nicht. 1974, Deutschland ist Weltmeister, ja. Großes Kino. Aber ein Literatur-Nobelpreis? Wir hatten kein schulfrei, es wurde nicht gesungen, es wurde kein Böll gelesen, es gab keine Böll Straßenfeste. Es war wie in Ansichten eines Clowns. Bloß nicht in der alten Scheiße rühren. Bloß nicht an die Nazis erinnern, die sich überall wieder eingenistet haben als Wendehälse. Gummimenschen. Schön die Schlaghosen der seventies drüber legen. Die sexuelle Revolte. Sich frei sexen.

Mein Vater trug Koteletten, las den Spiegel und besuchte Operetten. Er sah den Blauen Bock und Musik ist Trumpf. Er erzählte von den wilden Fünfzigern, von Tanzpartys, auf denen er Klavier gespielt hatte. Die Vergangenheit seines Vaters haben wir erst kürzlich besprochen und abgehakt. Zwei Jahre Entnazifizierung in einem englischen Umerziehungslager. 1956 an Darmkrebs gestorben. Innerlich zerfressen. Nun lese ich 2011 die Ansichten eines Clowns. Als wäre ich erst jetzt bereit dazu, als wollte ich Geschichte nachholen. Der Autor trägt den Namen Heinrich, wie mein rettender Gärtner-Opa, der kein Nazi war, aber doch 1945 nach Bonn an die FLAK musste. Scheinwerfer bedienen. Der in Remagen auf den Rheinwiesen gefangen war. Der entlassen wurde, weil er an einem Entlassungstag abseits stand. „Du da, rauf auf den LKW. Du kannst gehen.“ Meine Eltern haben erzählt, wie ihre Väter nach Hause kamen.

Habe ich Böll aus Scham verweigert? Aus Selbstschutz? Weshalb haben wir Böll nicht in der Schule gelesen? Da ist einer, der hat den Blick, der hat eine Meinung, der steht aufrecht in der Zeit und hat etwas zu sagen, und der wird nicht weitergegeben. Kulturerbe. Was können wir froh sein, einen solchen Autor zu haben. Solche Autoren und Autorinnen. Es müsste einen Böll-Tag geben. Gestern starb Christa Wolf. Sie habe ich gelesen, wie viele andere ehemalige Schriftsteller/innen der DDR. Nun gehe ich in der Zeit einen Schritt zurück und nähere mich einem schwarzen Fleck auf meiner Geschichtskarte. Einer Zeit, die für meine Familie so große Bedeutung hat. Wir müssen wissen, was damals nach dem Krieg wirklich los war, um zu wissen, wie wir dorthin gekommen sind, wo wir heute stehen. Das ist Psychologie. Die Psychologie einer Gesellschaft, die sich bis in die Nervenbahnen von uns allen herunter bricht. Da gibt es nach wie vor einiges zu besprechen und los zu werden. Es gibt Dinge, die werden von Generation zu Generation weitergetragen. Wer glaubt, die Besenkammer sei ein guter Ort für Erinnerung, der hat ein Problem. Es hilft nichts, wir kommen nicht daran vorbei, dieses Kapitel auf unserem eigenen Tisch auszubreiten und anzuschauen. Alles andere ist Makulatur. Arabeskes Flickwerk. Schöner Schein. Danke, Heinrich. Von diesen Großvätern kann ich gar nicht genug haben.

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Was ich gerade lese…

… oder gelesen habe. Wie ihr wahrscheinlich schon mitbekommen habt, lese ich. Eingentlich alles, von der Zahnpastatubenaufschrift über das Wochenblatt bis zu den verschiedenen schönen Romanen dieser Welt. Wahrscheinlich tanke ich dabei mein Buchstabenreservoir auf, das jeden Tag berufsbedingt Verluste hinnehmen muss. Aktuell habe ich zwei Bücher gelesen und in einem bin ich mittendrin.

Unterm Scheffel, Maarten ‚t Hart

Der Niederländer schreibt einfach schön. Die Themen sind unspektakulär, die Sprache fließt ruhig dahin wie komponiert. Maarten ‚t Hart ist ein wandelndes Musiklexikon. Die klassische Musik kennt er scheinbar nicht nur in Auszügen. Gleiches gilt für die Bibel. Seine Romane sind voller Musik und Bibelzitate. In Unterm Scheffel steht die Hauptfigur, ein Komponist Ende Vierzig, tatsächlich unter dem Scheffel. Seine Frau, eine europaweit singende Sängerin, die er kaum sieht, herrscht über die heimischen vier Wände. So sie da ist. Dann wird die Welt des Komponisten eng und er zieht sich zurück in seine Gedanken, seinen Garten. Das wird zunächst anders, als er (Ende vierzig) eine wunderschöne junge Frau (Anfang 30) kennenlernt. Die beiden haben eine Affäre, treffen sich, verlieben sich ineinander. Er kann es nicht fassen. Das geschieht in der ersten Hälfte des Buches und ist aufregend zu lesen, wenn man Liebesgeschichten mag. Im zweiten Teil des Buches wird es dann traurig, weil die Liebe verrinnt. Unter anderem, weil seine Welt aus Mozart, Schubert, Schumann, Brahms, Bach nicht mit ihren Red Hot Chilli Peppers harmoniert. Da können beide nicht über ihren Schatten springen. Nur: Wohin mit der unglücklichen Liebe, die zwischen den Fingern hindurchrieselt und sich nicht halten lässt? Mal wieder wirklich schön, schön geschrieben. Kein Wort zu viel, die Figuren lebendig klar gezeichnet, die Geschichte dicht und stringent erzählt. Maarten ‚t Hart schafft es einfach, das Wesentliche, das Leben zu beleuchten, ohne Arabesquen. Mal wieder sehr empfehlenswert.

Das war ich nicht, Kristof Magnusson

Ein Roman über die Finanzkrise, einen Schriftsteller und seine Übersetzerin. Zunächst laufen die Erzählstränge – überschrieben mit JASPER, MEIKE, HENRY – parallel. Die Figuren erzählen in ihren Kapiteln aus der Ich-Perspektive. Schritt für Schritt fließen die Geschichten ineinander. Der berühmte Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger schafft es nicht, seinen groß angekündigten Roman über die Finanzkrise zu schreiben, die vor ihrem Mann geflohene Übersetzerin gerät daraufhin in Geldprobleme und der Banker, der für den Schriftsteller als Vorbild einer Romanfigur erscheint, verliebt sich in die Übersetzerin. Die Figuren treffen sich in Chicago, die Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Ihren dramatischen Lauf. Geld ist da, Geld ist weg, der Roman wird geschrieben, wird er nicht. Eine turbulente Dreiecksgeschichte, in der viel passiert und die sich gut lesen lässt. Der Einblick in die Welt der Banker und Trader ist faszinierend. Insgesamt ist das Buch schön geschrieben, gehört aber nicht zur großen Literatur. Dazu fehlt es den Figuren letztlich an Tiefe. Dennoch macht das Buch Spaß, zieht immer weiter in sich herein und wird teilweise richtig spannend. Am Ende gibt es eine Auflösung aller Verwicklungen und Antworten auf die im Raum stehenden Fragen. Ein ganz gutes Buch, das ich empfehlen kann.

Simpel, Marie-Aude Murail

Ein Jugendbuch, das über Jim bei uns gelandet ist. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, wie ein Aufkleber vorne drauf verkündet. Hauptfiguren sind zwei Brüder in Paris. Der jüngere ist 17 und Gymnasiast, sein Bruder ist 22 und geistig behindert. Colbert und Simpel, der eigentlich Barnabé heißt, aber aufgrund seiner geistigen Entwicklung, stehengebleiben auf dem Stand eines Dreijährigen, den Spitznamen Simpel trägt. Colbert hat seinen Bruder aus dem Heim gerettet, weil er nicht mitansehen konnte, wie der dort immer schweigsamer wurde und sich in sich zurückzog. Der Vater ist irgendwie weg, die Mutter lebt nicht mehr. Colbert ist auf sich allein gestellt, hat nur das Geld aus dem Erbe der Mutter. Die beiden kommen nach Paris, wohnen zunächst bei einer unerträglichen Großtante und brauchen dringend eine Wohnung. Nicht so einfach zu bekommen mit 17 und einem Bruder, der auffällig ist und immer im falschen Augenblick das Falsche sagt. Colbert und Simpel kommen in einer WG unter, in der sie mit drei jungen Männern und einer jungen Frau zusammenwohnen. Zunächst scheint es, als würde es nicht klappen, dieses besondere Zusammenleben mit einem geistig Behinderten, dem dauernd etwas einfällt. Der Betreuungsaufwand ist groß, Colbert muss zur Schule gehen. Eigentlich kann das Modell nicht funktionieren. Aber. Menschlichkeit. Die Freude an Simpel, der oft einfach die Wahrheit sagt und so etwas wie einen guten Geist verkörpert. Er wächst den Mitbewohnern und der Mitbewohnerin ans Herz. Und so entsteht eine schöne Geschichte, die äußerst einfühlsam und spannend geschrieben ist. Aus dem Problemfall wird ein wertvoller Mitmensch. Wie das Buch ausgeht, weiß ich noch nicht. Ich lese gerade das letzte Drittel. Aber ich habe das Gefühl, alles wird gut und immer besser. Ein Buch, dass ich Menschen, die manchmal gerne Jugendliteratur lesen, sehr empfehlen kann. Einfach gut und konsequent geschrieben.

Was lest ihr gerade? Vielleicht könnt ihr Tipps geben und Namen nennen. Ist doch immer spannend, neues zu entdecken. Könnt ihr hier machen oder im Forum, wo ich ein Thema Buchempfehlungen eingerichtet habe.

JA! Ein Lyriker. Nobelpreis für Literatur geht an Tomas Tranströmer.

Ja! Ja! Ja! Seit 1996 der erste Nobelpreis für Literatur, der an einen Lyriker geht. Ich freue mich. Für die Lyrik und für Tomas Tranströmer, von dem ich bislang nie gehört habe. Ich wusste nicht, dass es diesen schwedischen Gedichteschreiber gibt, der nun 80 jahre alt ist und es geschafft hat, in den Literatenolymp aufzusteigen. Komme gerade von den Seiten der deutschen Kulturpresse. Die wissen schon alles. Wie die das immer machen? Wahrscheinlich vorgeschrieben.

Tranströmer ist 1931 geboren und hat 1954 mit „17 Gedichte“ seinen ersten Lyrikband veröffentlicht. Es folgten ein kanppes Dutzend weitere. Gerne würd ich jetzt eines seiner Gedichte hier präsentieren, kann das aber aus Rechtegründen leider nicht. „Die Zeit“ kann es und macht es – dort findet ihr zum Beispiel sein Gedicht April und Schweigen. Lest dort selbst. Was soll ich lange drum herum schreiben und beschreiben, wenn Tomas Tranströmer selbst zu Wort kommen kann. Und wenn „Die Zeit“ schon einen so guten und schönen Bericht geschrieben hat.

Alle – Zeit, Spiegel, FAZ und die anderen üblichen Verdächtigen – schreiben von seiner sprachlichen Reduktion bei gleichzeitiger sprachlicher Verständlichkeit. Einer, der eine Metapher auf den Punkt zu bringen weiß. Ganz, ganz einfach. So lange gesucht, bis es stimmt. Nehme ich an. Der Meister der Verknappung, wie er an mehreren Stellen im Netz genannt wird.

Tomas Tranströmer konnte von seiner Lyrik nie leben, auch wenn einer seiner Gedichtbände 30.000 mal in Schweden verkauft wurde. Ein gigantischer Erfolg. Damals. Mein Besuch der Lyrikabteilung von Dussmann in der Friedrichstraße in Berlin hat mir gestern deutlich vor Augen geführt, wo Lyrik heute steht – hinten in der Ecke in einem kleinen Extraraum – gut geschützt vor Kunden. Eine heilige Halle, eine Krypta. Viele, viele alte Werke von längst Verstorbenen. Tranströmer hat als Psychologe gearbeitet. Unter anderem. Er hat geschrieben und sein Geld in anderen Berufen verdient. Nun überweist ihm das Nobelpreis-Komitee über eine Million Euro. Jetzt, wo er 80 Jahre alt ist und von mehreren Schlaganfällen gezeichnet. Aber, als die Mitteilung kam, sagte er: „Die Schreibstube ist noch nicht geschlossen.“

Es wird ihn gefreut haben, dass sein Telefon geklingelt hat. Weil er bereits seit 1973 darauf wartete, als er zum ersten Mal im Gespräch war. Als man munkelte, in Schweden hoffte. Nun ist es passiert. Am hellichten Tage. Tomas Tranströmer: „Und alles ist ohne Antwort und heftig, wie wenn im Dunkeln das Telefon klingelt.“ (aus: Geheimnisse auf dem Wege, 1958)

Sein Gesamtwerk gibt es übrigens bei Amazon für 19,90 Euro. Ich habe es mir eben bestellt. Ich freue mich darauf, Tranströmer zu lesen. Kennenzulernen. Yep.

Jan Brandt: „Gegen die Welt.“ Die Plutonier sind überall…

Die Zeit spricht von einem beeindruckenden Buch, die FAZ von einem beeindruckenden Roman. Blogs dürfen da schon etwas weiter gehen und die vornehme Zurückhaltung aufgeben. Wahnsinn! So ein Buch kommt hier in Deutschland nicht alle Tage in die Läden. Kein Wunder: Neun Jahre hat sich Jan Brandt Zeit genommen, sein Debüt zu schreiben. Zu verdichten, Ideen zu finden, Figuren anzureichern.

Es ist ein verrücktes Buch, das in einem erfundenen Dorf Jericho in Ostfriesland spielt. Ende der achtziger Jahre. Alles fühlt sich so an, als wären es die fünfziger und sechziger Jahre. Der Männergesangsverein, das bürgerliche Unternehmertum, die häusliche Ordnung, die Scheinheiligkeit. Und doch sind es die Achtziger. 6. März 1983 – Helmut Kohl übernimmt die Regierungsgeschäfte, ein Land fällt in einen langen Schlaf. Revival des Konservativen. Die Rechten, die ganz Rechten erleben einen neuen Frühling. An den Wänden des Dorfes Jericho tauchen Hakenkreuze auf und Parolen wie „Deutschland den Deutschen“. Das war die Zeit, als die Bildzeitung titelte „Das Boot ist voll“ und dann gab es die Brandanschläge auf die türkische Familie Genc in Solingen und das Asylbewerberheim in Hoyerswerda. Unter anderem.

Zurück zum Roman. In Jericho ist es die Jugend, die verzweifelt. Da sind die Freunde Onno, Stefan und Reiner, die Auswege suchen. Da ist Simone, von der man nicht genau weiß, wo sie steht. Alle wollen sie fliehen aus diesem Kaff, das vom Nebel umhüllt ist. Sie Saufen, sie kiffen, sie suchen die Rettung in der Musik – Dark Metal. Mittendrin Daniel Kuper als Opfer und Kulminationsfigur. Einer, der versucht, seinen Weg zu gehen. Gegen die Welt. Der gemieden, rumgeschubst, drangsaliert wird. Der versucht, seinen Platz zu finden. Chancenlos. Es bereitet körperliche Schmerzen, mit Daniel durch dieses Buch zu gehen. Seinen Niedergang zu erleben. Sein Ausbrennen bis zur Ohnmacht, die Jan Brandt im Druck des Buches teils durch kaum lesbare Buchstaben sichtbar macht. Im Buch gibt es eine ganze Reihe solcher guten visuellen Ideen…

Die Jugend verzweifelt an Jericho. Am Bürgermeister-Wahlkampf, in dem der alleinerziehende Bauunternehmer wie eine Fassbender-Figur wirkt. Seine Wahlkampfreden schmückt er mit Begrifflichkeiten aus „Mein Kampf“. Zwischen Jugend- und Erwachsenenwelt liegen Gräben, die unüberwindbar sind. Die Elterngeneration – Aliens? Außerirdische. Plutonier. „Die zeichnen alles auf“, sagte Stefan. „Das wird alles gespeichert. Alles, was wir sagen. Alles, was wir denken. Sie sind da. Nicht da oben. Um uns herum. Sieh dir die Leute an, Alter. Sie sie dir genau an. Wie ferngesteuert. Es könnte jeder sein. Der Briefträger, die Lehrerin, der Bürgermeister. Deine und meine Eltern.“

Wie ferngesteuert. Programmiert. Es ist wirklich sehr besonders eindrucksvoll, wie Jan Brandt jede seiner Figuren zeichnet, charakterisiert, auf den Wahnsinn reagieren lässt. Er selbst ist 1974 geboren, war 1989 also 15 Jahre alt. So alt wie Daniel Kuper. Heute lebt Jan Brandt in Berlin, ist in die Weltstadt geflohen, um diesen großen Roman zu schreiben. Ich rätsele noch, welcher der Jungs er in diesem Buch ist. Wahrscheinlich hat er alle einmal durchlebt – früher, auf jeden Fall aber beim Schreiben.

Am Ende werden sich die Hauptfiguren jeweils auf ihre Art und Weise Jericho entzogen haben. Jan Brandt hält hier wunderbar die Spannung, durchmischt die Figuren, deutet an, kommt später darauf zurück. In den neun Jahren seines Schreibens hat er verschachtelte Strukturen inszeniert, die aufgehen. Ihm ist tatsächlich der sezierende Adlerblick auf Jericho und die Figuren gelungen. Dadurch ist er als Erzähler viele Schritte voraus und kann mit Erwartungen spielen. Gegen die Welt schließt das Literaturloch der achtziger Jahre. Durch die vielen Beschreibungen ist es auch ein „Historienroman“, der die vergessene, verschlafene Zeit beschreibt, in der die Globalisierung einsetzte und vielem ein Ende bereitete. Ich kann nur dringend empfehlen, dieses wichtige Buch zu lesen. Aus Spaß an guter Literatur und als erhellenden Blick auf eine Zeit, die so weit weg scheint und doch noch so nah liegt. Auch wenn es teils anders aussieht, Jericho ist auch heute noch weit verbreitet. Man muss ihm in die Augen sehen, um festzustellen, wer zu den Plutoniern gehört…

Da mir Gegen die Welt über „Blogg dein Buch“ vom Dumont-Verlag zur Verfügung gestellt wurde, hier einige Links, die ich gerne angebe: Der Verlag , die Bestellmöglichkeit des Verlages sowie Blogg dein Buch. Wenn euch das Buch gefällt, könnt ihr es natürlich auch über meinen Amazonshop auf der Startseite bestellen. Lieber ist es mir allerdings, ihr kauft bei eurem Buchhändler um die Ecke…

Wittgenstein von Raouf Khanfir

Wittgenstein. Ich dachte zunächst an den Philosophen, den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein. Dann an Thomas Bernhards Roman Wittgensteins Neffe, in dem er das Leben, Sterben und Verzweifeln seines Freundes Paul Wittgenstein beschreibt. Ich dachte, es wäre ein Buch, das in die alten Zeiten reflektiert, sich mit Sprache auseinandersetzt. Wittgenstein von Raouf Khanfir habe ich auf blogg dein buch entdeckt. Da strahlte mir ein verknitterter Mercedes Benz Strich Achter aus alten Studientagen vom Cover entgegen. Ich bestellte es.

Und wurde überrascht. Mein Kopfkino hatte mich komplett in die falsche Richtung gelenkt. Es ist ein Buch aus dem Jetzt. Aus dem jungen, coolen Verlag HABLIZEL aus Bonn. Worum geht es? Um Marco H. Der lebt in Montreal in einer merkwürdigen WG mit einem netten Inder, der stundenlang das Bad blockiert und einem stinkenden Spinner, der sich aus Angst vor der Welt in seinem Zimmer verbarrikadiert und seine WG Mitbewohner mit elektronischen Mitteln ausspioniert. Klingt nach Endstation. Muff. Es kommt das erlösende Schreiben aus Deutschland. H. erbt ein Haus in der Region Siegen Wittgenstein, in einem kleinsten Dorf in der Nähe von Bad Berleburg. Pampa. Tiefste Pampa. Ich weiß, wovon ich schreibe, ich wohne ganz in der Nähe. In der Nähe des Endes der A4, die sich im Niemandsland verliert. Fährt man von dort noch eine halbe Stunde weiter, kommt man hin.

H. kommt an. Kehrt zurück. Lebt einen Plan B. Die Dinge überschlagen sich. Er lernt Anna kennen, wird Telefonist in einer Taxizentrale, renoviert das geerbte Haus, forscht nach einem Foto seiner Erbtante und wird zum Mordermittler. Denn auf den Ladstraßen des schönen Wittgensteiner Landes treibt ein Mörder sein Unwesen. Überfährt Menschen, die sich in der Nacht entlang der Landstraßen bewegen.

Es ist ein interessanter Roman, ein schräger Roman. Die Story ist ein wenig verrückt, dieser Marco H. ein Typ irgendwie undefinierbar. Einer, der sich zunächst nicht einlässt, der nicht zupackt, der seine Talente vergeudet und aus der Defensive agiert. Kaum fassbar. Die Szenerie beschreibt die Provinz als einen Ort, an dem es sich schlecht atmen lässt. Die einzige, wahre Lichtgestalt ist Emma, die verstorbene Tante. Dennoch versucht H. sich zu etablieren. Er hat einen Entschluss gefasst, er will bleiben. „Ja, ich weiß! Das sind aber die Fremden, die nur vier bis fünf Monate in der Stadt bleiben und sich eines Tages genau dieselben ungewaschenen Klamotten wieder anziehen und in irgendeine Richtung verschwinden. Ich habe nicht vor, hier nur zu überwintern und dann weiterzuziehen. Ich bleibe länger, und dafür brauche ich einen Job.“ Um bleiben zu können, muss er die Morde aufklären, weil es sonst an der notwendigen Ordnung fehlt. Denn: Der Mörder bewegt sich in seiner Nähe. Hier kreuzt sich die Suche des Romanhelden mit der Suche nach dem Mörder. Die Genre vermischen sich, was durchaus Spaß macht.

Das Buch ist gut geschrieben und ein wenig schräg. Es ist europäische, vielleicht sogar deutsche, eckige Literatur. Diese Provinzstimmung gibt es so vielleicht nur bei uns. Oder in Österreich. Thomas Bernhards Romane. Hier schließt sich dann für mich ein wenig der Kreis. Wer ungewöhnliche, leicht schräge Romane mag, dem kann ich Wittgenstein von Raouf Khanfir empfehlen. Und sogar wärmstens ans Herz legen.